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Annalen: Bedeutung, Entstehungsgeschichte, Abgrenzung, Unterschiede


Annalen nennt man die schriftliche Aufzählung von Ereignissen in der Abfolge der Tage des Jahres. Annalen sind eine Form der Geschichtsschreibung, die seit den frühen Hochkulturen im Alten Orient in Gebrauch ist. Die Ereignisse können entweder nur genannt oder auch näher ausgeführt sein. Und selbst Werke von literarischem Wert zählen dazu. Eine Bewertung, Erklärung oder Einordnung der genannten Ereignisse in größere Zusammenhänge fehlt. Diesen Mehrwert liefert erst eine historische Darstellung.

Annalen: Wortbedeutung, Ursprung

Annalen sind der wörtlichen Übersetzung nach Jahrbücher (lat. annales [libri]). Es handelt sich dabei um nach Jahren geordnete Aufzeichnungen wichtiger Ereignisse in chronologischer Reihenfolge, vermerkt unter dem jeweiligen Tag.

Annus ist das lateinische Wort für Jahr, davon stammt das Adjektiv annalis für jährlich. Gedanklich zu ergänzen ist das Wort libri, Bücher. Der Begriff Annales wurde in römischer Zeit für nach Jahren geordnete Aufzeichnungen verwendet. Von dort ging er unverändert in den Sprachgebrauch des Mittelalters über, das vor der Entwicklung der Nationalsprachen Latein als Schriftsprache nutzte. Ins Deutsche wurde der Begriff Annales im 16. Jahrhundert übernommen. Gleichzeitig kommt die eingedeutschte Form Annalen auf, die ab dem 18. Jahrhundert den Begriff Annales ersetzt.

Annalen sind somit eine Form von (einfacher) Geschichtsschreibung. Es handelt sich um eine reine Aufzeichnung der Ereignisse in chronologischer Reihenfolge ohne die Herstellung von Zusammenhängen.

Abgrenzung Annalen, Chroniken und Historien

Annalen nennen die Ereignisse mit Bezug auf das Jahr und Tag. Es sind eine Art Tagebuch, welche ein fortlaufendes Datum und dem dazugehörigen Ereignis auflisten. Oft reichen sie weit in die Vergangenheit zurück und decken einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren ab. Die Zeit bildet somit das Grundgerüst der Annalen.

Eine Chronik ist eine Abfolge von Ereignissen. Oftmals fehlt der zeitliche Bezug bzw. ist sehr unpräzise. Eine Chronik über einen Herrscher oder eine Stadt enthält dann die wichtigsten Ereignisse aus dieser Zeit (im Sinne von Zeitspanne). Der zeitlicher Bezug ergibt sich oftmals anhand der Reihenfolge und es lässt sich ein „davor“ und „danach“ darstellen. Somit bildet das eigentliche Grundgerüst bzw. Grundmotiv einer Chronik immer eine Zeitspanne mit bestimmten Ereignissen. Allerdings werden in Chroniken die Ereignisse und Geschehnisse präziser geschildert, als in der Anale.

Legt man dann Chroniken und Annalen aneinander, kann man aus den Jahrbüchern die entsprechenden Jahreszahlen präzise ablesen und mit den ungenaueren Zeitangaben der Chronik vervollständigen. Die Chronik liefert demnach die Hintergründe eines Ereignisses und die Annalen den genauen Zeitpunkt.

Historien als Geschichtsschreibung verfolgen die Entwicklung von Ereignissen erzählerisch. Sie bemühen sich um Erklärung des Geschehens. Deshalb finden in Historien auch Mythen ihren – nach antiker Ansicht – berechtigten Platz, wo andere Erklärungen fehlen. Außerdem verfolgen sie das Ziel, Lehren aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft zu ziehen.

Annalen als historische Quellen

Die chronologische Aufzeichnung wichtiger Ereignisse macht Annalen zu einer historischen Quelle. Der Historiker findet hier nicht nur Auskunft darüber, was in der Vergangenheit vorgefallen ist, sondern auch wann. Auch wenn sie mit der Absicht geschaffen wurden, historische Fakten festzuhalten, ist bei der Nutzung als Quelle Vorsicht geboten. Denn die ältesten Beispiele sind oft nur bruchstückhaft oder über andere Quellen überliefert. Zudem können Motive der Autoren, etwa bei Annalen von Herrschern die Darstellung in einem günstigen Licht, den Quellenwert beeinflussen.

Annalen im Laufe der Zeit

Das definierende Merkmal der Annalen blieb zu allen Zeiten die chronologische Auflistung von Ereignissen nach Jahren. In welcher Form diese zu unterschiedlichen Zeiten erfolgte, zeigt ein Blick auf die Geschichte der Annalen selbst.

Annalistik im Alter Orient und Ägypten

Zu den frühesten Beispielen gehören die Annalen der Hethiter und Assyrer. In ihnen hielten die Könige die wichtigen Ereignisse und Aktivitäten des Jahres fest. Dies geschah ursprünglich um sich vor den Göttern zu rechtfertigen. Schon in der assyrischen Annalistik findet eine Entwicklung statt. Von reinen Auflistungen im 14. Jh. v. Chr. geht die Entwicklung hin zu umfassenderen Ausführungen der Ereignisse.

Die alten Ägypter nutzten Annalen für ihre Aufzeichnungen zu Pharaonen, Königshäusern und den wichtigen Festen des Jahres. Und auch hier zeigt sich eine Entwicklung von einfacher Auflistung hin zu einer systematischen Erfassung der wichtigen Daten. In Ägypten führte diese Entwicklung sogar erst zu einer systematischen Jahreszählung.

Annalistik der Antike

In der Antike beginnt sich die jährliche chronologische Aufzeichnung von Ereignissen zu einer echten literarischen Form der Geschichtsschreibung zu entwickeln.

Tabulae Pontifices

In der Tradition der altorientalischen und ägyptischen Annalistik stehen die Anfänge der römischen Annalistik. Der pontifex maximus, der höchste Priester der frühen Republik, hielt auf Listen die wichtigsten Ereignisse des Amtsjahres am Tag ihres Eintretens fest: den Getreidepreis, Naturereignisse, Kriegshandlungen, Friedensverträge, Wahlen etc.

Diese Listen hießen nach dem Priesteramt und den Tafeln, auf die sie geschrieben waren, zunächst tabulae pontifices. Nach dem weißen Kalk, mit dem diese Tafeln überzogen waren, hießen sie auch tabulae dealbatae oder albae. Später kam der Name annales maximi oder annales pontificum maximorum auf.

Vermutlich nahmen die Aufzeichnungen ihren Anfang in einer Art Kalender für das Priesterkollegium, dem bei allen wichtigen Ereignissen eine Aufgabe in Form von Opfern und religiösen Zeremonien zufiel. Die Tafeln wurden am Eingang des Amtshauses des pontifex maximus für alle sichtbar angebracht und später archiviert. Daran zeigt sich auch der aus älterer Zeit bekannte Zweck der Annalen, wichtige Ereignisse bekannt zu machen und zu rechtfertigen.

Durch die Archivierung standen die annales maximi als Quellen für die nächste Entwicklungsstufe annalistischer Geschichtsschreibung zur Verfügung. Ein erster Schritt könnten die commentarii pontificum gewesen sein, die der römische Geschichtsschreiber Livius erwähnt. Man vermutet, dass die commentarii nicht mit den Annales gleichzusetzen sind, sondern parallel dazu eine ausführlichere Darstellung der chronologisch aufgeführten Ereignisse sein könnten.

In der Folge sollten verschiedene Autoren die priesterlichen Aufzeichnungen für ihre Annalen ganz anderer Art nutzen. Sie griffen einzelne Ereignisse heraus und machten sie zum Gegenstand ihrer Betrachtungen. Man unterscheidet zwischen der Älteren Annalistik und der Jüngeren Annalistik.

Ältere Annalistik

Der erste, der die Annalistik auf diese neue Stufe hob, war Quintus Fabius Pictor. Sein Werk ist nur in Bruchstücken erhalten, wird aber in römischen Quellen als Annales betitelt. Er behandelte in ihm die römische Geschichte von den Anfängen bis zu den beiden Punischen Kriegen. Am Zweiten Punischen Krieg hatte er selbst teilgenommen, von daher kommt ihm für diese Zeit als Augenzeuge Bedeutung zu.

In seinem Werk vermischen sich verschiedene Formen der Geschichtsschreibung. Neben dem annalistischen Prinzip gibt es Elemente von mythischen Gründungsgeschichten nach dem Vorbild der griechischen Geschichtsschreibung und pragmatischer Geschichtsschreibung. Diese versucht, aus einer Darstellung der Kette von Ursache und Wirkung Lehren für die Zukunft zu ziehen.

Die Schilderung von Geschichte aus dem Blickwinkel des Politiktreibenden, wie Pictor es war, spiegelt die rechtfertigende Funktion schon der frühesten Annalen. Die Schuld für den Punischen Krieg etwa sieht Pictor ganz allein auf karthagischer Seite. Dieser Blickwinkel wurde unabhängig von der literarischen Form zu einem wichtigen Element römischer Geschichtsschreibung. Man denke an Werke Ciceros und Caesars.

Pictor schrieb übrigens auf griechisch. Denn als Quelle für historische Ereignisse der römischen Geschichte konnten ihm die annales pontificum dienen, daneben auch die Aufzeichnungen römischer Adelsfamilien. Vorbilder für Geschichtsschreibung in literarischer Form konnte er jedoch nur in Griechenland finden. Zudem war die lateinische Sprache noch nicht bereit für eine Abfassung dieser Art in Prosa, also nicht in Reimform.

Das Verdienst um die lateinische Prosa kommt Marcus Porcius Cato`s Werk Origines (Ursprünge) zu, das allerdings nicht zu den Annalen zählt. Nachdem er den Boden bereitet hatte, folgten lateinische Annalen wie die des Lucius Calpurnius Piso Frugi von den Anfängen der Gründung Roms bis in die eigene Zeit.

Durch das Aufblühen der literarischen Geschichtsschreibung, darunter auch der Annalistik, hatte sich die ursprüngliche Form der annales maximi überholt. Der Pontifex Maximus Publius Mucius Scaevola schaffte diese alte Form der Annalen zwischen 130 und 114 v. Chr. ab.

Jüngere Annalistik

Aus dieser Blütezeit der römischen Annalistik stammen so große Werke wie Ab Urbe Condita des Livius und die Annales des Tacitus. Livius behandelt in seinem Werk die Geschichte Roms von der Gründung der Stadt (so auch der Titel) bis zum Tod von Drusus, dem Stiefsohn des Kaisers Augustus, 9 v. Chr. Tacitus behandelt die Geschichte der Kaiser vom Tod des Augustus bis zu Nero. Sie gehören auch heute noch zu den glänzenden Beispielen der Weltliteratur und haben sich in der literarischen Form weit von den Anfängen der Annalen als einfachen Listen entfernt.

Annalistik im Mittelalter

Im Mittelalter sehen wir die Annalistik wieder zurück an ihrem Ursprung. Die frühen Christen brauchten einen Weg, den Ostertermin zu bestimmen. Das Konzil von Nicäa, eine Versammlung der Kirchenführer im Jahre 325 n. Chr., legte das Datum des Ostersonntags verbindlich auf den ersten Vollmond nach der Frühlingsnachtgleiche (am 21. März) fest. In der Folge kamen sog. Ostertafeln in Gebrauch, die neben dem Kalender benutzt wurden. Ihnen konnte man leicht die Termine der christlichen Feiertage wie Ostern entnehmen. Diese Ostertafeln sind der Ursprung der mittelalterlichen Annalen.

Die Entwicklung verlief von da an ähnlich wie in der Antike. Mönche trugen neben den christlichen Feiertagen auch sonstige wichtige Ereignisse in Form von Anmerkungen am Rand (sog. Marginalien) ein. Die Listen wurden z. T. über hunderte von Jahren geführt. Der Ursprung des Brauchs liegt in Klöstern in Irland, Wales und England. So stammt auch eines der herausragendsten Beispiele, Chronicle of Ireland, wie der Name schon sagt aus Irland. Gegen Ende des 8. Jahrhunderts entwickelte sich aus diesen Listen eine literarische Form der Geschichtsschreibung, die allerdings nie das hohe Niveau der antiken Annalen erreichte.

Nicht alle mittelalterlichen Annalen entstanden im Umfeld der Klöster. Auch Herrscher erkannten den Wert einer nach Jahren geordneten chronologischen Darstellung der Ereignisse unter ihrer Regentschaft und ihres Anteils daran. Einer der frühesten Züge der Annalistik, die Bekanntmachung und Rechtfertigung politischer Tätigkeit, findet sich hier ungebrochen wieder. So etwa in den Reichsannalen Karls des Großen, einer Auflistung von Ereignissen im Fränkischen Reich des 8. und 9. Jahrhunderts (daher auch unter dem Namen Annales regni Francorum, Annalen des Fränkischen Reiches, oder nach dem Fundort als Lorscher Annalen bekannt).

Über christliche Missionare verbreitete sich die mittelalterliche Annalistik über weite Teile Europas.

Moderne

Heute kann der Begriff Annalen jede schriftliche Aufzeichnung bezeichnen, die sich des Ordnungsprinzips nach Jahren bedient. Diese können eine historische Zielsetzung haben wie The Annual Register, das seit 1758 die wichtigsten Ereignisse, Entwicklungen und Trends weltweit jeweils für ein Jahr auflistet und analysiert.

Auch in vielen Wissenschaften ist das annalistische Prinzip die Methode der Wahl, nach der Zeitschriften den Forschungsstand eines Jahres abbilden. So z.B. die Annales de chimie betitelte Zeitschrift, die 1789 von Lavoisier in Paris gegründet wurde. Gerade in den Wissenschaften werden z. B. Rezensionen, also Beurteilungen aktueller Veröffentlichungen von Forschungsergebnissen, gerne in annalistischer Form publiziert.

Annalen aus anderen Kulturkreisen

Auch andere Länder kennen Annalen. Herausragende Beispiele sind die chinesischen Frühlings- und Herbstannalen, einer der fünf konfuzianischen Klassiker. Die koreanischen Annalen der Joseon-Dynastie, die in 1893 Büchern die Jahre 1392-1863 behandeln. Und die Blauen, Roten und Weißen Annalen der tibetischen Geschichtsschreibung.

Zusammenfassung

  • Annalen sind eine Form der Geschichtsschreibung.
  • Es handelt sich dabei um die nach Jahren geordnete, chronologische Aufzeichnung wichtiger Ereignisse ohne den Versuch einer Erklärung oder Einordnung in größere Zusammenhänge.
  • In der Geschichte waren v. a. solche Annalen wichtig, die im religiösen Umfeld geführt wurden, sowie solche, die im Umfeld von Herrschern entstanden.
  • In der Moderne nutzen besonders Wissenschaften wie die Geschichtswissenschaften Annalen, um eine Übersicht über die Forschungsergebnisse eines Jahres zu geben.
  • Im Prinzip kannst auch Du Annalen verfassen, indem Du das Jahr über im Kalender wichtige Ereignisse einträgst. In Deinen Kalender wirst Du Geburtstage und wichtige Termine eintragen und führst somit eine Annale.
  • Dieses Beispiel zeigt: Je nachdem, aus welchem Grund die Annalen geführt werden, kann es sich bei den ausgewählten Ereignissen um verschiedene Dinge handeln. Auch die Ausgestaltung der Einträge kann variieren. Immer gleich aber bleibt die chronologischer Verankerung der Ereignisse im Verlauf des Jahres.

Literatur und Quellen

  • Stefan Jordan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft, utB GmbH, ISBN 3825250059
  • Stefan Jordan: Lexikon Geschichtswissenschaft: Hundert Grundbegriffe (Reclams Universal-Bibliothek), ISBN 3150005035

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