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Hypnose: Ablauf, Funktionsweise, Verfahren und Theorien


Hypnose ist ein Zustand künstlich erzeugter Bewusstseinsänderung. Weiterhin wird auch das Verfahren, um einen Trance-Zustand zu erreichen, Hypnose genannt. Das Wort Hypnose stammt vom griechischen Gott „Hypnos“, dem Gott des Schlafes. Die Hypnose übersetzt man demnach mit Schlaf.

Was ist Hypnose?

Nach Ernest Hilgard, einem amerikanischen Psychologen, welcher sich mit hypnotischen Lernen befasste – hat jede Hypnose bestimmte Merkmale:

  • Verlust der Planungsfunktion
  • Initiativelosigkeit
  • Umverteilung der Aufmerksamkeit und besondere Zuwendung zur Quelle der Hypnoseinduktion (zb: Hypnotiseur)
  • Abwendung von der sonstigen Umgebung
  • Minderung des Realitätsbezugs
  • gesteigerte Suggestibilität
  • Bereitschaft zur Übernahme von bestimmten Rollen
  • Auftreten einer posthypnotischen Amnesie

Diese Merkmale treten, in vollem Umfang, nur bei der tiefen Hypnose auf.

Verlust der Planungsfunktion

Durch Hypnose wird die allgemeine Planungsfunktion vernachlässigt. Dies bedeutet, dass der Hypnotisierte nicht mehr in der Lage ist, seine Handlung zu planen. Diese Funktion dient vor allem der Bewusstseinskontrolle. So werden Wünsche und Begierden unterdrückt, um planvoll zu handeln. Das Gegenteil ist die planloses Handeln.

Hilgard machte die Erfahrung, dass seine Hypnoseprobanden planlos handelten, aufgrund der Bewusstseinsänderungen und dem einhergehenden Kontrollverlust. Diese

Initiativelosigkeit

Initiative bedeutet, den Anstoß zu einer bestimmten Handlung bewusst zu wählen und zu geben. Hypnotisierte Personen sind initiativlos. Dies ist eigentlich eine Begleiterscheinung der Planlosigkeit. Denn durch die Bewusstseinsänderung und dem planlosen Handeln, ergeben sich für die Betroffenen keine Handlungs- und somit auch keine Entschlussmöglichkeiten.

Umverteilung der Aufmerksamkeit

Dies ist eigentlich das Geheimnis hinter jeder Hypnose. Denn die Aufmerksamkeit eines Menschen ist nicht unbegrenzt. Stattdessen wird eine begrenzte Aufmerksamkeit auf verschiedene Bereiche verteilt. Bei der Hypnose wird die Aufmerksamkeit gezielt, wie bei einem Lichtstrahl, auf eine bestimmte Induktionsquelle gelenkt.

Diese Quelle kann der Hypnotiseur sein, aber auch ein schwingendes Pendel, ein rotierendes Gebilde oder einfach ein Fleck an der Wand. Sobald die Aufmerksamkeit gezielt und gebündelt darauf ausgerichtet wird, kann Hypnose stattfinden.

Abwendung von der sonstigen Umgebung

Dies ergibt sich aus der Umverteilung. Denn da die Aufmerksamkeit nicht unendlich ist und gezielt auf eine bestimmte Induktionsquelle gelenkt wird, tritt die restliche Umgebung in den Hintergrund.

Minderung des Realitätsbezugs

Realität ist ein vielschichtiger Begriff. Er umfasst die Gesamtheit der materiellen Gegebenheiten, auf welche sich das menschliche Verhalten bezieht. Weiterhin ist Realität alles, was man begrifflich beschreiben und in Gedanken vorstellbar ist.

Der Bezug zur Realität nimmt während der Hypnose ab. Denn Realität ist ebenfalls ein Ergebnis des Bewusstseins. Worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken, bekommt Bedeutung und wird wahrgenommen. Alles andere tritt in den Hintergrund (zB. Hintergrundgeräusche). Diese Sinneseindrücke sind dennoch teil der Realität, allerdings bezieht sich das unmittelbare Verhalten nicht mehr darauf.

Gesteigerte Suggestibilität

Suggestionen sind manipulative Beeinflussungen von individuellen Denkweisen. Diese werden nicht oder nur teilweise wahrgenommen und sind somit nicht bewusst abrufbar. Die meisten Suggestionen werden, auch außerhalb einer Hypnose, unbewusst eingespielt. Beispielsweise kann die Vorstellung, dass man hässlich ist – eine Suggestion sein, welche auf bestimmte Erfahrungen der Kindheit aufbaut.

Diese Denkweise ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und somit individuell. Durch Hypnose wird der Empfang und die Speicherung von Suggestionen erhöht. Die Fähigkeit zur Aufnahme von neuen Suggestionen nennt man Suggestibilität.

Rollenübernahme

Dies ist Folge der gesteigerten Suggestibilität. So ist es möglich, sich in bestimmte Rollen zu versetzen. Beispielsweise kann suggeriert werden, sich in die Kindheit zurückzuversetzen oder Ähnliches.

Posthypnotischen Amnesie

Posthypnotisch bedeutet: nach der Hypnose. Und eine Amnesie ist ein Gedächtnisverlust. Somit ist mit diesem Begriff gemeint, dass Menschen sich nicht mehr an das Erlebte, während der Hypnose erinnern können.

Wieso funktioniert Hypnose?

Unter Hypnose versteht man auch eine soziale Interaktion. Hierbei suggeriert eine Person beziehungsweise der Hypnotiseur einer anderen, dass gewisse Gefühle, Verhaltensweisen oder Gedanken und Wahrnehmungen auftreten. Damit sind nicht die Fähigkeiten des Hypnotiseurs ausschlaggebend, sondern viel mehr die Anfälligkeit oder Empfänglichkeit der hypnotisierten Person für Suggestionen.

Mit Suggestionen ist diesem Fall gemeint, wie gut sich der Hypnotisierte auf bestimmte Verhaltensweisen oder Bilder fokussieren kann. Bei dem Hypnotiseur handelt es sich also nicht um einen Magier, sondern die Stärke des Effekts hängt von der Suggestionsempfänglichkeit des Hypnotisierten ab.

Das funktioniert auch ohne Hypnose….
Beispielsweise gibt es Menschen, welche anderen Menschen jederzeit erklären, wie schlecht sie aussehen. Diese Fragen besorgt nach, ob sie krank sind oder es ihnen sonst irgendwie schlecht geht. Die erst einmal gutgemeinten Fragen und Äußerungen suggerieren dem Anderen, dass irgendetwas nicht stimmt. Sobald dies viele Menschen feststellen, wird sich der Betroffene wahrscheinlich tatsächlich krank fühlen.

Somit wirken die Suggestionen bereits in einem Zustand außerhalb der Hypnose. Diese können noch verstärkt werden, wenn kompetente Menschen (Ärzte) eine Krankheit suggerieren. Spätestens dann fühlt sich der Betroffene tatsächlich krank.

Oder du trägst ein neues T-Shirt, welches du richtig schick findest. Nun sagen dir aber, drei Leute – dass dir das nicht steht und dich dick erscheinen lässt oder Ähnliches. Dann nimmst du wahrscheinlich das T-Shirt an dir anders war, als vorher.

Schlechtes Feedback, Kritik und Komplimente zielen demnach auf unsere inneren Denkweisen ab. Dadurch verändert sich bereits unsere materielle Welt und unsere Verhaltensbezug dazu. Demnach verändert sich die Realität. Und dies schon ohne Hypnose.

Im hypnotisierten Zustand ist unsere Aufmerksamkeit derart gebündelt, dass Nebensächlichkeiten ausgeblendet werden. Dadurch können Suggestionen umso besser ins Bewusstsein vordringen und entsprechende Effekte auslösen.

Kann jeder hypnotisiert werden?

Die »Stanford Hypnotic Susceptibility Scale« erfasst den Grad der Hypnotisierbarkeit eines Menschen. Denn so ziemlich jeder ist für Suggestionen empfänglich. Die Frage ist nur, wie stark diese Empfänglichkeit ausgeprägt ist. Die Skala erfasst beispielsweise, wie sehr eine stehende Person vor und zurück schwankt, wenn ihr das suggeriert wird. Reagieren Menschen ohne Hypnose auf solche Suggestionen, dann tun sie das auch unter Hypnose.

Was versteht man unter hypnotischer Fähigkeit?

Damit ist die Empfänglichkeit für Hypnose gemeint. Gut hypnotisierbare Menschen können sich überaus stark in vorgestellte Aktivitäten vertiefen. Sie können ihre Aufmerksamkeit intensiv auf eine Aufgabe lenken, darin regelrecht versinken und ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Daher können sie beispielsweise aufgrund einer Suggestion so fest davon überzeugt sein, nichts zu riechen, dass sie bei einem üblen Geruch keine Reaktion zeigen.

Ablauf und Phasen einer Hypnose

Jede Hypnosesitzung, egal ob Fremd- oder Selbsthypnose durchläuft drei Phasen:

  • Induktion
  • Trancezustand
  • Auflösung

Induktion

Hypnotischer Trance ist eine Phase der Tiefenentspannung im Wachzustand. Um diesen Zustand zu erreichen, muss dieser entweder von einem Hypnotiseur oder von einem selbst (Selbsthypnose) herbeigeführt werden.

Dabei wird die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Bereich bzw. ein Merkmal gelenkt, welches das Bewusstsein kaum beansprucht. Dies kann durch Lauschen von gedämmter Musik passieren. Aber auch das Anschauen eines Gegenstandes kann genutzt werden. So werden Menschen innerlich beruhigt, wenn sie beispielsweise ein Blatt oder Stück Rinde anschauen.

Der Hypnotiseur verbindet diese gezielte Aufmerksamkeitslenkung meistens mit einer Besprechungsformel. In diesem Zustand wird dem Patienten bzw. Probanden bereits suggeriert, dass dieser immer tiefer einsinkt und den Entspannungszustand zulässt.

Bereits eine einfache Wenn-Dann-Formel kann bereits den Trance auslösen. So nutzen einige Hypnotiseure Ansprachen, wie “ Wenn sie die Füße auf dem Boden spüren, entspannen sie sich“. Schon dadurch wird die Aufmerksamkeit gezielt gelenkt, wodurch sich eine Tiefenentspannung einstellt.

Trance

Im Trancezustand können dann, je nach Anwendungsgebiet weitere Suggestionen eingesetzt werden. Oder der Patient wird gezielt zu bestimmten Geschehnissen, seinem zurückliegenden Handlungen geleitet. Ziel soll es sein, eine Erkenntnis zu gewinnen. Bei der Leerhypnose wird auf diese Suggestionen verzichtet.

Auflösung

Die Auflösung erfolgt am Ende jeder Hypnosesitzung. Meistens geschieht dies durch ein Aufwärtszählen, um den Probanden aus dem Zustand der Trance zurückzuführen. Auch diese Rückführung erfolgt mit suggerierten Verknüpfungen. So kann beispielsweise von 1 bis 5 gezählt werden und bei jeder Zahl wird eine entsprechende Körperregion aktiviert.

Hypnose und Erinnerung

Viele nehmen an, dass wir auf bestimmte Gedächtnisinhalte nur unter Hypnose zugreifen können. Als wäre die Hypnose ein Werkzeug, mit dem man psychische Schutzbarrieren aufbrechen und verborgene Erinnerungen ausgraben kann. Die Gedächtnisforschung zeichnet allerdings ein anderes Bild. Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, sämtliche Ereignisse um uns herum wahrzunehmen und abzuspeichern.

Durch Hypnose hervorgeholte „Erinnerungen“ sind daher nicht zwingend wahr. Du hast bisher gelernt, dass Hypnotiseure mit Suggestion arbeiten. Das kann zu Pseudoerinnerungen führen. Wird jemand gefragt, ob er bei einem bestimmten Ereignis ein lautes Geräusch gehört hat, dann kann diese suggestive Frage zu einer abgewandelten Erinnerung führen.

Die eigentliche Erinnerung wird abgerufen und mit der Information „lautes Geräusch“ verknüpft. Es entsteht also eher eine Kombination aus Fakt und Fiktion und die Erinnerung stimmt nicht mehr mit der ursprünglichen überein. Es kommt unter Hypnose also eher zu verfälschten Erinnerungen als zu einer Freilegung verdrängter Gedächtnisinhalte. Das kann zum Beispiel bei Zeugenbefragungen problematisch werden.

Zwingt Hypnose Menschen dazu, gegen ihren Willen zu handeln?

Die Forscher Orne und Evans führten Mitte der 1960er Jahre ein Experiment mit hypnotisierten Probanden durch. Die Hypnotisierten sollten eine gefährliche Aufgabe durchführen. Sie sollten ein Glas mit „Säure“ (bei der Flüssigkeit handelte es sich nicht um echte Säure) halten und diese anschließend dem Assistenten des Versuchsleiters ins Gesicht schütten. Sie taten es.

Als die Probanden am nächsten Tag darauf hingewiesen wurden, bestritten sie ihr Verhalten. Sie hätten eigenen Angaben zufolge nie so einer Anweisung Folge geleistet. Um zu überprüfen, ob die Hypnose die Probanden zu willenlosen Wesen gemacht hat, wurde der Versuch noch einmal mit einer Kontrollgruppe durchgeführt. Diese sollten nur so tun, als stünden sie unter Hypnose. Das wusste der Versuchsleiter allerdings nicht und bat die Nicht-Hypnotisierten ebenfalls um die Aktion mit der „Säure“.

Dabei zeigte sich, dass auch sie der Anordnung nachkamen. An der Hypnose kann es also nicht gelegen haben, dass die Probanden der Aufforderung (die „Säure“ ins Gesicht des Assistenten zu schütten) nachkamen. Es gibt verschiedene Gründe, warum sie dennoch so handelten. Einerseits könnten sie sich im Laborkontext sicher gefühlt haben und befürchteten keine persönlichen Konsequenzen. Andererseits führen auch sozialpsychologische Aspekte dazu, dass Menschen Verantwortung an Autoritäten abgeben. Werden sie also von jemanden in Uniform (oder auch Laborkittel) um etwas gebeten, kommen sie dieser Aufforderung mit hoher Wahrscheinlichkeit nach. Auch dann, wenn sie von sich aus anders handeln würden.

Hypnoseformen und Anwendungsgebiete

Hypnose wird entweder durch einen Fremden induziert oder durch sich selbst. Demnach unterscheidet man zwischen Fremd- und Selbsthypnose. Beide Hypnoseformen funktionieren gleichermaßen.

Selbsthypnose

Bei Selbsthypnosen wird der Trancezustand ebenfalls aufgerufen, allerdings ohne Fremdhilfe. Bereits 1841 fanden erste Selbsthypnosen statt. Der schottische Chirurg Jamie Braid führte die erste Selbsthypnose durch, um deren Auswirkungen zu untersuchen. Denn Braid wollte seinen Patienten ein geeignetes Werkzeug zur Schmerzlinderung, nach den Operationen, zur Verfügung stellen.

Konzentriert man sich bei der Fremdhypnose auf den Hypnotiseur, wird bei der Selbsthypnose ein innerer Ablauf zelebriert. So kann beispielsweise auf Atmung geachtet werden und dadurch tiefergehende Entspannungszustände erreicht werden. Auch progressive Muskelentspannung kann den Trance-Zustand einleiten. Häufig zählt man in der Selbsthypnose auch gedanklich runter und verknüpft dieses innerliche Zählen mit Suggestionen, welche den Entspannungszustand beschreiben. („Ich bin entspannt“ oder „meine Augen werden schwerer und schwerer“)

Autogenes Training

Autogenes Training basiert auf Autosuggestionen und ist eine Form der Selbsthypnose. Dabei wird eine gedankliche Ruhe angestrebt, wodurch der Trance-Zustand erreicht werden soll. Die Autosuggestionen zielen im Trancezustand darauf ab, das Unterbewusstsein zu trainieren und entsprechende Denkweisen einzuleiten.

Leerhypnose

Bei der Leerhypnose wird lediglich der Entspannungszustand hergestellt. In diesem Trance-Zustand werden keine weitere Suggestionen gegeben und lediglich die körperliche und geistige Entspannung genossen.

Hypnotherapie gegen Schmerzen und stressbedingte Erkrankungen

Hypnotherapeuten machen sich die Selbstheilungskräfte der Patienten zu nutze. So können posthypnotische Suggestionen die Reduktion von Asthma, Kopfschmerzen oder stressbedingter Hauterkrankungen unterstützen. Diese Suggestionen werden während der Hypnose gegeben, aber erst nach der Hypnose vom Patienten ausgeführt. Das soll ihm dabei helfen, Symptome und unerwünschte Verhaltensweisen besser zu kontrollieren. Studien zeigen, dass diese Therapieform bei Übergewicht sehr wirksam ist, bei Suchterkrankungen jedoch weniger.

Dass Hypnose schmerzlindern sein kann, wissen auch Zahnärzte. Daher bieten mittlerweile viele Praxen vor allem Angstpatienten eine Behandlung unter leichter Hypnose an. Weil unter Hypnose die für Schmerz zuständigen Hirnareale weniger aktiv sind, sinkt auch die Schmerzempfindlichkeit. Auch in Studien mit Krankenhauspatienten zeigt sich die schmerzlindernde Wirkung von Hypnose.

Wurden Patienten vor einer Operation hypnotisiert, brauchten sie anschließend weniger Medikament und konnten früher das Krankenhaus verlassen als nicht-hypnotisierte Patienten. Der schmerreduzierende Effekt der Hypnose kann bei manchen Patienten sogar eine Narkose bei chirurgischen Eingriffen überflüssig machen.

Meditation

Meditation ist der Weg der Leere. Man soll sich somit von allen Gedanken lossagen und einen inneren Zustand der Gedankenlosigkeit erreichen. Bei der Hypnose wandern die Gedanken und werden durch Suggestionen auch in eine gewisse Richtung gelenkt. Demnach ist die Meditation eine Form der inneren Reinigung und die Hypnose eine Form der inneren Änderung.

Hypnosetheorien

Wir werden im Zustand der Hypnose empfänglicher für Suggestionen. Doch was versteht die Psychologie unter Hypnose und wie erklären sie diese Bewusstseinsform? Es gibt zwei Erklärungsansätze. Zum einen gehen manche Forscher von einem sozialen Phänomen aus. Zum anderen wird ein geteiltes Bewusstsein vermutet. Sehen wir uns zunächst das soziale Phänomen an.

Das soziale Phänomen „Hypnose“

Hier spielt die Macht des sozialen Einflusses eine Rolle. Der Mensch ist ein soziales Wesen und agiert auch dementsprechend. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass Hypnotisierte dem Hypnotiseur gefallen wollen, wenn sie diesen sympathisch finden und ihm vertrauen. Sind diese Voraussetzungen gegeben, fällt es der hypnotisierten Person leichter, sich auf die Suggestionen zu konzentrieren und den suggerierten Anweisungen nachzukommen. Sie übernehmen so gesehen die Gedanken des Hypnotiseurs und gehen in ihrer Rolle als Hypnotisierter auf.

Es kommt zudem auch auf das Verhalten des Hypnotiseurs an, ob die Probanden „mitspielen“. Du hast erfahren, dass ein hypnotischer Zustand sich schneller einstellt, wenn man den Hypnotiseur mag und vertrauensvoll findet. Dieser Effekt verschwindet allerdings ganz schnell wieder, wenn der Hypnotiseur beispielsweise behauptet, dass die Hypnotisierbarkeit einer Person von ihrer Leichtgläubigkeit abhängt. Nach so einer Aussage wird das Gegenüber nicht mehr zur Hypnose motiviert sein und sich dementsprechend auch kaum oder gar nicht in diesen Zustand versetzen lassen.

Das Folgeleisten einer hypnotisierten Person kann daher auch als eine Art Erweiterung der ohnehin bestehenden kognitiven und sozialen Eigenschaften dieser Person sein. Du hast weiter oben bereits erfahren, dass Menschen zu einem gewissen Autoritätsgehorsam neigen. Wird jemand von einer seriös wirkenden Person zu einer bestimmten Handlung angewiesen, kommt er dieser Anweisung mit oder ohne Hypnose mit einer großen Wahrscheinlichkeit nach. Verhalten sich hypnotisierte Probanden also nur so, weil sie ein guter Versuchsteilnehmer sein möchten und den Hypnotiseur nicht enttäuschen wollen?

Das geteilte Bewusstsein

Diese Meinung vertreten nicht alle Forscher. Einige verstehen unter Hypnose eher einen Zustand eines geteilten Bewusstseins. Schließlich vermeiden Patienten einer Hypnotherapie unerwünschte Verhaltensweisen auch im Alltag, wenn der Hypnotherapeut nicht anwesend ist. Auch die veränderten Hirnaktivitäten bei Schmerzreizen weisen in eine andere Richtung.

Doch nicht nur in Bezug auf Schmerz verhält sich das hypnotisierte Gehirn anders als sonst. Bei Gehirnscans zeigte sich beispielsweise, dass hypnotisierte Personen auf die Bitte hin, sich eine Farbe vorzustellen, diese auch tatsächlich „sahen“. Oder besser gesagt: Im Gehirn sind jeweils andere Bereiche aktiv, wenn man eine Farbe sieht oder sich einfach nur vorstellt. Bei Hypnotisierten waren die Areale aktiv, die auch bei dem Sehen einer Farbe arbeiten.

Verringertes Schmerzempfinden durch Bewusstseinsspaltung?

Nach Ernest Hilgard handelt es sich bei der Hypnose um eine Form der Dissoziation. Damit ist eine Spaltung zwischen den Ebenen des Bewusstseins gemeint, bei der Gedanken und Gefühle gleichzeitig mit anderen auftauchen können. Hypnotisierte Probanden in Hilgards Experimenten trennten beispielsweise einen Schmerzreiz vom dazugehörigen emotionalen Leiden.

Dazu legten sie einen Arm in Eiswasser. Die eisige Kälte des Wassers bewirkt nach einigen Sekunden Schmerzen. Allerdings beschrieben die Probanden das Empfinden einfach nur als „kalt“, nicht als schmerzhaft. Das könnte daran liegen, dass unter Hypnose die Verarbeitung von Schmerzreizen reduziert ist.

Der sensorische Input findet zwar statt (das Gehirn registriert den Kältereiz), aber unsere Aufmerksamkeit für die damit zusammenhängenden Schmerzempfindungen sind weniger stark. Hildgards Theorie gilt allerdings als umstritten und es ist die Aufgabe künftiger Forschungsarbeiten, sich tiefgehender mit dem Thema Hypnose zu befassen.

Zusammenfassung

  • Hypnose ist eine soziale Interaktion, bei der der Hypnotiseur dem Hypnotisierten bestimmte Dinge suggeriert. Das können Gefühle, Gedanken oder Handlungen sein.
  • Jede Hypnose durchläuft drei Phasen: Induktion, Trance und Auflösung.
  • Jede Hypnosesitzung ist es von der Empfänglichkeit des Hypnotisierten für Suggestionen abhängig, wie stark er auf diese eingeht.
  • Der Effekt der Hypnose hängt also mehr vom Hypnotisierten als von Hypnotiseur ab.
  • Wie stark die Hypnotisierbarkeit einer Person ausfällt, kann zum Beispiel mittels der Stanford Hypnotic Susceptibility Scale gemessen werden.
  • Mit Hypnose können keine verborgenen Erinnerungen verfügbar gemacht werden. Durch die Suggestion werden Erinnerungen viel mehr verfälscht.
  • Hypnose zwingt Menschen nicht zu Handlungen gegen ihren Willen. Wenn hypnotisierte Personen für sie ungewöhnliche Dinge tun, sind häufig andere Faktoren (wie Autoritätsgehorsam) dafür verantwortlich.
  • Schmerzempfinden und Krankheitsleiden können im Rahmen einer Hypnotherapie gelindert werden. Die Hypnose hat einen Effekt auf die Bereiche im Gehirn, welche für die Verarbeitung von Schmerzen zuständig sind. Das kann beispielsweise bei Maßnahmen gegen Übergewicht hilfreich sein oder auch beim Zahnarzttermin.
  • Hinter dem Zustand der Hypnose wird in der Psychologie ein soziales Phänomen oder auch ein geteiltes Bewusstsein vermutet. Welche Mechanismen genau beteiligt sind, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt.

Literatur

  • Björn Migge: Hypnose und Hypnotherapie: Grundlagen und Praxis für Coaching und Kurzzeittherapie, ISBN 3407366426*
  • Benedikt Ahlfeld, Stefan Strobl: Hypnose lernen – Praxishandbuch: für tiefe Trance, Selbsthypnose, Blitzhypnose und die sichere Anwendung im Alltag, ISBN 384820794X*
  • Alexander Schelle: Selbsthypnose: Der Weg in eine neue Freiheit, ISBN 3750461104*

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