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Mobbing: Modelle, Definition, Merkmale, Arten, Ursachen & Folgen


Wahrscheinlich kennt jeder irgendwelche Streiche, die früher so manchem in der Schule gespielt wurden. Entweder war man aktiv daran beteiligt oder wurde auch einmal selbst auf die Schippe genommen. Diese Neckereien können harmlos sein, sofern sie auch nur selten vorkommen und nicht immer dieselbe Person betreffen.

Allerdings ist es leider auch manchmal der Fall, dass Gruppen von Schülern auf einem bestimmten Mitschüler rumhacken. Und das immer wieder. Das Ganze kann sich zu einem systematischen Vorgehen entwickeln, um dem Opfer das Leben schwer zu machen. Dieses Phänomen ist allerdings nicht nur auf den schulischen Kontext beschränkt. Auch später im Arbeitsleben kann es zu solchen Situationen kommen. Doch wie entwickelt sich Mobbing überhaupt? Was treibt die Täter an und welche Folgen haben die Attacken auf das Opfer? Auf diese und weitere Fragen wollen wir jetzt näher eingehen.

Wie entsteht Mobbing?

Bevor wir darauf antworten, sollten wir Mobbing erst einmal definieren.
Beim Mobbing oder auch Bullying zeigen Stärkere (Bullys) gegenüber Schwächeren (Opfern) ein aggressives Verhalten. Als Opfer werden in der Regel Personen ausgewählt, die sich nicht oder nur schlecht selbst verteidigen können.

Um von Mobbing oder Bullying sprechen zu können, müssen verschiedene Merkmale vorliegen. Wie bereits erwähnt, suchen die Täter sich meist schwächere Opfer aus. Das impliziert gleichzeitig, dass die Täter in körperlicher Kraft oder auch im sozialen Status überlegen sind. Auch die Dauer ist relevant. Denn Mobbing zeichnet sich dadurch aus, dass es über einen längeren Zeitraum stattfindet. Die Opfer werden also nicht nur ein- oder zweimal aufs Korn genommen, sondern über Monate oder sogar Jahre hinweg drangsaliert.

Merkmale von Bullys und Opfern

Damit Mobbing zustande kommt, müssen bestimmte Merkmale bei Tätern und Opfern vorliegen. Die Täter zeichnen sich häufig darin aus, dass die stark und dominant sind. Sie haben ein sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein und zeigen häufig bereits im Kindesalter ein aggressives Verhalten gegenüber Autoritätspersonen. Es kommt also häufiger vor, dass sie sich mit ihren Eltern oder Lehrern anlegen.

Die Opfer auf der anderen Seite sind eher ängstlich. Sie sind häufig sozial meistens zurückgezogen und den Tätern auch körperlich unterlegen.

Hinzu kommen Prozesse der sozialen Wahrnehmung und der Attribution. Die Mobber nehmen gewisse Eigenschaften – wie den sozialen Status oder die körperliche Beschaffenheit wahr und ordnen den Opfern dann Eigenschaften wie Schwäche oder einen niederen Rang (Außenseiter) zu.

Und auch die Opfer nehmen sich selbst als schwach war. Es kommt zu einem Attributionsstil, welcher auf eine Ausweglosigkeit hindeutet. Denn die Persönlichkeitseigenschaften (Attribute) der Opfer sind:

  • intern: Es liegt an mir, dass ich gemobbt werde
  • stabil: Ich war schon immer schwach und unbeliebt. Es wird auch in Zukunft so sein.
  • global: Niemand mag mich. Alle mobben mich. Egal wo ich bin.

Die Täterstruktur ist oftmals nicht so eindeutig. Denn viele Mobber wollen durch das Mobbing und das Drangsalieren ihre eigenen Schwächen überspielen und ihren Status innerhalb einer abgegrenzten Gruppe stärken. Diese Strategien des Unterdrückens weisen demnach ebenfalls auf einen internen und oftmals auch stabilen Attributzuordnung hin.

  • intern: Der Grund für meine Stärke und meinen Status liegt bei mir.
  • stabil: Innerhalb der sozialen Gruppe (zB. Schule) war ich immer der Stärkste und werde es immer sein.

Dennoch muss die Zuschreibung von Stärke nicht zwingend global sein. Denn viele Täter sind in anderen sozialen Gruppen, wie ihrer Familie zuhause, im Status nicht so hoch angesehen und versuchen dies durch Aggression zu kompensieren.

Die Opfer wiederum können einen hohen Status zu Hause genießen, wodurch die globale Variable aufgeweicht werden könnte. Doch oftmals nehmen sie diese Stellung selbst nicht wahr. Und bei der Attributzuschreibung zwischen den Opfer und Tätereigenschaften und der daraus resultierenden sozialen Wahrnehmung geht es um die eigene Vorstellung von sich selbst.

Mobbing wird demnach zu einer Spirale, weil sich Opfer als Opfer ausgeben. Sie senden Nuancen aus, wodurch Täter ihre Schwächen erkennen und diese nutzen wollen, um ihre eigenen Schwächen zu überspielen oder ihren Status innerhalb einer Gruppe zu festigen.

Sobald das Opfer sich nicht mehr als Eines sieht, wird es für Täter schwerer – es auszumachen. Außerhalb besteht die Gefahr, dass sich diese ernsthaft wehren würden. Der Täter würde bei einer Gegenwehr mehr Status verlieren als gewinnen. Deshalb ist für ihn das Risiko zu groß, ein wehrhaftes Opfer anzugreifen und er sucht sich stattdessen Andere.

Demnach müsste ein Mobbingopfer seine sozialen Eigenschaften ändern, um dadurch seinen Stärkewert nach außen zu demonstrieren. Schulpsychologen und Mobbingberater helfen dabei.

  • aus intern wird extern: Der Grund für das Mobbing liegt bei Täter und nicht in mir.
  • aus stabil wird instabil: Ich wurde heute gemobbt, aber morgen nicht mehr.
  • aus global wird spezifisch: Dieser eine spezifische Täter mobbt mich in dieser Situation.

Durch diese Umschreibung der feststehenden Charaktereigenschaften im Kopf der Opfer kann ein neues Signal entstehen, wodurch diese in der sozialen Gruppe anders wahrgenommen werden. Und dadurch würde die Täter sie nicht als potentielle Opfer wahrnehmen.

Doch leider kümmert man sich – wie so oft – mehr um Täter als um die Opfer. Anstatt Opfer zu stärken, will man Täter rehabilitieren und ihnen ihr Aggressionspotential nehmen. Dies ist allerdings viel komplizierter, da dieses Verhalten auch einer Gruppendynamik unterliegt, die Täter die Mobbingstrategie aus anderen Umfeld übernommen haben oder am Modell von ihren Eltern gelernt haben.

Mobbing als Gruppenphänomen

Allerdings ist Mobbing oft nicht nur eine dyadische Beziehung zwischen Täter und Opfer.
Vielmehr handelt es sich um ein Gruppenphänomen. Denn schließlich ist der Täter ja nicht selten um ein Publikum bemüht. Sobald er für sein Handeln Anerkennung oder Unterstützung durch andere erfährt, wertet das sein Selbstwertgefühl noch zusätzlich auf. Beifall stachelt ihn daher zum Weitermachen an.

Wenn man sich einen Mobbingkontext genauer ansieht, erkennt man daher nicht nur den Täter und das Opfer, sondern auch noch weitere relevante Andere. Der Täter hat seine Unterstützer. Diese befürworten sein Verhalten und sind unter Umständen auch darauf aus, ihren eigenen sozialen Status zu erhöhen. Die Nähe zum Täter könnte den Anhängern sowohl Prestige einbringen als auch Schutz bieten. Denn wenn sie sich mit ihm verbünden, werden sie mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit selbst zu Opfern.

Doch auch dem Opfer stehen gegebenenfalls Helfer zur Seite. Diesen wird es allerdings nicht leicht gemacht. Mit einem zunehmenden Statusgewinn des Täters, wird die Hilfeleistung für das Opfer erschwert. Zusätzlich könnten sie im gleichen Zug ebenfalls ins Visier des Täters geraten, was sie vom Helfen abschrecken kann.

Daneben gibt es noch passive Zuschauer. Diese wollen sich nicht in die Situation einmischen und hoffen häufig auch, dass ihnen das ganze Theater dann selbst erspart bleibt.

Welche Auswirkungen hat Mobbing auf die Gesundheit?

Unser Körper und unsere Seele ist nicht auf diesen Dauerstress ausgelegt.
Da die Opfer von Mobbing ohnehin schon eher ängstliche Persönlichkeitszüge haben und sozial nicht so stark eingebunden sind, kannst du dir sicher denken, dass solche Aktionen nicht spurlos an ihnen vorübergehen. Das Gegenteil ist in Wirklichkeit der Fall. Die meisten Opfer haben eine lange Leidensgeschichte. Psychische Erkrankungen nehmen zu. Und sie erkranken mit einer höheren Wahrscheinlichkeit an Angststörungen und Depressionen.

Auch psychosomatische Erkrankungen können eine Folge sein. Dabei kann keine körperliche Ursache festgestellt werden, doch die Opfer leiden dennoch unter Bauch-, Kopf- oder Rückenschmerzen. Das sind nur ein paar Beispiele, denn die Symptomatik ist noch weitreichender und die Beschwerden können sich in allen möglichen Symptomen äußern.

Mobbing Auswirkungen: Stress macht uns auf viele Weisen krank

Unter Dauerstress werden Hormone wie Cortisol oder Noradrenalin ausgeschüttet, die unserer Gesundheit auf lange Sicht schaden.

In akuten Stresssituationen sind die natürlichen Reaktionen unseres Körpers sehr sinnvoll. Unsere Herzfrequenz steigt, unsere Atmung wird schneller. Unser Körper bereitet sich darauf vor, zu kämpfen oder zu fliehen. Ist die stressauslösende Situation vorbei, pendeln unsere Körperfunktionen sich wieder auf den Normalzustand ein.

Doch bei einer anhaltenden Stresssituation, kommt es zu keiner Erholung mehr. Unser Organismus erschöpft irgendwann. Das führt dann zu einem geschwächten Immunsystem und wir sind anfälliger für Infekte. Doch auch unsere Organe reagieren darauf. Es kann zu Magen-Darm-Problemen kommen, Tinnitus oder auch Hautproblemen. Da Schlafstörungen ebenfalls ein häufiges Anzeichen bei Dauerstress sind, fehlt dem Körper selbst diese Phase der Erholung. Das führt zu chronischer Müdigkeit und Erschöpfung.

Schlussendlich sind Opfer von Mobbing nicht nur für körperliche und psychische Erkrankungen anfälliger, sondern sie weisen auch ein erhöhtes Selbstmordrisiko auf. Die Situation scheint im schlimmsten Fall so aussichtslos, dass die Betroffenen sich einfach nicht mehr anders zu helfen wissen. Denn sobald Opfer das Mobbing als unumstößlich betrachten, gilt der Suizid als einzige Fluchtmöglichkeit.

Ein Ausweg bietet dann eben nur noch, dass die Opfer ihre Vorstellung von sich selbst ändern. Die Attribute – welche sie sich selbst zuschreiben, sollten mit professioneller Hilfe zuerst aufgeweicht und dann abgeändert werden. Dadurch kann jedes Opfer aus dieser Rolle verschwinden.

Die Auswirkungen von Mobbing auf Arbeitsplatz und Schule

Zum psychischen Druck durch die Bullys kommen noch Leistungseinbußen hinzu.
Wie eben schon beschrieben, ist Mobbing ein gewaltiger Stressfaktor. Die Opfer gehen jeden Morgen mit einem unguten Gefühl zur Schule oder zur Arbeit. Sie fürchten sich vor dem, was ihnen bevorstehen könnte. Das führt dazu, dass die Zahl der Krankheitstage zunimmt.

Viele lassen sich auch ohne körperliche Beschwerden vom Arzt krankschreiben, um sich selbst eine Pause zu verschaffen. Dabei handelt es sich allerdings um keine Langzeitlösung, weil das natürlich auf Kosten der Noten geht oder auch den Arbeitsplatz gefährden kann. Alternativ könnte die Schule oder der Job gewechselt werden. Allerdings gestaltet sich das auch nicht immer einfach und leider folgen auf Mobbingerfahrungen in der Schule später nicht selten auch Mobbing am Arbeitsplatz.

Am Arbeitsplatz wird Mobbing durch Rollenkonflikte oder unklare Rollendefinitionen begünstigt. Hinzu kommen bestimmte Machtgefälle zwischen Angestellten und Vorgesetzten oder auch die Bezugsgruppe bei der Arbeit. Es ist beispielsweise wahrscheinlicher, dass eine Frau in einem männerdominierten Beruf schikaniert wird als ein Mann. Studien zufolge sind die Häufigkeit und die von Mobbing am Arbeitsplatz bei beiden Geschlechtern zwar etwa gleich verteilt. Doch Frauen scheinen wesentlich stärker darunter zu leiden als Männer.

Mobbing führt zu Leistungseinbußen

Der Job ist natürlich nicht nur durch eine Vielzahl von Krankheitstagen gefährdet.
Aufgrund der oben beschriebenen Folgen des Mobbings können die Opfer auch nicht die gewünschten Ergebnisse erzielen. Sie sind unkonzentriert, übermüdet und mit den Gedanken nicht bei der Sache. Das kann zum einen am Schlafmangel und zum anderen an der Angst davor liegen, was der unliebsame Kollege sich heute wieder ausgedacht haben könnte.

Diese Umstände begünstigen, dass das Opfer weder die Leistung erbringen kann, die sein Arbeitgeber sich wünscht, noch die eigenen Ziele erreichen wird. Gleiches gilt natürlich für schulische Leistungen. Das Lernen fällt schwer, Abgabetermine werden vergessen und Krankheitstage führen dazu, dass man dem Schulstoff hinterherhinkt. Das kann nicht nur die Noten einzelner Klausuren, sondern auch den Schulabschluss gefährden.

Mobbing im Wandel

Durch die Digitalisierung ist in den letzten Jahren noch eine weitere Form des Mobbings aufgetreten: Das Cybermobbing oder -bullying. Das Internet bietet den Tätern viele Vorteile. Sie können sich einerseits die Anonymität zu Nutze machen, indem sie sich falsche Identitäten zulegen und darüber das Opfer kontaktieren. Auch bietet das Internet den Tätern eine größere Bühne.

Ihre Taten werden zwar auf dem Schulhof von dutzenden Mitschülern beobachtet, doch online findet sich ein wesentlich größeres Publikum. Hinzu kommt, dass sich das Mobbing nicht nur auf einen einzigen situativen Kontext beschränkt. Die Opfer sind ihren Peinigern nicht nur in der Schule oder im Büro ausgesetzt, sondern diese können mithilfe der neuen Kommunikationstechnologie in jeden privaten Bereich der Opfer vordringen. Die Täter können also sowohl zeitlich als auch ortsungebunden agieren. Sie können ihren Opfern Drohmails oder SMS schicken und belastende Fotos oder Gerüchte in sozialen Netzwerken posten.

Jeder Blick auf das Handy oder das Öffnen des E-Mail-Postfachs sind dann mit Angst verbunden. Das hat weitreichende Folgen. Studien haben belegt, dass Cyberbullying mit einem höheren Suizidrisiko zusammenhängt als Mobbing außerhalb des Internets.

Warum werden Mobbingopfer meistens auch später gemobbt

Menschen, welche gemobbt wurden – sehen sich als Opfer. Denn diese Rolle haben diese Menschen seither bekleidet. Diese Opferrolle nehmen sie dann in der Schule, womöglich in einer Partnerschaft und später im Berufsleben ein.

Weiterhin gestattet die Opferrolle ihnen nicht, etwas an der derzeitigen Situation ändern zu können. Denn Opfer sehen die Schuld meistens bei Anderen nicht bei sich. Und deshalb bleibt es ihnen jahrelang verwehrt, etwas an sich zu ändern, was Mobber abschrecken könnte.

Oftmals wird dies schon in der Kindheit vorgelebt. Ein Kind, welches dauerhaft gehänselt wird – wird nicht in seinem Selbstwertgefühl systematisch aufgebaut. Stattdessen versucht man die Mobber und die anderen Kinder dazu zu bringen, von ihrem Opfer abzulassen. Diese Strategie ist mehr als sinnlos, da die Opfer ihre Rolle ein Leben lang bekleiden werden.

Stattdessen sollte man den Opfern – beispielsweise durch eine Veränderung ihres internen Attributionsstil – beibringen, kein Opfer mehr zu sein und nicht als diese wahrgenommen zu werden. Denn durch das Ablegen der Opferhaltung ergeben sich neue Möglichkeiten, die Außenwahrnehmung zu ändern, wodurch Täter in ihnen kein potentiellen Opfer mehr erkennen können.

Sind Mobbingopfer selbst schuld daran, dass sie gemobbt werden

Nein, natürlich nicht. Die Schuld liegt einzig und allein bei den Tätern. Die Peiniger sollten geächtet und bestraft werden. Denn die Schuldumkehr würde bedeuten, dass Mobbingopfer selbst die Schuld an der Tat tragen. Somit würden sie zu Tätern werden, wodurch man sie wiederum in eine Rolle zwängt.

Doch leider ist dies häufig der Fall. Denn bei einem Mobbingopfer wird die Schuldlast ganz schnell mal verschoben. Zum Beispiel…

  • Das wäre nicht passiert, wenn du nicht so ein Sonderling wärst.
  • Es liegt an dir, weil du so schnell weinst.
  • Wenn du ihnen zeigst, dass du Angst hast – reagieren sie nur auf dich.

Alle diese Äußerungen führen dazu, dass das Opfer eine Teilschuld des Mobbings erhält – wodurch es noch einmal bestraft wird. Stattdessen wäre eine Ausweg zu zeigen:

  • Sei stolz auf dich, gerade weil du anders bist.
  • Weinen ist kein Zeichen von Schwäche sondern von Stärke und Erhabenheit.
  • Angst ist kein Grund, an sich zu verzweifeln. Jeder hat irgendwann einmal Angst und dies ist völlig normal.

Dadurch könnten Opfer ihre Opferrolle abgeben und sich anders fühlen. Dies würde ihnen ein Ausweg bieten und die Wahrscheinlichkeit für zukünftige Übergriffe verringern.

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