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Victim Blaming: Warum Opfer zu Tätern gemacht werden | Psychologie


Victim Blaming ist ein gesellschaftliche Phänomen, bei welchem dem Opfer einer Straftat die Schuld teilweise oder ganz zugeschrieben wird. In der wissenschaftlichen Psychologie untersucht man die Folgen dieses Umkehrprozesses für die Opfer sowie den Grund für dieses Phänomen.

Nehmen wir einmal die folgende Situation an: Eine schwangere Frau wird angeschossen und verliert durch einen Treffer in den Bauch ihr ungeborenes Kind. Was sind deine ersten Gedanken dazu? Vermutlich empfindest du Mitleid für die Frau. Oder würdest du dir denken, sie sei selbst schuld an dem Unglück?

Auch wenn die zweite Option absurd klingt, so ist das kein seltenes Phänomen. Das Beispiel ist nämlich kein fiktives, sondern ereignete sich 2019 im US-Bundesstaat Alabama. Nachdem eine werdende Mutter mit einer anderen Frau in einen Streit geriet, wurde sie von der anderen angeschossen und selbst zur Schuldigen gemacht.

Immerhin hätte sie als schwangere Frau das Wohl ihres Ungeborenen bedenken müssen und sich erst gar nicht in den Streit verwickeln lassen dürfen. Doch mit dieser abstrusen Anschuldigung endete die Geschichte noch nicht. Stattdessen wurde die Frau für den Tod ihres Kindes selbst verantwortlich gemacht und wegen Todschlags angeklagt.

Die Schützin hingegen erhielt keine Anklage. Zum Glück wurde die Anklage später fallen gelassen. Das ist allerdings nur eines von vielen Beispielen. Denn diese Täter-Opfer-Umkehr beziehungsweise Victim Blaming zeigt sich in den unterschiedlichsten Kontexten. Doch wie kommt es zu diesem Phänomen? Welche psychologischen Mechanismen dahinterstecken, beleuchten die folgenden Absätze.

Was ist Vicitm Blaming?

Der Begriff „Victim-Blaming“ stammt aus dem Englischen und bedeutet Opfer beschuldigen. Oder anders gesagt …Die Verantwortung des Täters wird auf das Opfer übertragen.

Wenn sich eine Straftat ereignet, ist eigentlich klar, wer der Täter und wer das Opfer ist. Der Täter ist derjenige, der die Tat begeht und dem Opfer widerfährt sie. Die Definition des Opfers impliziert, dass diese Person das Ereignis nicht selbst herbeigeführt hat und die Tat auch nicht in seinem Einverständnis stattgefunden hat. Damit sollte außer Frage stehen, bei wem die Verantwortung liegt: Beim Täter. So weit, so gut.

Victim Blaming bei sexueller Gewalt

Doch so einfach scheint es sich in den Köpfen vieler Menschen nicht zu gestalten.
Wird eine Frau zum Opfer eines sexuellen Übergriffs, wird sie häufig mit einer ganz bestimmten Frage konfrontiert: „Was hattest du denn an?“. Diese Frage klingt vielleicht erstmal harmlos, doch beinhaltet ein gutes Beispiel für Victim Blaming.

Denn mit dieser Frage schwingt eine Verantwortungsübertragung an das Opfer mit. Wenn dieses keinen Lippenstift oder eine Hose statt eines Rocks getragen hätte, wäre das alles sicher erst gar nicht passiert. Das Opfer ist nach dieser Logik also selbst schuld und dem Täter wird die Verantwortung für sein Handeln abgenommen.

Leider erfahren die Opfer solche Fragen nicht nur durch Familienangehörige oder Bekannte, sondern sie werden ihnen teilweise selbst von der Polizei gestellt. Daher kommen viele Fälle erst gar nicht zur Anzeige. Denn die Opfer haben Angst, nicht ernstgenommen zu werden und fürchten weitere belastende Anmerkungen hinsichtlich der Schuldfrage.

Hinzu kommt, dass viele Opfer nicht nur aus Angst vor einer Anzeige zurückschrecken. Sie sind sich selbst nicht einmal mehr sicher, ob ihnen wirklich etwas Unrechtes widerfahren ist. Vielleicht haben sie ja wirklich etwas an sich, was den Täter provoziert hat und sind demnach selbst schuld? Dahinter stecken neben veralteten Rollenbildern in Bezug auf die Geschlechter und Sexismus auch noch bestimmte psychologische Prozesse, auf die wir weiter unten eingehen werden.

In welchen Bereichen kommt Victim Blaming noch vor?

Wo es ein Opfer gibt, kann es auch zur Umkehr der Verantwortung kommen. Die Täter-Opfer-Umkehr ist vor allem im Kontext der sexuellen Gewalt weit verbreitet. Doch sie kommt auch in anderen Bereichen vor. Ein weiteres Beispiel ist Mobbing. Definiert wird dieses durch ein aggressives Verhalten der Bullys (Täter) gegenüber den Opfern.

Diese sind den Tätern meist sowohl körperlich als auch im sozialen Status unterlegen. Die Opfer sind häufig Personen, welche sich eher zurückgezogen verhalten und sozial weniger gut eingebunden sind als ihre Peiniger. Daher fällt es ihnen auch schwer, sich zu verteidigen oder aus ihrem Opferstatus herauszukommen.

Da die Täter durch ihre Aktionen häufig noch einen zusätzlichen sozialen Aufschwung erhalten, drangsalieren sie die Opfer über Monate oder Jahre hinweg. Auch in diesen Fällen kann dem Opfer angelastet werden, dass es selbst für die unglücklichen Umstände verantwortlich sei. Immerhin hätte es sich ja anders verhalten können. Wenn es nicht so ein Sonderling wäre, würde es schließlich keine Angriffsfläche bieten.

Auch bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung kann Victim Blaming eine Rolle spielen. Wenn Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörungen anderen Personen Schaden zufügen, drängen sie diese gern in die Täterrolle. Sie suggerieren den Menschen, den sie schädigen, dass sie selbst das Verhalten des Beschuldigenden ausgelöst hätten.

Ein Beispiel für Victim Blaming bei häusliche Gewalt wäre, wenn ein Partner den Anderen schlägt. Anstatt sich zu entschuldigen und zu therapieren, versucht man die Täter-Opfer-Verhältnis umzukehren. Der Schläger beginnt über Schuldzuweisungen an das Opfer seine Gewalttätigkeit zu erklären. Zum Beispiel:

  • Du zwingst mich dazu, dich zu schlagen.
  • Weil du anderen Männern/Frauen nachschaust, muss ich so reagieren
  • Ich kann nachts wegen dir nicht schlafen und bin deshalb gereizt.

Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen sehen das Problem nie bei sich, sondern suchen Schuldige woanders. Der Partner übernimmt die Schuld, da die ganze Beziehung bereits gestört ist.

Welche psychologischen Mechanismen stecken dahinter?

Wahrscheinlich fragst du dich jetzt, wie wir überhaupt dazu kommen, die Schuld bei den Opfern zu suchen.
Dahinter werden unterschiedliche Prozesse vermutet. Dazu gehören der Gerechte-Welt-Glaube, Mythen rund um sexuelle Übergriffe und deren Akzeptanz sowie Vorstellungen über Geschlechterrollen, -stereotype und Sexismus.

Das erste Konzept befasst sich mit der Beschuldigung von Opfern allgemein Die anderen beiden Ansätze legen den Fokus vor allem auf sexuelle Gewalt.

Gerechte-Welt-Glaube

Jeder kriegt, was er verdient.
Wir leben in einer Welt, die für uns einfach nicht immer vorhersehbar ist. Dennoch wollen wir ein Gefühl von Sicherheit. Daher gehen wir davon aus, dass wir in einer gerechten Welt leben: Jeder bekommt, was ihm zusteht. Das gilt dann eben auch für Opfer. Irgendetwas müssen sie getan haben, was dieses Ereignis ausgelöst hat.

Dahinter steckt die Annahme, dass wir uns selbst in Sicherheit wägen wollen. Wir distanzieren uns so von dem Opfer. Denn wir gehen davon aus, dass uns irgendetwas von ihm unterscheidet. Immerhin ist uns so etwas noch nicht passiert. Und weil wir anders als das Opfer sind, wird uns so etwas auch nicht passieren.

Die Tatsache, dass das Opfer keine Mitschuld an der Tat trägt, bedroht den Gerechte-Welt-Glaube. Wenn wir unser Bild einer gerechten Welt aufrechterhalten wollen, müssen wir die Unschuld des Opfers ganz einfach in Frage stellen.

Mythen und deren Akzeptanz

Es kursieren sehr viele Mythen über sexuelle Übergriffe.
Zusätzlich werden diese Mythen durch den Glauben an sie aufrechterhalten. Diese falschen Geschichten beinhalten beispielsweise veraltete Vorstellungen darüber, dass Frauen rein körperlich gar nicht gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr gezwungen werden könnten.

Genauso falsch ist die Annahme, dass es sich bei den Tätern immer um Fremde handelt. Natürlich können Übergriffe dieser Art auch von Bekannten oder auch vom eigenen Partner ausgehen. Das ist sogar eher die Regel als die Ausnahme. Diese Annahmen dienen dem Leugnen, Rechtfertigen oder Verharmlosen von dieser Form der Gewalt. Auch hier steht das Gefühl vermeintlicher Sicherheit im Fokus.

Den Opfern wird eine Mitschuld angelastet und der Täter wird entlastet. Um letzteren ranken sich etwa Mythen, dass es sich ausschließlich um psychisch gestörte Männer handle, die keine Kontrolle über ihr Handeln haben. Doch der Punkt der Kontrolle wird dem männlichen Geschlecht scheinbar ohnehin nicht zugesprochen. Es besteht nämlich auch die fälschliche Annahme, dass Männer ihre sexuellen Triebe einfach nicht regulieren können.

Um im Umkehrschluss liegt es also wieder in der Verantwortung der Frauen, sich dementsprechend zu verhalten. Bloß keinen Lippenstift auftragen oder die Fingernägel lackieren. Das könnte die Triebe wecken und die Männer würden unkontrolliert über sie herfallen, was sie selbst provoziert hätte. Klingt absurd, ist allerdings ein psychologisches Phänomen, das in Bezug auf Victim Blaming leider häufig greift.

Interessant ist auch, dass der Konsum von Alkohol zu einer Verschiebung der Verantwortung beiträgt. Sofern das Opfer getrunken hatte, wird die Schuld bei ihm gesucht. War die Frau betrunken, als es zum Übergriff kam, ist sie also selbst schuld. Hätte sie nicht zu tief ins Glas geschaut, hätte sie den Angreifer sicher abwehren können. Stand der Täter hingegen unter Alkoholeinfluss, so wird ihm wieder einmal die Verantwortung abgenommen. Er war zu betrunken, um sein Handeln zu kontrollieren. Also wusste er nicht, was er tut…

Die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Mythen führt wiederum zu einem verstärktem Victim Blaming. Wenn die Leute solchen Geschichten Glauben schenken, sehen sie das Opfer noch stärker in der Verantwortung. Wird die Frau zum Opfer sexueller Gewalt, hat sie sich mitschuldig gemacht. Schließlich hätte sie sich über die Schwächen des männlichen Geschlechts bewusst sein und sich weniger provokant verhalten müssen.

Geschlechterrolle, Stereotype und Sexismus

Auf die Akzeptanz der Mythen haben Rollenvorstellungen einen starken Einfluss.
Mit Geschlechterrollen sind Eigenschaften und Verhaltensweisen gemeint, welche wir den Geschlechtern zuschreiben. Diese sind kulturell vermittelt.

In den letzten Jahrzehnten haben sich zwar die Rollen der Frau zwar durch die Erwerbstätigkeit verschoben, doch das alte Bild der Geschlechterrolle ist noch sehr präsent. Noch immer werden Männern und Frauen Eigenschaften zugeschrieben, die für ihr Geschlecht als besonders wünschenswert gelten.

Stereotype bestimmen, welche Eigenschaften als feminin und welche als maskulin gelten. In Bezug auf sexuelle Übergriffe zeigten Studien, dass Frauen vor allem dann Victim Blaming erfuhren, wenn sie dem traditionellen weiblichen Rollenideal widersprachen.

Sexismus kann als eine diskriminierende Einstellung und Verhaltensweise beschrieben werden, die einer anderen Person gegenüber nur aufgrund ihres Geschlechts gezeigt wird. Gegenüber Frauen und Männer gibt es hier verschiedene Formen von Sexismus. Beim traditionellen Sexismus wird auf die Minderwertigkeit der Frau gepocht. Daher steht das Thema Gleichberechtigung hier auch gar nicht erst zur Debatte.

Der moderne Sexismus hingegen beinhaltet das Verleugnen von Diskriminierung. Hier besteht die Annahme, dass Gleichberechtigung bereits hergestellt sei, weshalb Forderungen nach beispielsweise einer Anpassung des Gehaltes auch als unangebracht empfunden werden. Zum modernen Sexismus gehören noch der benevolente und der hostile Sexismus. Die erste Unterform beinhaltet die Überzeugung, dass Frauen von Männern beschützt werden müssen. Der hostile Sexismus hingegen geht mit einer Feindseligkeit gegenüber Frauen einher. Beide stellen Frauen als das schwache Geschlecht dar.

Allerdings sind nicht nur Frauen von Sexismus betroffen. Auch Männern gegenüber kann ein benevolenter oder hostiler Sexismus gezeigt werden. Während in der ersten Variante der Mann als Beschützer und Versorger dargestellt und idealisiert wird, geht der holistische Sexismus mit einer Unterstellung von Kontroll- und Machtsucht einher. Auch gehört die Annahme dazu, dass alle Männer Frauen nur als Objekte ansehen. Sowohl die sexistischen Vorstellungen in Bezug auf Frauen als auch die auf Männer tragen zur Aufrechterhaltung von den oben genannten Mythen bei.

Zusammenfassung

  • Mit Victim Blaming ist eine Täter-Opfer-Umkehr gemeint.
  • Dabei wird der geschädigten Person die Verantwortung für die Tat zugeschrieben, während dem Täter die Schuld abgenommen wird.
  • Der Glaube an eine gerechte Welt sowie Geschlechterrollen und Sexismus tragen zum Aufrechterhalt von Victim Blaming bei. Das trifft besonders auf den Kontext sexueller Gewalt zu.
  • Es ist deshalb so wichtig, weil – wenn die psychologischen Mechanismen hinter dem Phänomen des Victim Blamings bekannt sind, können entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Aufklärungskampagnen können einerseits das Thema in der Gesellschaft präsenter machen und so die bestehenden Rollenvorstellungen aufbrechen, die das Victim Blaming verstärken.
  • Auch ist die Schaffung einer Sensibilität für das Thema wichtig.
  • Opfer von Mobbing, sexuellen Übergriffen oder anderen Straftaten haben bereits durch die Tat selbst Leid erfahren. Durch die Anschuldigungen anderer, selbst an den Ereignissen eine Mitschuld zu tragen, verursacht zusätzlich Selbstzweifel, Stress und Scham.
  • Das macht sie nicht nur zum Opfer des Täters, sondern auch zum Opfer der gesellschaftlichen Vorstellungen von Schuld.
Über den Autor:

Mein Name ist Mathias Mücke und ich bin Autor und Inhaber von ScioDoo.

Das Ziel von ScioDoo ist es, dass du hier Informationen findest, welche du für deinen Alltag, Schule, Studium oder eine betriebliche Weiterbildung brauchst.

Aber nicht nur das...

Gleichzeitig will ich das Wissen recht unterhaltsam servieren, so dass du vielleicht mal wiederkommst.

Ich weiß selbst, dass dieser Ansprung enorm ist.

Aber deshalb arbeite ich auch jeden Tag an mir und an diesem Projekt, so dass du auch jeden Tag neues kostenloses Wissen bekommst.

Nicht schlecht, oder?

Also bis später vielleicht.

LG Mathias Mücke


Tasse

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