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Alterität der Geschichtswissenschaft am Beispiel der Antike


Mit Alterität ist die Auseinandersetzung mit dem Anderen, dem Trennenden gemeint. Alterität steht für eine Art Begegnungsprozess, bei dem „das Andere“ als fremd und somit als trennend wahrgenommenen wird. Eine Gesellschaft konstruiert „das Andere“, um sich gleichzeitig davon distanzieren zu können. Auf diese Weise bestätigt sie ihre kulturelle Überlegenheit und ihre Identität. Identitäten, auch die von Gesellschaften, werden durch Abgrenzung und Ausgrenzung konstruiert.

Alterität und Identität gehören also zusammen. Alterität dient der Selbstbestätigung und der Selbstvergewisserung. Bei der Betrachtung der Antike ist diese Feststellung wichtig, denn um etwas betrachten zu können, muss es auf Distanz gebracht werden. Eine Distanzierung vom Forschungsobjekt kann leicht zur Konstruktion eines „Anderen“ führen. Daraus kann eine kulturelle Abgrenzung entstehen und aus dem objektiven wird ein identitätsstiftender Blick in Bezug auf die Andersartigkeiten.

Was unterscheidet Alte Geschichte von den Altertumswissenschaften?

Alte Geschichte beschäftigt sich ausschließlich mit der griechisch-römischen Antike, vom Beginn der Archaik (etwa 800 v. Chr.) bis zum Ende der Spätantike (etwa 600 n. Chr.). Die anderen Altertumswissenschaften sind für die übrigen Kulturen Europas, Nordafrikas und des Alten Orients zuständig. Die Antike hat in der europäischen Geschichtswissenschaft also eine besondere Bedeutung.

Es gibt ältere Schriftkulturen, aber deren Schriftsysteme wurden erst im 19. Jahrhundert entziffert. Bis dahin waren diese schriftlichen Hinterlassenschaften nicht übersetzbar, boten stattdessen aber viel Raum für Spekulationen. Anders dagegen die Schrift und Sprache der Antike: Sowohl Altgriechisch als auch Latein wurden in Europa ununterbrochen geschrieben, gesprochen und gelehrt. In Deutschland werden beide Sprachen noch heute an den humanistischen Gymnasien unterrichtet.

Die altsprachliche Schulbildung geht zurück auf den Humanismus der Renaissance im Europa des 15. und 16. Jahrhunderts. Die Gelehrten dieser Zeit bemühten sich um die kulturelle Wiederbelebung der griechisch-römischen Antike. „Renaissance“ steht für deren Wiedergeburt.

Die humanistischen Gelehrten der Renaissance fühlten sich einer neuen, kultivierten Epoche zugehörig. Der Humanismus als geistige Strömung bezieht sich auf das von dem römischen Gelehrten Cicero formulierte Konzept der Ausformung der „humanitas“. Dieses Konzept sieht im Bildungsbestreben die eigentliche Natur des Menschen. Der Mensch unterscheide sich vom Tier durch die Sprache. Den Humanisten zufolge sei deswegen das Erreichen des höchsten sprachlichen Niveaus die vornehmlichste Tätigkeit des Menschen. Sie hebe ihn moralisch empor und befähige ihn zum Philosophieren.

Die Antike wurde idealisiert und galt als maßgebende Norm aller Lebensbereiche. Die darauf folgenden, kulturell „finsteren“ Jahrhunderte wurden als das Andere, Fremde, Barbarische, Unkultivierte dargestellt und als Mittelalter bezeichnet. Das Mittelalter wurde als das Trennende zwischen dem Ende der Antike und deren „Wiedergeburt“ gestellt.

Der europäische Renaissance-Humanismus konnte sich dadurch kulturell vom Mittelalter abgrenzen und stattdessen mit der Antike identifizieren. Diese Selbstbestätigung und Selbstvergewisserung hatte ein Elitedenken zur Folge, das bis in die heutige Zeit reicht. Europa sieht seine Wurzeln in der Antike der griechisch-römischen Zeit. Damit grenzt sich Europa kulturell von anderen und älteren einflussreichen Kulturen anderer Weltregionen ab.

Warum zählen das alte Ägypten und Mesopotamien nicht zur Antike?

Die griechisch-römische Antike steht nicht isoliert im geschichtlichen Raum. Es gab weltweit zuvor und auch zeitgleich große Kulturen. Doch die spielen in der Betrachtung der Antike des Mittelmeerraums keine Rolle. Diese Kulturen waren entweder schriftlos oder ihre Schrift musste noch entschlüsselt werden.

Die altindische Brahmi-Schrift, die ägyptischen Hieroglyphen oder die Keilschrift der mesopotamischen Kulturen wurden erst im 19. Jahrhundert entziffert, die Schrift der Maya erst nach 1950. Die Entzifferung der Indus-Schrift der Harappa- bzw. Indus-Kultur ist bis heute noch nicht gelungen.

Lediglich bei der altchinesischen Schrift verhält es sich ähnlich wie mit dem Altgriechischen und Latein in Europa. Sie wurde durchgehend von der gebildeten Elite und den Beamtengelehrten in der Verwaltung benutzt. Altchinesisch kann im Prinzip noch heute gelesen werden. In der katholischen Kirche ist das Kirchenlatein ebenfalls heute noch in Gebrauch. In den orthodoxen Ostkirchen ist es das Altgriechische.

Die humanistischen Gelehrten fühlten sich mit der von ihnen stark idealisierten griechisch-römischen Antike kulturell verwandt und verbunden. Das war mit allen anderen Kulturen nicht der Fall. Aufgrund mangelnder Kenntnisse blieben ihnen diese Kulturen fremd und unbekannt. Diese Fremdheit wurde herausgestellt, indem sie in ihrer vermeintlichen Primitivität der Antike gegenübergestellt wurde.

Diese Abgrenzung diente weniger der Selbsterkenntnis als vielmehr der Selbstvergewisserung. Es ging nicht so sehr darum zu erkennen, wo es noch an Kenntnissen fehlt, sondern viel eher darum zu wissen, wo die eigentlichen Wurzeln liegen. Diese elitäre und eurozentrische Sichtweise hallte in den Geisteswissenschaften, zu denen die Geschichtswissenschaften zählen, noch bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nach.

Der europäische Humanismus war die Grundlage einer europäischen Identität, die ihre Selbstbestätigung aus der Gegenüberstellung mit „dem Anderen“ erlangte. Das Andere waren das Mittelalter und die noch nicht lesbaren Kulturen wie die altägyptische oder die Mesopotamiens.

Die Antike – Weshalb Griechenland und Rom getrennt betrachtet werden sollten

Alteritätserfahrung ist die Erfahrung von Andersartigkeit. Die altgriechische Kultur war eine andere als die römische. Im antiken Griechenland entwickelte sich die Demokratie. Aus der römischen Republik wurde nach und nach ein Kaiserreich. Diese beiden Kulturen, die noch heute in einen Topf geworfen werden wenn von der griechisch-römische Antike die Rede ist, waren also völlig gegensätzlich in ihren sozio-kulturellen Werten.

Die herausragenden kulturellen Leistungen des antiken Griechenlands lagen aus heutiger Sicht vor allem auf der künstlerischen und philosophisch-geistigen Ebene. Die Römer beendeten die griechische Vorherrschaft in der ganzen damals bekannten Welt. Ihre kulturellen Leistungen lagen auf anderer Ebene. Die Römer perfektionierten die Kriegsführung und die damit einhergehende Verwaltung.

Die Griechen wurden 146 v. Chr. von den Römern endgültig besiegt, und 30 v. Chr. mit Ägypten auch das letzte hellenistische Reich. Damit herrschten die Römer über den gesamten zuvor hellenisierten Raum. Die griechische Kultur ging in die römische über. Sie wurde von den Römern bereitwillig übernommen. Die römische Elite gönnte sich griechische Hauslehrer und sprach neben Latein auch Griechisch.

Die Römer grenzten sich nicht gegen die Griechen, sondern gegen die Völker ab, die nicht ihre Sprache sprachen. Wie schon die Griechen bezeichneten auch die Römer diese Völker als Barbaren. Ebenso wie die Griechen machten auch die Römer ihre Identität an der Andersartigkeit der Barbaren fest, über die sie sich kulturell erhoben. Darin waren sich die Griechen und Römer allerdings sehr ähnlich – und darin ähneln sie allen Kulturen, auch denen der heutigen Zeit.

Über den Autor:

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LG Mathias Mücke


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