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Systematische Selbstüberschätzung: Ursachen, Beispiele und Maßnahmen


Die Systematische Selbstüberschätzung ist ein Phänomen aus der Psychologie, bei dem betroffene Personen an die Überlegenheit ihrer nicht- und minderausgeprägten Fähigkeiten glauben. Dies führt häufig dazu, dass sie keineswegs von ihrem Standpunkt abweichen, gegenüber alternative Meinungen resistent sind und sich nicht beraten lassen.

In diesem Artikel gehen wir darauf ein, welche Folgen die Selbstüberschätzung haben kann, welche Unterformen es gibt, welche Rolle die eigenen Fähigkeiten spielen und warum zu viel Kompetenz in einem Fachgebiet auch von Nachteil sein kann.

Was bedeutet systematische Selbstüberschätzung?

Mit der Selbstüberschätzung sind wir vermutlich alle schon einmal in Berührung gekommen. Bei der Entscheidungsfindung und dem Bilden von Urteilen hat der Mensch eine Tendenz zur Selbstüberschätzung. Dabei halten wir so voller Überzeugung an der Korrektheit unserer Überzeugungen fest, dass wir diese gleichzeitig überschätzen. Wir glauben selbst dann noch an die Unumstößlichkeit unseres Wissens, wenn es sich als falsch erwiesen hat.

Das kann Folgen haben. So schätzen Investmentmanager sich häufig auf ihrem Gebiet als hervorragend ein und gehen davon aus, dass sie sich beim Kauf einer bestimmten Aktie gar nicht täuschen können. Das tun sie selbst dann noch, wenn etliche Zeichen dagegen sprechen. Auch politische Vertreter oder Führungskräfte in Unternehmen beharren auf ihren offensichtlich falschen Einschätzungen. Allerdings sind wir auch im Alltag nur zu oft von der systematischen Selbstüberschätzung nicht sicher. Man denke nur einmal an Schüler oder Studierende und Abgabetermine.

Ach, das schaffe ich auch in drei Tagen…

Nicht wenige überschätzen ihr Können und unterschätzen gleichzeitig den Aufwand, der mit einer Hausarbeit oder Projektarbeit einhergeht. Daraufhin veranschlagen viele Schüler oder Studierende einen viel zu knappen Zeitraum für ihre Arbeit und brauchen im Endeffekt doch doppelt so lange.

Entweder kommen sie in gravierende Zeitnot oder geben die Arbeit nicht fristgerecht ab. Allerdings neigen wir nicht nur dazu, unsere eigenen Fähigkeiten zu überschätzen. Wir schätzen häufig auch die uns zur Verfügung stehende Zeit vollkommen unrealistisch ein. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass Menschen einen Kredit für ein Haus aufnehmen und glauben, später mehr Geld für die Rückzahlungen auf der hohen Kante zu haben als im derzeitigen Moment.

Oder…
Arbeitnehmer oder Selbstständige nehmen auch häufig mehr Aufträge und Aufgaben an als sie eigentlich erledigen können. Denn sie denken, dass sie später „mehr“ Zeit dafür haben.

Oder vielleicht noch ein alltäglicheres Beispiel: Unter der Woche hast du so viel zu tun, dass deine To-Do-Liste für das Wochenende immer länger wird. Du schiebst Dinge, die du gern erledigen würdest, auf und glaubst, am Wochenende genug Zeit dafür zu haben. Und jetzt überlege einmal, wie oft das tatsächlich funktioniert hat…

Wenn plötzlich jeder der Beste ist

Ein anderes Beispiel ist das Autofahren. Wenn Autofahrer gefragt werden, ob sie zu den besten 30 Prozent der Fahrer gehören, bejahen sage und schreibe rund 80 Prozent diese Frage. Das ist zwar allein schon rein rechnerisch nicht möglich. Dennoch halten die meisten an ihrer Überzeugung fest.

Wenn der Durchschnitt von der eigenen Überdurchschnittlichkeit überzeugt ist, spricht man auch vom above-average Effekt. Hierbei liegt der Glaube vor, sich vernünftig zu verhalten und die richtige Entscheidung zu treffen. Doch wenn alle besser als der Durschnitt wären, würden sie bereits wieder einen neuen Durchschnitt bilden und demnach nicht mehr über dem Mittelmaß liegen.

Selbstüberschätzung ist kein einheitliches Phänomen

Selbstüberschätzung kann in mehrere Untereinheiten eingeteilt werden. Eine Unterkategorie ist die Überschätzung der tatsächlichen Leistung. Daneben gibt es noch die Einschätzung der eigenen Leistungen als überdurchschnittlich, während man die der anderen als geringer einschätzt. Dazu gehört noch die übermäßige Überzeugung, dass die eigene Einstellung richtig ist.

Die funktionale Selbstüberschätzung geht mit einer Diskrepanz zwischen der Einschätzung der eigenen Leistung und der tatsächlichen Leistung einher. Das eigentliche Ergebnis rechtfertigt in diesem Fall die Überzeugung des eigenen Könnens also nicht.

Am stärksten fällt der Effekt der Selbstüberschätzung auf, wenn die betreffende Person keine Kompetenzen in einem Fachgebiet hat. Hierbei kommt es zu einem doppelten Effekt. Denn die Person überschätzt ihre eigenen Leistungen, obwohl sie keine Ahnung von der Materie hat. Und gleichzeitig verfügt sie noch über zu wenig Wissen, um das Ergebnis als schlecht zu erkennen. Sie bleibt demnach in dem Glauben, überdurchschnittlich gut in einer Sache zu sein, weil sie die mangelhafte Qualität des Ergebnisses nicht als solches erkennt. In diesem Zusammenhang ist auch vom Dunning-Kruger-Effekt die Rede.

Was ist der Dunning-Kruger-Effekt?

Bei diesem Effekt handelt es sich um eine kognitive Verzerrung. Menschen mit geringer Kompetenz überschätzen ihre Fähigkeiten und unterschätzen gleichzeitig die Fähigkeiten von kompetenteren Personen. Der Begriff basiert auf den Arbeiten der Forscher David Dunning und Justin Kruger Ende der 1990er Jahre.

Sie entdeckten, dass Unwissenheit in einem Gebiet zu mehr Selbstvertrauen führt. Ironischerweise liegt eine geringere Selbstüberschätzung bei kompetenten Personen vor. Gleichzeitig schienen die inkompetenten Probanden jedoch nicht nur ihr eigenes Können zu überschätzen. Denn sie erkannten auch nicht, wenn andere Probanden bessere Fähigkeiten an den Tag legten. Dunning beschrieb das folgendermaßen: „Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist.“

Das liegt laut Dunning daran, dass man für die Problemlösung entsprechende Kompetenzen benötigt. Liegen diese nicht vor, kann jemand die korrekte Lösung auch nicht erkennen. Allerdings ist der Dunning-Kruger Effekt eher ein Internet-Phänomen. In der psychologischen Fachliteratur spielt er keine besondere Rolle.

Kann zu viel Kompetenz schaden?

Mittlerweile weisen einige Studien sogar darauf hin, dass zu viel Kompetenz im Job nicht zwingend von Vorteil sein muss. Denn wenn jemand sich eingehend mit einer Thematik beschäftigt, fallen ihm schnell Lücken im eigenen Wissen auf. Die eigene Kompetenz wird angezweifelt und dementsprechend trauen Beschäftigte sich weniger zu. So setzen sich in Meetings vermutlich eher diejenigen durch, die zwar weniger Kompetenz haben, sich aber einfach mehr zutrauen und sich weniger zurückhalten als kompetentere Arbeitnehmer.

Zusammenfassung

  • Wir neigen häufig dazu, unsere Fähigkeiten zu überschätzen.
  • Oft beharren wir gleichzeitig auch dann noch an unseren Überzeugungen, wenn sich diese als falsch erwiesen haben.
  • Dass viele sich selbstüberschätzen, zeigen bereits Befragungen nach der Einschätzung der eigenen Fahrkünste. Denn wenn 80 Prozent der Befragten sich zu den 30 Prozent der besten Fahrer zählt, kann die Rechnung nicht aufgehen.
  • Das kann negative Auswirkungen auf das Zeitmanagement bei Hausarbeiten, bei Investmentgeschäften oder Immobilienkäufen haben. Selbstüberschätzung kann sich auf etliche Urteile und Entscheidungen negativ auswirken.
  • Fehlen uns Kompetenzen in einem Bereich, überschätzen wir uns laut Dunning-Kruger Effekt (einer kognitiven Verzerrung) nach selbst und unterschätzen die Kompetenzen anderer. Gleichzeitig sehen wir nicht die Defizite unserer eigenen Leistungen, weil wir diese aus Wissensmangeln nicht erkennen.

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