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Aggression in der Psychologie: Definition, Formen und Messung


Aggressionen sind ohne Frage ein unangenehmes Thema. Die meisten Menschen streben wohl eher nach einem harmonischen Zusammenleben und lehnen Aggression und Gewalt ab. Doch wie kann es sein, dass dann trotzdem immer wieder Fälle von grausigen Gewaltverbrechen durch die Medien gehen?


Vielleicht hast du dich aber auch schon einmal dabei erwischt, wie schnell dich bestimmte Dinge auf die Palme bringen. Du hast noch etwas Wichtiges vor, doch an der Supermarktkasse geht es nicht voran. Eine Kundin hört einfach nicht auf, auf die Verkäuferin einzureden und die Schlange wird immer länger. Sieht die denn nicht, dass noch andere Leute hinter ihr stehen? Je nachdem, wie deine persönliche Aggressionsneigung ausgeprägt ist, können in so einer Situation mehr oder weniger aggressive Gedanken in dir aufsteigen.

Die Sozialpsychologie befasst sich mit Fragen nach den Ursachen von Aggression und erforscht ebenso die verschiedenen Unterkategorien aggressiven Verhaltens. Wie genau Aggressionen definiert werden und welche Methoden es zur Untersuchung gibt, das erklärt dir der folgende Artikel.

Was versteht die Psychologie unter Aggression?

Das Ziel der Aggression ist die absichtliche Schädigung einer anderen Person.
Diese Form des Verhaltens zielt darauf ab, anderen Schaden zuzufügen. Darunter fallen alle Handlungen gegenüber der Zielperson, die von dieser nicht gewünscht sind. Dabei kann es sich sowohl um körperliche als auch emotionale Übergriffe handeln. Baron und Richardson erläutern Aggression anhand verschiedener Komponenten.

Erstens wird aggressives Verhalten durch die dahintersteckende Motivation definiert und nicht durch die Folge. Anders ausgedrückt ist die Verhaltensabsicht also etwas völlig anderes als die tatsächlich daraus entstandenen Verletzungen.

Nehmen wir eine Wurzelbehandlung als Beispiel. Die Zielperson ist in diesem Falle der Patient, der Schmerzen durch die Behandlung erfährt. Allerdings ist die Handlung des Zahnarztes kein aggressives Verhalten. Immerhin will der dem Patienten nicht weh tun, sondern ihm helfen. Die mit der Behandlung einhergehenden Schmerzen sind also eine Folge, jedoch nicht die Verhaltensmotivation beziehungsweise die Absicht des Zahnarztes. Dieser in daher auch kein Aggressor. Ein Aggressor wiederum ist eine Person, welche der Zielperson intentional (zielgerichtet) Schaden zufügt.

Der zweite Punkt in der Definition von Baron und Richardson ist das Wissen des Aggressors um die Folgen seines Handelns. Er weiß, dass sein Verhalten der Zielperson schadet und darauf gründet dann auch seine Handlungsabsicht. Das Wissen um die negativen Folgen stellen eine notwendige Bedingung für aggressives Verhalten dar. Kommt es bei der Zielperson ohne das Wissen (und damit die Absicht) des Handelnden über potenzielle Schäden zu Verletzungen, spricht man von einem Versehen, Fahrlässigkeit oder auch Unfähigkeit.

Drittens ist die Absicht der Zielperson noch ein Teil der Aggression. Sofern die Zielperson den Schaden vermeiden möchte, handelt es sich um aggressives Verhalten seitens des Aggressors. Um noch einmal zum Zahnarztbeispiel zurückzukommen: Der Patient setzt sich hier nicht zur Wehr. Er weiß, dass ihm die Behandlung helfen soll und nimmt daher Schmerzen in Kauf.

Fassen wir zusammen…
Aggression definiert sich somit über drei Punkte:

  • Motivation zur Verletzung anderer
  • Wissen um die Folgen der Verletzung bzw. Inkaufnahme von negativen Konsequenzen für den Anderen
  • Absicht einem anderen Menschen, Schaden zuzufügen

Was ist der Unterschied zwischen Aggression und Gewalt?

Sind Aggressionen und Gewalt nicht dasselbe?
Nicht ganz. Gewalt ist zwar ebenfalls ein Verhalten, das eine Schädigungsabsicht beinhaltet. Allerdings werden hier auch tatsächlich schwere körperliche Schäden angedroht oder auch zugefügt. Der springende Punkt ist hier die Körperlichkeit. Gewalt ist immer mit Aggression verbunden, doch Aggression führt nicht automatisch zu körperlicher Gewalt.

Wieso?
Stelle dir vor, dass du mit einer anderen Person in einen heftigen Streit gerätst. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass in euch beiden aggressive Gedanken und Gefühle aufkommen. Sofern ihr euch dabei allerdings lediglich anschreit, wird niemand gewalttätig. Sobald ihr euch schlagen oder mit Gegenständen bewerfen würdet, um den anderen zu verletzen, dann wäre von Gewalt die Rede.

Welche Unterkategorien von Aggression unterscheidet die Psychologie?

Aggressionen haben verschiedene Ausprägungen.
Unterscheiden lässt sich zwischen spontaner und reaktiver, physischer und verbaler, direkter und indirekter sowie instrumenteller und feindseliger Aggression.

Die spontane Aggression entsteht, ohne dass die Person provoziert wird. Folgt aggressives Verhalten auf eine Provokation, so handelt es sich um eine reaktive Form der Aggression.

Die physische Aggression richtet sich auf die körperliche Schädigung der Zielperson, während verbale Aggression sich zum Beispiel auf Beschimpfungen oder Beleidigungen beschränkt.

Im Falle einer direkten Aggression besteht ein unmittelbarer Kontakt zwischen dem Aggressor und der Zielperson. Die indirekte Aggression hingegen richtet sich nicht direkt an die Zielperson. Hierbei findet ein eher verdecktes Verhalten statt, bei dem der Aggressor die Beziehungen der Zielperson torpediert. Daher kann hier auch von einer relationalen Aggression gesprochen werden. Der Aggressor äußert sich Dritten gegenüber abfällig über die Zielperson, verbreitet Gerüchte und will so die Beziehungen der Zielperson zerstören und ihr indirekt damit schaden.

Bei der instrumentellen Aggression ist das aggressiver Verhalten lediglich das Mittel zum Zweck. Das Ziel ist nicht in erster Linie die Schädigung einer Zielperson, sondern das Erreichen eigener Ziele. Ein Beispiel hierfür ist eine Geiselnahme. Hier wendet sich der Aggressor zwar gegen die Geiseln, doch seine Absicht ist mehr das Lösegeld als die Verletzung der Zielperson.

Anders verhält es sich bei der feindseligen Aggression. Hier ist das Motiv hinter der aggressiven Handlung Ärger oder auch feindselige Gefühle. Hier geht es ausschließlich um die Wut, die sich gegen die Zielperson richtet. Ihre Schädigung beinhaltet nicht das Erlangen bestimmter Ziele, sondern ist hauptsächlich emotional bedingt.

Wie wird Aggression in der sozialpsychologischen Forschung gemessen?

Hinsichtlich der Messung von Aggression gibt es in der Sozialpsychologie vor allem zwei Ansätze:

  1. Laborexperimente und Beobachtungen
  2. Berichte, wie Archivdaten und Selbstberichte

Beide Möglichkeiten wollen wir uns im Folgenden genauer anschauen. Allerdings gehen diese Formen der Messungen auch mit Einschränkungen einher.

Warum gestaltet sich die psychologische Messung von Aggression schwierig?

In der psychologischen Forschung gilt das Laborexperiment als „Königsweg“, wenn es um den Erkenntnisgewinn geht.
In einigen Fällen tun sich da allerdings Fragen auf. Denn bei der Messung von Aggression sind ethische Bedenken nicht selten.

Um das Verhalten eines Aggressors gegenüber einer Zielperson zu erheben, kann man nicht einfach die körperliche oder emotionale Verletzung einer anderen Person hinnehmen. Eine experimentelle Untersuchung ist daher ethisch in dieser Hinsicht schwer vertretbar. Hinzu kommt, dass sich auch für die Versuchsperson (hier der Aggressor) Nachteile ergeben können. Das Experiment könnte diese emotional belasten, Schuldgefühle verursachen oder auch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sie in Zukunft häufiger ein aggressives Verhalten zeigt.

Nichtsdestotrotz werden Experimente zur Erforschung von Aggressionen genutzt. Allerdings gelten strenge ethische Auflagen und auch die Prüfung einer Ethikkommission ist normalerweise der Fall.

1. In der Psychologie nutzt man Laborexperimente zum Beobachten der Aggression

Für das bereits erwähnte Laborexperiment gibt es verschiedene Möglichkeiten zur Untersuchung von aggressivem Verhalten.

Diese erlauben die Messung der Verhaltensabsicht einer Versuchsperson, ohne dabei einer anderen Person tatsächlich zu schaden. Die Versuchsperson kann dazu angehalten werden, der Zielperson vermeintliche Stromstöße zu versetzen oder ihr unangenehme Lärmreize zu verabreichen. Die Zielperson erhält allerdings in Wirklichkeit diese Reize gar nicht.

Eine andere Variante ist der Einsatz von scharfer Sauce. Die Versuchsperson kann bestimmen welchen Schärfegrad eine Sauce aufweisen soll. Diese soll die Zielperson dann trinken. Auch hier läuft es nicht auf eine wirkliche Schädigung der Zielperson hinaus, doch anhand des gewählten Schärfegrades kann das Ausmaß der Aggression bestimmt werden.

Ebenso verhält es sich mit der Strom- und der Lautstärke. Je intensiver der an die Zielperson gerichtete Reiz, desto höher die Aggression der Versuchsperson. Das Ausmaß der Reizzumutung dient also der Interpretation des aggressiven Verhaltens.

Auf diese Weise können die Effekte verschiedenster Einflussfaktoren auf Aggression untersucht werden. Der Grad der Aggressionsbereitschaft ist in diesem Fall die abhängige Variable. Darunter versteht man die Variable, welche erhoben wird. Gemessen wird dann der Effekt einer oder mehrerer unabhängigen Variablen, die zuvor manipuliert wurden.

Frustration, Alkoholeinfluss oder die mediale Darstellung von Gewalt können beispielsweise als unabhängige Variable dienen. Man misst sozusagen, welchen Einfluss die Variablen Alkohol, Drogen usw. auf die Aggression haben. Dadurch kann mithilfe experimenteller Untersuchung die Frage erforscht werden, aus welchen Gründen, zu welcher Zeit, auf welche Weise und in welcher Intensität aggressives Verhalten gezeigt wird.

2. Psychologische Berichte zum Erfassen der Aggression

Neben Laborexperimenten können auch Berichte zur Untersuchung von Aggression herangezogen werden.
Hier finden keine direkten Beobachtungen statt, sondern es werden verschiedene Quellen zur Untersuchung genutzt.

Dazu zählen beispielsweise Fragebögen zur Selbstauskunft über das eigene aggressive Verhalten oder Fremdbeurteilungen. Auch Archivdaten können Aufschluss über die Entwicklung und Ursachen von aggressivem Verhalten in der Gesellschaft geben.

2.1 Archivdaten zum Erfassen der Aggression

In der Forschung können auch bereits vorliegende Daten verwendet werden, statt selbst welche zu erheben. Denn die Beobachtung von aggressivem Verhalten im natürlichen Kontext gestaltet sich schwierig. Immerhin sind schwere Formen der Aggression glücklicherweise selten.

Bei der Arbeit mit Archivdaten können die Forscher daher auf Kriminalstatistiken oder Zeitungsartikel zurückgreifen. Kriminalstatistiken geben Aufschluss über die Verbreitung bestimmter Formen von Aggression.

  • Wie häufig kommt es zu sexueller Gewalt?
  • Wie viele Fälle von Raub mit Verletzungsfolgen gab es in einem bestimmten Zeitraum?

Diese und andere Fragen lassen sich mithilfe der Daten aus Kriminalstatistiken überprüfen. Auch die Überprüfung von Hypothesen ist möglich. Von Vorteil ist der natürliche Kontext, aus dem die Daten stammen. Denn das Problem bei Laborexperimenten ist, dass diese Situationen künstlich geschaffen sind. Daher stellt sich immer die Frage, wie gut sich die im Experiment gewonnenen Ergebnisse auf die Realität übertragen lassen. Archivdaten sind da meistens authentischer.

Jedoch können die Forscher im Labor sehr viele Einflüsse kontrollieren, was eine bessere Auskunft über die genauen Zusammenhänge der Variablen ermöglicht. So kann festgestellt werden, was die Ursache und was die Folge ist. Dieser Vorteil ist in Archivdaten leider nicht gegeben. Diese werden nicht zu Forschungszwecken zusammengestellt und die Forscher haben keinerlei Kontrolle über die Umstände.

2.1 Selbstberichte als Erhebungsgrundlage

Diese Methode ist eine wichtige Quelle bei der Erfassung individueller Aggressionsneigungen. Denn hiermit können neben der allgemeinen Neigung zu aggressivem Verhalten auch spezifische Erscheinungsformen von Aggression untersucht werden.

Um das relativ stabile Persönlichkeitsmerkmal Aggression zu ermitteln, wird häufig der Aggressions-Fragebogen von Buss und Perry eingesetzt. Dieser beinhaltet verschiedene Fragen zu den Punkten körperliche Aggression, verbale Aggression, Feindseligkeit und Ärger. Um spezielle Formen der Aggression zu erfassen, kann beispielsweise ein Fragebogen zur sexuellen Aggression von Männern gegenüber Frauen genutzt werden.

Da die Selbstauskunft in Fragebögen allerdings immer mit einem gewissen Grad an sozialer Erwünschtheit einhergeht, sind Fremdbeurteilungen eine sinnvolle Ergänzung. Die soziale Erwünschtheit führt dazu, dass eher gesellschaftlich anerkannte Antworten gegeben werden. Versuchspersonen neigen dann dazu, sich in einem guten Licht darstellen zu wollen. Das führt leider häufig zu einer Verzerrung der Antworten in Richtung der gesellschaftlich akzeptierten Normen.

Das ist vor allem bei heiklen Themen der Fall. Die Antworten spiegeln dementsprechend die wirkliche Ausprägung des Persönlichkeitsmerkmale einer Versuchsperson nicht wider. Fremdbeurteilungen können diese Verzerrung ausgleichen. Dazu werden häufig Peers zum Verhalten der Versuchsperson befragt. Das bedeutet, dass gleichaltrige Bekannte der Versuchsperson zusätzlich eine Einschätzung über deren aggressives Verhalten abgeben.

Zusammenfassung

  • Aggression beinhaltet das Ziel, einer anderen Person zu schaden.
  • Um eine Schädigung handelt es sich dann, wenn die Zielperson das Verhalten der aggressiven Person ihr gegenüber zu vermeiden versucht.
  • Dabei werden verschiedene Formen von Aggression unterschieden, wie etwa die instrumentelle oder die feindselige Aggression.
  • Die persönliche Ausprägung von Aggression und die gesellschaftliche Verbreitung sowie die Ursachen können durch Beobachtungsforschung und die Arbeit mit Archivdaten oder Fragebögen näher untersucht werden.
  • Da jede Forschungsmethode sowohl Stärken als auch Schwächen aufweist, ist – für die wissenschaftliche Psychologie – eine Kombination verschiedener Methoden sinnvoll, um den Aggressionsgrad zu messen.
Über den Autor:

Mein Name ist Mathias Mücke und ich bin Autor und Inhaber von ScioDoo.

Das Ziel von ScioDoo ist es, dass du hier Informationen findest, welche du für deinen Alltag, Schule, Studium oder eine betriebliche Weiterbildung brauchst.

Aber nicht nur das...

Gleichzeitig will ich das Wissen recht unterhaltsam servieren, so dass du vielleicht mal wiederkommst.

Ich weiß selbst, dass dieser Ansprung enorm ist.

Aber deshalb arbeite ich auch jeden Tag an mir und an diesem Projekt, so dass du auch jeden Tag neues kostenloses Wissen bekommst.

Nicht schlecht, oder?

Also bis später vielleicht.

LG Mathias Mücke


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