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Aggressionstheorien: Wie entsteht Aggression? – Psychologische Ursachen & Faktoren


Obwohl die Mehrheit der Menschen ein friedliches Leben anstrebt, kommt es doch immer wieder zu aggressiven Auseinandersetzungen und Gewalt.

Doch wieso ist das so?
Es gibt aus psychologischer Sicht verschiedene Faktoren, die das Verhalten beeinflussen und Aggressionen entstehen lassen können.

Auf der einen Seite gibt es situative Faktoren, wie Alkoholeinfluss, Hitze oder mediale Gewalt. Diese Aspekte können die eigenen aggressiven Tendenzen zusätzlich anfachen. Doch auch individuelle Faktoren wirken an der Entstehung von Aggression und Gewalt mit. So kann neben dem Geschlecht auch ein feindseliger Attributionsstil dazu führen, dass wir uns anderen gegenüber aggressiver verhalten.

Das hängt damit zusammen, dass diese Form der Attribution eine falsche Interpretation des Verhaltens anderer beinhaltet. Menschen mit einem stark ausgeprägten feindseligen Attributionsstil vermuten in den Handlungen anderer eine böse Absicht. Doch auch das Persönlichkeitsmerkmal Aggressivität hat einen erheblichen Anteil an der Entstehung von aggressivem Verhalten.

Biologische Ansätze zur Entstehung von aggressivem Verhalten

Unsere Gene und Hormone können uns aggressiv machen.

Sowohl in der Biologie als auch in der Psychologie kann nach Ursachen zur Entstehung von aggressivem Verhalten gesucht werden. Da diese Felder kaum voneinander zu trennen sind, schauen wir uns in diesem Artikel auch Vermutungen aus beiden Fachbereichen an.

In diesem Absatz soll es zunächst um die biologischen Faktoren gehen. Es existieren Theorien darüber, dass das aggressive Verhalten von Hormonen beeinflusst wird. Auch die Gene scheinen mit einem aggressiven Verhalten zusammenzuhängen. Hierbei muss allerdings beachtet werden, dass auch die Umwelt einen Anteil dazu beisteuert und wir nicht gänzlich durch unsere Gene gesteuert werden. Und auch die Verhaltensforschung befasst sich mit der Entstehung von Aggression und Gewalt.

Hormone als Ursache für die Entstehung von Aggression

Testosteron und Cortisol spielen eine Rolle beim aggressiven Verhalten.

Und bei vergleichenden Untersuchungen von gewalttätigen und nicht gewalttätigen Personen konnte eine Verbindung zwischen der Zusammensetzung der Hormone und ihrem aggressiven Verhalten nachgewiesen werden. Im Fokus stehen hier die beiden Hormone Testosteron und Cortisol.

Testosteron ist ein männliches Sexualhormon und wirkt sich auf Stresssituationen aus. Kommt es zu einer fight-or-flight-Situation (Kampf oder Flucht), hemmt Testosteron den Fluchtimpuls und aktiviert gleichzeitig den Anreiz zum Kampf. Zwar ist diese Kopplung von Hormonen und Kampfreaktion bei Tieren stärker ausgeprägt. Doch auch beim Menschen besteht hier ein hormoneller Einfluss, der aggressives Verhalten wahrscheinlicher macht.

Cortisol ist ein Hormon, das ebenfalls beim Stresserleben zum Zuge kommt. Denn in der Regel steigt unser Cortisolspiegel bei Stress an. Wir werden in Alarmbereitschaft versetzt und der Körper stellt sich auf Kampf oder Flucht ein. Die Funktion von Organen wird heruntergefahren, die für die Fortpflanzung, Verdauung oder die körpereigene Regeneration zuständig sind.

Gleichzeitig wird Adrenalin ausgeschüttet, welches unsere Atmung und unseren Herzschlag schneller werden lässt. Unsere Muskeln erhalten mehr Sauerstoff und spannen sich an, um im Notfall sofort einsatzbereit zu sein. Ein geringes Level an Cortisol geht hingegen mit einer erhöhten Risikobereitschaft, Furchtlosigkeit, weniger Furcht vor Strafe und einer aggressiven Enthemmung einher.

Das Zusammenspiel dieser beiden Hormone kann daher zu einem erhöhten Aggressionspotenzial führen. Bei aggressiveren Menschen wurden hohe Werte von Testosteron und ein geringer Cortisolspiegel festgestellt. Die Theorie, dass aggressives Verhalten durch Hormone beeinflusst wird, gilt zumindest für Testosteron und Cortisol bestätigt.

Verhaltensgenetik als weitere Ursache für aggressives Verhalten

Aggressives Verhalten kann durch eine genetische Veranlagung begünstigt werden. Denn die Forschungsergebnisse der Verhaltensgenetik konnten zeigen, dass aggressives Verhalten von den Genen mitbestimmt wird. Genutzt werden in diesem Forschungsbereich gern Zwillings- und Adoptionsstudien.

Bei Zwillingsstudien werden eineiige und zweieiige Zwillinge hinsichtlich ihres Verhaltens untersucht. Da eineiige Zwillinge über dasselbe Erbmaterial verfügen, kann an ihnen der Einfluss der Gene gut untersucht werden. In Adoptionsstudien zeigt sich der Einfluss von Genen und Umwelt. Die adoptierten Kinder werden dabei mit ihren leiblichen Eltern und ihren Adoptiveltern verglichen. Und die leiblichen Eltern steuern somit den genetischen Anteil zur Erforschung des Verhaltens bei, während die Adoptiveltern sozusagen die Variable Umwelt bilden.

Eine Meta-Studie am Ende der 1990er Jahre kam zu dem Schluss, dass 50% der Varianz im aggressiven Verhalten zwischen den Menschen auf genetische Ursachen zurückzuführen ist. Tritt aggressives Verhalten bei jemandem auf, wären daher die Gene zur Hälfte dafür verantwortlich. Die andere Hälfte wäre bei anderen Ursachen zu suchen.

Zu Beginn der 2000er Jahre kam eine weitere Meta-Analyse auf einen geringeren Anteil der Gene an der Entstehung aggressiven Verhaltens. Die Forscher Rhee und Waldmann errechneten in ihrer Analyse einen genetischen Anteil von 41%, während Umweltfaktoren 59% der Varianz ausmachten.

Sie zeigten durch ihren Vergleich mehrerer Studienergebnisse, dass die Gene unser Verhalten zwar dispositionieren. Doch auch die Umwelt hat einen erheblichen Einfluss darauf, ob die genetische Veranlagung zu aggressivem Verhalten auch ausgelebt wird.

Ethologie als weitere Theorie zur Entstehung von Aggression

Einer der Hauptvertreter der vergleichenden Verhaltensforschung beziehungsweise Ethologie war Konrad Lorenz. Sein Name ist dir vermutlich am besten im Zusammenhang mit seinen Forschungen mit Gänsen bekannt. Er erkannte unter anderem das Phänomen der Prägung bei Gänseküken, die das oder denjenigen für ihre Mutter halten, was sie direkt nach dem Schlüpfen erblicken. Sei es eine Gänseattrappe oder ein Mensch.

Doch auch in Bezug auf aggressives Verhalten stellte Lorenz eine Theorie auf. Er ging davon aus, dass es im Inneren von Tieren und Menschen eine spezifische Energie gibt. Diese Energie muss von Zeit zu Zeit abgelassen werden. Daher spricht man hier vom Dampfkessel-Modell. Lorenz vermutete, dass sich Aggressionen ansammeln und in einer bestimmten Form abgelassen werden. Nach dem Ablassen würde es eine Weile dauern, bis der Druck sich erneut aufgebaut hätte und der „Dampf“ wieder abgelassen werden müsse.

Daher sollte ein Abreagieren aggressiver Gefühle eigentlich zur Verhinderung eines gewalttätigen „Ausbruchs“ führen. Allerdings konnte diese Annahme empirisch nicht bestätigt werden. Vielmehr ist es so, dass auf eine aggressive Handlung meist noch weitere führen. Es findet also kein Abbau der Aggression statt, sondern eher eine Enthemmung.

Psychologische Ansätze der Aggressionstheorie nach Freud

Sigmund Freud ging davon aus, dass Aggression ein Trieb im Rahmen des Lustprinzips sei. Dieses bezeichnet das Streben nach der sofortigen Erfüllung von Bedürfnissen und Wünschen. Auch wenn Freuds Theorien nicht unumstritten und an vielen Stellen widerlegt wurden, bildete diese Annahme den Ausgangspunkt für die Frustrations-Aggressions-Hypothese. Dieser folgten weitere Theorien darüber, wie Aggressionen zustande kommen.

Frustrations-Aggressions-Hypothese

Auf Frust folgt Aggression.

Die Wahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens auf Folge von Frustration konnte in experimentellen Studien nachgewiesen werden. Diese Wahrscheinlichkeit wird zusätzlich durch bestimmte Hinweisreize erhöht.

Das zeigte zum Beispiel das Experiment von Berkowitz und LePage 1967. Sie untersuchten das Verhalten ihrer Versuchspersonen, nachdem diese eine frustrierende Erfahrung gemacht hatten. Dabei wurden die Teilnehmer in zwei Gruppen eingeteilt. Die Teilnehmer der ersten Gruppe befanden sich in einem Untersuchungsraum, der mit einem neutralen Hinweisreiz ausgestattet war. Es stand ein Federballschläger in der Ecke des Raums. Die Teilnehmer aus dieser Gruppe verhielten sich im Vergleicht zur anderen Gruppe weniger aggressiv.

Die Ursache dafür war der aggressive Hinweisreiz im Raum der anderen Gruppe. Hier wurde der Federballschläger durch eine Waffe ausgetauscht. Dieser sogenannte Waffeneffekt konnte mittlerweile durch weitere Studien und Meta-Analysen bestätigt werden.

Aggressionen folgen also nicht immer unmittelbar auf Frustrationen. Auch die situativen Hinweisreize sind am aggressiven Verhalten beteiligt. Dabei kann es sich sowohl um Umweltreize als auch um Personen handeln. Die Frustration ist durchaus eine Quelle für Aggression, allerdings nicht der alleinige Auslöser.

Zudem kann es zu einer Aggressionsverschiebung kommen. Dabei richtet sich die Aggression dann nicht mehr auf die Frustrationsquelle, sondern auf ein leichter erreichbares Ziel. Wenn du zum Beispiel bereits fest mit einer Gehaltserhöhung gerechnet hast und diese unerwartet doch nicht eintritt, bist du frustriert und wahrscheinlich auch wütend. Allerdings hätte es negative Konsequenzen für dich, wenn du deine Wut nun an deinem Chef auslässt. Daher kann es sein, dass du zu Hause erst einmal deinen Partner wegen einer Banalität anschreist.

Kognitiver Neo-Assoziationismus als Aggressionstheorie

Aggressionen entstehen aufgrund von Interpretationen.

Unangenehme Reize können negative Gefühle auslösen. Wenn diese Empfindung dann als Ärger interpretiert wird, kann es zu Aggressionen kommen.

Der Kognitive Neo-Assoziationismus stellt eine Erweiterung der Frustrations-Aggressions-Hypothese dar. Demnach können nicht nur Waffen, sondern auch andere Reize Aggressionen auslösen. Dazu zählen etwa Hitze, Schmerz oder Lärm. Sie lösen ein unspezifisches negatives Gefühl aus und sind an den fight-or-flight-Modus gekoppelt.

Dabei finden zwei Prozesse statt. Der erste ist unbewusst und mündet entweder im Angriff- oder im Fluchtimpuls. Der zweite Prozess beinhaltet die Bewertung der Situation. Das unspezifische Gefühl wird zudem entweder als Ärger oder Furcht interpretiert. Die eigene Handlung wird anhand von sozialen Normen oder eigenen Erfahrungen elaboriert.

Auch kann es zu einer Erregungsübertragung kommen. Hier findet eine Fehlattribution der Erregung statt. Dabei interpretieren wir eine eigentlich neutrale körperliche Erregung als Ärger, was wiederum Aggression zur Folge haben kann.

Lerntheorien als Erklärung zur Entstehung von Aggression und Gewalt

Kinder imitieren das aggressive Verhalten von Erwachsenen.
Wir lernen nicht nur durch eigene Erfahrungen, sondern auch durch das Verhalten anderer und dessen Folgen. Wenn wir jemanden bei einer Handlung beobachten, übernehmen wir diese. Zumindest sofern es uns nützlich erscheint.

Sehen wir beispielsweise, dass jemand für sein aggressives Verhalten gelobt wird oder einen anderen Vorteil dadurch erhält, tun wir es ihm gleich. Ganz besonders dann, wenn wir noch im Kindesalter sind. Werden sich prügelnde Kinder auf dem Schulhof angefeuert, behalten sie ein aggressives Verhalten auch im Erwachsenenalter bei. Aggressionen werden dann eingesetzt, um soziale Anerkennung oder persönliche Ziele zu erreichen.

Der Psychologe Albert Bandura untersuchte das Erlernen von Aggressionen bei Kindern. Diese sahen in seinen Experimenten, wie die Puppe Bobo von einem Erwachsenen geschlagen und beschimpft wird. Sobald die Kinder in einen Raum mit der Puppe gebracht wurden, zeigten auch sie sich dieser gegenüber aggressiv.

Das Lernen am Modell ist auch im Hinblick auf mediale Gewalt ein wichtiger Punkt. Was wir bereits als Kinder konsumieren, beeinflusst uns auch später noch.

Sozial-kognitive Theorien zur Entstehung von Aggression

Wir verarbeiten soziale Informationen und handeln nach „Drehbuch“.

Das allgemeine Aggressionsmodell beschreibt das Zusammenwirken von personalen und situationalen Faktoren. Diese werden kognitiv bewertet und können in Kombination mit negativen Emotionen zu einem aggressiven Verhalten führen.

Ein Beispiel dafür ist eine hohe habituelle Neigung zu Ärger. Wenn wir so daran gewöhnt sind, uns ständig zu ärgern, reichen schon minimale Provokationen aus. Der kleinste Auslöse tritt eine Lawine von aggressiven Gedanken los, die mit negativen Gefühlen Hand in Hand gehen.

Hinzu kommt noch eine körperliche Erregung in Form eines steigenden Blutdrucks. In diesem Moment werden aggressive Skripts aktiviert. Ein Skript ist eine Art Drehbuch, welches wir im Laufe unseres Lebens erlernt haben. Dabei handelt es sich um kognitive Repräsentationen von Situationen, in denen ein aggressives Verhalten uns als richtig erscheint.

Demnach wurde Aggression erlernt und für richtig empfunden. Neuerliche Aggression und Gewalt sind demnach eine Wiederauflage alt bewährten Handelns.

Zusammenfassung

  • Aggressives Verhalten wird von einer Vielzahl an Faktoren beeinflusst. Ein hoher Testosteron- zusammen mit einem geringen Cortisolspiegel kann zu Aggressionen führen.
  • Aber auch eine bestimmte Ausprägung unserer Gene macht aggressives Handeln wahrscheinlicher.
  • Weiterhin spielt auch die Umwelt eine große Rolle. Kinder schauen sich aggressives Verhalten von anderen ab und setzen es zur Zielerreichung ein.

  • Neben Lernerfahrungen und unserer individuellen Interpretation von bestimmten Situationen kann auch Frustration Aggressionen auslösen. Dabei kann es zu einer Aggressionsverschiebung kommen, bei wir unsere Wut nicht auf die eigentliche Frustrationsquelle lenken.
  • Zudem führen erlernte Skripts dazu, dass wir in bestimmten Situationen automatisch aggressiv reagieren.

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Über den Autor:

Mein Name ist Mathias Mücke und ich bin Autor und Inhaber von ScioDoo.

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LG Mathias Mücke


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