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Unterschied zwischen Schuldkultur und Erinnerungskultur


Ein einheitliches Geschichtsbewusstsein fördert zum Einen, dass man aus der Geschichte lernt und es schafft zugleich ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl, welches über die Geschichte definiert wird. Eine Möglichkeit das nationalen Geschichtsbewusstsein zu fördern, besteht darin, Erinnerungskultur zu erleben. Da die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 geprägt war vom Nationalsozialismus und Holocaust, wird deutsche Erinnerungskultur oft gleichgesetzt mit Schuldkultur. Jedoch unterscheiden sich beide Kulturbegriffe nicht nur in ihrer Begrifflichkeit.

Von der Erinnerungskultur zu Schuld- und Schamkultur

Schuld- und Schamkultur werden oft als Synonym verwendet. Das erklärt sich historisch. Beide Begriffe wurden 1946 im Zuge der amerikanischen Nationalcharakterstudien und zum Ende des Zweiten Weltkriegs von der US-Ethnologin Ruth Benedict etabliert. In neuerer Zeit wird der Begriff der „Schuldkultur“ wegen seiner Konnotationen kaum noch genutzt. Er wird genau deswegen aber gerne von Menschen mit rechter Gesinnung instrumentalisiert.

Der Begriff „Erinnerungskultur“ entstammt einem anderen historischen Kontext. Er ist erst im 19. Jahrhundert geprägt worden. Tatsache ist aber, dass es eine Art von Erinnerungskultur schon jahrhundertelang in zivilisierten Völkern gegeben hat. Dennoch macht es Sinn, die Begriffe „Schuldkultur“ und „Erinnerungskultur“ in Zusammenhang zu bringen. Bezogen auf den Holocaust und die damit verbundene kollektive Schuld der Deutschen repräsentieren sie zwei Sichtweisen auf ein und dieselbe Sache: das heutige Verhältnis zum Holocaust und die Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Der Unterschied zwischen beiden Begriffen ist zum einen historisch. Zum anderen definiert er sich durch den Blickwinkel. Der Diskus zu beiden Begriffen in der Wissenschaft hält unvermindert an. Begrifflich geklärt, eingeordnet und eindeutig definiert scheint also derzeit nichts.

Was definiert Schuldkultur?

Der Begriff „Schuldkultur“ stammt ursprünglich aus den sogenannten Nationalcharakterstudien. Die US-Ethnologin Ruth Benedict führte diese im Rahmen eines von der Regierung erteilten Auftrags an Japanern und Amerikanern durch. Es ging bei diesen Studien um die Frage, nach welchen Regeln und verinnerlichten Normen beide Gesellschaften funktionieren. Man ging damals von einem typischen Nationalcharakter aus, der allem individuellen Handeln zugrunde lag. Benedict untersuchte die japanische Kultur lediglich anhand von ethnologischer Literatur. Die amerikanische Kultur kannte Benedict aus eigener Anschauung.

Der japanische Angriff auf Pearl Harbour lag zu dem Zeitpunkt fünf Jahre zurück. Die Kapitulation Japans 1945 war erst ein Jahr zuvor aktenkundig geworden. Als Ruth Benedict 1946 ihre Untersuchungsergebnisse im Buch „Chrysanthemum und Sword“ veröffentlichte, hatte sie vermeintlich zwei verschiedene Nationalcharaktere bzw. Kulturen identifiziert: die Schuldkultur und die Schamkultur. Beide sollten als Modelle dienen, um zu verstehen, wie Mitglieder verschiedener Kulturen sich gemäß von außen kommenden Sanktionen und verinnerlichter Normen verhalten. Bei den untersuchten Kulturen definiert Benedict bei den einen das Gefühl der Schuld das Verhalten, bei den anderen entscheidet die Scham über alle Handlungen.

Die Veröffentlichung ihrer Arbeit stieß nicht nur wegen dieser begrifflichen Pauschalisierungen auf herbe Kritik. Schuld und Scham lassen sich generell nicht sauber voneinander trennen. Sogenannte Schuldkulturen enthalten immer auch Elemente des Schams. Die Begrifflichkeiten wurden daher von den Kritikern seziert. Ihr Nutzen wurde in Zweifel gezogen. Benedicts reines Literaturstudium der japanischen Kultur wurde verächtlich als „armchair anthropology“ bezeichnet. Sie war tatsächlich für diese Studie nicht nach Japan gereist, um dort eine Feldstudie zum Thema durchzuführen. Vergleichende Literaturstudien waren jedoch damals – und vor allem unter Nachkriegsbedingungen – in der Ethnologie keine Seltenheit.

Was definiert Erinnerungskultur?

Auch beim Begriff „Erinnerungskultur“ geht es um das Verhalten des Einzelnen oder der Gesamtgesellschaft im Rahmen historischer Zusammenhänge. Bei der Erinnerungskultur geht es jedoch vor allem um eine bestimmte Art des kollektiven Gedächtnisses und eine Haltung zur eigenen Geschichte. Eine besondere Bedeutung erhielt dieser Begriff im Deutschland nach dem Holocaust. Bis heute fühlt sich die jeweils amtierende deutsche Regierung verpflichtet, den Holocaust, seine Ursachen und Folgen nicht als abgeschlossenen Teil der eigenen Geschichte, sondern als erinnernswerte und lebendig zu haltende Geschichtserinnerung anzusehen.

Der Begriff „Erinnerungskultur“ gilt derzeit als einer der Leitbegriffe in der Kulturwissenschaft. Was genau darunter zu fassen ist, wird jedoch unterschiedlich bewertet. Es geht dabei sowohl um staatliche und kulturelle Maßnahmen wie auch um die Haltung jedes Einzelnen. Der Kulturbegriff suggeriert, dass in der Erinnerungskultur bewusst eine bestimmte Haltung kultiviert und gepflegt wird. In Deutschland wird daher bei Daten von historischer Bedeutung an die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg erinnert. Die Aufarbeitung und die Verantwortungsübernahme dieses geschichtlichen Geschehens gelten als deutsche Pflichtübung. Zum Träger einer Erinnerungskultur können sowohl der Staat, die Regierung und deren repräsentative Vertreter, aber auch soziale Gruppen – etwa Vereine, die sich um den Erhalt der Ausstellungen in ehemaligen Konzentrationslagern kümmern – oder Einzelne werden.

Auch Kulturschaffende aller Couleur sind an der Erinnerungskultur beteiligt. Alles was erinnert, dokumentiert und bewahrt wird, prägt die Geschichte und das Selbstverständnis eines Landes. Man könnte im Prinzip auch von einer „Geschichtskultur“ sprechen. Doch die Geschichtskultur kümmert sich eher um die Analyse und Bewahrung von Daten, historischen Dokumenten und bedeutsamen Ereignissen als um die damit verbundenen Gefühle, Erinnerungen, Haltungen und Einstellungen.

Was verbindet die Begriffe „Schuldkultur“ und „Erinnerungskultur“?

Zunächst einmal sollten wir beide Begriffe kritisch hinterfragen. Definitionen solcher Begrifflichkeiten ändern sich nicht nur. Sie sind auch zeitweise oder noch umstritten. Sie werden von bestimmten Gruppierungen vereinnahmt und/oder können pauschalisierend, diskriminierend und stereotyp sein. Was so erfasst werden kann, ist immerhin das jeweils geltende Verständnis solcher Begrifflichkeiten in einer bestimmten Zeit. Mancher könnte die heutige deutsche Haltung zum Holocaust als Schuldkultur definieren. Die AFD hat dies bereits mit der Behauptung versucht, die deutsche Erinnerungskultur sei in Wahrheit ein „Schuldkult“.

Immerhin sind die Deutschen tatsächlich mit schuld daran, dass Millionen Juden und unliebsame Personen in Konzentrationslagern oder auf der Flucht umgekommen sind. Doch die interessante Frage ist: Dauert eine kollektive Schuld ewig? Haben die heute lebenden Menschen tatsächlich noch eine Mitschuld daran, dass Deutschland unter Hitler den Zweiten Weltkrieg ausgelöst und den Holocaust verursacht hat? Andere Menschen nutzen wegen der belasteten Begrifflichkeit bevorzugt eher den neutraleren Begriff „Erinnerungskultur“. Er klingt positiver und spart das christliche Konzept von Schuld und Sühne begrifflich aus. Statt von einer andauernden kollektiven Schuld auszugehen, wird die Sichtweise auf und die Verantwortung für das Geschehen zum zentralen Fixpunkt der Betrachtung.

Deutschland trägt eine Verantwortung für die Vergangenheit und zukünftige Geschichte. Ob man das Ausleben dieser Verantwortung als Schuld- oder Erinnerungskultur bezeichnet, ist Auslegungssache. Schließlich wird es immer jemanden geben, welcher bei einer Kranzniederlegung, etwas zu meckern hat. Dabei hat dieser Akt nicht nur etwas mit Verantwortung aus der deutschen Geschichte heraus, sondern auch mit Respekt vor den Toten der Vergangenheit zu tun. Und diese Kranzniederlegung kann als Symbol der Erinnerung oder der Schuld gewertet werden und ist individuell unterschiedlich.

Im Prinzip geht es aber um dieselbe Haltung zur eigenen Geschichte. Die Erinnerungskultur in Polen kann sich allerdings beim Thema Weltkrieg oder dem Verständnis von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erheblich von der deutschen Sichtweise – und der anderer Länder – unterscheiden. Es kommt also auch darauf an, wer gerade die Deutungshoheit über die eigene Geschichte hat – und welche Einflüsse die Erinnerungskultur eines Landes prägen. Die Frage ist letztlich, welchem Zweck die Erinnerungskultur langfristig dienen soll. Ob der Begriff der Schuldkultur in diesem Kontext noch haltbar und sinnvoll ist, ist ein weitere Aspekt, der eine kritische Auseinandersetzung verdient.

Sind diese beiden Begriffe noch sinnvoll?

Der Begriff der „Erinnerungskultur“ ist erst im 19. Jahrhundert aufgekommen. Doch auch früher lebende Natur- und Kulturvölker haben schon eine gewisse Erinnerungskultur gepflegt. Historische Artefakte, tradierte Erzählungen, aufbewahrte Schriftdokumente, Denkmäler und Friedhöfe, Totenstädte oder die ägyptischen Pyramiden sind der sichtbare Beweis dafür. Fachleute und Historiker diskutieren heutzutage, was nun eigentlich als Erinnerungskultur zu verstehen sei. Ähnliche, aber wissenschaftlich weniger relevante Diskussionen sind auch heute mit dem Begriff der „Schuldkultur“ verbunden. Insbesondere die enge Verbindung zum Begriffspaar „Schuldkultur – Schamkultur“ wirkt bis heute nach. Die spannende Frage ist jedoch, wer sich heute noch solcher tendenziös klingenden Begrifflichkeiten bedient.

Die Begriffe Schuld- und Schamkultur wurden schon zu Zeiten Ruth Benedicts als wenig aussagekräftig, pauschalisierend und einseitig erkannt. Die Konzepte von Schuld und Scham entstammen hauptsächlich dem christlichen Denken. Lediglich in diesem Kontext erhalten sie noch eine tiefere Bedeutung. Ob es aber deswegen eine echte Schuldkultur gibt, die ein Land und sein kollektives Bewusstsein charakterisiert, ist fraglich. Fakt ist: In fast jedem Land der Welt sind im Laufe der Menschheitsgeschichte Dinge geschehen, die mit einer kollektiven Schuld behaftet sein könnten. Werden diese historischen Ereignisse nun der Anlass, für jedes Land eine Schuldkultur zu definieren – oder unterliegen sie vielmehr einer Erinnerungskultur?

Weitere Möglichkeiten, weder dem einen noch dem anderen zuzuneigen, liegen im Verschieben bestimmter geschichtlicher Ereignisse ins Vergessen. Sie werden von der Regierung oder einem Autokraten zum Tabu erhoben. Lehrbücher werden umgeschrieben. Andersdenkende werden eingesperrt. Ihre Bücher werden vernichtet. Außerdem können historische Geschehnisse samt der daran Beteiligten mittels Geschichtsklitterung nach Belieben umdeklariert werden. Aus Kriegstreibern oder Terroristen werden Helden und Märtyrer gemacht. Missliebige Politiker, die durch ihre Entscheidungen massiv Schuld auf sich geladen haben, werden aus historischen Fotos wegretuschiert. So geschehen mit Mao Tse Tung, der die sogenannte Kulturrevolution verursacht hatte. Daran möchte die aktuelle chinesische Regierung heutzutage lieber nicht mehr erinnert werden. Es stört das Bild, das sie von ihrem eigenen Image als aufstrebende Weltmacht und Industrienation etablieren möchte.

Auf jeden Fall ist eines klar: Es geht bei Erinnerungskultur nicht vorrangig um die Erinnerungen des Einzelnen. Vielmehr dienen diese Erinnerungen dazu, eine Art kollektives Gedächtnis der eigenen Geschichte zu erschaffen. Dieses kulturelle Gedächtnis sollte als vielseitige Dokumentation sozial und kulturell wirksam sein. Es sollte verschiedene Betrachtungsweisen oder Detailstudien ermöglichen und dauerhaft über mehrere Generationen Gültigkeit besitzen. Tatsächlich können wir es aber nicht mit einer einzigen, für alle, alles und alle Zeiten gültigen Erinnerungskultur zu tun haben. Erinnerungen sind bekanntlich sehr subjektiv. Sie werden mit Emotionen belegt und färben sich mit der Zeit ein. Unliebsames wird weggelassen. Anderes wird in den Vordergrund gestellt. Auch der Begriffsteil der Kultur suggeriert bereits eine nur zeitlich geltende Kultur der Erinnerung.

Jede kollektive Erinnerungsarbeit bedarf daher der beständigen Erweiterung. Sie bedarf gegebenenfalls auch der nachträglichen Korrektur einzelner Aspekte und/oder der Gesamtsicht. Erinnerungskultur setzt sich demnach aus vielen Puzzlesteinen zusammen. Sie kann bestenfalls einen vorübergehend festgelegten Platz in der Geschichtswissenschaft erhalten. Jede Erinnerungskultur basiert folglich auf einem potenziell veränderlichen Narrativ. Manches gerät nach langen Jahren des Vergessens erneut in den Fokus der öffentlichen Diskussion. Anderes verschwindet vorübergehend in der Versenkung, weil die Relevanz fehlt oder der Blick aus aktuellem Anlass auf andere Aspekte gerichtet wird.

In neueren europabezogenen Studien wird der Begriff „Geschichtspolitik“ für staatliches Handeln verwendet. Der Begriff „Erinnerungskultur“ hingegen wird eher als ein Anliegen der Zivilgesellschaft betrachtet. Ob dieses Begriffsverständnis der Weisheit letzter Schluss ist, darf bezweifelt werden. Auch zum Thema „Schuldkultur“ ist sicher noch nicht das letzte Wort gesprochen.