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Der Sieger schreibt die Geschichte: Ursprung und Bedeutung


Der Sieger schreibt die Geschichte“ bzw. „Die Geschichte wird vom Sieger geschrieben“ ist ein Ausdruck, welcher häufig rückblickend auf die vorhandenen Quellen, Überlieferungen und Berichte bezüglich historischer Ereignisse genannt wird. Obwohl sein Ursprung bis heute nicht geklärt ist, besitzt es wesentlichen Einfluss auf die allgemeine Sicht sowie den Umgang mit Geschichte. Denn die häufig einseitigen Vermerke sorgen letztendlich dafür, dass Geschichte als politisches Instrument verwendet und der Aussage eine negative Interpretation zuteilwird.

Der Sieger schreibt die Geschichte: Bedeutung

Der Ausdruck bezieht sich vor allem auf den Krieg. Der Gewinner einer kriegerischen Auseinandersetzung dominiert, nach Kriegsende, die eroberte Kultur. Regierung, Gesetze oder Sprache werden vom Sieger ins eroberte Land getragen und dort kultiviert. Die Umstände, welche zum Krieg führten – werden demnach auch vom Sieger erzählt. Ebenfalls erzählt der Gewinner den geschichtlichen Verlauf des Krieges und wie es zum Kriegsende kam.

Letztendlich erzählt bzw. schreibt der Sieger die gesamte geschichtliche Epoche nieder, wodurch die Stellungnahme des Verlierers überhaupt nicht betrachtet wird. Der Gewinner schreibt demnach seine eigene Geschichte, welche allerdings von späteren Generationen als Wahrheit empfunden wird.

Der Sieger schreibt die Geschichte: Ursprung des Zitats

Der Ursprung des Zitats „Der Gewinner schreibt die Geschichte“ ist bis heute nicht geklärt. In den meisten Fällen wird die Aussage Winston Churchill, dem ehemaligen Premierminister von Großbritannien, zugeschrieben. Jedoch handelt es sich nur um eine Annahme, da ebenfalls andere Quellen vorhanden sind. Beispielsweise könnte Churchills Aussage von Herman Göring inspiriert worden sein. Der ehemalige deutsche Politiker behauptete im Zuge des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland: „Wir werden entweder als die größten Staatsmänner der Welt oder als ihre schlimmsten Bösewichte in die Geschichte eingehen.“

Gleichzeitig könnte das Zitat bereits einige Jahrhunderte alt sein. Hierbei wird es oft Napoleon Bonaparte zugeordnet, wobei ebenso historische Belege fehlen. Ob der Ursprung der Aussage noch weiter in der Vergangenheit zurückliegt, lässt sich nicht feststellen. Heute wird sie dennoch gerne im Zusammenhang mit historischen Ereignissen jeglicher Größe und jeglicher Herkunft in Verbindung gebracht.

Historischer Belege

Da der Ursprung der Aussage noch immer unklar ist, existieren weder wissenschaftliche noch historische Belege. Folglich kann nur angemaßt werden, wer letztendlich der Urheber des Zitats ist. Allerdings bringt die (Welt-)Geschichte zahlreiche Beispiele, in welche sich die Annahme bewahrheitet hat.

Ein Paradebeispiel ist der Fall von Konstantinopel im Jahr 1453. Zahlreiche griechische Gelehrte wanderten nach dem Vorfall in den Westen aus, da im Wesentlichen das Ende des Byzantinischen Reiches markiert war. Als Folge berichteten sie äußerst voreingenommen, sodass die überlieferten Quellen von der Brutalität der Osmanen zeugten. Bis 1832 diente diese Tatsache als Propagandamaterial in der westlichen Welt. Erst mit dem griechischen Unabhängigkeitskrieg änderte sich die allgemeine Meinung in Bezug auf die Osmanen.

Deutlich kontroverser ist die Darstellung des Vietnamkriegs. Obwohl hier nicht der Sieger die Geschichte schreibt, da die USA den Krieg verloren haben, zeigt sich eine Tendenz in den vorhandenen Quellen. Die Geschichte der Verlierer wird in zahlreichen Berichten überliefert, welche überwiegend aus Amerika stammen. Überlieferungen aus Vietnam trotz des Siegs befinden sich noch heute in der Unterzahl.

Heutige Auslegung

Die Aussage hinter dem Zitat „Der Sieger schreibt die Geschichte“ bezieht sich auf die Tatsache, dass Geschichtsschreibung häufig erlogen ist. Während der Gewinner bestimmte, was überliefert und geschrieben wird, ist der Verlierer in den meisten Fällen nicht mehr in der Lage, über seine Niederlage zu berichten. Folglich handelt es sich meist um einseitige Anmerkungen bzw. Überlieferungen mit einer subjektiven Sichtweise. Der Verlierer muss stets mit den vorhandenen Konsequenzen leben, da er sich nicht bzw. nicht mehr rechtfertigen kann.

In Betracht auf die heute vorhandene Geschichtsschreibung und den Umgang mit historischen Quellen besitzt das Zitat eine negative Sicht. Der Sieger stellt sich in vielen Überlieferungen und Berichten besonders gut und positiv da. Er hat den Gegner und sein Herr erfolgreich geschlagen, indem er eine bestimmte Strategie angewandt hat. Als Folge konnte er die gegnerische Bedrohung und die Übernahme des Landes verhindern, sodass er sich als Retter sieht. In zahlreichen Fällen werden die Gegner als besonders brutal, oft aber ebenso als feige und schwach beschrieben.

Wie das eigene Herr vorgegangen ist, welche Mittel die eigenen Soldaten eingesetzt haben, um den Sieg zu erringen und wie der jeweilige Herrscher tatsächlich war – dies alles lässt sich aus den einseitigen Quellen kaum erschließen. Hier zeigt sich gleichfalls das Problem der Quelleninterpretation. Analysiert ein Sympathisant die vorliegenden Quellen, kann sich die Darstellung der Verlierer drastisch verändern. Aus einem mutigen und edlen Helden des Gegners kann beispielsweise ein treuloser und diabolischer Feldherr werden.

Ergänzend zeigt sich aufgrund des Zitats ein Mangel an historischen Quellen. Der Sieger besitzt bzw. besaß größere Macht und war dadurch in der Lage, den Zugriff auf Quellen zu kontrollieren. Zugleich konnte er ihre Darstellung verbreiten und die vorhandene Deutung durchsetzen. Dadurch hatte er generell eine größere Chance, das vorliegende Deutungsmuster sowie die herrschende Meinung zu prägen. Die Besiegten besaßen zwar auch diese Möglichkeit. Jedoch gelang es ihnen nur in seltenen Fällen. Aus diesem Grund ist heute eine Vielzahl an einseitigen Quellen überliefert, welche zu einer negativen Ansicht bezüglich der Aussage führt.

Heutzutage wird der Ausdruck oft von Neonazis verwendet, um die Verbrechen der NS-Diktatur zu überspielen bzw. die allgemeine Darstellung der Epoche zu entkräften. Es existiert der Mythos, dass die Alliierten Siegermächte die deutschen Verbrechen falsch oder übertrieben darstellen, um Deutschland nachträglich zu schädigen.

Geschichtspolitik als Instrument der Geschichtsinterpretation

Wie historische Ereignisse bzw. die Geschichte im Allgemeinen interpretiert werden, hängt wesentlich mit dem Vorhandensein der Geschichtspolitik zusammen. Unter Geschichtspolitik wird die Inanspruchnahme von Geschichte für politische Zwecke verstanden. Sie verfolgt das Ziel, Geschichte in einen Sinnzusammenhang zu setzen. Ebenfalls sollen historische Ereignisse in der Gegenwart beleuchtet, begründet und angegriffen werden. Als Folge soll sich die Sicht in die Zukunft auf eine bestimmte Weise lenken lassen.

Mit welchen Methoden Geschichtspolitik eingesetzt wird, hängt von der Verwendung der vorhandenen Mittel ab. Da diese äußerst unterschiedlich gestaltet sind, lassen sich auch Aussagen wie „Der Sieger schreibt die Geschichte“ dafür benutzen. Verfälschungen von historischen Ereignissen, das Auslöschen aus der Erinnerung, Mythenbildung oder die Aufklärung sowie die Herstellung von Verständnis in Zusammenhang mit einer Perspektivenvielfalt können verwendet werden.

Als Beispiel dienen historische Ereignisse wie etwa der Kolonialismus. Sein Geschichtsablauf wurde hauptsächlich bis ganz aus der Perspektive der Sieger abgebildet. Wie die Ureinwohner Amerikas diese Phase erlebten, ist kaum überliefert. Im damaligen Kontext konnten diese Berichte eingesetzt werden, um ein negatives Bild der Ureinwohner zu erschaffen und den Kolonialismus als gerechte sowie gute Sache zu schildern.

nachträgliche Verfälschung

Unterdessen lässt sich Geschichtspolitik als Propagandamittel einsetzen. Diesbezüglich traf der amerikanische Publizist Walter Lippmann eine gelungene Annahme, welche häufig zitiert wird: „Erst wenn die Kriegspropaganda der Sieger Eingang in die Geschichtsbücher der Besiegten gefunden hat (und von der nachfolgenden Generation auch geglaubt wird), erst dann wird unsere Umerziehung erfolgreich gewesen sein.“

Sobald ein historisches Ereignis in Lehrbüchern festgehalten wurde, lässt sich dieses als Mittel benutzen. Somit werden eine entsprechende Sichtweise und notwendiges Wissen bezüglich vorhandener Quellen, Überlieferungen und Interpretationen benötigt, damit die künftigen Generationen nicht von der einseitigen Geschichtsschreibung beeinflusst werden. Die Sicht der Gewinner zeigt nur eine Seite der jeweiligen Ereignisse, wodurch wiederum Verfälschungen und Beeinflussungen wesentlich leichter eintreten können.

Wie objektiv kann der Sieger die Geschichte schreiben?

Die Geschichtsschreibung liefert nicht nur Anhaltspunkte auf die Vergangenheit, sondern schildert diese so, dass daraus ein nationales Bewusstsein entsteht.

In vielen Kulturen und Nationalstaaten werden historische Ereignisse so ausgeschmückt, dass sich ein Nationalstolz bei der Bevölkerung ergibt. Denn über ein kollektives Geschichtsbewusstsein, welches durch die gemeinsame Vergangenheit eines Volkes geformt und definiert wird – entsteht eine nationale Identität. Diese gemeinsame Identität ist eine Befürwortung dieser Vergangenheitsschilderung, wodurch ein Wir-Gefühl bzw. Gemeinsamkeitsgedanke entsteht.

Wie dieses Gemeinschaftsgefühl ausgefüllt wird, liefert mitunter die Geschichte. Fühlt sich ein Volk als Held der Geschichte sind damit Nationalstolz verknüpft. Wurde ein Volk in der Geschichte häufig besiegt, war unterlegen oder das Staatsterritorium mehrfach geteilt worden, ergibt sich ein historisches Unterlegenheitsgefühl. Wird eine Nation für ein bestimmtes Negativereignis der Geschichte verantwortlich gemacht, entsteht eine Schuldkultur oder Schamkultur hinsichtlich der eigenen Geschichte. Diese Geschichtserzählungen werden transportiert, in Erzählungen, Sagen und seit der Moderne auch in Film und Fernsehen übertragen.

So ist bspw. die Unabhängigkeitserklärung ein Dokument, wonach die Menschen in den USA ihre Freiheit erkämpften. Dieser Freiheitskampf wird in Film und Fernsehen gern gezeigt und trägt zum amerikanischen Patriotismus bei. In Russland ist es der Große Vaterländische Krieg, in welchem man Nazideutschland besiegte.

Und in Deutschland ist es die Wiedervereinigung oder die Völkerschlacht bei Leipzig, bei denen man das Unrecht der Vergangenheit überwinden konnte. Diese historischen Ereignisse sind geschehen und bewirkten mitunter einen Wendepunkt in der nationalen Geschichte. Aber was daraus gemacht wurde, welche Informationen (z.B. Heldengeschichten) angeknüpft und aufbereitet werden – hat etwas mit dem bereits etablierten Geschichtsbewusstsein der Nation zu tun.

Ein Beispiel neuerer Geschichte ist der Vietnamkrieg, welcher im amerikanischen Film als Tragödie der US-Soldaten dargestellt wird. Einige Vietnam-Veteranen erhielten Auszeichnungen, wurden zu Helden und werden gefeiert. Die Napalm-Abwürfe über der vietnamesischen Bevölkerung, den Angriffskrieg, den Hunger, die Seuchen und das Leid, welche die Amerikaner mitbrachten – wird im US-Fernsehen normalerweise nicht gezeigt. Auch wurden die Amerikaner niemals des Kriegsverbrechens oder des Verbrechens gegen die Menschlichkeit beschuldigt, wodurch das nationale Geschichtsbewusstsein nicht beschädigt wird.

Dabei stellt sich die Frage, wie objektiv die Geschichtsdarstellungen sind und ob Geschichtsquellen wirklich ausreichen – um eine Vergangenheit ausreichend zu rekonstruieren. Alle Naturwissenschaften haben den Vorteil, dass sie auf empirischen Daten basieren. Das heißt, ein Phänomen wird untersucht, indem eine Reihe von Experimenten stattfinden, in denen Daten gesammelt werden. Oftmals werden in diesen Experimenten zwei Gruppen gebildet, welche sich lediglich im Untersuchungsmerkmal unterscheiden. Da die eine Gruppe ein anderes Merkmal als die Kontrollgruppe hat, kann es – falls das Untersuchungsmerkmal – eine Bewandtnis hat – zu unterschiedlichen Ausprägungen kommen, wodurch ein Zusammenhang festgestellt werden kann.

Die Geschichtswissenschaft kann nicht auf empirische Daten zugreifen und muss deshalb sehr sorgfältig mit gesicherten Quellen umgehen. Es müssen Echtheit, Verfasser und dessen Absichten festgestellt werden. Erst dann kann eine Quelle analysiert und interpretiert werden.

Nach der Quellenkritik wird die neu und als sicher angesehene Quelle als Mosaikstück in die bisherige Geschichtsschreibung eingesetzt. Durch den neu gewonnenen Erkenntnisstand müsste das nationale Geschichtsbewusstsein neu ausgerichtet werden, was allerdings meistens unmöglich ist. Denn die bisher transportierten Darstellungen der eigenen Geschichte sind verhärtet. Durch die permanente Konfrontation im Film, Fernsehen, Geschichtsunterricht, Museen und Ausstellungen – wird das eigene Geschichtsbild immer weiter gefestigt und kann durch neue Erkenntnisse kaum noch ins Wanken geraten.


Literatur:

  • Winfried Martini: Der Sieger schreibt die Geschichte, ISBN 3800412241*
  • Sven Felix Kellerhoff: Aus der Geschichte lernen – Ein Handbuch zur Aufarbeitung von Diktaturen, ISBN 978-3848709731*
  • Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, ISBN 3406636616*
  • Frank Deppe: Politisches Denken zwischen den Weltkriegen: Band 2: Schmitt, Keynes, Lippmann, Hilferding, Gramsci, Horkheimer, Adorno, Gandhi, Mao, ISBN 3899650018*

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