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Was ist prosoziales Verhalten: Definition, Bedeutung, Abgrenzung, Psychologie


Die Frage nach der Definition von prosozialem Verhalten ist nicht so leicht zu beantworten, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheint. Wahrscheinlich kommen dir im Zusammenhang mit diesem Begriff Wörter wie „Mitgefühl“ oder „Hilfeverhalten“ in den Sinn. Damit liegst du auch definitiv richtig. Doch es gehören noch weitere Aspekte dazu und gleichzeitig bergen diese Aspekte Probleme in sich, die eine eindeutige Definition erschweren.

Welche das sind, wie prosoziales Verhalten sich entwickelt haben könnte und wie man Kindern beim Erlernen prosozialen Verhaltens helfen kann, wollen wir in den folgenden Absätzen unter die Lupe nehmen.

Prosoziales Verhalten – Der Versuch einer Definition

Wenn wir an prosoziales Verhalten denken, tauchen verschiedene Begriffe auf.
Daher können wir sagen, dass zu prosozialem Verhalten gleich mehrere Aspekte gehören. Einer davon ist sicherlich die Empathie. Empfinden wir dieses Gefühl für jemanden, dann helfen wir – ohne einen eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Wir können uns in diesem Zustand in das Gegenüber hineinversetzen und nachempfinden, dass es ihm schlecht geht. Daran wollen wir etwas ändern und handeln im besten Fall auch dementsprechend.

So kommt es beispielsweise zu einem Anstieg finanzieller Spenden nach Naturkatastrophen. Allerdings empfinden wir nicht für alle dieselbe Empathie. Hier scheint auch die Gruppenzugehörigkeit einen Einfluss auszuüben. Um noch einmal auf das Thema Spenden zurückzukommen: Nach dem Hurricane „Katrina“ im Jahr 2005 spendeten US-Amerikaner wesentlich mehr als nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti fünf Jahre später, bei dem wesentlich mehr Menschen ums Leben kamen.

Altruismus und Hilfeverhalten als weitere Elemente des prosozialen Verhaltens

Hilfeverhalten und Altruismus sind ebenfalls Teil des prosozialen Verhaltens.
Wenn wir Hilfeverhalten zeigen, haben wir eine bestimmte Absicht. Wir wollen etwas tun, was der hilfsbedürftigen Person nutzt. Dadurch möchten wir ihr Leid mindern und zur Wiederherstellung ihres Wohlbefindens beitragen.

Hierzu sei allerdings gesagt, dass diese Hilfe auch von der anderen Person erwünscht sein muss. Sofern diese nämlich gar keine Hilfe von dir möchte, wird sie dein (an sich positives Verhalten) eher als aufdringlich bewerten und als negativ empfinden.

Das Hilfeverhalten ist nicht nur mit Empathie, sondern auch mit Altruismus verwoben. Unter letzterem versteht man ebenfalls ein Verhalten zum Nutzen anderer. Doch anders als das Hilfeverhalten, sind altruistische Handlungen rein empathischen Ursprungs. Das bedeutet, dass keine extrinsische Belohnung für das gezeigte Verhalten erwartet wird.

Hilfeverhalten kann auch daraus entstehen, dass wir eine Gegenleistung in Form von Lob erwarten oder auf einen finanziellen Ausgleich hoffen. Auch berufliche Umstände führen zu Hilfeverhalten. In der Pflege oder im medizinischen Bereich tätige Menschen helfen zwar anderen, doch dabei handelt es sich um ihren Beruf. Was natürlich nicht bedeutet, dass sie nicht auch aus rein altruistischen Motiven und damit aus Gründen der Empathie helfen würden.

Prosoziales Verhalten und das Problem mit dem Altruismus

Altruismus gründet auf empathischem Verhalten und gilt gemeinhin als selbstlos.
Doch kann diese Annahme wirklich zutreffen? Immerhin besteht hier ein nicht unerhebliches Definitionsproblem. Um altruistisch – also selbstlos – zu handeln, darf keine Überlappung zwischen dem Selbst und anderen Menschen bestehen.

Und genau dort liegt der Hund begraben: Die psychologische Forschung ist sich in Bezug auf das Selbst nicht ganz einig. Das Konzept des Selbst ist umstritten und es ist fraglich, ob es überhaupt klar von anderen Personen abgegrenzt werden kann. Doch wenn wir kein abgegrenztes Selbst besitzen, können wir anderen gegenüber auch nicht selbstlos handeln. Demnach wäre ein rein altruistisches Verhalten quasi unmöglich. Es würde demnach immer auf uns selbst abzielen.

Auch die Definition des prosozialen Verhaltens gestaltet sich nicht einfach

Das liegt vor allem daran, dass der Begriff gesellschaftlich definiert wird.
Grob gesagt, kann prosoziales Verhalten als ein für andere Menschen nützliches Verhalten sein. Dieses wird entweder durch egoistische oder altruistische Motivationen angetrieben. Eine Kombination aus beiden Motiven ist ebenfalls möglich. Berufliche Beweggründe werden aus dieser Definition aus den oben genannten Gründen erneut ausgeschlossen.

Allerdings sind Forscher sich uneins, was prosoziales Verhalten überhaupt ist. Das hat mit den gesellschaftlichen Vorstellungen zu tun, welche die Definition beeinflussen. Damit unterliegt prosoziales Verhalten einer gewissen Kulturabhängigkeit.

Während bei uns beispielsweise das Bild des „guten Samariters“ vorherrscht, gilt dieses in anderen Kulturen nicht zwingend als Idealstandard. Die eine Kultur sieht etwa die Gefährdung des eigenen Lebens zum Wohle anderer als edle Tat an. Die andere Kultur versteht jedes einzelne Mitglied als Teil der „Sippe“. Wenn diesem ein Leid widerfährt, schadet das somit auch den anderen Gesellschaftsmitgliedern und nicht allein dem scheinbar selbstlos Handelnden.

Prosozialer Verhalten kann verschiedene Gesichter haben

Zudem ist prosoziales Verhalten nicht immer zwingend mit positiven Ereignissen verknüpft.
Gesellschaftliche Revolutionen können viele Verletzte und Tote nach sich ziehen. Dennoch können diese traurigen Umstände auch zu einer Verbesserung der Lebensumstände der restlichen Bevölkerung oder nachfolgender Generationen führen.

Obwohl diese Geschehnisse also eher mit Aggressionen statt mit Hilfeverhalten assoziiert werden, können sie sich als prosoziale Handlungen entpuppen.

Prosoziale Hilfe aus biologischer Sicht

Es stellt sich natürlich auch die Frage, warum wir uns überhaupt anderen gegenüber prosozial verhalten.
Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Der individualistische Ansatz geht davon aus, dass unsere Stimmung einen Einfluss auf unser Hilfeverhalten hat.

Demnach sind wir eher zu einem prosozialen Verhalten geneigt, wenn wir eine gute Stimmung haben. Wir helfen anderen Menschen also eher, wenn wir gut gelaunt sind. Denn wenn wir positiv gestimmt sind, werden auch mehr positive Gedanken aktiviert. Diese wiederum können positiven und prosozialen Verhaltensweisen den Weg bahnen.

Unser Urteilsvermögen wird ebenfalls von unserer Stimmung beeinflusst. Dieses fällt unter einem positiven Gemütszustand auch eher zugunsten der hilfebedürftigen Person aus.

Anders sieht es aus, wenn wir schlechte Laune haben. Hier liegt der Fokus nämlich eher auf uns selbst. Das wirkt sich nicht nur unvorteilhaft auf unsere Urteilsbildung aus, so dass wir Notsituationen nicht als solche bewerten. Zudem führt es auch dazu, dass wir Notsituationen oft auch gar nicht erst wahrnehmen. Denn wir kreisen in dem Moment so stark in Gedanken um uns selbst, dass wir unser Umfeld weniger beachten.

Prosoziales Verhaltens kann vorteilhalft für die Gene sein

Ein weiterer interessanter Ansatz ist die biologische Herangehensweise an das Thema.
Dieser sieht die Ursache unseres Hilfeverhaltens vor alle in den Genen verwurzelt. Bei der evolutionspsychologischen Annahme geht man davon aus, dass die Verbreitung der eigenen Gene ein Antreiber hinter unserem Handeln ist. Dann beeinflusst dies auch unser prosoziales Verhalten. Wenn man sich einem anderen gegenüber hilfsbereit verhält, kann das in Form von Reziprozität einen Vorteil mit sich bringen.

Teilten unsere Vorfahren ihre Nahrung mit anderen, könnten sie auf eine Gegenleistung spekuliert haben. Falls eine Hungersnot eintritt, würde der andere ihnen mit größerer Wahrscheinlichkeit ebenfalls etwas zu Essen abgeben. Es besteht eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung: Wenn ich dir jetzt helfe, senkt das zwar kurzfristig meine Fitness (da ich weniger zu essen habe). Doch deine würde erhöht werden (du würdest nicht hungern) und durch das Prinzip der Reziprozität würde meine Fitness auf lange Sicht erhöht (wenn ich hungere, wirst du auch deine Nahrung mit mir teilen). Denn wenn du mir später in einer potenziellen Notsituation hilfst, kann ich überleben und meine Gene an meine künftigen Nachkommen weitergeben.

Da dieses Konzept allerdings auf Gegenseitigkeit beruht, besteht auch die Gefahr der Ausnutzung. Jemand könnte das prosoziale Verhalten des anderen nur zu gern annehmen und dann verschwinden. Damit Reziprozität funktioniert, muss also der Kontakt zwischen Helfendem und Hilfeempfänger aufrechterhalten werden.

Was sind Beispiele für prosoziales Verhalten?

In der sozialpsychologischen Forschung wird eine Vielzahl prosozialer Verhaltensweisen untersucht.
Dazu gehört beispielsweise die Kooperation. Diese ist ein Bestandteil der oben beschriebenen Reziprozität. Das Hilfeverhalten geht also nicht nur in eine Richtung, sondern die beteiligten Personen handeln in Zusammenarbeit. Auf diese Weise kann jeder einen Vorteil für sich selbst aus dem kooperativen Handeln schlagen.

Freiwilligenarbeit meint jede Art von Aktivität, welche ohne Entlohnung getätigt wird. Wir investieren dabei Zeit und Arbeit in etwas, das anderen Personen, Organisationen oder Gruppen nützt. Wir helfen ohne finanzielle Entlohnung in einer Kindertagesstätte aus oder bieten älteren Mitmenschen unsere Hilfe bei Einkäufen an.

In Bezug auf den Altruismus ist selbstloses Verhalten ein weiterer Forschungsaspekt auf dem Gebiet des prosozialen Verhaltens. Wie du weiter oben bereits gelesen hast, ist dieses Unterfangen aufgrund von Definitionsproblemen allerdings nicht ganz so einfach. Denn wie kann selbstloses Verhalten gezeigt werden, wenn das Selbst kein gefestigtes Konstrukt darstellt?

Die Zuschauerintervention beschreibt das helfende Verhalten von Personen, die eine akute Notsituation beobachten. Ihr Eingreifen kann allerdings durch verschiedene Mechanismen gehemmt werden. So kann sich die Anwesenheit anderer negativ auf das eigene Hilfeverhalten auswirken. Wir haben unter Umständen Angst, bei einem Unfall nicht die richtigen helfenden Handgriffe auszuführen und uns vor den anderen Zuschauern zu blamieren.

Gehen wir selbst ein hohes Risiko für unser Wohl ein, um anderen zu helfen, dann ist vom sogenannten mutigen Widerstand die Rede. Dieser zeichnet sich zusätzlich dadurch aus, dass das gezeigte Verhalten auch über einen längeren Zeitraum hinweg aufrechterhalten wird.

Wie kann man prosoziales Verhalten lernen?

Kinder lernen unter anderem am Modell und durch Medien.
Am Beispiel des Blutspendens konnte gezeigt werden, dass Eltern als Vorbild dienen. Wenn die Eltern regelmäßig Blut gespendet haben, taten ihre Kinder es ihnen im Erwachsenenalter mit einer höheren Wahrscheinlichkeit gleich.

Doch nicht nur das Modelllernen kann ein Ansatz zum Aneignen von prosozialen Verhaltensweisen sein. Videospiele stehen zwar häufig in der Kritik, vor allem sofern sie gewaltbezogene Inhalte aufweisen. In der Tat gibt es eine Vielzahl von Studien dazu, die einen Zusammenhang zwischen aggressiven Verhalten und dem Spielen gewalthaltiger Videospiele aufzeigen. Allerdings scheint das auch in die andere Richtung zu funktionieren. Es gibt Studien, welche die Wirkung von Videospielen mit prosozialen Inhalten auf das Verhalten untersuchen.

Und auch hier zeigte sich ein medialer Einfluss: Beschäftigten sich die Versuchsteilnehmer mit einem prosozialen Videospiel, zeigten sie in Folge dessen weniger aggressive Gedanken und konnten sich besser in andere Personen hineinversetzen. Da eine bessere Stimmung und Perspektivübernahme die Empathie steigern können, kann dadurch auch das prosoziale Verhalten angekurbelt werden.

Zusammenfassung

  • Prosoziales Verhalten ist ein wünschenswertes und dennoch nicht eindeutig zu definierendes Konstrukt. Es steht unter einem gesellschaftlichen Einfluss und ist damit kulturabhängig. Was in einigen Gesellschaften als prosozial empfunden wird, kann in anderen eher negativ aufgenommen werden.
  • Empathie, Hilfeverhalten und Altruismus sind Bestandteile prosozialen Verhaltens. Doch gerade beim Altruismus ist fraglich, ob es ein rein selbstloses Verhalten wirklich geben kann. Grund dafür ist die Frage danach, ob das Selbst überhaupt etwas Eigenständiges ist oder Überlappungen mit anderen Menschen aufweist.
  • Aus biologischer Sicht könnte prosoziales Verhalten durch das Bestreben angetrieben werden, seine eigenen Gene weiterzugeben. Durch Hilfeverhalten anderen gegenüber wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass diese einem ebenfalls helfen. Das wiederum steigert die eigenen Überlebens- und Fortpflanzungschancen.
  • Allerdings besteht dabei auch immer die Gefahr, dass das eigenen Hilfeverhalten von anderen ausgenutzt wird und das Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht mehr stimmt.
  • Für prosoziales Verhalten gibt es viele Beispiele. Dazu zählen etwa Ehrenamt, Freiwilligenarbeit, Kooperation oder auch Hilfe in Notsituationen.
  • Um prosoziales Verhalten zu erlernen können einerseits die eigenen Eltern als Vorbild dienen. Doch auch die von den Kindern genutzten Medien können einen Beitrag leisten.
Über den Autor:

Mein Name ist Mathias Mücke und ich bin Autor und Inhaber von ScioDoo.

Das Ziel von ScioDoo ist es, dass du hier Informationen findest, welche du für deinen Alltag, Schule, Studium oder eine betriebliche Weiterbildung brauchst.

Aber nicht nur das...

Gleichzeitig will ich das Wissen recht unterhaltsam servieren, so dass du vielleicht mal wiederkommst.

Ich weiß selbst, dass dieser Ansprung enorm ist.

Aber deshalb arbeite ich auch jeden Tag an mir und an diesem Projekt, so dass du auch jeden Tag neues kostenloses Wissen bekommst.

Nicht schlecht, oder?

Also bis später vielleicht.

LG Mathias Mücke


Tasse

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