Skip to main content

3 Gründe, warum Tiere für Menschen in Fabeln eingesetzt werden


warum tiere in fabeln

Bei einer Fabel handelt es sich um eine Erzählung, die zumeist nicht allzu lang gehalten ist, in Versen oder Prosa verfasst wird und den Zweck hat, dem Leser eine Moral zu vermitteln, die in vielen Fällen leicht zu erkennen ist. Bereits der antike griechische Dichter Äsop bediente sich dieser Erzählform. Ein entscheidendes Merkmal von Fabeln ist, dass hauptsächlich personifizierte Tiere, die allesamt über immer gleiche ausgeprägte Charakterzüge verfügen, die Handlung vorantreiben. Ferner können auch Pflanzen oder Fantasiegeschöpfe, sogenannte Fabelwesen, in dieser Art der Erzählung eine Rolle spielen.

Die Fabel, deren Begriff sich vom lateinischen Wort fabula ableitet, welches soviel wie Geschichte, Sage oder Erzählung bedeutet, ist ein Mittel der Autoren, bestimmte menschliche Handlungen zu thematisieren oder zu kritisieren. Indem nicht Menschen selbst, sondern Tiere mit menschlichen Eigenschaften die Akteure der Erzählungen waren, konnten die Urheber dieser Werke beispielsweise Ungerechtigkeiten und Fehlentscheidungen von gesellschaftlicher und politischer Seite aufzeigen oder die Schwächen und Stärken einzelner Personen behandeln. Auf diese Weise konnten sie nicht durch die so geübte Kritik in Gefahr gebracht werden und aus ihren Geschichten belehrende Weisheiten formen.

tiere fabelwesen

Tierähnliche Fabelwesen der Antike


Der Aufbau einer Fabel besteht dabei meistens aus drei Teilen. Beginnend mit dem erzählenden Teil, in dem die Tiere und die Ausgangssituation geschildert werden und ein Konflikt erkennbar wird, folgt der Dialogteil, der die Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften der Tiere zum Vorschein bringt. Im dritten Teil wird eine Lösung des Problems aufgezeigt, die nicht selten nur für einen der Kontrahenten gut ausgeht, woraus sich schlussendlich die eigentliche Moral ergibt.

Warum setzt man Tiere statt Menschen in Fabeln ein

Anhand der Fabel des Reineke Fuchs lässt sich sehr gut veranschaulichen, wie diverse menschliche Verhaltensweisen und Wesenszüge durch Tiere beschrieben werden, welche Auswirkungen die meist ziemlich überspitzt dargestellten Eigenschaften haben und welche Veränderungen im Laufe der Erzählung daraus resultieren. In der Geschichte geht es um einen Fuchs, der als einziger Untertan nicht zur Versammlung am Hofe des Königs erschienen ist.

reineke fuchs

Der König, der durch einen Löwen stilisiert wird, schickt zuerst den Bären und danach den Kater los, um den Fuchs zum Königshof zu bringen, nachdem ihm die übrigen Anwesenden von den zahlreichen Untaten des Reineke erzählt haben. Beide ausgesandten Botschafter werden jedoch vom Fuchs überlistet und schwer Verletzt. Dem Dachs gelingt es schließlich dennoch, ihn zu überzeugen, doch als der Fuchs dann für seine Verfehlungen hingerichtet werden soll, schafft er es sogar, diesem Schicksal zu entgehen. Er appelliert an die Gier des Löwen und berichtet ihm von einem Goldschatz, und zu allem Überfluss verkauft er dem König die anderen Tiere auch noch als Übeltäter, welche sogleich eingesperrt werden.

Im weiteren Verlauf der Fabel fallen dem Fuchs noch weitere Tiere zum Opfer, zum Beispiel der Hase, welcher ihn auf seiner angeblichen Pilgerfahrt nach Rom begleitet. Stets gelingt es Reineke, sich durch Lügen und Betrug seiner gerechten Strafe zu entziehen, selbst den viel stärkeren Wolf bezwingt er mit Hilfe einer List im Zweikampf. Daraufhin ließ er sich vom König zum Kanzler ernennen. Bereits im Mittelalter war diese Geschichte populär, und auch Johann Wolfgang von Goethe, der eine neue Fassung der Fabel schuf, thematisierte hiermit die Ungerechtigkeit der Gesellschaft.

Schlechte Menschen schafften es immer wieder, sich aus der Schlinge zu ziehen und aufzusteigen, indem sie die Dummheit und Gutgläubigkeit ihrer Mitmenschen ausnutzten, vor allem aber die Gier der Reichen und Mächtigen, das war die Lehre, die daraus gezogen werden konnte. Auf diese Art wurden Fabeln genutzt, um frei heraus schreiben zu können, ohne etwa das Übel beim Namen zu nennen. Indem man Personen oder Gesellschaftsgruppen durch einen mächtigen und stolzen Löwen, einen untertänigen Wolf oder ein unschuldiges Lamm ersetzte.

Grund 1: Tiere als Repräsentanten für bestimmte Menschen

Die Fabel vom Hase und vom Igel erzählt von der Arroganz und dem Hochmut des Hasen, der glaubt, er sei dem Igel überlegen, da er schneller laufen kann. Er begegnet der Freundlichkeit des Igels mit Abneigung und lacht hämisch über dessen kurze Beine, was den Igel wütend macht. Dieser schlägt dem Hasen daraufhin ein Wettrennen vor.

Siegessicher willigt der Hase ein und sie verabreden sich am nächsten Tag an einem Baum. Übernacht überlegt der Igel sich eine List, und sagt zu seiner Frau, sie solle einfach am Ziel auf den Hasen warten und kurz vor seinem Eintreffen „ich bin schon hier“ rufen. Am nächsten Morgen tut sie, worum ihr Mann sie gebeten hat. Als das Rennen beginnt, stürmt der Hase los, doch kurz bevor er am Ziel ankommt, ruft die Frau des Igels, sie sei schon hier. Der Hase will es nicht glauben und verlangt nach einem zweiten Rennen zurück zum Baum. Doch hier wartet schon der Igel auf ihn.

Das Spiel wiederholt sich einige Zeit, bis der Hase einfach vor Erschöpfung umfällt. Fortan wird er nie wieder über die Beine des Igels spotten. Die Charaktereigenschaften der Tiere sind hier leicht zu erkennen, während der Hase arrogant, selbstsicher und spöttisch agiert, bleibt der Igel freundlich, schlau und besonnen, was ihm letzten Endes zum Sieg verhilft.

Diese kurze Erzählung zeigt hervorragend die Möglichkeit für Autoren und Dichter, unter dem Deckmantel der Fabel kritische Literatur zu veröffentlichen und Wesenszüge der Gesellschaft zu thematisieren und zu behandeln. Die Schöpfer solcher Schriften brachten sich nicht dadurch in Gefahr, explizit auf das Fehlverhalten einer einzelnen Person oder einer Gruppierung einzugehen, sondern konnten sämtliche Verurteilungen auf abstrakte Weise umschreiben.

Grund 2: Tiere als verdeckte Anklage

Im Jahre 1944, während des zweiten Weltkrieges, stellte der Autor George Orwell seine Fabel „Die Farm der Tiere“ (Originaltitel „Animal Farm“) fertig und schuf damit eine satirische Schrift, die harsche Kritik an der russischen Revolution und der Diktatur Josef Stalins übte. Dieser literarische Angriff auf den Stalinismus erzählt die Geschichte einer Farm, die von einem herrschsüchtigen Trunkenbold geführt wird, der die dort lebenden Tiere unter sehr schlimmen Bedingungen hält und knechten lässt.

farm der tiere rollen

Die Handlung der Fabel in Kürze

Eines Nachts versammelt der Eber Old Major, der für seine Weisheit geachtet wird, alle Tiere der Farm in der Scheune. Dort hält er eine Rede, in der er den Zuhörern eine dunkle Zukunft vorhersagt, wenn sie nicht bald gegen ihren Peiniger aufbegehren. Er führt ihnen vor Augen, unter welch elenden Bedingungen sie schuften müssen und wie wenig ihnen trotz der harten Arbeit am Ende bleibt.

Der Eber erzählt ihnen von seinem Traum, in dem alle Tiere frei und gleich sind und ein wunderbares Leben in Frieden führen, und fordert die Farmbewohner auf, gegen die Menschen zu rebellieren. Gleichzeitig warnt er jedoch auch davor, sich von der Macht korrumpieren zu lassen und letzten Endes den Platz der Menschen als skrupellose Herrscher einzunehmen. Am Ende der Rede stimmt er ein Lied an, das sich zur Hymne der Freiheit entwickelt: „Tiere Englands“.

Kurz darauf stirbt Old Major, doch seine Idee einer Rebellion trägt bereits Früchte. Eines Morgens, als der Farmer es versäumt, die Tränken und Futtertröge der Tiere zu füllen, reicht es ihnen endgültig und sie vertreiben ihn kurzerhand von seinem Hof, nachdem sie sich selbst Zugang zu ihrem Futter verschafft haben. Angeführt wird die Rebellion von den intelligenten Schweinen, allen voran die jungen Keiler Napoleon, Schneeball und Schwatzwutz. Nachdem die Tiere die Farm übernommen haben, taufen sie sie um, „Farm der Tiere“ wurde sie fortan genannt.

Bald darauf lernen die Schweine lesen und schreiben, und Napoleon und Schneeball pinseln mit weißer Farbe die Prinzipien des „Animalismus“ an eine Wand. Dabei handelt es sich um sieben Gebote, die besagen, dass alle Zweibeiner Feinde und alle Vierbeiner und Flügelträger Freunde sind, dass Tiere keine Kleider tragen, nicht in Betten schlafen und keinen Alkohol trinken sollen, und dass sie keine anderen Tiere töten sollen. Vor allem aber legen sie fest, dass alle Tiere gleich sind. Alle Farmbewohner arbeiten von nun an gemeinsam sechs Tage in der Woche auf dem Feld, während sie sich am Sonntag in der Scheune treffen und gemeinsam über politische Angelegenheiten debattieren.

Allen voran leistet das starke Pferd Boxer die meiste Arbeit, ganz nach seinem Motto „ich will immer härter arbeiten!“. Mit der Zeit kristallisiert sich jedoch die intellektuelle Überlegenheit der Schweine immer weiter heraus, wohingegen die Schafe beispielsweise sich nicht einmal die sieben Gebote merken können. Die einzigen Tiere, die annähernd mit den Schweinen mithalten können, sind die Hunde. Napoleon, Schneeball und ihre Artgenossen übernehmen immer mehr denkerische und diktierende Aufgaben, und beanspruchen als Gegenleistung für die übernommene Kopfarbeit bald die Milch der Kühe für sich, ebenso wie das Fallobst.

Einige Zeit darauf folgt ein plötzlicher Angriff der Menschen Mr. Pilkington und Mr. Frederick, den Besitzern der benachbarten Farmen. Aus Angst, die Rebellion möge ihre eigenen Tiere inspirieren, wollen sie die Farm zurückerobern. Die tierischen Farmbesitzer gehen jedoch als Sieger aus der „Schlacht am Kuhstall“ hervor. In der folgenden Zeit häufen sich die Streitigkeiten der beiden leitenden Schweine Napoleon und Schneeball.

Die Lage spitzt sich zu, als sich die Tiere zu einer Abstimmung versammeln, in der über eine Windmühle entschieden werden soll, die Schneeball errichten lassen möchte. Die Tiere stimmen zwar für die Windmühle, doch Napoleon ist darauf vorbereitet und hetzt seine Kampfhunde auf Schneeball, die er bereits als Welpen aufgenommen und heimlich großgezogen und abgerichtet hat. Schneeball muss fliehen, und Napoleon ist von da an der alleinige Herrscher der Farm, der störende Fragen mit der Hilfe seiner Hunde im Keim erstickt. Schnell grenzen sich die Schweine immer weiter ab und etablieren sich als Führer, sie schaffen den freien Sonntag ab, schlafen bald in Betten und treiben Handel mit den Nachbarn, um den Bau der Windmühle zu finanzieren, die nun doch realisiert werden soll.

Die Gebote, die an der Wand zu lesen sind, werden immer weiter umgedichtet oder erweitert. Dank der hervorragenden Redekünste von Schwatzwutz lassen sich die Tiere leicht überzeugen und in die erneute Sklaverei treiben. Ein Aufstand der Hühner wird zerschlagen und mehrere andere Tiere dazu gezwungen, in einem Schauprozess zu gestehen, dass sie mit Schneeball unter einer Decke stecken. Sie werden daraufhin hingerichtet.

Nachdem Napoleon während eines Handels von Mr. Frederick betrogen wird, der ihn mit gefälschten Banknoten bezahlen will, kommt es zu einer weiteren Schlacht, bei der die neue Windmühle zerstört wird. Erneut gewinnen die Tiere die Auseinandersetzung und die Schweine feiern ihren Sieg mit einer Flasche Whisky.

Immer mehr Privilegien räumen die Schweine sich ein, und Napoleon lässt sich bald einstimmig zum Präsidenten der von ihm ausgerufenen Republik wählen. Als Boxer aufgrund der langen harten Arbeit zusammenbricht, die er geleistet hat, verkaufen die Schweine ihn heimlich an den Abdecker, während Schwatzwutz den anderen Tieren erzählt, dass das Pferd trotz der ärztlichen Behandlung nicht überlebt hat. Das Geld finanziert ihnen weiteren Schnaps.

Die Bedingungen werden für die Farmtiere immer schlimmer, die Arbeit immer härter, währenddessen sich die Schweine zu kleiden beginnen und bald auf zwei Beinen laufen. Als sie eines Abends mit den benachbarten Bauern beisammensitzen und die Farm wieder in „Herren-Farm“ umbenennen, sehen die anderen Tiere heimlich durch das Fenster, während sie erkennen, dass sie die Schweine nicht mehr von den Menschen unterscheiden können. Das einzige verbliebene Gebot an der Wand lautet nun: alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher“.

Moral und Hintergrund

Orwells Parabel gegen die Sowjetunion zeigt hervorragend den zu erwartenden Werdegang nach einer Revolution und wie die Mächtigen es immer wieder schaffen, durch Propaganda und Terror die Schwachen klein zu halten und auszubeuten. Sein Werk beschreibt die Rebellion gegen das Zarenregime Nikolaus des Zweiten, indem die Schweine Napoleon und Schneeball beispielsweise für Josef Stalin und Leo Trotzki stehen, während der Bauer Frederick Adolf Hitler verkörpert.

Die Schafe stellen die blind folgenden Bürger dar, und Napoleons Kampfhunde symbolisieren die Geheimpolizei. Die Geschehnisse ähneln historischen Ereignissen der damaligen Zeit. Die Art der Erzählung lässt das Buch „Die Farm der Tiere“ zunächst als ein Kinderbuch erscheinen, entpuppt sich jedoch recht bald als kritische Satire. Obwohl recht detailliert, lang und ereignisreich, weist die Geschichte dennoch typische Merkmale einer Fabel auf.

Grund 3: Hoher Wiedererkennungswert durch Tiere

Die in den Fabeln agierenden Tiere sind die Aushängeschilder der Geschichten. Man erkennt bereits an einem Bild, auf dem zwei tierische Kontrahenten zu sehen sind, um welche Erzählung es sich handelt. Es macht für Autoren, die eine eigene Fabel kreieren möchten, durchaus Sinn, an den charakteristischen Merkmalen der Tiere festzuhalten.

Der Leser weiß dann schon von vornherein, welche Verhaltensweisen er von den Akteuren erwarten kann. Wenn er zum Beispiel von einem Fuchs liest, erahnt er bereits, dass die Freundlichkeit nur vorgetäuscht wird und sein listiges Wesen verbergen soll. Der Rabe ist ein diebischer Geselle, während der Wolf meist gefräßig und bösartig dargestellt wird. Natürlich gibt es auch immer wieder Abweichungen von den gewohnten Eigenschaften, so kann der Hase sowohl vorsichtig und ängstlich, als auch hochnäsig und arrogant sein. Der Esel, meist Dummheit und Faulheit an den Tag legend, kann durchaus kluge Entscheidungen treffen. Und der Wolf ist mitunter loyal und untertänig anstatt boshaft und räuberisch.

Wichtig dabei ist lediglich, dass die Tiere zweifelsfrei einem Wesen zugeordnet werden können, damit man ihnen als Leser entsprechende Rollen zuschreiben kann. Letztendlich sind Fabeln doch literarische Werke fantastischer Art, so dass ihre Schöpfer die Möglichkeit haben, neue Wege zu gehen. Allen gemein ist ihre Aufgabe, gesellschaftliches und politisches Geschehen mithilfe fiktiver Geschichten anzuprangern und daraus eine allgemein gültige Lehre für die Leser zu ziehen. Dies kann in ungebundener Sprache genauso wie in Vers- und Reimform geschehen, kurz und knapp oder aber etwas ausgeschmückter sein und mehr oder weniger offensichtlich die Moral offenbaren, die aus den Konsequenzen der Entscheidungen und Verhaltensweisen der Tiere resultiert.


Ähnliche Beiträge