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Zusammenhang zwischen Attribution und Depression: Hilflosigkeit im Innen und Außen


Attributionen sind – laut Psychologie – bestimmte Eigenschaften, welche wir anderen Menschen oder uns selbst zuschreiben. Diese helfen dabei, sich zu orientieren und eine soziale Wahrnehmung zu gewähren. Laut Attributionstheorie gibt es verschiedene Attributstile, welche Auswirkungen auf unsere Leistungen aber auch auf psychische Erkrankungen – wie Depressionen haben.


In diesem Beitrag erfährst du, welcher Zusammenhang zwischen Attribution und einer Depression besteht und wie den Betroffenen geholfen werden kann.

Zusammenhang zwischen Selbstattribution und Depression

Attributionen sollen uns eigentlich dabei behilflich sein, uns in unserer sozialen Umwelt zurechtzufinden. Es handelt sich nämlich dabei um die Zuschreibung von Ursachen zu bestimmten Verhaltensweisen. Wenn wir wissen, welche Ursachen sich hinter dem Handeln einer Person verbirgt, können wir diese besser verstehen und ihr Verhalten in Zukunft sogar vorhersagen. Zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit.

Mit Hilfe von Attributionen können wir uns ein besseres Bild von unseren Mitmenschen, jedoch auch von uns selbst machen. Unserem eigenen Verhalten ordnen wir nämlich auch verschiedene Ursachen zu. Das kann in einigen Fällen allerdings auch problematisch werden. Denn zwischen fehlgeleiteten Attributionsstilen und Depressionen sowie anderen psychischen Erkrankungen besteht durchaus ein Zusammenhang.

Depressionsschutz: Leistungsbezogene Attributionen sollen unseren Selbstwert schützen

Wir vermuten verschiedene Ursachen hinter unseren Leistungen.
Leistungsbezogene Attributionen können beim Verständnis von klinischen Störungen behilflich sein. Wenn wir Erfolge feiern oder Misserfolge erleben, führen wir diese automatisch auf bestimmte Ursachen zurück.

Für einen Misserfolg können wir die äußeren Umstände verantwortlich machen. So könntest du dir eine misslungene Prüfung damit erklären, dass die Aufgaben einfach unfair waren. Gehst du hingegen mit einer guten Note aus der Prüfung, führst du das vielleicht eher auf deine intensiven Lernbemühungen zurück.

Das im Beispiel genannte Attributionsmuster ist selbstwertdienlich. Schiebst du einen Misserfolg auf die unfairen Prüfungsaufgaben, wird dein Selbstwert weniger angekratzt als wenn du an deinen Fähigkeiten zweifeln würdest. Von einer internen Ursachenzuschreibung in Folge eines Erfolges profitiert dein Selbstwert ebenfalls. Du blickst zufrieden auf deine Lernerfolge zurück und bist dir sicher: Wenn ich mich nur anstrenge, kann ich alles erreichen.

An Depressionen erkrankte Menschen haben allerdings in der Regel ein umgekehrtes Attributionsmuster. Bei einer guten Note sehen sie eher den Zufall als ausschlaggebenden Faktor. Eine schlechte Note wird hingegen auf mangelnde Fähigkeiten oder geringe Intelligenz attribuiert. Du merkst vermutlich schon: Hier ist beides dem Selbstwert nicht gerade zuträglich. Das Gegenteil ist der Fall.

Der Attributionsstil beeinflusst Depressionsdauer und -stärke

Die Kombination „intern“, „global“ und „stabil“ bilden den Worst Case.
Diese Variante sorgt für eine schwierige Behandlung von depressiven Erkrankungen, da sie das aus Patientensicht aussichtsloseste Muster darstellt. Die Ursachenzuschreibungen in unserem Attributionsmuster können in verschiedene Kategorien eingeordnet werden: intern oder extern, stabil und variabel, global oder spezifisch.

Hierzu kannst du dir folgendes Beispiel vorstellen. Du hast jemanden kennengelernt und hast dich direkt in diese Person verguckt. Nachdem du allerdings einige Annäherungsversuche unternommen hast, bist du auf Ablehnung gestoßen: Deine Frage nach einem Date wurde mit einem unmissverständlichen „nein“ beantwortet. Die Ursachen dafür kannst du nun intern oder extern suchen. In beiden Fällen beeinflussen die Stabilität und die Globalität deine Ursachenfindung. Gehen wir zunächst auf die internen Ursachen ein.

Interne Ursachen einer depressiven Attribution

Die internen Ursachen einer Depression, welche sich aufgrund einer Attribution entwickelt, werden in jedem Selbst gesucht. Der Betroffene macht also sich selbst verantwortlich und sucht Gründe für sein Unbehagen bzw. Unvermögen in sich (intern).

Zurück zum Beispiel mit der Partnerwahl
Da könntest du eine stabile und globale Ursache hinter der Absage vermuten.
In diesem Beispiel wäre deine Schlussfolgerung „Ich bin für alle zu unattraktiv“. Du empfindest dich als gesamte Person als nicht attraktiv genug, um überhaupt jemandes Interesse zu wecken. Stabil bedeutet in der Attribution dann, dass deine Unattraktivität nicht zu ändern und somit stabil ist. Global bedeutet dann, dass diese Eigenschaft Jeder in dir sieht.

Eine Abmilderung wäre eine spezifische anstelle einer globalen Attribution. Denn bei einer stabilen, jedoch spezifischen Betrachtung würde der Gedanke „Ich bin für alle unattraktiv“ (global) sich abmildern in: „Ich bin für diese eine Person zu unattraktiv“ (spezifisch).

Und schon beschränkt sich dieses Empfinden nur auf die eine spezifische Person und die Bedrohung für den Selbstwert wäre schon einmal ein wenig geringer. Eine instabile und globale Annahme wäre „Meine Gespräche langweilen alle anderen“. Wie im ersten Fall beziehst du dich wieder auf die Gesamtheit deiner Mitmenschen (global), beschränkst die Schlussfolgerung allerdings nur auf einen einzelnen Bereich deiner Selbst (deine Gesprächsthemen). Und dieser Bereich ist änderbar und somit instabil.

Du kannst auch von einer spezifischen und instabilen Situation ausgehen: Deine Gespräche langweilen nur diese eine besondere Person.

Externe Ursachen einer depressiven Attribution

Andere Depressive suchen den Grund für ihr Unvermögen mehr im Außen, in ihrer Umwelt bzw. bei ihren Mitmenschen. Das Problem wird somit außen (extern) bei den Anderen gesucht, anstelle bei sich selbst (intern). Dennoch zielt auch diese Betrachtung auf den eigenen Selbstwert ab.

Wie auch bei den internen Ursachen, gibt es die gleichen Kombinationsmöglichkeiten auch bei der externen Ursachenzuschreibung. Bei einer stabilen und globalen Ursachenzuschreibung vermutest du vielleicht, dass deine Gesprächsthemen einfach von vielen als zu intellektuell empfunden werden. Sie könnten dich eher als Konkurrenz sehen, statt als potenziellen Beziehungspartner oder -partnerin. Das Problem wird somit außen (extern) bei den Anderen gesucht, anstelle bei sich selbst (intern).

Bei einer spezifischen und stabilen Ursache würde sich dieser Gedanke nur auf die Person beziehen, die dir eine Abfuhr erteilt hat. Eine instabile und globale Vermutung wäre, dass manche Leute (global) eben manchmal (instabil) abweisend reagieren. Wohingegen die instabile und spezifische Ursachenzuschreibung sich wieder ausschließlich auf deinen Schwarm beziehen. Dieser ist nun einmal auch manchmal in einer abweisenden Stimmung.

Gute und schlechte Attributionsmuster

Die letzte Interpretation (extern, spezifisch und instabil) ist am wenigsten bedrohlich für deinen Selbstwert.
Denn du findest dich damit ab, dass deine Annäherungsversuche einfach nicht erfolgreich waren und wirst es dennoch erneut versuchen, sobald du wieder auf eine interessante Person triffst.

Wie du vermutlich schon erraten hast, ist das erste Attributionsmuster das mit den negativsten Auswirkungen auf den Selbstwert. Dieses denkbar schlechteste Muster (intern, global, stabil) wirkt sich auch nicht nur auf Beziehungen aus, sondern auf das ganze Leben. Die Ablehnung des Dates bezieht sich, der Interpretation nach, auch auf alle anderen potenziellen Partner (global) und ist nicht veränderbar, sondern dauerhaft (stabil).

Das Glück in der Liebe bleibt aus, weil die Ursache der Ablehnung zudem vermutlich in dir selbst liegt (intern). Du wirkst einfach auf niemanden attraktiv. Und du glaubst, aufgrund unveränderlicher Unzulänglichkeiten, keinen guten Job zu finden. Oder Freunde. Oder je etwas an dir selbst ändern zu können, das dich stört.

Autsch…
Das hebt nicht gerade die Stimmung, oder? Dieses Attributionsmuster ist unter Menschen mit Depressionen leider sehr weit verbreitet und geht logischerweise mit einem Gefühl der Hilflosigkeit einher.

Menschen, welche sich in dieser Situation befinden, können sich helfen lassen. Durch gezielte Gesprächsführung kann dann die Interpretation bzw. das Attributionsmuster:

  • Ich (intern) bin für Jedermann (global) unattraktiv (stabil).
  • in: Dieser eine (selektiv) Person (extern) empfindet meinen Humor (instabil) als nicht angebracht bzw. mag mein Erscheinungsbild nicht (instabil).

Depression und die Theorie der erlernten Hilflosigkeit

Der Psychologe Martin Seligman entwickelte in den Siebzigerjahren den 20. Jahrhunderts die Theorie, dass Depressionen auf erlernter Hilflosigkeit basieren. Diese Hilflosigkeit kommt dadurch zustande, dass Handlungsergebnisse ausbleiben.

Das bedeutet…
Egal, was man unternimmt, alles um einen herum scheint unabhängig von den eigenen Bemühungen vonstatten zu gehen. Das bedeutet auch, dass Bestrafung oder Belohnung willkürlich eintreten – also ganz ohne das eigene Zutun. Daraus folgt, dass irgendwann auch kein Streben nach Belohnung beziehungsweise Vermeidungsversuche hinsichtlich Bestrafung mehr gezeigt werden.

Die fünf Schritte von der Hilflosigkeit zur Depression

Aus einer erlernten Hilflosigkeit allein entwickelt sich allerdings noch nicht automatisch eine Depression. Dazu gehören noch weitere Schritte.

  1. Objektive Nichtkontingenz: Es ist auch für alle anderen beobachtbar, dass auf die eigenen Handlungen keine entsprechende Konsequenz folgt. Stattdessen sind sie willkürlich.
  2. Wahrgenommene Nichtkontingenz: Die Person realisiert, dass ihr persönliches Handeln den Ausgang einer Situation oder eines Sachverhalts nicht verändert. Sie erkennt eine Willkürlichkeit hinter den Konsequenzen.
  3. Attribution: Wenn an dieser Stelle nun die ungünstige Variante der internen, stabilen und globalen Ursachenzuschreibung stattfindet, folgt der vierte Schritt.
  4. Erwartung der Nichtkontingenz: Die Person kommt zum Schluss, dass sich auch künftig nichts an ihrer Lage ändern wird. Sie nimmt an, dass zukünftige Ereignisse unabhängig von ihren Handlungen und außerhalb ihrer Kontrolle sind.
  5. Schließlich setzen im letzten Schritt die Symptome einer Depression kombiniert mit einem Mangel an Motivation auf.

Das Heimtückische an der ganzen Geschichte ist die Neigung depressiver Menschen, unkontrollierbare Ereignisse auch noch intern, global und stabil zu attribuieren. Sie laden also die Verantwortung für Dinge auf sich, mit denen sie absolut nichts zu tun haben und die weit außerhalb ihres Handlungsspielraums liegen. Dadurch steigt das Risiko einer chronischen Depression noch einmal erheblich an.

Der Attributionsstil und andere psychische Erkrankungen

Es gibt verschiedene psychische Syndrome (zum Beispiel Schizophrenie), die mit Verfolgungswahn einhergehen.
Dabei handelt es sich um den Glauben, dass alle negativen Ereignisse von externen Akteuren verursacht werden. Eine interne Attribution findet gar nicht erst statt, so dass die „Schuld“ für alles Negative bei anderen Menschen gesucht wird.

Ein Auslöser dafür können Missbrauchserfahrungen in der Kindheit sein. Wenn ein Kind zum Opfer wird, kann es schnell ein negatives Selbstbild entwickeln und gleichzeitig die Neigung, schlechte Handlungsergebnisse auf das absichtliche Verhalten anderer Personen zu attribuieren. Das verletzte Selbstbild wird insofern dadurch geschützt, als dass keine Ängste über eigene Unzulänglichkeiten als Folge negativer Ereignisse aufkommen.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Schlussfolgerungen werden übereilig gezogen und nicht weiter hinterfragt. Es werden nur bestätigende Informationen herangezogen, während widersprüchliche Hinweise vollkommen ignoriert werden.

Von Betrügern und Leichen

Auch beim Capgras-Syndrom und dem Cotard-Wahn kommen Attributionsstile zum Zuge.
Das Capgras-Syndrom beinhaltet die Überzeugung, dass Familienmitglieder, Freunde und Bekannte durch Betrüger ersetzt wurden. Die Symptome der Erkrankung werden demnach extern attribuiert, nämlich auf die Mitmenschen.

Beim Cotard-Wahn hingegen findet eine interne Attribution statt. Betroffene sind davon überzeugt, gestorben zu sein. Obwohl sie sich selbst für tot halten, können sie noch mit ihrer Umwelt ganz normal interagieren. Gemeinsam haben beide Erkrankungen den Verlust des Gefühls der Vertrautheit. Das gilt also sowohl für das Vertrautheitsgefühl in Bezug auf seine Mitmenschen (wie bei dem Capgras-Syndrom) als auch für das in Hinsicht auf den eigenen Körper.

Letzteres kommt den Patienten mit Cotard-Wahn abhanden. Die Symptome können die Folge eines Hirnschadens im rechten Kortex sein. Dieser ist für die Attributionen in zwischenmenschlichen Beziehungen sehr bedeutsam.

Ist die depressive Attribution nun eine Ursache oder eine Folge

Zusammenhänge bestehen zwar, doch die Wirkrichtung ist nicht ganz klar.
Fraglich bleibt letztendlich, ob Depressionen eine Folge oder eine Ursache von ungünstigen Attributionsstilen sind. Zwar kann ein negativer Denkstil eine spätere Depression mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersagen. Doch auch die Depression selbst kann dazu führen, dass die Attributionsmuster sich im Krankheitsverlauf verändern. Eine wechselseitige Beeinflussung ist also nicht auszuschließen.

Zusammenfassung

  • Die Frage danach, ob Depressionen Folgen oder Ursachen eines negativen Attributionsstils sind, ist noch nicht abschließend geklärt.
  • Dennoch ist ein klarer Zusammenhang zwischen diesen beiden Faktoren gegeben.
  • Die Attribution auf interne, stabile und globale Ursachen verursachen ein Gefühl der Hilflosigkeit. Diese kann sich zu einer Depression ausweiten.
  • Da dieses Attributionsmuster global ist, wirkt es sich auf sämtliche Lebensbereiche aus.
  • Bei dieser Denkweise hält die betroffene Person es für schlichtweg unmöglich, selbst etwas an ihrer Situation ändern zu können.
  • Doch nicht nur zwischen Depressionen und Attributionen bestehen Zusammenhänge, sondern auch bei anderen psychischen Erkrankungen. Dazu zählen beispielsweise Wahnvorstellungen. Um seine eigene Sicht auf die Welt etwas zu erhellen, ist eine Attribution auf externe, instabile und spezifische Ursachen am sinnvollsten.

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