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Vorsicht! Depressionen sind ansteckend


Das Krankheitsbild der Depression kann sich in verschiedenen Symptomen äußern.
Die Betroffenen leiden unter anderem an ständiger Müdigkeit und Antriebslosigkeit, Gereiztheit, Ängsten oder Schlafstörungen.

Doch nicht nur für die Betroffenen selbst kann die Krankheit quälende Ausmaße annehmen, sondern auch für die Personen in deren unmittelbaren Umfeld und sogar darüber hinaus. Doch woran liegt das? Kann man eine Depression mit einem Virus vergleichen, der von einer Person zur nächsten übergeht?

Wie verbreiten sich negative Emotionen?

Körperliche Erkrankungen sind sichtbar, psychische stellen Angehörige oftmals vor Rätsel.
Wenn eine dir nahestehende Person an einer Grippe erkrankt, weißt du in der Regel, was du tun kannst. Entweder greifst du dieser Person etwas im Haushalt unter die Arme, erledigst Einkäufe für sie oder kochst ihr eine altmodische Hühnersuppe. Du kannst aktiv Hilfe anbieten und auch umsetzen.

Bei psychischen Erkrankungen gestaltet sich die Sache leider oft etwas komplizierter.
Häufig versuchen Angehörige dem Betroffenen zu helfen, wissen aber nicht so recht wie. Denn Hilfsangebote werden aufgrund der Gemütslage der Betroffenen nicht selten abgelehnt oder sie reagieren unter Umständen sogar gereizt bis aggressiv auf gut gemeinte Hilfeversuche.

Ungewollt stoßen sie dann damit denen vor den Kopf, die ihnen unbedingt helfen möchten.
Die Angehörigen von Depressiven fühlen sich daher nicht selten so, als seien ihnen die Hände gebunden und als könnten sie nur untätig dabei zusehen, wie die ihnen nahestehende Person leidet. Das führt zu Gefühlen von Hilfslosigkeit und Frustration. Hier könnte man also bereits von einer Übertragung negativer Emotionen sprechen.

Der Soziologe und Arzt Nicholas Christakis arbeitete jahrelang in einem Hospiz und beobachtete immer wieder dieses Phänomen der Übertragung in Form des „widower effect“. Dieser Effekt beschreibt die erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass eine Person relativ kurz nach dem Tod des langjährigen Ehepartners selbst verstirbt. Dieses Phänomen hängt mit dem Broken-Heart-Syndrom zusammen, welches auch als Stress-Kardiomyopathie bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um eine Funktionsstörung des Herzmuskels, die durch starken emotionalen Stress ausgelöst wird. Und der Tod des Ehepartners stellt natürlich einen extremen Stressfaktor dar. Doch laut Christakis beschränkt sich der „widower effect“ nicht ausschließlich auf den Witwer beziehungsweise die Witwe.

Wie weit kann sich eine Depression auswirken?

Christakis illustriert an einem Beispiel, wie weitreichend sich negative Emotionen innerhalb eines sozialen Netzwerkes ausbreiten können.

Er berichtet von einem Anruf während seiner Zeit als Arzt im Hospiz.
Eine Patientin von ihm, dessen Ehemann bereits verstorben war, litt an Demenz und wurde von ihrer Tochter gepflegt. Die Tochter war aufgrund der intensiven Pflege ihrer Mutter emotional ausgelaugt und auch körperlich völlig erschöpft. Die Ehe der Tochter blieb von dieser schwierigen Situation nicht unbelastet. Ihr Mann entwickelte aus Sorge um die Gesundheit seiner Frau selbst eine depressive Verstimmung. Der beste Freund des Mannes versuchte ihm zu helfen, stieß dabei aber an seine Grenzen und verzweifelte ebenfalls. Dieser Freund war der Anrufer, welcher sich ratsuchend an Christakis wendete.

Ansteckung allein durch Kontakt?

Man könnte also durchaus sagen, dass sich Depressionen wie eine ansteckende Krankheit ausbreiten.

Doch wie wahrscheinlich ist es, sich „anzustecken“?
Leider gar nicht einmal so gering. Emotionale Zustände sind ein kollektives Phänomen und sie verbreiten sich in sozialen Netzwerken – wie der Ehe, dem Arbeitsplatz und Freundeskreis. Je enger der Kontakt zu einer an Depressionen erkrankten Person ist, desto höher ist gleichzeitig auch die Wahrscheinlichkeit, selbst an einer Depression zu erkranken.

Sehen wir uns einmal die Statistiken dazu an.
Christakis und sein Forschungskollege Fowler fanden in ihren Studien eine zu 93% erhöhte Wahrscheinlichkeit, selbst depressiv zu werden, wenn man eine an Depressionen erkrankte Person im direkten Umfeld hat. Darüber hinaus besteht auch noch ein Übertragungseffekt bei indirekten Verbindungen. Anders ausgedrückt: Wenn du einen Freund oder eine Freundin hast, dessen Freund oder Freundin an einer Depression leidet, dann besteht immer noch eine Chance von 45%, dass du auch depressive Symptome entwickelst.

Je weniger gut du eine Person mit Depressionen kennst, desto geringer wird also auch die Ansteckungswahrscheinlichkeit.

Was negative Emotionen können, können positive schon lange

Die gute Nachricht ist, dass du dich nicht automatisch in einer unumkehrbaren gefühlsmäßigen Abwärtsspirale befindest.

Nur weil du mit jemanden befreundet bist, der jemand anderen mit Depressionen kennt, musst du nicht zwangsläufig selbst depressiv werden. Neben der Verbreitung von Depressionen erforschten Fowler und Christakis auch die Glücksverbreitung. Denn hier verhält es sich ähnlich wie mit Depressionen.

Ein glücklicher Freund erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass du selbst glücklich bist, um 25%.
Eine wichtige Rolle spielen hierbei die emotionale und die geografische Nähe. Das bedeutet, dass du selbst umso glücklicher wirst, wenn dein glücklicher bester Freund oder deine beste Freundin in deiner unmittelbaren Nähe wohnt. Klingt logisch, oder? Umso besser ist es dann, Mitglied eines großen sozialen Netzwerkes zu sein.

Großes Netzwerk, mehr Emotionsübertragung

Die Größe deines sozialen Netzwerkes spielt eine wichtige Rolle.
Denn sie bestimmt, in welchem Umfang positive und negative Emotionen an dich weitergegeben werden. Mit dem sozialen Netzwerk ist allerdings nicht die Länge deiner Freundesliste bei Facebook gemeint. Die meisten dieser Kontakte sind häufig ohnehin längst eingeschlafen oder bestehen im realen Leben nicht einmal.

Gemeint sind die Menschen, mit denen du auch im wirklich im Alltag zu tun hast.
Denn Studien zeigten, dass Menschen glücklicher sind, je zentraler sie in einem Netzwerk verortet sind. Das soll heißen, dass soziale Isolation ein Risikofaktor für Depressionen ist.

Doch warum?
Nehmen wir einmal an, du wärst am Rande eines sozialen Netzwerkes. Dann hast du vielleicht zwei oder drei Bekannte, mit denen du regelmäßig zu tun hast. Wenn diese Menschen dann auch noch an Depressionen leiden, steckst du dich vermutlich ziemlich schnell bei ihnen an. Das liegt auch einfach daran, dass du keine anderen Bekanntschaften hast, die dem entgegenwirken könnten. Es werden also nur die negativen Emotionen deiner wenigen Bekannten an dich weitergegeben, aber diese werden durch keine positiven Emotionen von außen ausgeglichen.

Befindest du dich im Zentrum eines großen Netzwerkes, hast also sehr viele Freunde und Bekannte in sämtliche Richtungen, dann sieht die Sache schon ganz anders aus. Selbst wenn du darunter Bekannte mit Depressionen hast, kannst du immer noch genügend positive Emotionen von anderen auffangen. Außerdem ist ein größeres soziales Netzwerk ein protektiver Faktor. Protektiv deshalb, weil du durch ein größeres Netzwerk mehr Unterstützung und Hilfe erhalten kannst und damit sinkt auch das Risiko an einer Depression zu erkranken.

Eine gute soziale Integration in einem Netzwerk kann daher auch als eine Ressource von Resilienz bezeichnet werden. Mit Resilienz ist die psychische Widerstandsfähigkeit gemeint, also die Fähigkeit zur Krisenbewältigung. Neben sozialen Ressourcen, wie eben der Unterstützung durch Familienmitglieder oder Freunde, gibt es auch noch persönliche. Dazu zählen unter anderem der Umgang mit den eigenen Emotionen, Selbstwirksamkeitserwartung oder Intelligenz.

Was hat das soziale Netzwerk mit Stress zu tun?

Die gute Integration in ein großes soziales Netzwerk hat also durchaus Vorteile.
Hinzu kommt auch noch, dass diese gute Integration dich im Krankheitsfall sogar schneller wieder gesund werden lässt.

Studien konnten zeigen, dass Patienten mit einem großen sozialen Netzwerk sich schneller wieder von einem Herzinfarkt erholten. Die Patienten mit einem großen Bekanntenkreis hatten nicht nur bessere Überlebenschancen nach dem Herzinfarkt. Sie konnten auch schneller aus dem Krankenhaus entlassen werden und das Risiko für ein Wiederauftreten eines Infarkts war geringer als das von Patienten, die sozial eher isoliert waren.

Der Grund dafür lässt sich körperlich nachweisen…
Soziale Unterstützung führt zu einer geringeren kardiovaskulären Stressreaktivität, einem stärkeren Immunsystem und einem geringeren Anstieg von Cortisol in einer akuten Stresssituation.

Cortisol ist ein Stresshormon, das von der Nebennierenrinde ausgeschüttet wird. Es dient normalerweise dazu, deinen Körper in Gefahrensituationen auf Kampf oder Flucht vorzubereiten. In diesem sogenannten Fight-or-Flight-Modus finden mehrere körperliche Reaktionen statt. So wird zum Beispiel das Blut aus dem Verdauungstrakt in die Muskeln gepumpt, damit diese besser mit Sauerstoff versorgt werden. Du atmest schneller und deine Herzrate steigt. Das Immunsystem fährt herunter. Diese Reaktionen können in akuten Gefahrensituationen überlebenswichtig sein. Immerhin sind sie evolutionsbedingt und sorgten früher dafür, dass deine Urahnen schnell genug vor einem Höhlenbären oder einer Säbelzahnkatze davonlaufen konnten. Doch bei langanhaltendem oder chronischem Stress führen diese Reaktion zu Krankheiten, wie zum Beispiel einem Herzleiden.

In verschiedenen Untersuchungen zum Zusammenhang von sozialer Unterstützung und Gesundheit zeigte sich außerdem, dass die Unterstützung durch die eigenen Familienmitglieder nochmal einen stärkeren positiven Effekt hatte als die durch Freunde.

Soziale Isolation als Risikofaktor

Menschen am Rande eines sozialen Netzwerkes haben es aus gleich mehreren Gründen nicht leicht.

Ihnen fehlt es nämlich leider häufig an sozialer Unterstützung, da sie kaum Bekanntschaften haben.
Das wiederum führt zu emotionalem Stress, der auf Dauer krank machen kann. Allein dieser Zustand kann schon zu Depressionen führen. Hinzu kommt dann noch das erhöhte Risiko einer Depression, wenn bereits eine der wenigen bekannten Personen selbst an einer solchen erkrankt ist. Oder eben auch, wenn ein Freund dieser Person erkrankt und so eine indirekte Übertragung möglich macht.

Das soziale Netzwerk, das jeder von uns um sich herum aufbaut, hat also sowohl Vorteile als auch Nachteile. Über Bekannte können sich Depressionen, aber auch negative Emotionen im Allgemeinen schnell verbreiten. Doch nur deshalb musst du nicht gleich alle Kontakte abbrechen und von nun an als Einsiedler leben. Denn wie du gelesen hast, bietet ein großes soziales Netzwerk auch sehr viele Vorteile. Die negativen Emotionen, die du von Bekannten aufschnappst, können durch positive Emotionen wieder wett gemacht werden. Außerdem bietet ein großes Netzwerk auch viel Unterstützung, kann dir helfen schneller gesund zu werden und sorgt für ein geringeres Stressempfinden.

Über den Autor:

Mein Name ist Mathias Mücke und ich bin Autor und Inhaber von ScioDoo.

Das Ziel von ScioDoo ist es, dass du hier Informationen findest, welche du für deinen Alltag, Schule, Studium oder eine betriebliche Weiterbildung brauchst.

Aber nicht nur das...

Gleichzeitig will ich das Wissen recht unterhaltsam servieren, so dass du vielleicht mal wiederkommst.

Ich weiß selbst, dass dieser Ansprung enorm ist.

Aber deshalb arbeite ich auch jeden Tag an mir und an diesem Projekt, so dass du auch jeden Tag neues kostenloses Wissen bekommst.

Nicht schlecht, oder?

Also bis später vielleicht.

LG Mathias Mücke


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