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Was bedeutet es wenn man Komplexe hat?


Umgangssprachlich bezichtigt man Jemanden, einen Komplex oder Komplexe zu haben, sobald dieser unangemessen reagiert. Häufig zeigt sich dieses unangemessene Verhalten darin, dass diese Menschen in gewissen Situationen eine Überreaktion zeigen. Dies kann zum Beispiel – beim Umgang mit Kritik -stattfinden.

Aber auch im Neid, in der Minderwertigkeit oder dem fehlenden Selbstvertrauen äußert sich der Komplex. Denn Menschen mit Komplexen neigen dazu, sich selbst ständig im schlechten Licht zu sehen. Sie empfinden sich selbst als dick, als hässlich oder unpassend behandelt. Dann sagt der Volksmund: „Du hast Komplexe“.

Komplexe: Definition und Bedeutung

Ursprünglich stammt der psychologische Komplex-Begriff vom Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung, welcher dieses Phänomen in den Jahren zwischen 1900 und 1909 untersuchte. Jung stellte bei einigen seiner Patienten fest, dass diese übertrieben reagierten, sobald er diese auf ein bestimmtes Thema ansprach.

Der Psychiater schloss daraus, dass es sich demnach um verdrängte Erinnerungen handelte, welche im Unbewussten – heute sagt man Unterbewusstsein – verschoben wurden. Dort entwickeln diese Erlebnisse ein Eigenleben und treten immer dann wieder auf, wenn der Patient sich einer ähnlichen Situation aussetzt.

Die Verdrängung ins Unbewusste geschah, da die Situation als besonders schmerzlich erlebt wurde. Diese Schmerzerfahrung kann durch Mobbing, Sticheleien, aber auch durch eine ganz normale Erziehung erfolgt sein. Die Psyche eines Kleinkindes ist nicht ausgereift genug, um bestimmte Erfahrungen zu verarbeiten und schützt sich, indem es diese Erlebnisse verdrängt. Und so kann Kritik schon als schmerzhaft gedeutet werden und es kommt zur Verdrängung dieser Erfahrung.

Ist der Mensch nun erwachsen, trifft er auf ähnliche Situationen im Alltag – welche das gleiche Themenfeld bedienen, wie die einst verdrängte Erfahrung. Der Betroffene durchlebt dann allerdings die Gefühle von damals nicht neu oder kann sich daran erinnern. Stattdessen versucht die verschobene Erinnerung vom Unbewussten ins Bewusstsein zurückzukommen, setzt sehr viel psychische Energie frei und ist emotionsbehaftet.

Man kann sagen…
Das verdrängte Erlebnis will wahrgenommen werden und drängt deshalb vom unbewussten Teil der Psyche in den bewussten. Dort existieren allerdings Abwehrschranken, welche das Bewusstsein aufgebaut hat – da es die verschobene Erinnerung fernhalten wollte und immer noch will. Denn die kindliche Psyche wollte sich einst vor diesem Erlebnis schützen und hat es deshalb verschoben.

Der Mensch mit Komplexen reagiert dann komplexhaft, falls er sich einer Situation ausgesetzt fühlt – welche im selben Themenbereich liegt, wie die abgespaltene Erinnerung. Da diese verschobene Erinnerung bzw. Komplex eine gewisse psychische Energie besitzt, welche immer wieder brachliegt – bricht diese in der Situation heraus und entlädt sich ruckweise. Dadurch entsteht ein Verhalten der Überreaktion, welches von herumstehenden Beteiligten oft als unangemessen wahrgenommen wird.

Der Komplex am Beispiel erklärt

Ein Kind macht eine normale Erziehungserfahrung, wobei die Eltern dem Kind das Essen von Schokolade abgewöhnen bzw. die Lust daran drosseln wollen. Vielleicht sagen sie so etwas, wie: „Iss nicht zu viel Schokolade, ansonsten wirst du zu dick.“

Nun muss sich kein Komplex bilden. Aber vielleicht nimmt das Kind die Kritik und die Forderung als schmerzlich wahr. Es entsteht somit eine bedrohliche Situation für die kindliche Psyche, welche noch nicht reif genug ist. Dann wird diese Erinnerung im unbewussten Teil der Psyche verdrängt. Es entsteht somit eine Abspaltung und es bildet sich im Unbewussten eine Teilchenpsyche weiter.

Der Erwachsene, welcher heute ebenfalls dick ist oder sich vielleicht nur so wahrnimmt, erinnert sich nicht an die Worte seiner Eltern. Dennoch treibt ihn die psychische Energie, welche in der verdrängten Erfahrung schlummert dazu, sich zu dick zu fühlen.

Die Komplextheorien in der Tiefenpsychologie

Die ursprüngliche Tiefenpsychologie beruht auf Sigmund Freud. Dessen Schüler war Carl Gustav Jung, welcher die oben beschriebene Komplextheorie entwarf. Freud selbst schuf ein sogenanntes Schichtenmodell der Psyche mit den Dimensionen für unbewusst, bewusst und teilbewusst, welches die Dynamik in der Psyche anschaulich erklärbar machte. Jungs Komplextheorie ist darauf begründet.

Allerdings sah Freud die Entstehung der Komplexe ausschließlich in der Kindheit aufgrund der Erfahrungen, welcher die Psyche während ihrer Entwicklung ausgesetzt war. Anhand seiner psychosexuellen Entwicklungstheorie gibt es demnach auch ödipale (Mund), anale (After) und genital-ödipale Komplexe (Genitalien). Diese entstehen während der Entwicklung eines Menschen, anhand der erogener Zonen – welche ein Kleinkind hat.

  • Bei einem Säugling ist der Mund die erogene Zone, weshalb sich Kleinkinder und Babys alles in den Mund stecken. Hier entstehen Erziehungsprobleme beim Abgewöhnen und das Kind erfährt erste Demütigungen, welche zu einer Komplexbildung führen können.
  • In der analen Phase werden die Kinder sauber, legen die Windeln ab und benutzen die Toilette. Auch in dieser zweiten Entwicklungsphase können sich – laut Freud – Komplexe ergeben, aufgrund der Erziehungserfahrung und der Auseinandersetzung mit der Umwelt
  • In der genital-ödipalen Phase beginnt das Kind seine Geschlechtsorgane zu entdecken. Diese sind nun die erogenen Zonen, wodurch sich ebenfalls Komplexe einstellen können.

Laut Freud entstehen Komplexe immer in der Kindheit, aufgrund traumatischer Erfahrungen. Als Trauma werden schmerzhafte Erfahrungen bezeichnet.

Sein Schüler Jung vertrat allerdings die Theorie, dass Komplexe auch im Erwachsenenalter gebildet werden können, sobald das Individuum seine Alltagssituationen nicht zu meistern weiß.

Joseph Adler, ebenfalls ein Schüler Freuds und späterer Begründer der Individualpsychologie, meinte, dass im Minderwertigkeitskomplex und dessen Überwindung – die Ursache für Motivation zu finden ist. Der Mensch strebt danach den Komplex zu kompensieren, wodurch er verschiedene Strategien entwickelt.

Der Komplex wird heutzutage auch als Entwertung genutzt

Die Kompensationstheorie, welche Adler aufstellte, sieht vor – dass der Mensch gewisse Strategien entwickelt, um seine Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden.

Zum Beispiel kann sich jemand unbedeutend fühlen und deshalb ein teures Auto kaufen, um dieses Gefühl zu kompensieren. Dies dient in erster Linie dazu, seine Person aufzuwerten oder sich besser und bedeutender zu fühlen. Es kann allerdings auch genutzt werden, um Neid und somit Minderwertigkeit in seiner Umgebung zu erzeugen. Alles drei sind Strategien, um Überlegenheit zu demonstrieren – was wiederum der Kompensation seiner Minderwertigkeit dient.

Dann trifft dieser Mensch vielleicht tatsächlich auf Neider in seiner Umgebung, welche dem Autobesitzer vorwerfen, dass er damit lediglich seine Minderwertigkeitskomplexe überspielen will. Dem Neider, welcher dies behauptet, muss allerdings klar sein, dass er diese Gefühle ebenfalls haben muss. Denn Neid entsteht immer aus einer Minderwertigkeit heraus und wurde vielleicht bewusst vom Autobesitzer erzeugt.

Der Neider nutzt wiederum die Worte „Du hast Komplexe“, um den Autobesitzer entweder seinen neuen Status zunichte zu machen, ihn zu entwerten oder ihm das Gefühl der Minderwertigkeit zurückzugeben. Dies sind ebenfalls Kompensationsstrategien des Neiders, um seine eigene Minderwertigkeit zu überspielen.

Immer nutzen Menschen die Worte „Du hast doch Komplexe“ dazu, um andere zu entwerten. Dies kann zum Beispiel sein, falls sich jemand ständig ungerecht behandelt fühlt und deshalb klagt. Dann sagt man schnell einmal „Du hast Komplexe, ansonsten würdest du nicht immer jammern.“

Gewiss kommt das Gefühl ungerecht behandelt worden zu sein, aus einem Mangel heraus und mündet dann in ein Gefühl – weniger wert zu sein. Dennoch nutzt der Ankläger seine Worte ebenfalls dazu, um den Anderen kleiner zu machen, um selbst größer zu wirken. Auch dies geschieht aus einem Minderwertigkeitsgefühl heraus.

Nun hast du einige Situationen kennengelernt, wo der oben beschriebene Komplex auftritt. Entweder fühlt sich der Mensch anderen Menschen gegenüber unterlegen. Dies äußert sich dann in Gefühlen des Zu-Dick-Seins, des-ungerecht-behandelt-fühlens oder des Neides auf andere. Dieses Gefühl hat ihren Ursprung – laut Jung – in einer verdrängten Erfahrung, welche das gleiche Themenfeld bedient – wie die neue Situation.


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