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Kompensation des Minderwertigkeitskomplex laut Individualpsychologie


Kompensation ist eine Strategie, welche bewusst oder unbewusst eingesetzt wird, um ein Minderwertigkeitsgefühl auszugleichen. Den Begriff prägte der Individualpsychologe Alfred Adler, dessen tiefenpsychologische Lehre sich mit dem Minderwertigkeitsgefühl als Ursprung der menschlichen Entwicklung befasste.

In diesen Beitrag erfährst du:

  • was Kompensation ist
  • wie Minderwertigkeitskomplexe und -gefühle erkannt und überwunden werden
  • und welche Probleme zu einer Überkompensation mit sogenannter privater Logik führen

Was bedeutet Kompensation nach Adler

Jeder Mensch leidet an Minderwertigkeitsgefühlen, welche auf Erfahrungen aus der Kindheit beruhen. Der Betroffene hat dann das Gefühl, dass er seinen Mitmenschen gegenüber unterlegen ist. Um dieses Unterlegenheitsgefühl nicht zu spüren, verfolgt der Mensch gewisse Strategien – welche dieses beseitigen oder unbewusst machen sollen. Umgangssprachlich sagt man dann: Der Mensch will etwas kompensieren.

Die Kompensation dient somit dem Ausgleich der gefühlten Minderwertigkeit. Das Ausleben der Strategie zeigt sich oft im Lebensstil des Betroffenen. Als Lebensstil bezeichnet die Individualpsychologie den einzigartigen Weg eines Menschen, sein persönliches Ziel zu erreichen. Um den Lebensstil jedes Einzelnen zu begreifen, müssen die Kompensationsziele, die soziale Umwelt des Individuums und dessen unbewusste Vorstellungen über sich und die Welt – betrachtet werden.

Am Beispiel:
Ein Mensch mit einer Gehbehinderung leidet unter Minderwertigkeitsgefühlen. Adler bezeichnete dieses Phänomen als Organminderwertigkeit. Die Beine des Betroffenen – als menschliches Organ – sind unterentwickelt, weshalb es zur Gehbehinderung und auch zum Minderwertigkeitsgefühl kam. Dieser Mensch kann nur verschiedene Strategien umsetzen, um mit seinem Minderwertigkeitsgefühl umzugehen.

Eine Strategie besteht darin, viel zu trainieren und die Gehbehinderung zu überwinden. Der Mensch versucht somit seine Behinderung durch Training zu kompensieren. Als Effekt stellt sich oftmals ein, dass diese Menschen außergewöhnliche sportliche Leistungen vollbringen, welche sie ohne die Behinderung niemals erreicht hätten. So sieht man:

  • Hürdenläufer mit Prothese
  • Professionelle Schwimmer mit nur einem Arm

Das Minderwertigkeitsgefühl wird somit zum Motivator, um sich mehr anzustrengen, härter zu trainieren und mehr zu erreichen. Materiell stehen dann vielleicht Pokale im Schrank, es wird Beifall geklatscht und der Sportler erhält zusätzlich Anerkennung. Psychisch hat der Betroffene erreicht, seine Behinderung zu kompensieren.

Der Lebensstil dieses Menschen zeigt dann folgende Aspekte:

  • Ziele: Organminderwertigkeit überwinden, durch soziale Achtung und Anerkennung
  • soziales Umfeld: Sind in diesem Fall alle Menschen, welche auf ihn wirken.
  • unbewusste Prozesse: Im Unbewusste existiert ein Selbstbild, welches aussagt: „Nur wenn ich meine Behinderung durch außergewöhnliche Leistung kompensiere, bin ich wertvoll.“
  • Verhalten: Training, Übung und Disziplin.

Diese vier Aspekte sollten betrachtet werden, um den einzigartigen Lebensstil zu begreifen.

Nun sind allerdings nicht alle Menschen behindert. Aber auch ein zu dicker Bauch kann zu Minderwertigkeitsgefühlen führen, weshalb der Betroffene vielleicht zahlreiche Diäten erträgt oder Cardiotraining betreibt. Und selbst der Ausgleich einer eingebildeten Organminderwertigkeit (Bauch) lässt diese Menschen Einiges ertragen und treibt sie zur Entwicklung an.

Halten wir kurz fest…
Gefühlte Minderwertigkeit führt zu Ehrgeiz.

Auf Grundlage seiner Studien zur Organminderwertigkeit gründete Adler die Schule der Individualpsychologie, welche sich dann mit allgemeinen Minderwertigkeitsgefühlen befasste. Adler sah im Minderwertigkeitsgefühl die Ursache für jede menschliche Entwicklung, ganz egal in welchem Bereich.

Hier ein weiteres Beispiel…
So kann es sein, dass ein Anwalt aus dem Grund Anwalt wurde, weil er bestimmen will, wer schuldig oder unschuldig ist. Dieser Drang zur Mitbestimmung kann ebenfalls aus einem Minderwertigkeitsgefühl entstanden sein, welches dieser Mensch vielleicht in der Kindheit verspürte – als er noch kein Stimmrecht hatte. Heute zeigt sich dieses Minderwertigkeitsgefühl und dessen Kompensation in seinem Lebensstil als Anwalt.

Kompensation funktioniert nur in sozialen Gemeinschaften

Das verminderte Selbstwertgefühl ist immer auf einen Mangel an Gemeinschaftsgefühl zurückzuführen – so Adler. Denn der Mensch strebt danach, Teil einer Gemeinschaft zu sein, weshalb er einen individuellen Beitrag leisten will.

Was heißt das?
Der Mensch, welcher eine Organminderwertigkeit fühlt, glaubt kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein. Stattdessen befürchtet dieser Mensch, dass er sonderbar – aufgrund seiner Gehbehinderung, seines dicken Bauches – oder nicht attraktiv genug erscheint. Um dennoch ein wichtiger Teil der Gemeinschaft zu werden, glaubt er sich attraktiver machen zu müssen.

Der Rechtsanwalt verspürte die Minderwertigkeit ebenfalls in der Gemeinschaft. Denn er durfte – als Kind – nicht mitbestimmen, als es um das Wohl der Gemeinschaft ging. Stattdessen bestimmten andere über ihn und diese Erkenntnis führte zum Minderwertigkeitsgefühl. Sein heutiger Lebensstil ist Rechtsanwalt, mit dem Ziel seine Minderwertigkeit durch eine gewisse Stellung zu kompensieren.

Das bedeutet, dass Minderwertigkeit immer erst entsteht, wenn sich der Betroffene mit anderen Menschen vergleicht. Ohne die anderen Bezugsobjekte kann keine Minderwertigkeit entstehen und somit auch keine Kompensationsstrategie.

Und da die Kompensation immer erst durch Andere entsteht, zielt sie auch auf diese ab. Laut Adler ist jede Kompensation, welche die Psyche schafft, immer ein Mittel um in einer sozialen Gruppe (Freundeskreis, Arbeitsumfeld, Gesellschaft) einzudringen oder aufzusteigen.

Hier noch ein anderes Beispiel…
Der Mensch, welcher seine Minderwertigkeit mit teurem Schmuck oder Uhren kompensiert, unternimmt dies ebenfalls, um gesellschaftlich aufzusteigen oder etwas darzustellen. Vielleicht will er Anerkennung oder Neid (Minderwertigkeit beim Anderen) erzeugen. Dieser Mensch würde diese Uhr aber niemals kaufen, wenn es keine Gemeinschaft geben würde, welche dies honoriert. Sein Lebensstil sind teure Sachen, sein Ziel ist die Minderwertigkeit zu kompensieren und stattdessen Anerkennung zu erfahren.

Und noch eins…
Ein rauchender Jugendlicher will vielleicht cool oder rebellisch wirken. Er glaubt durch das Rauchen einen Attraktivitätsbonus zu erhalten, wodurch er bei anderen Jugendlichen eine gewisse Anerkennung erfährt. Auch hier gilt das Gemeinschaftsgefühl als Initiator. Der Lebensstil ist Rauchen mit dem Ziel die Minderwertigkeit durch Anerkennung zu überwinden.

Die zwei Seiten der Kompensation

Da die Kompensation immer auf die Gemeinschaft abzielt, hat die Strategie natürlich auch immer Auswirkungen auf die Gemeinschaft. So kann diese entweder nützlich oder vielleicht sogar schädlich sein.

Hier das Anwalt-Beispiel…
Der Anwalt kann seine Minderwertigkeit auf zwei verschiedene Seiten überwinden. Er kann sein Mitbestimmungsrecht geltend machen und dadurch Verbrecher einsperren lassen, Unschuldige vor Strafe bewahren oder allgemeines Recht durchsetzen. Allerdings kann er sein Ziel ebenso gut umsetzen, wenn er allen beweist, dass er die alleinige Macht hat – über Strafe oder Begnadigung zu entscheiden.

In beiden Fällen hätte er seine Minderwertigkeit kompensiert, allerdings mit verschiedenen Auswirkungen für das Allgemeinwohl.

  • sozial-nützliche Seite: Rechtsanwalt mit rechtschaffendem Lebensstil
  • sozial-unnützliche Seite: Rechtsanwalt mit machtsüchtigem Lebensstil

Auch ein Lehrer kann demonstrieren, dass Unterricht nicht nur Wissensvermittlung bedeutet, sondern auch Spaß machen kann. Dadurch kann dieser seine Minderwertigkeit gegenüber intelligenteren Personen aus seiner Kindheitserfahrung überwinden. Aber er kann auch allen Kindern zeigen, dass nur er schlau ist und alle anderen dumm sind.

Psychische Fehlentwicklungen durch die Kompensation

Ob ein Mensch nach sozial-nützlichen oder sozial-unnützen Kompensationen strebt, hat etwas mit seinem Gemeinschaftsgefühl zu tun. Wie bereits erwähnt, entsteht jede Kompensationsstrategie immer dadurch, dass man Teil einer Gemeinschaft werden will.

Der Mensch will einen Beitrag leisten für die Gesellschaft (auf Arbeit, in der Familie, Freundeskreis, Schule), um Anerkennung zu bekommen und sich dadurch wichtiger zu fühlen. Denn diese Anerkennung führt dann zu einem höher empfundenen Selbstwert, wodurch das Minderwertigkeitsgefühl tatsächlich kompensiert wird.

Die Menschen mit Minderwertigkeitsgefühlen, welche den sozial-unnützlichen Lebensstil verfolgen, bemerken selbst nicht, dass diese Strategie irreführend ist. Denn dadurch, dass sie der Gesellschaft schaden, leisten sie eben nicht den Beitrag, um sich wertvoller zu fühlen.

Trotz der Kompensationsversuche bleibt dann der Eindruck bestehen, weniger wert zu sein, nicht anerkannt zu werden oder zu wenig Beachtung zu finden. Durch die gescheiterten Kompensationsversuche baut sich die Psyche ein Fantasiegebilde auf, welches dann einer eigenen Logik folgt.

Überkompensation durch private Logik

Scheitern die Kompensationsversuche drängt die Psyche dennoch zum Ausgleich des Minderwertigkeitsgefühls. Man spricht jetzt allerdings bereits von Minderwertigkeitskomplexen, da die Prozesse bereits krankhafte Züge annehmen.

Die Betroffenen demonstrieren sich besonders groß, mächtig und stark. Dadurch wird der unbewusste Teil der Psyche geschützt, was durch die Minderwertigkeit und die gescheiterten Kompensationsversuche bereits stark bedroht wird. Das Selbstbild weicht nun derart stark von der Realität ab, dass die Psyche neue – völlig realitätsfremde – Kompensationsversuche unternimmt.

Die Individualpsychologie spricht hier von privater Logik und Überkompensation. Dies bedeutet, dass der Mensch trotz enormer Anstrengungen sein Minderwertigkeitsgefühl nicht überwinden kann und sich deshalb ein Fantasiekonstrukt schafft, um das sogenannte „ICH“ – den inneren Teil der Psyche zu schützen.

Hier kann man dann den psychisch Kranken sehr gut vom gesunden Menschen unterscheiden. Denn die Ziele des psychisch Kranken zielen immer auf die eigene Person ab. Jeder Kompensationsversuch dient dazu, die eigene Minderwertigkeit zu überwinden und lässt das Gemeinschaftswohl außen vor. Die gedanklichen Zusammenhänge, welche im Betroffenen entstehen, sind realitätsfremd und weichen von der Logik anderer Menschen ab.

Durch die private Logik wird das „ICH“ geschützt. Denn es wird eine Art von Sicherheit gegeben, welche der Betroffene durch seine realitätsfremden Gedankengänge verspürt. Das permanente Minderwertigkeitsgefühl ist mit Unsicherheit gekoppelt und der Betroffene unternimmt enorme Anstrengungen, um seinen Selbstwert zu schützen.

Die Überlegenheits-, Geltungs- und Machtansprüche nehmen dadurch enorm zu, da diese eine Sicherheit für den Selbstwert versprechen. Allerdings erfolgen diese unbewusst und sind für den Betroffenen nicht bewusst erlebbar.

Überkompensation am Beispiel

Das Kind, welches sich minderwertig fühlt, da es bei bestimmten Entscheidungen nicht mitreden darf – wird Anwalt. Sein enormes Geltungsbedürfnis zeigt sich dann in seinem Lebensstil. Denn dieser Anwalt will lediglich demonstrieren, dass er die Macht besitzt, andere Menschen wegsperren zu lassen.

Da diese Kompensation sozial-unnütz ist, erntet der Anwalt dafür keine Anerkennung. Sein Geltungsbedürfnis bleibt somit unbefriedigt und das Minderwertigkeitsgefühl bleibt weiterhin bestehen.

Um das Minderwertigkeitsgefühl zu kompensieren, sperrt der Anwalt noch mehr Menschen weg. Denn er glaubt, dass durch die Macht – welche er ausübt und ausstrahlt – sein Minderwertigkeitsgefühl behoben wird. Da es ihm die Gesellschaft nicht dankt, steigt er im Status nicht auf, bekommt keine Anerkennung oder Zuspruch. Das Gemeinschaftsgefühl bleibt trotz enormer Anstrengungen aus und das Gefühl des Wertlosseins bleibt bestehen.

Da der Anwalt glaubt, dass Machtansprüche, Überlegenheitsgefühle und Geltungshoheit seine Minderwertigkeit aufheben, werden genau diese Dinge intensiviert. Er wird mehr Macht ausüben, sich wichtiger machen und bemerkt dabei nicht, dass genau diese Dinge seine Minderwertigkeit zusätzlich verstärken. Nun beginnt er sich noch größer, wichtiger und wertvoller zu machen, als er bereits ist. Außerdem macht er andere kleiner, um so neben ihnen größer zu wirken. Seine private Logik und Überkompensation führen dazu, dass sein Minderwertigkeitsgefühl immer weiter zunimmt.

Sicherungen des ICHs durch privater Logik

Die Individualpsychologie unterscheidet zwei Formen der Sicherungen, welche sich in der privaten Logik zeigen. Diese können allerdings auch gemischt auftreten:

  • Sicherung durch Aggression
  • Sicherung durch Rückzug

Beginnen wir mit der Aggression, welche sich in 6 Verhaltensweisen zeigt.

  1. Entwertung
  2. Herabsetzung
  3. Überbewertung
  4. Beherrschung
  5. Anklage
  6. Selbstvorwürfe

In der Psychologie versteht man unter Aggression eine indirekte oder direkte Schädigung eines Organismus oder eines Sachverhaltes.

1. Entwertung

Mit Entwertung ist die Beschädigung des eigenen Kompensationsversuchs gemeint. Das Ziel wird entwertet, wodurch es in den eigenen Augen nicht mehr als lohnenswert erscheint. Hier ein paar Beispiele:

  • Der Raucher, welcher mit dem Rauchen aufhören will, es aber nicht schafft – sagt, dass ihm Rauchen Freude bereitet und er gar nicht aufhören will.
  • Der einsame Mensch, welcher in keiner Beziehung lebt – sagt, dass er keinen Lebenspartner will.
  • Der Schüler, welcher sein Abitur nicht geschafft hat, sagt – dass er es sowieso nicht machen wollte.

Hinter all diesen Ziele stecken unerfüllte Kompensationsversuche, um die eigene Minderwertigkeit zu überwinden. Werden diese Ziele nicht erreicht, zerstört die private Logik diese Ziele, indem es diese entwertet und somit die innere Psyche schützt. Das Minderwertigkeitsgefühl wird allerdings nicht kompensiert, sondern verstärkt.

2. Herabsetzung

Die Kompensationsversuche die eigene Minderwertigkeit zu überwinden, schlugen fehl. Und deshalb versuchen Betroffene – in anderen Menschen – die gleichen Minderwertigkeitsgefühle zu erzeugen oder sich über diesen Personen zu stellen.

Hier ein paar Beispiele:

  • Verurteilen von anderen Personen
  • Lästern und Mobbing
  • Belehren und Moralisieren
  • Austeilen von Ratschlägen und Einmischen
  • Fürsorge, Überbehütung und Verwöhnen anderer Personen

All diese Versuche dienen dazu, den anderen Menschen herabzusetzen, um selbst höher zu sein. Dies dient wiederum nur der Überwindung des eigenen Minderwertigkeitsgefühls, wird aber so nicht erreicht.

3. Überbewertung

Die eigene Leistung kann ebenfalls überbewertet werden, wodurch das eigene Minderwertigkeitsgefühl überwunden werden soll. Auch diese private Logik dient lediglich der Sicherung. Das Minderwertigkeitsgefühl wird nicht kompensiert.
Hier ein paar Beispiele:

  • Prahlerei, Protzerei
  • Übertreibung der eigenen Leistung
  • Überbewertung der Schwierigkeiten, welche man überwinden musste

4. Beherrschen

Durch das Ausleben der sozialen Macht soll das eigene Minderwertigkeitsgefühl dadurch überwunden werden, indem es bei anderen erzeugt wird. Da auch dieser Versuch der sozial-unnützen Seite angehört, kann dies ebenfalls nicht funktionieren.

Hier die Beispiele:

  • Führungspositionen besetzen wollen, um andere Menschen zu befehligen.
  • Eigenes Recht durchsetzen wollen und Streit suchen.
  • Überlegenheit demonstrieren durch unangebrachte Kritik oder durch Machtdemonstrationen, wie dem unnötigen Delegieren
  • Den Anderen unterwürfig und abhängig machen.

5. Anklage

Häufig suchen Betroffene das eigene Versagen auch beim Anderen. Deshalb schieben sie ihrem Gegenüber die Schuld zu.

  • „Das ist ungerecht“
  • „Das ist unfair.“
  • „Du bist schuld, dass ich..“
  • „Ich muss mich so verhalten, weil du..“
  • Allgemeines Schuldsuchen im Anderen
  • Der Versuch, dem Anderen ein schlechtes Gewissen zu machen

Noch ein ausführlicheres Beispiel dazu, bei dem ich kein Rollenklischee bedienen will. Aber angenommen eine Hausfrau trägt in sich das Selbstbild, dass nur ein ordentlicher Haushalt ihre Minderwertigkeit aufhebt. So kann sie vielleicht glauben, dass nur eine Frau – welche ihr Haus in Ordnung hält – etwas wert sei.

Sie will deshalb diesen Haushalt immer sauber haben und überträgt dieses Ziel auf ihren Ehemann. Da dieser das Weltbild aber nicht teilt, entsteht bei ihm kein Bedürfnis, ihre Minderwertigkeit zu überwinden. Weil dies eben nicht funktioniert, macht sie ihm Vorhaltungen darüber, dass sie den ganzen Haushalt für ihn in Ordnung hält und bekommt dafür weder Dank noch Anerkennung.

Mit dieser Strategie wird sie ihr Minderwertigkeitsgefühl keineswegs kompensieren können, da sie den Haushalt nicht für ihren Mann in Ordnung hält, sondern insgeheim nur für sich selbst. Durch die Schuldzuweisung, welche völlig ungerechtfertigt ist, verliert sie immer weiter an Achtung und das Minderwertigkeitsgefühl wird weiterwachsen.

6. Selbstanklage und -vorwürfe

Das eigene Selbstwertgefühl kann auch angehoben werden, indem man die Schuld auf sich nimmt. Denn so kann man als Held glänzen und dadurch die Minderwertigkeit im echten Schuldigen verstärken. Da auch diese Form nicht dem Allgemeinwohl dient, sondern lediglich die eigenen Interessen stützt – funktioniert auch diese Kompensationsstrategie nicht.

Rückzug

Die letzten 6 Sicherungsstrategien sind allesamt aggressionsbehaftet. Dem gegenüber steht die Strategie des Rückzugs. Gemeint ist eine Vermeidung von Personen, Situationen oder Erfahrungen, welche das eigene Selbstbild gefährden und die Minderwertigkeit verstärken könnten.
Hier die Beispiele:

  • Ausreden und Rechtfertigungen, um bestimmte Dinge nicht tun zu müssen.
  • Bauchschmerzen, Rückenschmerzen und andere Schmerzen sind oftmals ein Zeichen für Rückzugsstrategien, um die eigene Minderwertigkeit nicht zusätzlich zu gefährden.
  • Angst, Unentschlossenheit, Zweifel, Grübeleien, Sorge

Es werden demnach Hindernisse konstruiert, um sich seinem Minderwertigkeitsgefühl nicht zu stellen und es wird stattdessen versucht, dieses zu umgehen bzw. davor zu flüchten.

Zusammenfassung:

  • Die Kompensation beschreibt eine Strategie, um empfundene Minderwertigkeiten auszugleichen.
  • Die Tendenz zum Minderwertigkeitsgefühl wird in der Kindheit angelegt und im Erwachsenenalter unbewusst oder bewusst ausgelebt.
  • Der Begriff wurde von Alfred Adler 1907 in einer Abhandlung von Organminderwertigkeit eingeführt.
  • Auf Grundlage der Minderwertigkeitsproblematik stellte Adler seine Schule der Inddividualpsychologie auf.
  • Im Lebensstil eines Menschen lässt sich dessen Minderwertigkeit und die Kompensationsstragie ablesen. Da diese allerdings unbewusst erfolgt, kann man diese nur durch psychologische Arbeit begreifen.
  • Ob eine Kompensation gelingt und die Minderwertigkeit überwunden wird, hängt mit den sozialen Absichten zusammen.
    Denn der Selbstwert einer Person ist an die Gesellschaft gekoppelt, von der das Individuum die gewünschte Anerkennung empfängt.
  • Funktionieren die Kompensationsstrategien nicht oder nur unzureichend, werden diese mitunter verstärkt. Dadurch entsteht eine Überkompensationen mit privater Logik des Betroffenen und einer psychischen Fehlleistung, wie den Minderwertigkeitskomplex.

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Übersicht zur Individualpsychologie


Komplexe | Psychologie: Übersicht


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