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Affektbetonte Komplexe nach Jung: Psychologie, Bedeutung, Entstehung


Als Komplex bezeichnet C. G. Jung ein verdrängtes Erlebnis oder eine Erfahrung. Dieses wird in den unbewussten Teil der Psyche verbannt und ist somit für das Bewusstsein nicht mehr zugänglich. Durch sogenannte Abwehrmechanismen bzw. -schranken der Psyche wird die verdrängte Erfahrung vom Zurückholen in den bewussten Teil abgehalten.

Im Unbewussten entwickelt die verbannte Erfahrung dann ein Eigenleben und steuert die Handlungen, das Erleben und das Verhalten des Betroffenen. Dies drückt sich dann in einem komplexhaften Reaktionen des Individuums aus.

Die Entdeckung von Komplexen

Jung arbeitete in den Jahren zwischen 1900 und 1909 in einer Züricher Psychiatrie, namens Burghölzli. Circa 70 % der Patienten litten an einer vorzeitigen Demenz, was allerdings nur darauf zurückzuführen ist, dass die damaligen Ärzte es nicht besser wussten bzw. diagnostizieren konnten.

Durch die Arbeiten des Österreichers Sigmund Freud erfuhr die Psychologie während der Jahrtausendwende eine Revolution. Denn in den Theorien Freuds schuf der Österreicher ein Struktur- bzw. Schichtenmodell, wonach die menschliche Psyche drei Ebenen hat: „Das Bewusste“, „Das Unbewusste“ und „Das Vorbewusste“.

Jung und sein Vorgesetzter Professor Eugen Bleuler hatten durch die Erkenntnisse Freuds einen regelrechten Paradigmenwechsel erfahren. Denn die Patienten, welche bis dahin als vorzeitig dement galten und somit keine Möglichkeit auf Heilung hatten, bekamen nun eine echte Chance auf Genesung. Die Ursprünge der Erkrankungen konnten nun im unbewussten Teil der Psyche gesucht werden, dessen Vorstellung erst Freuds Pionierarbeit ermöglichte.

Bleuler und Jung erkannten, dass die zusammenhanglosen Fantasien, Wahnbildungen und Halluzinationen ihrer Patienten wohlmöglich durch eine zu geringe Assoziationsspannung zustande kam. Dieses Krankheitsbild äußerte sich dadurch, dass die Patienten scheinbar zusammenhanglose Sachverhalte verknüpften.

Zum Beispiel erzählte ein Patient bei der Visite, dass man aus einem bestimmten Blickwinkel die Sonne und auch deren Schwanz sehen könnte. Bei einem gesunden Menschen sorgt die Assoziationsspannung dafür, dass dieser die Sonne mit Licht, Tag, Helle assoziiert. Der erkrankte Patient besitzt diese Spannung scheinbar nicht oder diese ist derart gelockert, dass offensichtliche Wahnvorstellungen und Fantastereien entstehen.

Durch Freuds Konzept des Unbewussten erhielt die Betrachtung der Symptome einen gänzlich anderen Blickwinkel. Jung und Bleuler hatten nun die Möglichkeit, in einer neuen psychischen Dimension zu forschen. Dazu entwickelte Jung den sogenannten Wortassoziationstest, welcher die fehlende Assoziationsspannung der Patienten begreifbar machen sollte.

Der Test bestand darin, dass dem Patienten ein beliebiges Wort vorgelegt wurde. Auf dieses Wort sollte der Proband mit einem spontan einfallenden Wort antworten. Durch diesen einfachen Wortest wollte Jung lediglich erkennen, ob der Patient zwei Wörter in einen gesunden Zusammenhang bringen konnte oder nicht.

Während des Testes mit seinen Patienten fielen Jung allerdings einige Phänomene auf. So bemerkte er, dass die Probanden, bei der Bearbeitung gewisser Wörter, eine gewisse seelische oder körperliche Anspannung ausstrahlten. Diese bereiteten ihnen scheinbar Unbehagen und riefen mitunter körperliche Reaktionen, wie Schweißausbrüche oder Ähnliches, hervor.

Diese Störungen notierte der Schweizer und beschränkte seine Wortauswahl zunehmend auf sogenannte Reizworte. Jung erkannte, dass die Bearbeitung der Reizworte bei seinen Patienten ein Unwohlsein auslösen muss, da dahinter verdrängte störhafte Erinnerungen lagen. Diese nannte er Komplex nach dem lateinischen Wort complexio: Verknüpfung, Zusammenfassung, Einschließung.

Der Wortassoziationstest wurde immer weiter verfeinert. Dazu wurden neue Reizworte hinzugefügt und unbrauchbare wurden ausgeschlossen. Der eigentliche Sinn des Testes, welches dem Feststellen der Assoziationsspannung diente, wurde durch ein neuen ersetzt: Das Aufspüren von Komplexen – jenen verdrängten Erinnerungen und Erfahren, welchen beim Patienten gewisse Spannungen auslösen.

Laut Jung sind Komplexe immer im Unbewussten aufspürbar

Freud ging davon aus, dass der Mensch mit nur einer psychischen Schicht geboren wird. Somit folgen Säuglinge lediglich ihren unbewussten Wünschen und Bedürfnissen, welche Freud Triebe nannte. Durch Erziehung, soziale Umgangsformen, Anstand und Moral entsteht dann in der Entwicklung des Menschen ein zweites anerzogenes Unbewusstes – welches Freud als „Überich“ bezeichnete.

Die beiden unbewussten Teile müssen durch das Bewusstsein gesteuert werden, welches als Vermittler zwischen Moral und Trieb fungiert. Den bewussten Teil der Psyche nannte Freud „das Ich“. Laut Freud baut das „Ich“ gewisse Schranken zum Unbewussten auf, wodurch es sich schützt. Diese Abwehrmechanismen sorgen dafür, dass das „Ich“ reifen kann und nicht durch den Druck der beiden anderen Ebenen zerstört wird.

Wie kann man sich das vorstellen?
Ein Abwehrmechanismus der Freud’schen Lehre ist die Projektion. Dies äußert sich so: Alles was wir an anderen Menschen nicht mögen, haben wir selbst in uns. Diese Wesensanteile wurden uns allerdings durch frühkindliche Erfahrungen aberzogen und ins Unbewusste verdrängt. Unbewusst werden diese Triebe allerdings immer noch in der Persönlichkeit projektiert, treten allerdings in unserem Beziehungsumfeld auf.

Zum Beispiel…
Ein Mensch, welcher insgeheim gern einen höheren sozialen Status hätte oder auch ausleben möchte – trifft sehr häufig auf Menschen, welche ihn scheinbar dominieren. Der Vorwurf von anderen dominiert zu werden, tritt demnach nur auf bzw. wird vom Betroffenen überhaupt erst bemerkt, weil der Mensch ebenfalls mehr Dominanz ausstrahlen will. Dieser Mensch bemerkt sein Dominanzstreben allerdings nicht, weil dies unbewusst stattfindet und durch die Abwehrschranke geschützt wird.

Die Begrifflichkeit des Komplexes, welcher von Jung eingeführt wurde – zielt nun darauf ab. Denn der Betroffene mit verdrängten Dominanzwunsch wird demnach gewisse Unannehmlichkeiten spüren, sobald er auf Menschen trifft, welche (scheinbar) über ihn bestimmen wollen.

Der Komplex besitzt somit die Eigenschaft, im Lebensverlauf des Betroffenen, immer wieder bestimmte Situationen anzuziehen – welche den Themenschwerpunkt des ursprünglich verdrängten Erlebnisses entsprechen. Dadurch treten Störungen auf, da jede Wiederholung dieser emotional belastenden Erfahrung dazu neigt, dass der Betroffene komplexhaft reagiert.

Unter Betrachtung des realen Sachverhaltes scheint die Reaktion des Betroffenen besonders drastisch auszufallen. Man spricht hier von einer Überreaktion, welcher von der äußeren Umwelt nicht logisch verstanden wird. Das komplexhafte Verhalten des Betroffenen ist somit für andere Menschen kaum nachvollziehbar.

Jung sah im Komplex vornehmlich eine affektbetonte Bedeutung. Dies bedeutet, dass das Individuum heftige Gefühlausbrüche erlebt bzw. emotionale Erregung verspürt, sobald dessen Komplex angesprochen wird. Weiterhin verstand er darunter ein Energiezentrum im Unbewussten, welches ein natürliches Strukturelement bildet.

Laut Freud ist der affektbetonte Komplex ein unbearbeiteter Konflikt zwischen den Instanzen („ICH, „ES“, „Überich“), welcher durch ein Trauma hervorgerufen wurde und einer Neurose gleicht. Jung wiederum sieht vielmehr eine verdichtete psychische Energie, welche im Unbewussten eingeschlossen bleibt und dann bei einem bestimmten Reiz von außen abgelassen wird. Deshalb gab er dieser Energieform auch den Namen: complexio, was eben Verknüpfung (Situation, Vergangenheit, Gefühlsausbruch) oder Einschließung (im Sinne der Energie) bedeutet.

Entstehung der Komplexe nach Vorstellung Jungs

Laut Freuds Theorie existiert in der menschlichen Psyche ein angeborener Trieb, welcher Wünsche und Bedürfnisse formt. Dieser folgt zu Beginn eines Lebens dem Lustprinzip. Erst im Laufe der Entwicklung eines jeden Menschen setzen die Instanzen „Überich“ und „Ich“ ein und reglementieren diese Lust. Der Trieb wird somit in geeignete Bahnen gelenkt und ist die Ursache für Ehrgeiz und Motivation.

Jung unterschied sich klar von Freuds Triebtheorie und verstand stattdessen eine psychische Energie als Ursache für menschliches Handeln. Demnach wird jeder Mensch mit einer bestimmten Menge an psychischer Energie geboren, welche sich im – im Verlauf seines Lebens – in gewisse Bereiche ansiedelt.

Bei einem Säugling ist diese Energie vornehmlich auf Essen, Trinken, Kommunikation mit den Eltern usw. angesiedelt. Später mündet ein Teil der Energie in die Erledigung von Schulaufgaben, in der Unterhaltung diverser Beziehungen oder in die Arbeit. Laut Jung ist diese Energiesumme immer gleichbleibend und kann nie vermehrt oder verloren werden. Sie wird im Laufe des Lebens nur in unterschiedliche Bereiche verteilt.

Im Komplex steckt angeschlossene Energie, welche dem Betroffenen für sein alltägliches Leben nicht zur Verfügung steht. Erst durch den Affekt, also einer bestimmten Situation – in welcher der Komplex angesprochen wird – kann die Energie entweichen. Da die Energie aber so groß ist, kommt es zu einer starken Entladung – welche sich als Überreaktion äußert.

Diese eingeschlossene Energie ist durch unangenehme Erlebnisse und Erfahrungen des Betroffenen vom Bewussten ins Unbewusste verbannt worden. Das „Ich“ als Reglementierung und Beschützer des Bewusstseins hält diese Erfahrung davon ab, bewusst zu werden – solange bis eine Situation eintritt – welche die Abwehrschranke durchbrechen lässt. Nun tritt die Energieentladung zutage und zeigt sich durch ein komplexhaftes Verhalten.

Demnach sind Komplexe nicht nur abgespaltene psychische Anteile, sondern vielmehr Wesensanteile – welche ins Bewusstsein drängen. Das „Ich“ als Träger des Bewusstseins hat diese verbannt und nun drängen diese darauf – wieder dazugehören zu dürfen und integriert zu werden.

Zitat von Jung:

„Wo das Komplexgebiet anfängt, da hört die Freiheit des Ich auf, denn Komplexe sind seelische Mächte, deren tiefste Natur noch nicht ergründet ist“

Durch Arbeit am Komplex, in Form einer Therapie, kann das Energiezentrum für den Betroffenen einsichtig gemacht werden. Dadurch lernt der Betroffene seinen Komplex zu begreifen und dadurch zielgerichtet aufzulösen. Die Energie wird dann im „Ich“ integriert und kann nun in anderen Lebensbereichen eingesetzt werden. Jung sieht seine analytische Psychologie deshalb als Einsichtstherapieform an.

Vom Komplex zur Psychose

Da Komplexe abgespaltene Teile sind, welche darauf drängen, wieder ins Bewusstsein zu gelangen, spricht Jung auch von Teilpersönlichkeiten. Jeder Komplex beinhaltet somit einen gewissen Anteil an der Persönlichkeit, welche durch das Ich-Bewusstsein nicht geduldet wird. Im Unbewussten entwickeln die Komplexe dann ein Eigenleben und bestimmen das Handeln und Erleben des Betroffenen mit.

Falls die eingeschlossene Energie sehr hoch ist, kommt es zu einer starken autonomen Entwicklung. Die Komplexe drängen stark ins Bewusstsein zurück und ein situativer Reiz reicht aus, um den Komplex dauerhaft auszuleben. Die „Ich-Persönlichkeit“ wird demnach vom Komplex überschattet, was sich in einer psychischen Störung oder Krankheit äußert.

Zusammenfassung:

  • Laut Jung sind Komplexe sogenannte Energiezentren, welche durch bestimmte Erlebnisse oder Erfahrungen (Trauma) vom Bewusstsein verdrängt wurden.
  • Das Ich-Bewusstsein als Realität- und Kontrolleinheit lässt diese Erfahrungen nicht wieder ins Bewusstsein vordringen, weshalb sich ein Eigenleben im Unbewussten entwickelt.
  • Durch gewisse Umweltreize, Situationen wird der Komplex angesprochen und die Energie entlädt sich dadurch ruckweise und drastisch. Es kommt zu einer komplexhaften Reaktion, welche sich als Überreaktion bemerkbar macht.
  • In einer Psychotherapie kann der Komplex erkannt und begreiflich gemacht werden. Dadurch wird die Energie aufgelöst und steht anderen Lebensbereichen zur Verfügung.

Quellenangabe


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