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Was bedeutet soziales Geschlecht? Definition und Beispiele


Wir Menschen machen es uns gern einfach. Daher teilen wir unsere komplexe Umwelt nur zu gern in Kategorien ein. Wir stecken andere (häufig unbewusst) in Schubladen und schreiben ihnen im gleichen Zuge bestimmte Eigenschaften zu. So werden übergewichtige Menschen schnell mit den Attributen „faul“, „verfressen“ oder ähnlichem versehen.

Diese müssen natürlich nicht stimmen und vielleicht hast du dich bei solchen Gedankengängen schon einmal selbst erwischt. Vielen sind solche Vorurteile peinlich, dennoch ist kaum jemand vor ihnen sicher. Das hängt zum Großteil mit unserer Sozialisation zusammen. Wir wachsen in einer Welt auf, in der bestimmte Schubladen bereits bestehen. Diese übernehmen wir in unsere Denkmuster und hinterfragen sie selten. Das zeigt sich auch beim Geschlecht.

Rosa oder Blau?

Das soziale Geschlecht ist ein Beispiel für das Zusammenwirken von Anlage und Umwelt. Unsere genetische Veranlagung bestimmt über unser biologisches Geschlecht („sex“). Dieses trägt seien Anteil an der Definition des sozialen Geschlechts („gender“). Bestimmte Verhaltensweisen, Aspekte der Partnerwahl oder auch Geschlechtsmerkmale hängen mit dem biologischen Geschlecht zusammen.

So wird beispielsweise eine gesteigerte Neigung zur Aggressivität mit dem männlichen Sexualhormon Testosteron assoziiert. Allerdings stellt sich an dieser Stelle auch wieder die Frage: zu welchem Ausmaß wird das Verhalten durch die Gene bestimmt? Schließlich erfahren wir im Laufe unseres Lebens durch unsere Umwelt, wie man sich angeblich seinem Geschlecht angemessen zu verhalten hat. Ein dominantes Verhalten wird bei Jungen unterstützt, während Mädchen Zurückhaltung beigebracht wird. Allerdings wandelt sich auch geschlechtsspezifische Schubladendenken.

Ein interessantes Beispiel ist die typische Farbwahl bei Mädchen und Jungen. Während heute die Farbe Rosa häufiger bei Spielzeug und Kleidung für Mädchen anzutreffen ist, ist Blau eine typische Farbe für Jungen. Das war nicht immer so. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Rosa als entschlossene und starke Farbe angesehen und Jungen zugeordnet, während Mädchen blau eingekleidet wurden. Blau wurde nämlich als anmutig und zart angesehen.

Unterschied zwischen sozialen und biologischen Geschlecht

In Sachen Partnerwahl suchen beide Geschlechter das Gleiche. Sowohl Männer als auch Frauen beschreiben ihre*n ideale*n Partner*in mit meist denselben Persönlichkeitseigenschaften: freundlich, intelligent, aufrichtig. Allerdings weisen Evolutionspsychologen auf ein für Männer typisches Verhalten bei der Partnersuche hin. Diese Verhaltensweisen können sowohl durch genetische als auch physiologische Umstände beeinflusst sein. Also nicht nur dadurch, welche Geschlechtshormone gebildet werden, sondern auch in welcher Menge.

Entwicklung des biologischen Geschlechts

Ein anatomischer Unterschied bildet sich erst ab der siebten Woche nach der Zeugung aus. Bis dahin sind weibliche und männliche Embryonen rein äußerlich gleich. Erst durch das nun aktiv werdende 23. Chromosomenpaar entwickelt sich ein Geschlechtsunterschied. Dieses besteht dann entweder aus zwei X- oder einem X- und einem Y-Chromosom.

Ein X-Chromosom kommt von der Mutter. Vom Vater erhält man ebenfalls ein X- oder ein Y-Chromosom. Die Kombination XX bringt ein Mädchen hervor, XY einen Jungen. Allein das Y-Chromosom trägt zur Ausprägung der männlichen Geschlechtsorgane bei und damit auch zur Produktion von Testosteron, dem männlichen Sexualhormon. Zwar haben auch Frauen Testosteron im Körper, allerdings in einem wesentlich geringeren Ausmaß. Durch die unterschiedliche Konzentration der Sexualhormone bilden sich gewisse Teile des Gehirns anders aus.

Neurologische und psychologisch Unterschiede

Frauen haben einen stärker ausgeprägten parietalen Kortex, bei Männern der Teil für die räumliche Wahrnehmung größer. Daher sind Frauen meist sprachlich versierter, während Männer eine bessere räumliche Vorstellung haben. Es kann allein schon durch hormonelle Störungen während der Schwangerschaft zu geschlechtsuntypischen Verhaltensweisen kommen.

Sind weibliche Embryonen einer erhöhten Testosteronkonzentration im Fruchtwasser ausgesetzt, verhalten sich diese Mädchen bis zur Pubertät meist jungenhafter. Das zeigt sich zum Beispiel in der Spielzeugwahl, bei der sie lieber zu Autos als zu Puppen greifen. Allerdings sehen sie auch maskuliner aus und werden von ihrer Umwelt dementsprechend anders behandelt als Mädchen mit femininerem Erscheinungsbild. Daher lässt sich schwer sagen, ob die Unterschiede im Verhalten ausschließlich auf die Hormone zurückzuführen sind.

Umso schwieriger ist dann die Frage, was mit Kindern passieren soll, die sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen lassen. Langzeitstudien mit genetisch männlichen Personen zeigen, dass die Anlage eben doch einen Einfluss auf die Identität hat. Bis vor einigen Jahren rieten Kinderärzte noch zur Geschlechtsumwandlung bei Jungen, die trotz eines normalen Sexualhormonspiegels ohne Penis geboren wurden. Sie wurden also chirurgisch zu Mädchen gemacht, bleiben jedoch nicht zwingend bei dieser Identität. Einige leben später als Männer, andere sind sich ihrer Geschlechtsidentität schlichtweg nicht bewusst.

Unterschiede zwischen den Geschlechtern

Wie groß ist dieser Unterschied also?
Nicht besonders. Denn schließlich unterscheiden sich Männer und Frauen nur in Bezug auf ein Chromosom. Geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Intelligenz, Wortschatz oder Zufriedenheit sind sich sehr ähnlich. Körperliche Unterschiede gibt es mal abgesehen von den Geschlechtsorganen schon.

Frauen sind beispielsweise im Durchschnitt kleiner, haben einen höheren Körperfett- und einen geringeren Muskelanteil und werden rund fünf Jahre älter als Männer. Sie nehmen auch schwache Gerüche besser wahr und sind im Umgang mit ihren Emotionen besser als Männer. Allerdings leiden Frauen auch häufiger an Ängsten und Depressionen sowie Essstörungen. Männer hingegen werden häufiger alkoholabhängig, begehen öfter Suizid und zeigen andere psychische Auffälligkeiten häufiger als Frauen, beispielsweise Autismus oder antisoziale Persönlichkeitsstörungen.

Macht

Männer werden als dominanter und unabhängiger wahrgenommen als Frauen. Das ist nahezu weltweit der Fall. Während Frauen Attribute wie Emotionalität, Rücksicht oder Geselligkeit zugeschrieben werden, gelten Männer als das „starke Geschlecht“. Das führt auch dazu, dass Machthunger bei Männern von anderen akzeptiert wird. Bei Frauen ist das weniger der Fall. Werden Politikerinnen als machthungrig empfunden, erhalten sie weniger Wählerstimmen.

Bei Politikern zeigt sich ein umgekehrtes Muster. Solche antizipierten Verhaltensweisen erhalten eine ungleiche Machtstruktur zwischen den Geschlechtern aufrecht. Das zeigt sich auch im Alltag. Nicht nur in der Politik, sondern auch in der Arbeitswelt fahren männliche Arbeitgeber eine häufig fast schon autokratische Schiene, während weibliche Vorgesetze demokratischer agieren. Schon in Gesprächen zeigt sich ein Unterschied: Männer reden selbstbewusster, äußern offener ihre Meinung, lächeln und entschuldigen sich weniger, während Frauen eher verbale Unterstützung zum Ausdruck bringen.

Aggressionstendenz

Als Aggression wird körperliches oder verbales Verhalten verstanden, mit dem eine andere Person verletzt werden soll. Sowohl Umfrageergebnisse als auch experimentelle Studien weisen auf eine höhere Ausprägung von Aggression bei Männern hin. Das bezieht sich vor allem auf körperliche Aggressionen. Dieser Unterschied zeigt sich auch in verschiedenen Kulturen und Altersgruppen.

Aggressionen in Beziehungen hingegen werden meist von beiden Geschlechtern ausgeübt. Auch die Statistiken der begangenen Straftaten zeigen einen Unterschied. So werden Männer in den USA rund neunmal so häufig wegen Mordes festgenommen wie Frauen.

Soziale Einbindung

Jungen spielen eher in großen Gruppen, Mädchen in kleinen. Außerdem sind Jungen beim Spielen wettbewerbsorientierter, während Mädchen soziale Beziehungen spielerisch nachahmen. Das wiederholt sich auch im Erwachsenenalter. Frauen verbringen nicht nur mehr Zeit mit Freundinnen als allein, sondern nutzen Gespräche auch zur Erkundung von Beziehungen.

Männer hingegen nutzen Gespräche häufiger zur Mitteilung von Lösungsansätzen. Frauen telefonieren länger mit anderen Frauen als Männer mit anderen Männern. Bei der durchschnittlichen Anzahl verwendeter Worte am Tag zeigt sich allerdings kaum ein Unterschied zwischen den Geschlechtern. Sowohl Männer als auch Frauen nutzen täglich rund 16.000 Wörter, was gegen das Stereotyp von der redseligen Frau und des schweigsamen Mannes spricht.

Umfragen zufolge unterscheiden sich Männer und Frauen auch in ihren Interessen. Während Männer häufiger mit Dingen arbeiten, bevorzugen Frauen die Arbeit mit Menschen. Das zeigt sich zum Beispiel an der Wahl der Studienplätze: Männer studieren mit einer wesentlich höheren Wahrscheinlichkeit Computerwissenschaften als Frauen.

Auch im Job haben Status und Gehalt für Männer und Frauen einen unterschiedlichen Wert. Zudem sind Frauen in der Familie engagierter und immer noch zum Großteil an der Kinderbetreuung beteiligt. Wenn es um das Teilen von Sorgen geht, sprechen sowohl Männer als auch Frauen bevorzugt mit Frauen darüber. Freundschaften unter Frauen sind zudem intimer und werden häufig als hilfreicher bewertet als Freundschaften zu oder zwischen Männern.

Wie stark diese Geschlechtsunterschiede ausgeprägt sind, wandelt sich im Laufe des Lebens. Als Teenager wachsen sie stark an. Währen Jungen zunehmend dominanter werden und ihre Gefühle weniger zeigen, werden Mädchen weniger bestimmend und flirten häufiger als sie. Die traditionellen Verhaltensweisen und Einstellungen zeigen sich besonders nach der Geburt des ersten Kindes.

Meist sind es immer noch die Männer, die das Geld verdienen und die Frauen bleiben zu Hause beim Kind. Allerdings flachen diese Verhaltensweisen mit der Zeit wieder ab. Etwa ab 50 Jahren werden Männer weniger dominant und gleichzeitig einfühlsamer. Frauen hingegen werden im Beruf selbstbewusster und können sich besser behaupten als in jüngeren Jahren.

Soziale Einflüsse auf das soziale Geschlecht

Neben der genetischen und biologischen Grundlage spielt die Umwelt eine Rolle.
Damit gelangen wir wieder zum Zusammenspiel von Anlage und Umwelt, welche auch unsere Geschlechtsidentität beeinflusst. Hier sind vor allem Geschlechterrollen und die Kindererziehung ausschlaggebend.

Geschlechterrollen

Mit Geschlechterrollen sind Erwartungen gemeint, welche das Verhalten einer Person adressieren. Uns werden gesellschaftlich bestimmte Verhaltensweisen zugeschrieben, an welche wir uns richten sollen. Das bezieht sich sowohl auf die Kleidung als auch auf das Elternverhalten. Diese Rollen können einerseits das Zusammenleben erleichtern, weil direkt klar zu sein scheint, wer die Kinder versorgt und wer Reparaturarbeiten durchzuführen hat.

Allerdings birgt das Rollendenken auch Nachteile. So kann es gesellschaftlich problematisch werden, wenn einem diese Rollenzuschreibungen nicht passen und man sich anders verhält. Zudem werden alte Muster verfestigt, welche die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern aufrechterhalten.

Dass diese Rollen nicht biologisch vorgegeben, sondern gesellschaftliche Konstrukte sind, sieht man am Beispiel anderer Kulturen. Es gibt etwa in nomadischen Gesellschaften kaum geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen. In Australien und Skandinavien besteht eine große Geschlechtergleichheit, in Ländern des Nahen Osten weniger.

Doch nicht nur zwischen den einzelnen Kulturen, sondern auch innerhalb einer Gesellschaft finden über die Zeit hinweg Veränderungen statt. Beispiele dafür sind das Frauenwahlrecht, die steigende Anzahl von Frauen im Berufsleben sowie die Zunahme der männlichen Beteiligung in Sachen Haushalt und Kindererziehung.

Kindererziehung

Nach der Theorie des sozialen Lernens verinnerlichen wir soziale Verhaltensweisen anhand von Beobachtung und Nachahmung. Kinder lernen also geschlechtstypisches Verhalten durch ihre Eltern. Allerdings können diese das erlernte Verhalten der Kinder auch noch zusätzlich bestärken. Etwa durch das Loben eines Mädchens, das sich liebevoll um seine Puppen kümmert.

Genauso werden bestimmte Verhaltensweisen als falsch dargestellt und künftig unterbunden. Wenn ein Junge jedoch gesagt bekommt, dass Jungen nicht weinen, kann das einen ungesunden Umgang mit den eigenen Emotionen zur Folge haben. Kinder legen ein Geschlechtsschema an – ein Gerüst, in welches sie Informationen einbetten, welche sie über ihre eigene Geschlechtsidentität sammeln. Das sind nicht nur Infos seitens ihrer Eltern, sondern etwa auch von Lehrkräften oder durch die Medien.

Sie nehmen alles auf, was ihre Geschlechtsidentität unterstreicht. Sei es die Farbe Rosa, das Spielen mit Puppen oder ein dominantes Auftreten und Machtstreben. Stimmt die eigene Geschlechtsidentität nicht mit dem genetischen Geschlecht überein, spricht man von einer transidentischen Persönlichkeit oder auch Transgender. Dabei fühlen Personen sich wie Männer in einem Frauenkörper oder umgekehrt. Transsexuelle Menschen leben so wie die Vertreter des anderen Geschlechts und lassen ihr Geschlecht gegebenenfalls medizinisch und chirurgisch anpassen.

Zusammenfassung

  • Das soziale Geschlecht wird sowohl von den Genen als auch von der Umwelt beeinflusst.
  • Einige Unterschiede zwischen den Geschlechtern gehen demnach auf die Anlage zurück. Andere sind durch Geschlechterrollen gesellschaftlich vorgegeben und erlernt.
  • Genetisch unterscheiden sich Männer und Frauen ausschließlich aufgrund eines Chromosoms: Männer haben ein X- und ein Y-Chromosom, Frauen zwei X-Chromosomen.
  • Der Testosterongehalt hat einen Einfluss darauf, wie maskulin ein Kind in Erscheinungsbild und Verhalten wird. Allerdings wird dieser Umstand später durch eine andere Behandlung noch verstärkt.
  • Es gibt einige Unterschiede: Männer sind aggressiver, dominanter und streben mehr nach Macht als Frauen. Die soziale Einbindung ist bei Frauen stärker ausgeprägt. Diese und andere Unterschiede sind sowohl biologisch durch die Hormone als auch gesellschaftlich durch Geschlechterrollen beeinflusst. So wachsen Kinder mit bestimmten Rollenvorstellungen auf und passen ihre Geschlechtsidentität daran an.

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