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Unterschiede & Zusammenhänge zwischen Lebensraum und Sozialraum


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Was unterscheidet die Begriffe Lebensraum und Sozialraum voneinander? Ist das nicht das Gleiche? Nein. Der Begriff Lebensraum bezeichnet einen Raum bzw. eine Umgebung, in der sich ein Mensch oder auch eine Gemeinschaft frei bewegen und entfalten kann. Der Sozialraum hingegen stellt den öffentlichen Raum dar, in den Menschen sozial eingebunden sind, also die Gemeinde oder das Quartier, die Nachbarschaft, Vereine und Institutionen. Die Unterscheidung beider Freiräume hat Konsequenzen, wie du jetzt erfahren wirst.

Merkmale vom Lebensraum des Menschen

Der Lebensraum hat verschiedene Bedeutungen. In der Biologie bezeichnet Lebensraum den charakteristischen Standort von Tieren oder Pflanzen. Dies kann auch auf die Menschen übertragen werden. Was brauchen Menschen, um zu leben und sich zu entfalten? Unter welchen Voraussetzungen entwickeln sich Lebensräume?
Politisch geht der Begriff auf Johann Gottfried Herders Staatsmetaphorik zurück, die im späten 18. Jahrhundert den Staat, als einen Organismus definierte, der sich nach natürlichen Gesetzmäßigkeiten entwickelte.

Vor und während des 2. Weltkriegs wurde der Begriff radikalisiert zum Zweck ein Denken der räumlichen Enge in Deutschland einzuführen. Ein „Volk ohne Raum“ wurde propagandiert und damit die territorialen Übergriffe auf die umliegenden Gebiete und die rassenbiologische Selektion gerechtfertigt. Daher gilt der Begriff bis heute als ideologisch kontaminiert und wird überwiegend in der Biologie, aber teilweise auch in der Sozialpädagogik wieder genutzt.

Merkmale des menschlichen Sozialraums

Der Begriff Sozialraum ist stark durch die Sozialpädagogik geprägt. Er bezeichnet die Einbindung in ein soziales Netz, in der Schule, dem Jugendraum, der Kirchengemeinde. Auch ein vorübergehender Sozialraum wie die Fangemeinde bei einem sportlichen Event oder die Fans bei einem Konzert. Es handelt sich also nicht um einen geografisch abgesteckten Raum, Orte und Institutionen, sondern um die Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen.

Dieser Raum definiert sich ständig neu, heutzutage gehört auch die digitale Welt zum Sozialraum von Menschen dazu. Gerade in der Stadtentwicklung und seit ca. 20 Jahren auch in der Pädagogik wird der Sozialraum als ein Ort begriffen, der sich gegenseitig bedingt.

Die Gestaltung des Sozialraums hat Einfluss auf das Verhalten der sich in dem Sozialraum bewegenden Menschen. Durch die Gestaltung der Lebenswelt der Menschen, werden Verhältnisse geschaffen, die es ihnen erlaubt, besser in schwierigen Lebenslagen zurechtzukommen. Dazu gehören natürlich auch Institutionen wie Schulen, Kindergärten und Gemeinde- oder Bürgerzentren, aber auch Plätze und Orte der Begegnung, digitale Möglichkeiten, bürgerschaftliches Engagement und Beteiligung.

In der Sozialpädagogik hat sich die „Sozialraumorientierung“ als Methode pädagogischen Handelns etabliert. Traditionell versuchte man, Verhaltensweisen durch pädagogische Maßnahmen zu verändern. Die Sozialraumorientierung schließt den sozialen Raum, in dem Kinder, Jugendliche und Familien aufwachsen mit ein und betrachtet diesen auf 5 Dimensionen:

  • Geografisch: Es ist ein Unterschied, ob eine Familie mit Kindern in der Großstadt oder auf dem Dorf aufwachsen. Beides hat ohne Bewertung Vor- und Nachteile. Die Möglichkeiten und Grenzen des Aktionsradius´ ist in den jeweiligen Sozialräumen sehr unterschiedlich.
  • Administrativ: Die öffentliche Verwaltung ist in administrativen Einheiten organisiert. Geografisch entstehen durch kulturelle und ethnische Hintergründe, Bildungs- und ökonomische Unterschiede und auch Alters- und Familienstrukturen soziale Brennpunkte. Durch entsprechende Maßnahmen wie Jugend-, Kultur- und Bildungsarbeit können diese Brennpunkte abgeschwächt und der Sozialraum der Menschen verbessert werden.
  • Soziale Beziehungen und Handlungen: Die Personen, die im Sozialraum leben und arbeiten bestimmen ihn maßgeblich mit. Sie können Vertrauenspersonen und Ansprechpartner sein, Vereine und Orte bestimmen die Hobbys und die Gestaltungsmöglichkeiten der Menschen im Sozialraum.
  • Innere Dimension: Die physische und emotionale Konstitution jedes Einzelnen, Traditionen, kulturelle Hintergründe, Selbst- und Weltbild beeinflussen den Sozialraum und die dortigen Aktionen.
  • Zeit: Zum einen ist hier die biografische Perspektive gemeint, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft beeinflussen die Lebenswelt eines Einzelnen. Zum anderen sind die zeitlichen Ressourcen gemeint, die den Menschen zum aktiv gestaltbaren Leben zur Verfügung stehen.

Alle Dimensionen müssen einbezogen und bedacht werden, um den jeweils individuellen Sozialraum jedes Einzelnen zu begreifen.

Zusammenhänge und Abgrenzung zwischen Sozialraum und Lebensraum

Zusammenhängend kann man sagen, dass sowohl der Lebensraum als auch der Sozialraum zumindest teilweise beeinflussbar sind. Äußerliche Einflüsse können beide Räume verändern – positiv und negativ.

Der Raum, an dem Menschen sich niederlassen und ihren Lebensmittelpunkt verorten muss geschaffen werden und einige Voraussetzungen erfüllen wie zum Beispiel eine gute Infrastruktur. Den Sozialraum erschließt sich jeder Mensch selbst und ist beeinflusst durch die eigene persönliche und familiäre Geschichte.

Gerade der Sozialraum unterliegt starken Veränderungen, die virtuelle Welt hat in den letzten Jahren auch den Sozialraum stark beeinflusst. Kontakte zu ehemaligen Mitschülern oder Freunden, Fangruppierungen und Interessensgemeinschaften sind unabhängig von der räumlichen Nähe möglich. Der Lebensraum hingegen ist meist eher starr, er verändert sich nur langsam.

Um die Lebenswelt eines Menschen zu erfassen, müssen beide Räume und alle Dimensionen einbezogen werden und der einzelne Mensch als einziger Experte seiner Lebenswelt betrachtet werden. Je nachdem, welches Ziel ein Angebot hat, ist der Blick auf die Einzigartigkeit des Sozialraums lohnenswert oder auf die Lücken und Ressourcen, die der jeweilige Lebensraum oder Sozialraum aufweisen.

Konsequenzen für die Politik

Im Bereich der Politik sollte der Sozialraum als ein Raum sozialen, gesellschaftlichen, demokratischen und damit politischen Lernens begriffen werden.

Phänomenen wie der Politikverdrossenheit, dem fehlenden Vertrauen in die regierungsführenden Personen, Desinteresse und Rechtspopulismus kann nur entgegengewirkt werden, wenn Bürger das Gefühl haben, mitbestimmen zu können und Selbstwirksamkeit erfahren.

Die Distanz zwischen Bürgern und der Regierung ist eine politische Schwachstelle und kann nur überbrückt werden, wenn die Lebenswelt der Bürger einbezogen wird. Sozialräume als Orte kritischen Denkens und Handelns zu begreifen kann diese Brücke darstellen. Jeder Mensch wächst noch in Systemen auf, die stark äußerlich beeinflusst sind.

Am Schulsystem lässt sich dies gut verdeutlichen. Kinder können nur selten entscheiden, was sie gerade lernen möchten, der Stundenplan steht fest, der Lehrplan ist starr. Politische Bildung, Diskutieren, Demokratiebildung kommen als Unterrichtsfächer, wenn überhaupt erst in der Oberstufe hinzu.

Umso wichtiger ist es, dass Kommunalpolitik bürgernah ist, mitbestimmen und vor allem mitgestalten lässt, auch wenn dies manchmal ein größerer Zeitaufwand bedeutet und vielleicht zunächst fern der politischen Prioritäten liegt. Eine weitere Notwendigkeit ist die außerschulische kulturelle Bildung für alle Generationen.

Kinder- und Jugendarbeit, Erwachsenen- und Seniorenbildung müssen mit den politischen Handelnden verbunden werden und auf Demokratie und Partizipation ausgerichtet werden. Nur so können Menschen lernen, sachlich zu diskutieren und demokratisch zu handeln.


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