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Soziale Entwicklung bei Erwachsenen


Über das gesamte Erwachsenenalter hinweg kommt es zu kritischen Lebensereignissen. Das können beispielsweise eine neue Arbeit, die Hochzeit, die Geburt eines Kindes oder der Verlust eines nahestehenden Menschen sein. Jedes dieser Ereignisse geht mit einer Vielzahl an neuen sozialen Kontakten, neuen Rollenanforderungen und verschiedenen Aufgaben sowie Emotionen einher.

Da sich die Entwicklungspsychologie mit der gesamten Lebensspanne befasst, sind natürlich auch solche Ereignisse von großem Interesse. Schließlich geht es in der Psychologie um die Erforschung des menschlichen Erlebens und Verhaltens. Dieses existiert nun einmal nicht isoliert von der Umwelt in einem luftleeren Raum. Psyche und Umwelt wirken gegenseitig aufeinander ein. Darum widmen wir uns in diesem Artikel der sozialen Entwicklung im Erwachsenenalter.

Das mittlere Erwachsenenalter beginnt ab 40 Jahren

An dieser Stelle befinden sich bereits viele mitten in einem kritischen Lebensereignis.

Denn zu diesem Zeitpunkt realisieren die meisten, dass sie den größten Teil ihres Lebens nicht mehr vor sich haben. Der Großteil ihrer Lebenszeit liegt bereits hinter ihnen, was sich im Klischee der Midlifecrisis zeigen kann: Ehen werden geschieden, große finanzielle Ausgaben getätigt (zum Beispiel in Form eines neuen Sportwagens), Depressionen entwickelt oder Affären eingegangen.

So kann es in einigen Fällen laufen. Doch die Faktenlage sieht etwas anders aus. Die Scheidungsrate ist nicht bei Menschen Anfang 40 am höchsten, sondern zwischen 20 und 30 Jahren. Auch die Anzahl der Suizide ist in dieser Phase nicht die höchste, sondern in der Altersgruppe von 70 bis 80 Jahren. Studien mit mehreren tausend Menschen im mittleren Erwachsenenalter zeigten, dass es in diesen Jahren nicht zu einer vermehrten Häufung von psychischem Leid kommt.

Mythos der Midlifecrisis

Zwar machen einige Menschen in dieser Phase durchaus eine Krise durch.

Doch diese hat nach Angaben der Befragten weniger mit ihrem Alter, sondern mehr mit anderen Ereignissen zu tun: Krankheit, Arbeitsplatzverlust oder Scheidung. Hinzu kommt oft eine Verantwortung für gleich zwei Generationen. Einerseits haben Personen um die 40 selbst Kinder (oder teilweise schon Enkelkinder), um welche sie sich kümmern. Andererseits pflegen sie ihre alternden Eltern.

Kulturen haben meist ganz eigene Vorstellungen von einer „sozialen Uhr“. Damit sind Zeiträume gemeint, in denen gewisse soziale Ereignisse stattfinden sollen. Zum Beispiel der Einstieg ins Berufsleben, die Heirat, das erste Kind oder Ruhestand. Diese inoffiziellen Vorgaben können sich im Laufe der Zeit wandeln. Zum Beispiel war die soziale Uhr westlicher Frauen vor einigen Jahren noch folgendermaßen eingestellt: Schülerin, Berufstätige, Hausfrau und Mutter, Berufstätige, Ruhestand. Mittlerweile jonglieren viele Frauen einige dieser Rollen nebeneinander oder lassen einige Schritte komplett aus. Außerdem können zufällige Ereignisse diese mittlerweile nicht mehr ganz so strikten Vorgaben der sozialen Uhr durcheinanderbringen.

Das Erwachsenenalter beinhaltet eine Reihe von Verpflichtungen

Nach Eriksons psychosozialem Modell gibt es für Menschen im Erwachsenenalter zwei besonders hervorstechende Punkte: Intimität und Generativität.

Mit der Intimität ist die Fähigkeit gemeint, mit anderen Menschen eine enge Beziehung eingehen zu können. Die Fortpflanzung und Unterstützung einer neuen Generation zählen zu den Inhalten der Generativität.

Andere Bezeichnungen dafür sind die Begriffspaare Zugehörigkeit und Leistung sowie Verpflichtung und Kompetenz oder Bindung und Produktivität. Sehen wir uns beide Komponenten näher an.

Intimität

Bei der Intimität, Bindung oder Verpflichtung geht es auch um die Liebe zwischen zwei Menschen.

Die Paarbildung ist aus evolutionärer Sicht sinnvoll: Zwei Eltern kooperieren bei der Versorgung des Nachwuchses. Das wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das eigene Erbmaterial im Genpool vorhanden bleibt.

Ähnliche Werte und Interessen tragen zu einer stabilen Liebesbindung im Erwachsenenalter bei. Eine gute Bildung wirkt sich Studien zufolge ebenfalls auf eine dauerhafte Beziehung aus. In westlichen Ländern hat sich der Zeitpunkt der Eheschließungen in den letzten Jahrzehnten aufgrund der längeren Ausbildungsdauer nach hinten verschoben. Gleichzeitig stieg auch die Scheidungsrate. Frauen sind mittlerweile finanziell unabhängiger von ihren Ehemännern, was sich auch in diesen Zahlen widerspiegelt. Allerdings sind auch die Ansprüche der Menschen an ihre Partner und Partnerinnen gestiegen.

Das Zusammenleben vor der Ehe senkt Studien zufolge übrigens nicht die Scheidungswahrscheinlichkeit. Eine unglückliche Ehe scheint demnach bei den Paaren am höchsten zu sein, die schon vor der Verlobung zusammenwohnten. Eine US-amerikanische Studie wies darauf hin, dass Kinder wahrscheinlicher eine elterliche Trennung erleben, wenn die Eltern bei der Geburt unverheiratet waren. Bei Kindern mit verheirateten Eltern tritt der Fall seltener ein. Dahinter werden zwei mögliche Ursachen vermutet. Zusammenlebende Paare sind von Vornherein vom Konzept der Ehe nicht besonders überzeugt. Zum anderen sinkt diese Überzeugung nochmal über die Zeit des Zusammenlebens ab.

Die Institution der Ehe ist heute nicht mehr so zwingend wie früher. Doch sie scheint dennoch Vorteile zu haben. Verheiratete Paare sind Forschungsbefunden zufolge glücklicher, psychisch und physisch gesünder und erleben mehr sexuelle Befriedigung. Auch für das Einkommen ist die Ehe ein wichtiger Prädiktor.

In stabilen Ehen sollte das Verhältnis zwischen positiven und negativen Interaktionen zwischen den Parteien bei fünf zu eins liegen. Es klingt nach einer altbekannten Phrase, doch es ist was dran: Die Kommunikation macht einen Unterschied. Es zeigte sich, dass in stabilen Partnerschaften faire Streits dominieren. Diese Paare haben gelernt, ihre eigenen Gefühle in Worte zu fassen, ohne den anderen dabei zu verletzten. Außerdem wird vielen Konflikte direkt der Wind aus den Segeln genommen, in dem die Schuld nicht beim anderen gesucht, an Vorwürfen gespart und dem anderen zugehört wird.

Liebe im Erwachsenenalter bezieht sich nicht nur auf die Paarbeziehung, sondern auch auf die eigenen Kinder. Sowohl Mütter als auch Väter berichten häufig von einer Liebe für ihre Kinder, welche sie sonst noch für niemanden empfanden. Die Elternschaft kann jedoch auch zur zunehmenden Belastung werden. Kinder kosten Zeit, Geld und emotionale Zuwendung. Besonders nebenbei berufstätige Frauen übernehmen immer noch hauptsächlich die Aufgaben in Sachen Erziehung und Haushalt. Gerade hier ist das Entwickeln einer fairen Aufgabenverteilung in der Partnerschaft wichtig, um die Zufriedenheit innerhalb der Ehe und eine positive Eltern-Kind-Beziehung zu fördern.

Ein weiteres kritisches Lebensereignis ist nicht nur das Bekommen eigener Kinder, sondern auch deren Abkopplung vom Elternhaus. Das kann für Eltern sehr schwierig sein, jedoch auch befreiend.

Generativität

Nun zum Aspekt der Arbeit, Generativität, Leistung, Kompetenz oder Produktivität.

In unserer Kultur gehört das Thema Arbeit eigentlich schon fast selbstverständlich zum Smalltalk. Beim Kennenlernen folgt auf die Frage nach dem Namen recht schnell die nach der Erwerbstätigkeit.

Die Berufswahl ist allerdings kein einfaches Unterfangen. Nicht nur die Suche nach einer geeigneten Ausbildungsstelle ist schwierig. Direkt nach der Schule sind viele Sechszehn- bis Achtzehnjährige in ihren Interessen noch nicht so sehr gefestigt, dass ihre Wahl der Ausbildung direkt ins Schwarze trifft. Auch Studierende wissen meistens in den ersten beiden Jahren an der Universität noch nicht, was sie später einmal beruflich machen werden. Erschwerend hinzu kommt, dass die Berufswege heute nicht mehr so gradlinig verlaufen wie noch vor einigen Jahrzehnten.

Doch ganz gleich, was jemand beruflich macht: Es sollte möglichst den eigenen Interessen entsprechen und zum Kompetenzgefühl beitragen. Wer das Gefühl hat, nichts zu leisten und auch noch entgegen seiner eigenen Werte und Interessen arbeitet, ist schnell frustriert.
Wo wir schon bei Frust sind: Wie entwickelt sich eigentlich das Wohlbefinden über die Lebensspanne hinweg?

Lebenszufriedenheit über die Jahre hinweg

Werden Menschen gefragt, was sie in ihren Leben lieber anders hätten machen sollen, äußern sie häufig das Bereuen von Versäumnissen.

Sie antworten mit Orten, die sie gern bereist hätten oder von Menschen, denen sie nie gesagt haben, wie viel sie ihnen bedeuteten. Manchen wird auch erst spät klar, dass sie sich gern weniger für ihren Beruf aufgeopfert und stattdessen lieber mehr für sich selbst getan hätten.

Selbstwert, Selbstvertrauen und das Identitätsgefühl gewinnen vom frühen bis zum mittleren Erwachsenenalter an Stärke. Doch wie sieht es im Alter aus? Schließlich werden die Anforderungen durch den Eintritt in den Ruhestand nicht zwingend geringer. Im Gegenteil: Das Einkommen geht zurück und man verliert den Beruf, der einem vielleicht sehr am Herzen lag und einen Teil der eigenen Identität ausmachte. Außerdem nimmt die körperliche Leistungsfähigkeit ab und das Gedächtnis ist auch nicht mehr wie früher. Hinzu kommen altersbedingte Todesfälle in der Familie und dem Freundeskreis. Nicht zuletzt wird die eigene Lebenszeit auch knapper.

Dennoch zeigen Studien, dass Menschen jenseits der 65 Jahre nicht wesentlich unglücklicher sind als andere Altersgruppen. Das liegt unter anderem daran, dass viele ältere Personen ihre Aufmerksamkeit nicht mehr so stark auf negative Informationen lenken wie jüngere es tun. Gleichzeitig werden sie aufmerksamer für positive Erlebnisse. Das bedeutet also: Es kommt zwar gehäuft zu negativen Ereignissen in diesem Lebensabschnitt, doch haben diese nicht so einen starken Einfluss auf das emotionale Befinden wie es in jüngeren Jahren der Fall wäre.

Negatives wird nicht mehr so stark empfunden

Aufnahmen der Gehirnaktivität ältere Erwachsener zeigen eine geringere Aktivität der Amygdala als Reaktion auf negative Informationen.

Diese Struktur hängt mit dem Empfinden von Angst zusammen und spielt auch bei der neuronalen Verarbeitung anderer Emotionen eine Rolle. Außerdem nimmt die Kommunikation zwischen Amygdala und Hippocampus – welcher für das Gedächtnis eine Rolle spielt – ab. Menschen im späten Erwachsenenalter weisen auch weniger Konflikte in zwischenmenschlichen Beziehungen auf. Stress, Ängste und Sorgen nehmen tendenziell weniger Raum ein.

Zusätzlich verfliegen negative Emotionen in dieser Altersgruppe schneller als es bei jüngeren der Fall ist und die positiven Emotionen nach erfreulichen Ereignissen werden länger aufrechterhalten. Das könnte ein Grund dafür sein, dass viele ältere Menschen ihr Leben rückblickend als im Allgemeinen gut bewerten. Die Emotionen wandeln sich im Laufe des Lebens von einer Achterbahn mit vielen Hochs und Tiefs im Jugendalter zu einer Fahrt auf einer flachen Landstraße. Einerseits verfallen wir im Alter nicht mehr so schnell in Verzweiflung, andererseits lösen beispielsweise Komplimente auch nicht mehr so viel Stolz aus wie früher.

Die Lebenszufriedenheit hängt mit sozialen Ereignissen zusammen. So ist es wenig verwunderlich, dass der Tod von Freunden oder Familienmitgliedern emotionale Wunden hinterlässt. Gerade der Verlust eines geliebten Menschen, der (gemäß der sozialen Uhr) unerwartet eintritt. Dazu zählt beispielsweise ein Unfalltod des Kindes oder der Verlust des Ehepartners im mittleren Erwachsenenalter durch einen plötzlichen Herzinfarkt. Solche Fälle können die Hinterbliebenen nur schwer verarbeiten und verfallen manchmal in jahrelange Depressionen.

Trauer ist individuell

Ein erwartbares Ableben eines Angehörigen im hohen Alter verarbeiten Menschen meist besser.

So sinkt die Lebenszufriedenheit durch den Tod des Partners erwartungsgemäß zum Sterbezeitpunkt drastisch ab. Nach etwa fünf bis sechs Jahren stabilisiert sich die Zufriedenheit allerdings und nähert sich dem ursprünglichen Zustand wieder an.

Die individuelle Reaktion auf den Tod eines Angehörigen ist sowohl von der eigenen Persönlichkeit als auch von der Kultur beeinflusst. Studien zeigten, dass Personen schneller mit ihrer Trauer fertig werden, wenn sie diese stark und direkt ausdrücken. Es macht offenbar keinen Unterschied, ob sich Trauernde mit Freunden und Therapeuten austauschen oder ob sie allein trauern. Trauer ist ein individueller Prozess, bei dem sich entgegen langläufiger Meinung auch keine verschiedenen Phasen voneinander abgrenzen lassen.

Zusammenfassung

  • Im Erwachsenenalter beeinflussen kritische Lebensereignisse (zum Beispiel Berufseinstieg, Elternschaft, Ruhestand) die Menschen.
  • Das Klischee der Midlifecrisis hat die Forschung nicht bestätigt. Dennoch kommt es im mittleren Erwachsenenalter häufig zu Mehrfachbelastungen. Diese können in einer fairen Partnerschaft auf beide Parteien gerecht aufgeteilt werden.
  • Die soziale Uhr gibt kulturelle Vorgaben, wann bestimmte Lebensereignisse stattgefunden haben sollen. Diese sind jedoch mittlerweile aufgeweicht.
  • Im Erwachsenenalter geht es um Intimität und Generativität. Dazu gehört der Aufbau einer stabilen Partnerschaft, das Aufziehen der eigenen Kinder und die Erwerbstätigkeit.
  • Die Lebenszufriedenheit bleibt im Durchschnitt über alle Altersgruppen hinweg gleich. Ältere Menschen schenken negativen Informationen weniger Aufmerksamkeit als jüngere. So bewerten sie trotz zunehmender Belastungen (zum Beispiel den Tod des Ehepartners oder das Ausscheiden aus dem Berufsleben) dennoch häufig ihr Leben als gut.

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