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Was sind Frühlingsgefühle und wie entstehen sie


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Die Gefühle scheinen im Frühling durch das Erwachen der Natur außer Rand und Band zu geraten. Ausgelöst wird diese euphorische Zustand durch die wallenden Hormone. So jedenfalls lautet die allgemeine Erklärung dafür. Die meisten Menschen glauben sie, weil sie sich im Frühling tatsächlich wie euphorisiert fühlen. Möglicherweise sind unsere Frühlingsgefühle aber nur eine selbsterfüllende Prophezeiung oder eine Einbildung – zumindest aus Sicht einiger evolutionsbiologischer Wissenschaftler.

Was sind Frühlingsgefühle?

Der Begriff „Frühlingsgefühle“ ist eine populärwissenschaftliche Bezeichnung für den Gefühlsüberschwang, der Menschen und Tiere im Frühling gleichermaßen zu erfassen scheint. Eine echte und wissenschaftlich haltbare Definition ist dafür bisher nicht zu finden.

Einige Evolutionsbiologen bezweifeln zudem, dass es überhaupt wissenschaftlich nachweisbare Frühlingsgefühle gibt. Während Professor Günter Stalla, ein Endokrinologe vom „Max-Planck-Institut“ in München, Frühlingsgefühle als ein hormonell ausgelöstes Relikt unserer Evolution ansieht, widerspricht ihm Professor Martin Reincke aus Freiburg. Reincke ist ebenfalls Endokrinologe. Er gehörte lange der „Gesellschaft für Endokrinologie“ an. Reincke sagt, aus hormoneller Sicht gäbe es gar keine Frühlingsgefühle. Bestenfalls die Eskimos hätten noch echte Frühlingsgefühle. Was veranlasst den renommierten Freiburger Endokrinologen zu dieser Sichtweise?

Tatsächlich waren die Menschen in vorindustriellen Zeitalter noch nicht mit Gasherden, strombetriebenen Lampen, Computern, Smartphones oder Zentralheizungen ausgestattet. Die Winter waren hart und kalt. Sechs Monate lang war es eine dunkle und entbehrungsreiche Zeit für die Menschen. Gegen Ende des Winters gab es kaum noch verwertbare Nahrungsvorräte. Hunger kehrte ein. Die einseitige Ernährung der Bevölkerung sorgte für eine kurze Lebensspanne. Der Wechsel der Jahreszeiten hatte für die Menschen von damals eine weitaus höhere Bedeutung als heute. Er bedeutete die Hoffnung auf bessere Zeiten und auf frische Nahrung. Der Frühling beeinflusste Professor Reincke zufolge daher auch stärker die Stimmung als heutzutage.

Die meisten Menschen, die in größeren Städten wohnen, leben heute in einer hochgradig industrialisierten Welt. Um sie herum ist eine Vielzahl an Wärme- und Lichtquellen verschiedener Art zu finden. Die natürlichen Rhythmen der Natur haben kaum noch Einfluss auf uns Menschen. Wir erhellen unsere Nächte und die dunkle Jahreszeit durch Kunstlicht. Die Nacht wird – zumindest in den Städten – durch Laternen, Computer-Bildschirme, Smartphones auf dem Kopfkissen, hell erleuchtete Reklameschilder und Nachtlichter zum Tage gemacht.

Bei den ersten Anzeichen Anzeichen einer Winterdepressionen behandeln wir uns mit Tageslichtduschen. Wir erschaffen uns so unsere eigenen biologischen Rhythmen. Sogar aus dem All kann man die hell erleuchteten Städte auf Erden erkennen. Der Organismus muss sich unserem modernen Lebensstil wohl oder übel anpassen. Professor Reinecke zufolge reagiert unser Hormonsystem inzwischen längst nicht mehr so stark wie früher auf saisonal unterschiedliche Lichteinflüsse.

Dunkelheit und Kälte werden von den Menschen in zivilisierten Gesellschaften verdrängt. Das menschliche Hormonsystem verliert dadurch seinen natürlichen Reaktions-Impuls. So gesehen, erleben die Hormone des Menschen fast schon einen Dauerfrühling. In der Tierwelt funktionieren die natürlichen Rhythmen noch besser.

Mit einsetzender Dämmerung gehen viele Tiere schlafen. Bei Sonnenaufgang werden sie wach. Aber auch dort wirken sich die Millionen von Lichtquellen in städtischen Ballungsräumen bereits negativ aus. Was wir Menschen als „Frühlingsgefühle“ bezeichnen, ist auf ein Stimmungsplus durch gesteigerte Lichteinflüsse, angenehmere Temperaturen und das Erwachen der Natur zurückzuführen. Die Hormone sind vermutlich nicht unbeteiligt an diesem euphorisierten Zustand – aber offensichtlich nicht mehr in dem Ausmaß, das es früher gegeben hat.

Den Kontrast zu den Frühlingsgefühle bildet die Frühjahrsmüdigkeit. Während ein Teil der Bevölkerung nach der Umstellung auf die Sommerzeit auflebt und neue Energien verspürt, versinkt ein anderer in Müdigkeit. Möglicherweise ist dies eine physiologische Gegenreaktion zu den kürzeren Nächten und den länger werdenden Tagen.

Es mangelt den Betroffenen einfach an ausreichend Schlaf. Der Anpassungsprozess dauert einige Zeit. Er kann durch die Zeitumstellung zur Sommerzeit nochmals eine Störung erleben. Der Grund: Der menschliche Organismus ist ein sensibles biologisches System. Seine Anpassungsfähigkeit ist zwar beachtlich und bemerkenswert. Sie hat aber auch natürliche Grenzen. Bei manchen Menschen verlaufen die hormonellen Anpassungsprozesse langsam, bei anderen schnell.

Welche evolutionär-biologische Bedeutung haben Frühlingsgefühle

Die noch junge Disziplin der Evolutionsbiologie ist bis heute nicht ganz unumstritten. Als Teilbereich der Biowissenschaften untersucht sie das erdgeschichtliche Evolutionsgeschehen sowie die dazu beitragenden Faktoren.

Die evolutionsbiologische Bedeutung der Gefühle – also auch der Frühlingsgefühle – ist für das menschliche Leben ein bedeutender Faktor. Offene Fragen lauten etwa „Warum gibt es überhaupt Gefühle? Welchen Sinn haben sie? Sind sie lediglich eine Laune der Natur – oder wäre die menschliche Evolution ohne die Entwicklung von Gefühlen ganz anders verlaufen? War die Entwicklung der Gefühle also aus evolutionsbiologischer Sicht unvermeidlich? Eine aktuelle Studie von Physik-Professor Claudius Gros versucht, darauf eine Antwort zu geben. Gros arbeitet an der Frankfurter Goethe-Universität im „Institut für Theoretische Physik“.

Die Bedeutung der Gefühle aus evolutionsbiologischer Sicht

Claudius Gros zufolge sind Gefühle und Emotionen zwar funktionelle, aber dennoch „abstrakte“ Kriterien. Diese ermöglichen uns, Vergleiche anzustellen, um effizienter Aufgaben und Ziele zu definieren. Aus evolutionsbiologischer Sicht sind nur jene Vorgänge im Leben der Lebewesen relevant, die für mehr Nachkommen und einen Erhalt des Gen-Pools sorgen. Über diese Sichtweise kann man sicher streiten.

Viele unserer Verhaltensweisen werden demnach genetisch oder über den Instinkt gesteuert. Wo das nicht der Fall ist, müssen Gros zufolge jedoch andere Fähigkeiten als Entscheidungsgrundlage ausgebildet werden. Im menschlichen Leben müssen zum Beispiel auch die Absichten, Bedürfnisse und Ansichten anderer berücksichtigt werden. Das verlangte Gros zufolge im Laufe der menschlichen Evolution nach der Entwicklung eines besonders komplex denkenden Gehirns. Die wissenschaftliche „Theorie des sozialen Gehirns“ besagt, dass die rasante Evolution des menschlichen Gehirns notwendig war, um die Komplexität sozialer Interaktionen möglich zu machen.

Die Entwicklung von Intelligenz, Emotionalität und Intuition waren also für die Menschen wichtig. Bisher schafft es kein Rechner, der Komplexität des menschlichen Gehirns auch nur nahe zu kommen. Der Mensch hat seine Möglichkeiten durch die Gefühle und Emotionen erweitert. Auch wenn wir unsere Gefühle meistens für sehr real halten, sind sie aus entwicklungsbiologischer Sicht lediglich als abstrakte Bewertungs-Helfer anzusehen. Diese erweitern unser Arsenal an potenziellen Entscheidungsmöglichkeiten.

Das Vorhandensein unzähliger biochemischer Prozesse im Gehirn ist uns nicht bewusst. Viele dieser Prozesse bilden jedoch die Grundlage für unsere Gefühle. Demnach wären also Frühlingsgefühle ein Resultat unbewusster Prozesse im Gehirn. Diese sollen uns helfen, kluge Entscheidungen zu treffen. Die Rolle der Hormone wird hier erstaunlicherweise nicht thematisiert.

Professor Gros merkt in seiner Studie auch an, was passiert wäre, wenn der Mensch im Laufe seiner Evolution keine Gefühle entwickelt hätte. In diesem Fall könnten wir die Gehirnprozesse, die wir als Emotionen wahrnehmen, nicht bewusst regulieren. Die dann entstandenen Lebewesen wären laut der Neurowissenschaftler Francis Crick und Christof Koch menschliche „Zombies“ gewesen. Sie wären zwar dank eines funktionierenden Gehirns potenziell denkfähig und triebgesteuert gewesen. Aber: Sie wären sich dieser Fähigkeiten gar nicht bewusst.

Die Komplexität der menschlichen Gehirnkapazitäten und des Gefühlslebens kann bisher nur zum Teil durch die künstliche Intelligenz oder durch maschinelles Lernen nachgebildet werden. Ohne die Ausbildung von Gefühlen und Emotionen werden diese technischen Entwicklungen vermutlich nicht den Entwicklungsstand des Menschen erreichen, so Gros.

Zurück zu den Frühlingsgefühlen

Sofern es Frühlingsgefühle aus evolutionsbiologischer Sicht gibt, werden sie durch vermehrte Lichteinwirkungen ausgelöst. Die Tage werden länger, die Lichtintensität steigt, die Sonne steht wieder höher und wärmt mehr. Der Frühling bietet damit eine Art Lichttherapie. Diese wird auch durch Tageslichtlampen im Winter simuliert, um gegen die saisonale Depression (den sogenannten Herbst-Blues) vorzugehen. Nachweislich mit Erfolg.

Auch in der Tierwelt bringt der Frühling alle Hormone in Wallung. Die Tiere entwickeln Balzrituale. Sie suchen über Imponiergehabe, bunte Federkleider und Tänze zu beeindrucken, um einen Sexualparther zu finden und Nachwuchs zu zeugen. Von Frühlingsgefühlen sollte man hier allerdings nicht sprechen. Tiere sind nachweislich emotionelle und fühlende Wesen.

Neuro- und verhaltensbiologischen Studien zufolge können alle Säugetiere grundlegende Emotionen wie Angst, Wut, Zuneigung, Trauer oder Freude empfinden. Je nach Tierart unterscheidet sich aber, wie differenziert diese Gefühle ausgebildet sind. Ob hochentwickelte Säugetiere aber Gefühle wie Stolz, Einsamkeit, Eifersucht oder Hass empfinden können, ist nicht bekannt. Auf die sehr sozial orientierten Elefanten könnte das möglicherweise zutreffen.

Wie und wodurch entstehen Frühlingsgefühle?

Frühlingsgefühle entstehen laut eines Teils der sie als real ansehenden Endokrinologen oder Verhaltensforscher durch die Zirbeldrüse. Diese steuert die Melatonin-Produktion. Je dunkler es ist, desto mehr „Schlafhormon“ Melatonin wird ausgeschüttet. Wird es wieder heller, sinkt der Melatonin-Spiegel. Das Melatonin steuert den Tag-und-Nacht-Rhythmus. Es fördert das Einschlafen, wenn es dunkel wird. Da der hormonelle „Müdemacher“ aber nur bei Dunkelheit produziert wird, fühlen die meisten Menschen sich in der dunklen Jahreszeit, als wären sie dauerhaft im Winterschlaf-Modus.

Wenn der Organismus nicht mehr genügend Lichtreize erhält, fühlen wir uns ständig müde. Im Frühjahr sinkt der Melatonin-Spiegel zunehmend ab. Wir fühlen uns wacher und sind wieder aktiver. Jeder Sonnenstrahl wird draußen genossen. Über die Haut wird Sonne aufgenommen und Vitamin D gebildet. Das „Sonnenvitamin“ sorgt dafür, dass die Produktion von Dopamin sowie Adrenalin und Noradrenalin angekurbelt wird. Außerdem werden aus der Hypophyse und dem Hypothalamus vermehrt Endorphine – auch als Glückshormone oder Opiopeptide bekannt – ausgeschüttet. Dabei handelt es sich um körpereigene Morphine. Diese haben eine schmerzstillende und zugleich euphorisierende Wirkung.

Auch das „Glückshormon“ Serotonin wird durch die Lichtreize stimuliert. Serotonin gilt als der natürliche Gegenspieler des „Schlafhormons“ Melatonin. Seine Wirkung entspricht einem leichten Aufputschmittel. Der Dopaminspiegel steigt im Frühling ebenfalls an. Dopamin verhilft den Menschen zu mehr Energie. Es hebt zudem ihren Aktivitätslevel an. Die gesteigerte Noradrenalin-Ausschüttung verbessert die Konzentration und die laufenden Denkprozesse. Im Frühjahr erleben Männer zudem einen Testosteron-Schub. Das beeinflusst ihre Libido. Testosteron verbessert aber auch das allgemeine Wohlbefinden und sorgt für psychische Ausgeglichenheit.

Wer trotz seiner Frühlingsgefühle an Frühjahrmüdigkeit leidet, sollte in die Natur gehen. Er sollte Vitamin D aufnehmen und Sport treiben. Das unterstützt die körperliche Umstellung. Doch nicht jeder fühlt sich gleichermaßen stark von Frühlingsgefühlen beflügelt, wenn die wärmere Jahreszeit anbricht. Offensichtlich reagiert der Organismus individuell stark auf den Frühling. Wer im Büro ganzjährig dem Licht von Tageslichtlampen ausgesetzt ist, dürfte weniger starke Gefühlsschwankungen und euphorisierte Gefühle erleben.

Gleiches gilt möglicherweise für Menschen, die viele Stunden täglich und bis in die Nacht hinein am Computer arbeiten. Dessen Bildschirmstrahlung wirkt hinderlich, wenn es um die Melatonin-Produktion geht. Ob die Intensität der Frühlingsgefühle ebenfalls davon beeinflusst wird, ist eine interessante Frage.


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