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Massenpanik: Psychologie des Egoismus bei Todesangst


Filmszenen zeigen es überdeutlich: Sobald sich eine Katastrophe ereignet, geraten Menschen in blinde Panik und kümmern sich nur noch um sich selbst. Doch ist das wirklich so?

Akute Notsituationen von großem Ausmaß sind nicht alltäglich und daher lässt sich diese Frage nicht ganz so einfach beantworten. Allerdings haben wir alle recht ähnliche Vorstellungen darüber, wie Menschen sich zum Beispiel bei einem Großbrand verhalten würden. Wir sehen vor unserem Auge panische Menschen, die ohne Rücksicht auf andere sogar über am Boden liegende und verletze Personen trampeln und kopflos den Ausgang suchen.

Diese Vorstellung ist vor allem medial geprägt, denn in den allermeisten Fällen haben wir solche Situationen (glücklicherweise) noch nicht am eigenen Leib erfahren müssen. Ob wir im Notfall wirklich zu Egoisten mutieren, ist eine Frage, mit der sich auch die Sozialpsychologie beschäftigt. Was an dieser Vermutung dran ist und wie es sich mit dem Phänomen Massenpanik verhält, schauen wir uns nun an.

Wie reagieren Menschen bei Anschlägen?

Abhängig von deinem Alter erinnerst du dich vielleicht noch an deine Reaktion, als du am 11. September 2001 von den Anschlägen auf das World Trade Center erfahren hast.

Doch hast du auch eine Vorstellung davon, wie es in den Twin Towern selbst zuging als die Flugzeuge mit ihnen kollidierten? In Bezug auf Filmszenen würde man Geschrei, Panik und vor allem irrationales und egoistisches Handeln erwarten.

In einer Studie von Proulx und Fahy aus dem Jahr 2003 zeigte sich ein anderes Bild. Sie befassten sich mit den Reaktionen der Betroffenen und interviewten beispielsweise Rettungskräfte zu ihrem Einsatz am 11. September. Diese sprachen überraschenderweise, dass die Vernunft bei den meisten Personen im World Trade Center überwog. Anstelle von Massenpanik kam Solidarität mit Verletzten auf und es kam auch zu vielen inoffiziellen Rettungsversuchen durch zivile Personen.

Zwar gab es auch Personen, die egoistisch in Anbetracht der Lage handelten. Doch die Rettungskräfte sprechen hier von Einzelfällen. So kam es dazu, dass die Evakuierung der Menschen sehr geordnet verlief. Die meisten Menschen – die sich zum Zeitpunkt der Kollision mit dem Flugzeug unterhalb der Einschlagsstellen befanden – kamen lebend aus den Gebäuden hinaus.

Ähnliches ließ sich auch nach den Bombenattentaten im Jahr 2005 beobachten, bei denen 56 Menschen in einem Bus und in insgesamt drei U-Bahnen ums Leben kamen. Mehr als 700 weitere Personen wurden verletzt und etliche waren in den U-Bahn-Schächten über mehrere Stunden hinweg eingeschlossen. Dennoch kam es hier nicht zu einer hysterischen Massenpanik, sondern ebenfalls zu solidarischem Verhalten und sogar zu einem Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Die Passagiere boten Verletzten emotionale Unterstützung, spendeten Trost und Zuversicht oder teilten Wasser und Nahrung, welche sie bei sich hatten. Das Gefühl des gemeinsamen Schicksals kann in solchen Situationen die gegenseitige Hilfeleistung verstärken. In Notsituationen kommt es nicht selten vor, dass der Fokus von „Ich“ zu „Wir“ wechselt und die Anwesenheit Fremder als Vorteil wahrgenommen wird. Eine Gruppe ist immerhin stärker als das Individuum und das Gefühl einer gemeinsamen Identität entwickelt sich.

Wie entstand der Mythos der Massenpanik?

Doch warum denken wir bei Katastrophen unweigerlich an Massenpanik, wenn Menschen doch scheinbar mehrheitlich besonnen in Notsituationen reagieren?

Ein Grund dafür könnten Großbrände sein, welche eine traurige Berühmtheit erlangten. Diese wurden von den Forschern Chertkoff und Kushigian am Ende der 1990er Jahre näher untersucht. Beispielsweise forderte das Feuer im Cocoanut Grove Nightclub im Jahr 1942 in Boston das Leben von 492 Menschen. Als Ursache dieser großen Anzahl von Todesfällen wurde eine Massenpanik angenommen. Die bloße Überreaktion der Gäste auf das Feuer wäre ihnen angeblich zum Verhängnis geworden. Konkurrenzdenken und irrationales sowie aggressives Verhalten wurden lange Zeit als Gründe für die Massenpanik angesehen.

Allerdings zeigte sich im Laufe der Untersuchung, dass die Ursache für die Tode vieler Menschen nicht deren Panik, sondern viel mehr eine schlechte Gebäudeplanung und versperrte Ausgänge waren. Das Gebäude war so konstruiert, dass die Türen sich nur nach innen öffnen ließen. Das wiederum führte dazu, dass es zu einem Schuldspruch in Bezug auf die fahrlässige Tötung der Gäste für den Clubbesitzer kam. Außerdem wurden aufgrund dieser Vorfälle neue Brandschutzverordnungen entwickelt, um künftige Unglücke dieses Ausmaßes zu verhindern. Der Mythos der blinden Massenpanik hält sich dennoch (vor allem durch mediale Darstellungen) in den Köpfen der Menschen.

Welche Rolle spielen soziale Normen beim Hilfeverhalten?

Die vorherigen Abschnitte zeigten, dass es in Notsituationen häufig eher zu solidarischem Verhalten als zu egoistischem kommt.

Doch in welchen Fällen steht das Eigeninteresse an erster Stelle? Eine Studie von Frey, Savage und Torgler aus dem Jahr 2010 zeigte den Einfluss der Zeit auf das Verhalten in Notfällen aus. Sie fanden heraus, dass der Faktor Zeit eine erhebliche Auswirkung auf die Aktivierung sozialer Normen hat, welche wiederum Folgen auf das Hilfeverhalten haben.

Im Zuge ihrer Untersuchungen analysierten die Forscher die Überlebensraten von zwei großen Schiffsunglücken. Dabei handelte es sich auf der einen Seite um den Untergang der Lusitania und den der Titanic auf der anderen Seite. Untersucht wurde unter anderem der Einfluss von Geschlecht, Familienbeziehung und Alter. Es stellte sich heraus, dass sich unter den Überlebenden des Titanic-Unglücks mehr Kinder als Erwachsene befanden und dass hier mehr Männer als Frauen umkamen. Die Listen mit den Überlebenden der Lusitania zeigte ein anderes Bild: Hier hatten hauptsächlich erwachsene Männer das Unglück überlebt.

Den Unterschied in den Überlebensraten erklärten sich die Forscher mit der Dauer des Untergangs. Während die Lusitania innerhalb von nur 18 Minuten in den Fluten versank, dauerte der Untergang der Titanic zwei Stunden und vierzig Minuten. Auf der Titanic blieb genug Zeit, damit die Norm „Frauen und Kinder zuerst“ aktiv werden konnte. Woraufhin diese eher in den Rettungsbooten Platz fanden, da die Männer ihnen den Vortritt ließen.

In der kurzen Zeitspanne des Untergangs der Lusitania hingegen blieb das Eigeninteresse des Einzelnen im Vordergrund, was sich an der hohen Überlebensrate der Männer zeigte. Diese haben Frauen und Kindern gegenüber einen körperlichen Vorteil und konnten sich besser selbst retten.

Werden bei Massenpanik und Todesangst alle Menschen zu Egoisten?

Anders als es in Filmen häufig der Fall ist, tendieren die meisten Menschen in Notsituationen nicht zu blinder Panik. Beispiele wie die Aussagen der Rettungskräfte nach den Anschlägen auf das World Trade Center und denen auf die öffentlichen Verkehrsmittel in London 2005 zeigten, dass sogar eher solidarisches Verhalten an den Tag gelegt wird.

Statt panisch und egoistisch zu reagieren, helfen Menschen sich in Notsituationen gegenseitig, wodurch eine geordnete Evakuierung erfolgen kann. Der Mythos der Massenpanik geht auf frühere Großbrände mit vielen Todesopfern zurück.

Diese kamen allerdings nicht durch eine Massenpanik ums Leben, sondern durch andere unglückliche Umstände (wie etwa blockierte Ausgänge). Das gemeinsame Schicksal kann von einer Notsituation betroffene Personen zu einem Gefühl der Solidarität und einem damit verbundenen Hilfeverhalten veranlassen.

Auch die Zeit spielt eine wesentliche Rolle. Kurz nach einem anfänglichen Schock herrscht zwar das Eigeninteresse noch vor. Doch nach einer Weile werden soziale Normen aktiv und ein bestimmtes Hilfeverhalten wird an den Tag gelegt.


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