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Gruppengewalt: Warum gibt es Gewalt im Fußball | Psychologische Ursachen


Wer kennt sie nicht? Die Berichte von gewalttätigen Konfrontationen zwischen verschiedenen Fangruppen in Fußballstadien. Oder auch bereits davor. Nicht selten werden bei sogenannten Risikospielen oder auch Hochsicherheitsspielen Polizei- und Sicherheitskräfte vor den Stadien und an den Bahnhöfen positioniert.

Grund dafür ist der hohe Anteil gewaltbereiter Fans von bestimmten Vereinen, die sich bereits während der Anreise bekriegen. Und natürlich auch später noch im Stadion. Wenn man mit Fußball nicht viel anfangen kann, regt man sich daher gern über die vermehrten Kosten für die Polizeieinsätze auf.

Doch könnte man sich ebenso gut fragen, was diese Menschen überhaupt zu ihrem gewalttätigen Verhalten veranlasst. Immerhin geht es nur um Fußball. Wie kann es trotzdem zu so viel Aggressionen zwischen den einzelnen Gruppen kommen? Der Frage nach der Entstehung von Gruppengewalt, den verschiedenen Formen und Erklärungsversuchen widmen wir uns in diesem Artikel.

Gewalt zwischen Gruppen: Definition und Erklärungsansätze

Gewalt kann sowohl ein Ausdruck von Ärger oder Feindseligkeit sein als auch instrumentell eingesetzt werden.
Feindselige Gewalt zeichnet sich dadurch aus, dass die Gegner sich eher aus emotionalen Beweggründen heraus Schaden zufügen wollen.

Hier spielen die Konstrukte der Eigengruppe und der Fremdgruppe eine wichtige Rolle. Denn wir neigen dazu, Mitglieder unserer eigenen Gruppe zu bevorzugen. Experimente zu Hilfsbereitschaft konnten das veranschaulichen. Auch hier gibt es Studien, in denen es sich bei den Versuchspersonen um Fußballfans handelte.

Vor dem eigentlichen Experiment wurde unter anderem erfragt, welche Mannschaft sie favorisieren würden. In einer anderen Bedingung wurden sie lediglich gefragt, ob sie Fußballfans wären. Hier wurde den Probanden jeweils eine bestimmte Identität bewusst gemacht: Entweder Fan eines bestimmten Vereins zu sein oder sich für Fußball im Allgemeinen zu begeistern. Anschließend wurden sie Zeuge eines inszenierten Unfalls. Sie sahen eine Person stürzen, welche sich dabei scheinbar verletzte. Diese Person war ein Vertrauter des Versuchsleiters und gehörte daher zum Experiment.

Je nach Bedingung trug diese Person entweder ein Trikot der Mannschaft A, eines der Mannschaft B oder ein neutrales Shirt. Fans der Mannschaft A halfen in den meisten Fällen der Person im Trikot „ihrer“ Mannschaft, dem vermeintlichen Fan der anderen Mannschaft allerdings bedeutend seltener.

Auch wurde der Person mit geringerer Wahrscheinlichkeit geholfen, wenn sie ein neutrales Shirt trug. Das Gleiche galt umgekehrt für das Hilfeverhalten der Probanden, die Fans der Mannschaft B waren. War den Versuchspersonen zuvor allerdings nur ihre Identität als allgemeiner Fußballfan bewusst gemacht worden, halfen sie der Person im Trikot der Mannschaft A oder B mit einer gleich hohen Wahrscheinlichkeit. Der Person ohne Mannschaftstrikot kam am wenigsten Hilfe zu.

Das zeigt, dass unsere Vorstellungen von Gruppenzugehörigkeit relativ flexibel sind. Hinzu kommt allerdings auch, dass diese Zuordnung zu Rivalität zwischen der Eigen- und der Fremdgruppe und damit auch zu gewalttätigen Konfrontationen führt. Das gilt natürlich nicht nur für Fußballfans, sondern für alle Gruppen.

Ansätze zur Erklärung von Gruppengewalt

Welche Gründe können für die aggressive Verhaltensweisen zwischen Gruppen ausgemacht werden?
Im obigen Beispiel haben wir bereits eine Situation angesprochen, in der Gewalt zwischen Gruppen ein häufiges Problem darstellt. Doch wie kommt es überhaupt dazu, dass Rivalitäten zwischen Fan-Gruppen derart eskalieren?

Gewalt zwischen Gruppen wird auch als Intergruppengewalt bezeichnet. Im Prinzip liegt der einzige Unterschied zwischen ihr und interpersoneller Gewalt darin, dass es bei ihr zu gewalttätigen Aggressionen zwischen Gruppen statt zwischen einzelnen Personen kommt. Auseinandersetzungen zwischen Gruppen können aufflammen, weil sie unterschiedliche Ziele verfolgen. Die Theorie des realistischen Gruppenkonflikts sieht genau in dieser Unvereinbarkeit der Ziele die Basis für Intergruppengewalt. Doch es bestehen noch weitere Theorien, welche das Phänomen Gruppengewalt zu erklären versuchen. Hierzu sehen wir uns zwei Ansätze genauer an.

Theorie der Deindividuierung als Ansatz für Gruppengewalt

Dieser Ansatz geht davon aus, dass die Gruppenhandlung zu einer kurzfristigen Veränderung in einer Person führt.
Denn die Person zeigt aufgrund dessen ein Verhalten, dass sie als Individuum und ohne den Einfluss der Gruppe nicht zeigen würde. Daher die Bezeichnung der Deindividuierung: Wir geben uns als Individuum auf und passen uns der Gruppe an.

Das bedeutet allerdings nicht, dass wir uns in Gruppen automatisch aggressiver verhalten. Vielmehr ist es die Norm innerhalb der Gruppe, die auf unser Verhalten wirkt. Herrscht eine aggressive Gruppennorm vor, passt das Individuum sein Verhalten eben dieser an. Wir alle haben eine ungefähre Vorstellung und Stereotype darüber, welche Norm in bestimmten Gruppen an der Tagesordnung ist.

So kann bereits die gruppentypische Kleidung diese Stereotype aktivieren und unser Verhalten verändern. Studien zeigten, dass Personen sich beim Tragen einer Ku-Klux-Klan Uniform im Rahmen eines Experiments aggressiver verhielten. Diese Gruppe wird berechtigterweise mit einem aggressiven und gewalttätigen Verhalten assoziiert.

Trugen Probanden allerdings eine Krankenschwestern-Uniform, zeigten sie ein prosoziales Verhalten. Sie verhielten sich nicht aggressiv, sondern hilfsbereit. Wenn Kleidung allein bereits Assoziationen in uns weckt und wir unser Denken und Handeln daran anpassen, dann wundert man sich über die Ergebnisse des obigen Experiments mit den Mannschaftstrikots vermutlich weniger.

Doch warum verlieren wir in Gruppen einen Teil unserer individuellen Identität? Dahinter werden zwei Aspekte vermutet. So kommt es bei der Mitgliedschaft in einer Gruppe zu einer Aufmerksamkeitsverschiebung. Der Fokus unserer Aufmerksamkeit liegt nicht mehr auf uns selbst, sondern auf dem Gruppenkontext.

Normalerweise hat jeder von uns persönliche Werte und Normen, welche unser Verhalten regulieren. Innerhalb einer großen Gruppe werden diese allerdings sozusagen „aufgeweicht“. Unser Verhalten folgt nicht mehr unseren eigenen Überzeugungen, sondern richtet sich nur noch nach situationalen Hinweisreizen. Was passiert gerade und wie reagiert die Gruppe darauf? Die Antwort auf diese Frage verleitet uns dann zu Verhaltensweisen, die wir als Einzelperson eventuell nicht ausführen würden.

Des Weiteren gibt es verschiedene Bedingungen, welche die Deindividuierung vorantreiben. Der Grad an Anonymität in der Gruppe ist ebenso entscheidend wie die Anzahl der Gruppenmitglieder und das Phänomen der Verantwortungsdiffusion. Je anonymer wir in einer großen Gruppe agieren können, desto weniger spielen unsere eigenen Normen eine Rolle.

Bei der Verantwortungsdiffusion handelt es sich um eine Aufteilung der Verantwortung für eine Tat auf mehrere Personen. Bei einer großen Anzahl von Gruppenmitgliedern wird die wahrgenommene Verantwortung daher über sehr viele Personen verstreut. Man selbst übernimmt also kaum welche. Diese drei Punkte begünstigen weitere Verhaltensweisen, die Aggressionen und Gewalt fördern können: Irrationalität, Impulsivität und ein Rückfall in ein primitives Sozialverhalten sind die Folge.

Das Stanford Prison Experiment als Beispiel für Gruppengewalt

Das berühmte Stanford Prison Experiment aus den 1970ern zeigte, wie schnell diese gruppenbezogenen Faktoren zu einem gewalttätigen Verhalten führen können.

Beim Eintreten in die Gruppe der Wärter gaben die Probanden ihre Identität auf und nahmen eine Gruppenidentität an. Daraus entstand eine aggressive Neigung gegenüber der Fremdgruppe, welche hier aus der Gruppe der Gefangenen bestand.

Der Psychologe Philip Zimbardo führte das Experiment in seinem Labor an der Standford-Universität durch. Das Labor wurde zu einem Gefängnis umgebaut, in dem sich die „Wärter“ und die „Gefangenen“ aufhielten. Beide Gruppen bestanden aus verhaltensunauffälligen und psychisch gesunden jungen Männern, welche zufällig einer der beiden Gruppen zugeteilt wurden.

Bereits nach kurzer Zeit zeigten die Wärter ein zunehmend grausameres Verhalten gegenüber den Häftlingen. Da einige der Häftlinge innerhalb weniger Tage Anzeichen von Traumatisierung aufwiesen, wurde das Experiment frühzeitig abgebrochen.

Nach heutigen Maßstäben wäre so ein Experiment nicht mehr denkbar. Untersuchungen müssen mittlerweile von Ethikkommissionen geprüft und bewilligt werden. Und da es im Stanford Prison Experiment zu schwerwiegenden Folgen für die mentale Gesundheit der Probanden kam, würde es heute nicht mehr bewilligt werden.

Theorie der sozialen Identität zur Erklärung von Gruppengewalt in Fußballstadien

Diese Theorie nimmt an, dass die Gewalt zwischen Gruppen aus dem Bedürfnis nach einer positiven sozialen Identität erwachsen.

Diese kann durch die Gruppenzugehörigkeit definiert werden und wirkt sich gleichzeitig auch auf unseren Selbstwert aus. Menschen neigen dazu, sich selbst gern in einem positiven Licht zu sehen. Und da wir sowohl unseren Selbstwert als auch unsere soziale Identität an unserer Eigengruppe festmachen, gilt das auch für diese. Dazu ist auch eine starke Identifizierung mit dieser Gruppe nötig.

Die Mitglieder der Eigengruppe werden positiv bewertet und freundlich behandelt. Selbst dann, wenn wir nicht wirklich viel mit ihnen zu tun haben. Allein die Gruppenzugehörigkeit reicht für diese Bevorzugung aus. Wir empfinden eine große emotionale Nähe zur Eigengruppe und distanzieren uns von Fremdgruppen.

Die Aufwertung der Eigengruppe führt auf der anderen Seite zur Abwertung der Fremdgruppe, was wiederum in Konflikten gipfeln kann. Denn diese Abwertung geht mit einer größeren Feindseligkeit und einer geringeren Hemmschwelle für aggressives Verhalten gegenüber der Fremdgruppenmitglieder einher.

Das führt sogar soweit, dass gegenüber der Fremdgruppe stellvertretende Rache geübt wird. Bei einer sehr starken Identifikation mit der eigenen Gruppe reicht bereits die Information darüber aus, dass ein Fremdgruppenmitglied eine gewaltsame Auseinandersetzung mit jemandem aus den eigenen Reihen hatte. Dabei muss dieser Vorfall weder persönlich beobachtet worden sein noch muss sich die damit verbundene Wut auf den konkret an der Tat betroffenen richten. So kann es dazu kommen, dass man sich stellvertretend bei der nächstbesten Gelegenheit an irgendjemandem aus der anderen Gruppe rächt.

Es kommt allerdings nicht nur zu Gewalt zwischen Gruppen, zwischen denen eine emotional aufgeheizte Stimmung herrscht. Um bestimmte Ziele durchzusetzen, können Gruppen Gewalt auch instrumentell einsetzen. Was genau dahinter steckt, erläutern wir im nächsten Absatz.

Gewalt durch Gruppen: Wie kommt es zu kollektiver Gewalt?

Was ist kollektive Gewalt?
Bei dieser Art der Gewalt handelt es sich um den instrumentellen Einsatz gewalttätiger Handlungen durch Personen, die sich mit einer bestimmten Gruppe identifizieren. Diese Gruppen nutzen Gewalt, um verschiedene Ziele durchzusetzen. Diese können sich auf politische, wirtschaftliche oder soziale Interessen beziehen.

Welche Formen der kollektiven Gewalt werden unterschieden?

Die Formen kollektiver Gewalt beziehen sich auf verschiedene Bereiche.
Zum einen gibt es politische Konflikte. Diese können sich innerhalb eines Staates zutragen und sich in Form von Terroranschlägen äußern.

Aber auch zwischen Staaten kommt es zu gewaltvollen Auseinandersetzungen, wobei es sich dann um Kriege handelt. Zum anderen kann eine staatliche Form der Gewalt auch gegen die Bevölkerung und nicht auf andere Staaten gerichtet sein. Folter oder Völkermord sind nur zwei traurige Beispiele dafür.

Des Weiteren existiert noch eine dritte Form der kollektiven Gewalt. Dabei handelt es sich um organisierte Gruppenkriminalität, welche etwa durch Gangs ausgeübt wird.

3 Gruppen von Risikofaktoren, die die Entstehung von Gewalt begünstigen

Nach einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation – dem World report on violence and health – gibt es gleich mehrere Risikofaktoren.

Zum einen sind da politische Aspekte. Das Fehlen einer demokratischen Struktur sowie ein ungleicher Zugang zu Politik und Ressourcen können zu Gewaltausbrüchen in der Gesellschaft führen. Ebenso stellen die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen sozialen Schichten oder Religionen eine Gefährdung dar. Dazu zählt auch die ethnische Herkunft.

Daneben bestehen gesellschaftliche Faktoren, wie ein ungleicher Zugang zu Gütern und Dienstleistungen, die Begünstigung eines ethnischen, nationalen oder religiösen Faschismus und auch ein sehr leichter Zugriff auf Waffen führt zu einem Anstieg der Gewalt.

Demografische Umstände können ebenfalls zu einem gewalttätigen Klima beitragen. Ein schneller demografischer Wandel kann zu Unruhen führen. Das trifft besonders auf eine Zunahme der Bevölkerungsdichte zu sowie auf einen hohen Kinder- und Jugendanteil in der Gesellschaft.

All diese Faktoren sind zwar auf der gesellschaftlichen Ebene angesiedelt. Doch da wir alle ein Teil der Gesellschaft sind, betreffen uns diese Risikofaktoren natürlich auch individuell.

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Über den Autor:

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LG Mathias Mücke


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