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Die Heldenreise laut C. G. Jung: Der Archetyp des Helden, um das Unbewusste zu erobern


Die Heldenreise oder auch die Heldenfahrt genannt, ist ein zentrales Motiv, welches weltweit verbreitet ist. Der Held und dessen Erwachen kommt in uralten Mythen, in Märchen, in modernen Filmen und der klassischen Literatur vor. Für den Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung war das Heldenmotiv ein grundlegender Gedankengang für das Theoriengebäude seiner analytischen Psychologie.

Der Held nach C. G. Jung

Nach Jungs Auffassung folgt der Heldentypus gewissen Merkmalen und Eigenschaften. Laut Jung ist der Held meist von außergewöhnlicher Geburt, was sich in verschiedenen Sagen und Mythen wiederfindet. Irgendwann zieht er aus, durchlebt gewisse Gefahren, meistert Probleme und findet letztlich seine zentrale Auseinandersetzung. Diese findet oft in einem symbolischen Kampf zwischen Gut und Böse statt, wobei der Held ein besonders mächtiges Ungeheuer tötet.

Nach dieser Schicksalsprüfung ist der Held gereift, kann sich als Held bezeichnen und erlangt eine Kostbarkeit, wie einen Schatz, einen geliebten Menschen oder einen Titel.

Die Heldenreise ist zentrales Thema in sämtlichen Fantasy-Erzählungen, aber auch in modernen Romanzen. Denn im Liebesfilm muss der Held seine wahre Liebe erkennen, seine gemachten Fehler korrigieren und somit sein innerliches Ungeheuer überwinden. Der Mensch gewinnt Erkenntnis über sich selbst, sein Handeln und seine wahren Absichten.

Die Überwindung von Problemen, Widerständen oder Ungeheuern stellt für Carl Gustav Jung eine Befreiung dar. Der Mensch befreit sich von seinem Unbewussten und erlangt somit ein größeren Bewusstseinsschatz.

Symbolisch steht das Unbewusste bei Jung auch für die verschlingende und einnehmende Mutter, von der sich ein Mensch lösen, abnabeln und abspalten muss – um zu reifen. Denn die tiefenpsychologische Grundidee lautet, dass die Konflikte der Kindheit, den Erwachsenen prägen.

Somit bearbeitet eine erwachsene Person, die Kindheitsprobleme nur symbolhaft. Diese Symbole können das Ungeheuer sein, aber auch zu wenig Anerkennung im Job oder in der Familie. Genau die gleichen Anerkennungskonflikte verspürte das Individuum bereits in der Kindheit und findet nun zahlreiche Konflikt-Symbole in der Umwelt.

Zitat von Jung aus dem Jahr 1912:

„Sein (des Helden) Aufstieg bedeutet eine Erneuerung des Lichts und damit eine Wiedergeburt des Bewusstseins aus der Verfinsterung, d.h. der Regression des Unbewussten“.

Die Dunkelheit und das Licht sind demnach ebenfalls Symbole für das Unbewusste und das Bewusste. Indem der Held seine Probleme bewältigt bzw. seine angedachten Aufgaben erfüllt, legt er weitere Wesenszüge frei. Dadurch erlangt er eine größere Erkenntnis über sich selbst und die Finsternis erlischt zunehmend.

C.G. Jungs Grundidee zum Heldenmythos

Zentrale Aspekte des Heldenmythos sind:

  • die Heldenfigur, welche anfangs unvollkommen ist.
  • das Ungeheuer, welches als unüberwindbar scheint.
  • der Reifeprozess des Helden, wonach er neue Fähigkeiten und Eigenschaften entwickelt.
  • die Belohnung, welche der Held am Ende bekommt.

Der Held ist anfangs, zwar oftmals von außergewöhnlicher Geburt, besitzt aber einen gewissen Makel. Dieser Makel kann sich in seinen Wesenszügen ausdrücken oder aber auch der Verlust eines geliebten Menschen bzw. eines wertvollen Gegenstandes sein.

Aufgrund des Makels ergibt sich dann eine Reifeprüfung, welche der Held absolvieren muss. In alten Mythen ist es meistens der Kampf gegen ein Ungeheuer, welchen die Heldenreife erst veranlasst. In moderneren Erzählungen trifft der Held auf unangenehme Alltagsprobleme, wie einen schlechten Job, eine unerfüllte Liebesbeziehung oder andere Probleme.

Im Laufe der Geschichte zeichnet sich dann der Kampf gegen die Widerstände oder das Ungeheuer ab. Der Held ändert sich, da der Makel allmählich herausgeschält wird. So bekämpften die Helden in den alten Mythen und Märchen ihre Monster, Tyrannen oder eine böse Stiefmutter. Dabei ist es umso wichtiger, dass der Kampf nicht sofort gewonnen wird. Stattdessen müssen kleinere Niederlagen erlebt werden, um zu reifen. Das Durchleben der Niederlage setzt dann die Kräfte frei, welche der Held benötigt – um sein Schicksal zu wenden.

Im moderneren Stil erleben die Helden erst eine neue Erfahrung, welche sie oftmals ebenfalls vor Probleme stellt. So lernen die Figuren neue Personen kennen, welche ihnen eine Entscheidung abringen. Die modernen Helden zögern und fallen in ihren Makel zurück. Doch dann erkennen sie, dass es den Makel zu überwinden gilt, wodurch die nötige Kraft für die Entscheidung freigesetzt wird.

Am Ende wartet immer ein Schatz, eine Belohnung, die Hand der Königstochter oder heutzutage ein neuer vielversprechender Lebensabschnitt auf den Helden. Somit wurde der Makel überwunden, der Reifeprozess angetrieben und siegreich bestritten.

Falls es dann zu einer Fortsetzung, einer weiteren Serienstaffel oder einem zweiten Teil kommen soll, müssen die Filmemacher einen Makel zurücklassen. Der Held am Ende des ersten Teils darf dann nicht vollkommen sein. Irgendein Grundkonflikt muss sich noch abzeichnen, welchen der Held noch bestehen muss.

Ansonsten bleibt nur der Rachekonflikt übrig. Denn bei vollkommenden Helden kann nur eine Demütigung von außen oder das gewaltsame Entreißen eines geliebten Menschen bzw. wichtigen Gegenstandes, den Makel erneut hervorrufen. Ansonsten funktionieren Fortsetzungen nicht, da bereits der ideale Held herausgeschält wurde.

Jungs Archetyp des Helden in der analytischen Psychologie

Jung studierte die alten Mythologien, die Märchen und Erzählungen und fand dort den Heldenepos in sämtlichen Ausführungen. Und da der Heldenmythos in allen Religionen, Kulturen und Epochen vorhanden ist, glaubte Jung, dass dieser im kollektiven Unbewussten verankert ist.

Laut Jung wird ein Säugling bereits mit diesem kollektiven Unbewussten geboren. Es hat somit Zugriff auf den Heldenmythos und seinen Symbolcharakter. Somit entsteht in diesem Kleinkind irgendwann das Verlangen nach geistiger Wiedergeburt und Reife. Dies äußert sich dann so, dass dem Menschen irgendwann klar wird, welche Probleme er hat. Diese treten als Symbol auf, da die Probleme noch unbewusst sind.

Das Symbol kann dabei ein mieser Job, eine unerfüllte Liebesbeziehung oder einfach ein nicht funktionierendes Leben sein. Durch das Überwinden der Probleme, wird dem Betroffenen allmählich bewusster, was das eigentliche Problem ist.

Jungs Interpretation des Heldenmythos ist, dass sich das Ich-Bewusstsein aus dem Urgrund des Unbewussten herausbildet. Demnach ist das „Ich“ ein Abkömmling aus dem Unbewussten und gewinnt an Größe, sobald sich weitere Bewusstseinsinseln ergeben. Diese Inseln muss „das Ich-Bewusstsein“, unter enormer Anstrengung, aus dem Unbewussten erobern. Dann gilt es diese zu verteidigen, da das Unbewusste ein viel größeres Potential besitzt, als das Bewusstsein.

Laut Jung versucht „das Meer des Unbewussten“, die besetzten Bewusstseinsinseln immer wieder zu überfluten bzw. einzunehmen. Das „Ich“ muss deshalb eine klare Abgrenzung vornehmen und aufrechthalten. Dieser Bewusstseinskampf findet – laut Jung – in jedem Menschen statt, wodurch er seine Grundidee des kollektiven Unbewussten aufbaute. Jungs Erfahrung nach, kann das „Ich“ durch das Unbewusste wieder verschlungen werden, was seine empirischen Daten aus der Burghölzli-Periode beweisen.

In der analytischen Psychotherapie stellt Jung den Individuationsprozess heraus. Bei diesem Prozess sollen sich die Patienten selbst verwirklichen lernen, indem sie Erkenntnisse über sich gewinnen. Sobald diese Teilerkenntnis vorhanden ist, wurde eine neue Bewusstseinsinsel erobert. Das Bewusstsein wird somit flächendeckender und die Persönlichkeit des Patienten gewinnt an Größe. Gleichzeitig wird psychische Energie aus einem unbewussten Problem bzw. Feld gewonnen, wodurch der Mensch diese in neue Fähigkeiten investieren kann.

Die Heldenreise in der Psychotherapie besteht somit darin, Erkenntnisse über sich zu gewinnen. Dann die gewonnenen Energien aus dem Unbewussten abzuleiten. Dieser Energiegewinn steht dann sämtlichen Feldern des täglichen Lebens zur Verfügung und kann dort investiert werden. Dadurch kann der Held neue Fähigkeiten aufbauen und seine Bewusstseinsinseln schützen. Je mehr unbewusste Problemfelder erkannt werden, je mehr Energie fließt ins Bewusstsein zurück – wodurch die Heldenreife erlangt wird.

Aus heutiger Psychotherapiesicht ist jedes auftauchende Problem, als Geschenk zu werten. Denn die analytische Psychologie versteht sich als Einsichtstherapie. Somit wird das Problem, welches symbolhaft auf einen ungelösten Komplex hindeutet, zum Energiespeicher. Die Bearbeitung des Problems und die gewonnene Einsicht (Bewusstseinsinsel) setzt dann die nötige Energie frei, um zu reifen.

Die Heldenreise bzw. das Heldwerden kann, ohne diese unbewussten Probleme, niemals stattfinden. Oder anders gesagt… Ohne Probleme kann es keine Heldenreise und somit keine Bewusstseinserweiterung bzw. mentales Größenwachstum geben.


Quellenangabe


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