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Das Individuelle Unbewusste nach Jung


Sigmund Freud ging davon aus, dass im Unbewussten vornehmlich die verdrängten sexuellen Triebe und Wünsche der Menschen schlummern. Carl Gustav Jung hingegen ging anders an die menschliche Psyche heran.

Er vermutete im Unbewussten nicht nur sexuelle Triebe, sondern teilte ihm andere Funktionen zu als Freud. Das Unbewusste war seiner Meinung nach nicht nur von verbotenen Wünschen der Libido besiedelt, sondern beinhaltete auch andere gedankliche Inhalte.

Dazu zählten generelle Informationen, welche der Mensch im Alltag als unwichtig abtut. Diese landen dann im Unbewussten und können sich in Träumen äußern. Zusätzlich schrieb Jung dem Unbewussten einen individuellen und einen kollektiven Teil zu.

Dem individuellen Unbewussten schrieb Jung auch verschiedene Archetypen sowie die „Kontrahenten“ Persona und Schatten zu. Während sich im Schatten „unerwünschte“ Persönlichkeitsanteile befinden, bildet die Persona eine Maske. Diese Maske ist sozusagen die Persönlichkeit, die wir unserer Umwelt präsentieren. Und die im Schatten befindlichen Persönlichkeitsanteile bleiben sozusagen im Verborgenen.

Das Unbewusste ist in der Jungs´schen Psychologie nicht nur ein Ort des Verdrängens

Anders als Freud zählt Jung nicht nur sexuelle Triebe als Inhalt des Unbewussten.
Zusätzlich vermutet Jung verdrängte, peinliche Erlebnisse und bestimmte Fakten. Letztere werden allerdings nicht bewusst vom Individuum erinnert. Es geht in Jungs Definition daher nicht ausschließlich um verdrängte Inhalte, sondern auch um Themen, die jemand schlichtweg vergessen hat.

Im Bewusstsein landet nur sehr wenig von dem, was wir tagtäglich an Reizen aufnehmen. Als unwichtig erachtete Informationen werden direkt ausgefiltert, landen unter Umständen jedoch im individuellen Unbewusstsein einer Person. Hier ist weniger die Verdrängung peinlicher Inhalte im Spiel, sondern eher ein funktionierendes Ich-Bewusstsein.

Laut Jung können die unbewussten Informations-Schnipsel zu einem späteren Zeitpunkt in unseren Träumen wieder zu Tage treten. Jung sieht in der sogenannten Verdrängung von Gedächtnisinhalten oder Erlebnissen nicht zwingend eine Abwehrreaktion.

Statt sexuelle Triebe ins Unbewusste zu verbannen, geht Jung davon aus, dass verdrängte Informationen das Resultat eines funktionierenden Ich-Bewusstseins sind. Dieses Ich-Bewusstsein ist eine Voraussetzung dafür, dass eine angemessene Verarbeitung der Realität stattfinden kann.

Unbewusste Komplexe in der Jungs´schen Psychologie

Zudem verortete Jung im Unbewussten auch eine Ansammlung von Komplexen.
Während Komplexe bei Freund vornehmlich sexuell konnotiert sind, ging Jung auch noch von anderen Gründen aus.

Jung nannte eine Reihe von Urkomplexen, welche auf Gefühlen von beispielsweise Schuld, Angst oder auch Rivalität beruhten. Allgemein definierte Jung Komplexe als eine Art „Energiekerne“ im Unbewussten. Diese seien emotional beladen und entstünden aus sich wiederholenden und schmerzhaften Konfrontationen, welche ein Individuum bei der Interaktion mit seiner Umwelt erlebt.

Daher handelt es sich bei Komplexen auch um Generalisierungen von immer gleichen Thematiken, welche die Psyche anfällig für Störungen werden lassen. Denn hat sich ein Komplex erst einmal herausgebildet, wird er bei jeder emotional belastenden Erfahrung neu aktiviert.

Die daraus folgende Reaktion wird dann meist von Außenstehenden nicht verstanden und als Überreaktion interpretiert. Komplexe sind nach Jung allerdings nicht nur Ergebnisse der individuellen Lebensgeschichte, sondern vereinen zusätzlich einen archetypischen Kern in sich. Dieser basiert auf den gemeinsamen kulturellen Erfahrungen, auf welche die Menschen zurückblicken.

Mit einem Archetypen meinte Jung kulturell verankerte Symbolbilder, denen bestimmte Bedeutungen zugeschrieben werden. Das können beispielsweise kulturelle Vorstellungen über die Vaterrolle oder ein bestimmtes Frauenbild sein. Hinter dieser archetypische Grundlage vermutet Jung die Wurzeln des kollektiven Unbewussten.

Verzerrte Realität bei gestörtem Ich-Bewusstsein

Diese Annahmen basieren auf Jungs Arbeit mit schizophrenen Patienten.
Bei diesen vermutete er ein gestörtes Ich-Bewusstsein, welches er für die verzerrte Wahrnehmung in Form von Halluzinationen und Wahnvorstellungen verantwortlich machte. Ohne ein funktionierendes Ich-Bewusstsein käme es zum Verschwimmen von Realitätsgrenzen.

In seiner Arbeit mit Schizophrenen erlangte Jung einen tieferen Einblick in die menschliche Psyche und insbesondere ins Unbewusste. In den Wahnvorstellungen erkannte er wiederkehrende Muster, welche nicht allein auf individuelle Erfahrungen zurückzuführen waren. Daher schlussfolgerte er, dass es neben dem individuellen Unbewussten auch ein kollektives Unbewusstsein geben musste.

Persona und Schatten als Gegenspieler im individuellen Unbewussten

In der Psychotherapie sollte es nach Jung darum gehen, die Persona zu erkennen und zu hinterfragten.
Das gilt vor allem für die Bedingungen, welche zu ihrer Entstehung geführt haben und auch in Bezug auf ihre Eigenschaften.

Im Prinzip sieht Jung Persona und Schatten als zwei Gegner an, welche sich beide im individuellen Unbewusstsein befinden. Allerdings betreffen die Darstellung und die Aufrechterhaltung der Persona nicht nur das individuelle Unbewusste, sondern Jung bezieht ebenfalls das kollektive Unbewusstsein ein. So sollten ebenso familiäre als auch kulturelle Aspekte bedacht werden, da die Persona vor dem Hintergrund kollektiver Werte und Normen geprägt wird.

Daher beschreibt Jung die Persona auch als eine Form von Maske, hinter der sich die „wahre“ Persönlichkeit versteckt. Diese Maske entspricht vor allem den gesellschaftlichen Ansichten, während der Schatten verdrängte und wenig angesehene Persönlichkeitsanteile in sich vereint.

Da der Mensch allerdings je nach Lebenslage andere Rollen einnimmt, bildet er auch verschiedene Masken aus. So tragen wir nach den Vorstellungen von Jung verschiedene Masken bzw. Persona, wenn wir uns zum Beispiel gerade im Büro, in Gegenwart unseres Partners oder unter Freunden befinden.

Diese Masken werden demnach beliebig zwischen den sozialen Situationen gewechselt und können auch voneinander unabhängig sein.

Wie kommt eine Persona zustande?

Eine Persona entsteht durch den Einfluss verschiedener Rollenansprüche und einem gewissen Konformitätsdruck.

Allerdings muss eine Persona nicht immer vom sozialen Umfeld als positiv empfunden werden. Negative Rollenzuschreibungen führen ebenfalls zur Ausbildung einer bestimmten Persona. So kann jemand zum „schwarzen Schaf“ der Familie werden, auch wenn das nicht gerade eine angesehene Rolle ist. Dennoch kann die auch eine negative Persona eine wichtige Rolle im Familiengefüge spielen.

Eigenschaften, die nicht zur Persona passen, werden in den Schatten verdrängt. Als Funktion der Persona sieht Jung die Anpassung der eigenen Rolle an die sozialen Erwartungen anderer. Auch hierfür ist wieder ein funktionierendes Ich-Bewusstsein nötig.

Erfüllt eine Persona ihren Zweck, werden wir von unseren Mitmenschen angenommen. Das wiederum führt zu einem positiven Selbstbild und der Aufrechterhaltung eines Ich-Ideals. Gleichzeitig muss eine Persona allerdings auch eine gewisse Flexibilität aufweisen, da sich Rollenvorstellungen im Laufe der Zeit ändern können.

Im Schatten kann sich Potenzial verstecken

Der Schatten wird von Jung als Ergebnis von Verdrängungsarbeit verstanden.
Um eine optimale Persona aufrechterhalten zu können, müssen die Anteile einer Person verdrängt werden, die nicht zur Persona passen. So gesehen ist der Schatten ein Ort hinter der Maske, an dem alles landet, was in irgendeiner Form als falsch, schlecht oder unerwünscht gilt.

Die sprachliche Assoziation zwischen Schatten und Dunkelheit sollte allerdings nicht mit dem „Bösen“ gleichgesetzt werden. Vielmehr geht es darum, dass im Schatten liegenden Anteile der Persönlichkeit nicht „beleuchtet“ werden. Sie sind daher nicht sichtbar – im Gegensatz zur Persona beziehungsweise Maske. Was letztendlich im individuellen Schatten landet, wird von der jeweiligen Umwelt bestimmt.

Nehmen wir Folgendes an: Ein Kind hat ein künstlerisches Talent, wächst jedoch in einer sehr strengen und disziplinierten Familie auf, die nichts für Kunst übrighat. Eine Vorliebe für Kunst ist per se nichts Schlechtes, dennoch verdrängt das Kind diesen Anteil seines Selbst.

Schließlich möchte es den Erwartungen der Eltern gerecht werden und diese sehen nun mal vor, dass das Kind später einmal etwas „Handfestes“ macht. Statt seiner künstlerischen Ader nachzugehen, schlägt das Kind später (dem Wunsch der Eltern entsprechend) eine Karriere ein, mit welcher es selbst nicht wirklich zufrieden ist.

Statt eines Kunststudiums wählt es dann beispielsweise Jura, um den Eltern einen Gefallen zu tun. Das künstlerische Talent ist dennoch nicht verloren und bleibt weiterhin im Schatten erhalten. Falls diese Person dann allerdings im Laufe seines Lebens immer unglücklicher mit seiner Berufswahl wird, könnte ihm ein Blick auf seinen Schatten (in Form von Selbstreflexion) dabei helfen, seine unbewussten Talente und Wünsche wieder zu entdecken.

Neue Ansätze des Unbewussten – jedoch wenig Nachhaltigkeit in der analytischen Psychologie

Was ist die heutige Sichtweise auf die Annahmen Jungs zum individuellen Unbewussten?
Jung ging von einer Vielzahl von Archetypen aus, allerdings waren für die Persönlichkeitspsychologie besonders das Selbst, Persona und Schatten von Bedeutung.

Dennoch hatten Jungs Annahmen relativ wenig Einfluss auf die wissenschaftliche Persönlichkeitspsychologie. Zwar wurde der Myers-Briggs-Typenindikator (kurz MBTI) auf den Grundlagen von Jungs Annahmen entwickelt und ist in kommerziellen Bereichen auch häufig anzufinden.

Allerdings wird dieser Test nicht in der wissenschaftlichen psychologischen Forschung genutzt. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen sind die Erkenntnisse Jungs mittlerweile nicht mehr haltbar, daher ist der MBTI auch nicht als seriöses Instrument zur Messung von Persönlichkeitseigenschaften geeignet. Zum anderen genügt dieser Test nicht den psychometrischen Gütekriterien, welche in der psychologischen Forschung und der Diagnostik vorgegeben sind.

Zusammenfassung

  • Jung vermutete im Unbewussten nicht nur unterdrückte sexuelle Triebe. Das unterschied seine Annahmen von denen Sigmund Freuds.
  • Seine Erkenntnisse und Annahmen über das Unbewusste erlangte Jung in der Zusammenarbeit mit schizophrenen Patienten.
  • Bei diesen vermutete er ein gestörtes Ich-Bewusstsein. Diese Form des Bewusstseins ist zur korrekten Verarbeitung der Realität nötig.
  • Neben dem Ich-Bewusstsein gibt es das Unbewusstsein. Dieses unterscheidet Jung in ein individuelles und ein kollektives.
  • Im individuellen Unbewusstsein befinden sich verschiedene Archetypen sowie Persona und Schatten.
  • Unter Persona verstand Jung eine Art Maske. Diese Maske ist der Teil unserer Persönlichkeit, die wir in verschiedenen Rollen zeigen. Daher verfügen wir auch über mehr als eine Persona. Diese sind den Anforderungen der jeweiligen Rollen angepasst.
  • In den Schatten werden nicht nur sexuelle Triebe verdrängt. Hierin landet alles, was in irgendeiner Weise als schlecht angesehen wird. Was genau das ist, wird von den gesellschaftlichen Normen und dem familiären Wertesystem geprägt.
  • Da sich im Schatten daher auch verdrängte Talente wiederfinden, kann der Schatten Möglichkeiten zur persönlichen Weiterentwicklung bergen.
  • Generell war Jung der Annahme, dass im Unbewussten nicht nur verdrängte Inhalte vorliegen. Es sammeln sich seiner Ansicht nach auch alltägliche Informationen darin an, die der Mensch schlicht und einfach vergessen hat. Anders ausgedrückt landet alles Verdrängte im Unbewussten, doch nicht alle unbewussten Inhalte sind mit Verdrängtem gleichzusetzen.
  • In der heutigen Forschung spielen die Annahmen Jungs zum Unbewussten kaum mehr eine Rolle. Seine Theorien gelten mittlerweile nicht mehr als haltbar.
  • Zwar wird im kommerziellen Bereich häufig der MBTI eingesetzt. Doch diese Form von Persönlichkeitstest wird aufgrund seiner fehlenden wissenschaftstheoretischen Grundlage nicht in der psychologischen Persönlichkeitsforschung angewendet. Zudem erfüllt er auch nicht die in Forschung und Diagnostik verlangten Gütekriterien.

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