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Geschwisterkonstellation laut Individualpsychologie: Bedeutung und Einfluss


Die Geschwisterkonstellation ist – laut Individualpsychologie – ein wesentlicher Faktor für die Entstehung von Minderwertigkeitsgefühlen und -komplexen. Laut Adler, dem Begründer der individualpsychologischen Schule, ist das Minderwertigkeitsgefühl bei jedem Menschen vorhanden und bietet die Chance für Wachstum und Entwicklung.

Jedoch kann die eigene Rolle in der Herkunftsfamilie bereits dazu beitragen, dass aus einem nützlichen Minderwertigkeitsgefühl ein überaus schädlicher Minderwertigkeitskomplex entsteht.

Minderwertigkeitsgefühle durch die Familienkonstellation

Laut Adler entsteht das Minderwertigkeitsgefühl bereits in der Kindheit, wird allerdings auch im Erwachsenenalter ausgelebt und zeigt sich im Verhalten des Betroffenen. Das Gefühl der Unzulänglichkeit ergibt sich, sobald das Kind sich mit anderen Menschen vergleicht und dann feststellt, dass seine eigenen Fähigkeiten im Vergleich zu anderen unterlegen sind.

Adler ging davon aus, dass die Minderwertigkeitsgefühle unser Leben in sämtlichen Bereichen bestimmen: bei der Berufswahl, im Erleben von Beziehungen, im Sucht- und Abstinenzverhalten, ob wir uns selbst mögen oder nicht.

Entscheidend ist, wie das Kleinkind seine Unterlegenheit erlebt und damit umzugehen lernt. Nun sind die Eltern, das soziale Umfeld und andere Bezugspersonen gefragt. Denn dem Kind kann auf zwei unterschiedliche Art und Weise beigebracht werden, was die erlebte Minderwertigkeit bedeuten kann.

Hier beide Denkansätze:

  1. Das kannst du nicht und du wirst es auch niemals können.
  2. Das kannst du nicht, wirst es aber irgendwann einmal können.

Im letzteren Fall entwickelt das Kind gewisse Strategien und Ziele, um seine Minderwertigkeit zu überwinden. Im Laufe der Kindheit lernt der Mensch Dinge wie: Fahrradfahren, lesen, sprechen, schwimmen und malen. Diese Fähigkeit entstehen aufgrund des gesunden Ehrgeizes, welcher seinen Ursprung in der erlebten Minderwertigkeit hat.

Wird ein Kind allerdings übermäßig verwöhnt, von den Eltern als etwas ganz Besonderes herausgestellt, kann es diese Minderwertigkeit nicht spüren und keinen Ehrgeiz entwickeln. Einem Kind, welchen niemals die eigenen Grenzen aufgezeigt werden, wird niemals den Drang verspüren, sich zu entwickeln. Stattdessen entwickelt es eine Angst vor der Selbstständigkeit, wird unentschlossen, zweifelnd und zurückhaltend.

Behüten ist somit gleichzusetzen mit Beherrschen, klein halten und unterwürfig machen. Gleichzeitig wird die Chance auf Entwicklung und Größe entzogen.

Aber auch der entgegengesetzte Fall ist problematisch. Sind die Eltern besonders streng zum Kind, kann dies dazu führen, dass das Kind sich gegenüber seinen Eltern besonders klein und unbedeutend fühlt. Diese Gefühle überträgt es dann auf andere Bezugspersonen in seinem Umfeld. Das ständige Unterlegenheitsgefühl führt dann dazu, dass sich aus dem Minderwertigkeitsgefühl ein Minderwertigkeitskomplex entwickelt, welcher durch Machtdemonstrationen, übermäßigen Geltungsdrang und Aggressionstendenzen ausgelebt wird.

Denn auch in der Strenge liegen die gleichen Absichten, wie im Behüten: klein halten, unterwürfig machen und beherrschen.

Die Rolle der Geschwisterreihe in der Individualpsychologie

Adler war der erste Forscher überhaupt, welcher betonte – wie wichtig die Herkunftsfamilie für die Entwicklung des Kindes ist. Im Zuge seiner Forschung stellte er Theorien auf, wonach die Geschwisterposition ebenfalls einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Menschen nimmt. Seine Forschung bezog sich hauptsächlich auf Mehrkinderfamilien mit drei Kindern und mehr.

Das erste Kind

Erstgeborene entwickeln eine Neigung zur Überlegenheit. Adler konnte diese Tendenz hauptsächlich bei Söhnen feststellen, welcher zu seiner Zeit (Beginn des 20. Jahrhunderts) einen höheren Status als Mädchen hatten. Zu Beginn ihres Lebens leben die Älteren mit ihren Eltern allein. Sie lernen gewisse Grenzen auszutesten und werden dadurch entsprechend zurechtgewiesen.

Durch den Mangel an Freiheit entwickelt sich ein Minderwertigkeitsgefühl und ein Drang, die elterlichen Grenzen zu überschreiten. Dies führt zu Ehrgeiz und zum Erkämpfen von Freiräumen.

Sobald das zweite Kind in der Familie Einzug erhält, werden die älteren Kinder zudem mit Rollen der Überlegenheit ausgestattet. Denn diese sind nun „die Großen“, „die Vernünftigen“ und müssen Vorbild für die kleineren Geschwister sein.

Durch die Erstgeborensituation ergeben sich verschiedene Konstellationen, je nachdem wie die älteren Geschwister sich selbst und ihre Rolle innerhalb der Familie wahrnehmen. Laut Adler ergeben sich sehr häufig konservative Denkmuster, welche auf einen Erhalt der aktuellen Situation drängen. Denn der Erstgeborene muss normalerweise kein Interesse haben, etwas zu ändern – solange er mit seiner Erstlingsrolle zufrieden ist.

Hat es den Anschein, dass die jüngeren Geschwister den Erstling überholen oder im Familienstatus übergehen, kommt es zum innerlichen Konflikt. Dann werden psychische Abwehrstrategien bzw. Kompensationsversuche unternommen, welche sich in deren Verhalten zeigen. Gleich mehr dazu.

Das zweite Kind

Das zweite Kind konkurriert immer mit dem ersten Kind um Aufmerksamkeit, Liebe und Zuneigung. Weiterhin wird dem Zweiten irgendwann klar, dass es niemals Erster sein kann. Die Freiräume hat bereits ein anderer erkämpft. Fahrradfahren, Schwimmen oder andere Fähigkeiten hat bereits das ältere Geschwisterkind erlangt. Das zweite Kind muss irgendwann einsehen, dass es nichts erreichen kann, was vor ihm nicht schon erreicht wurde.

Weiterhin gibt es Konflikte zum größeren Kind. Denn das Kleinere wird oftmals vom Größeren beherrscht. Entweder bestimmt der Größere über das gemeinsame Spielen, die gemeinsame Zeit oder kümmert sich um das Zweitgeborene. Aber auch ein Kümmern oder Behüten ist eine Form der Beherrschung. Denn der Behüter steht im Status immer über den Behüteten und bestimmt somit dessen Verhalten.

Das Zweitgeborene entfaltet sein Minderwertigkeitsgefühl im Vergleich zu den Erwachsenen, aber vor allem durch das Verhalten des Erstgeborenen. Es entstehen Statuskämpfe, welche sich dann im Verhalten zeigen.

  • Wer bestimmt die Regeln beim gemeinsamen Spielen?
  • Wer bestimmt, was gespielt wird?
  • Wessen Spielzeug ist das?

Erfolgen diese Statuskämpfe nicht, sind die Rollenverteilungen derart verhärtet, dass dies weitreichende Konsequenzen haben kann. Denn entweder ist das ältere Geschwisterkind im Status unter dem Jüngeren, was dazu führt – dass sich dessen Minderwertigkeitsgefühl auf ungesunde Weise verschärft. Dies kann auftreten, wenn dem älteren Kind immer die eigene Meinung abgesprochen und dies damit begründet wird, dass es das Vernünftigere sein muss und Rücksicht nehmen sollte. Die Jüngeren lernen dadurch, dass das ältere Kind nicht zurückhaut oder schnell nachgibt.

Der Klügere gibt nach ist ein Sprichwort, welches keineswegs die frühkindlichen Beziehungen beeinflussen sollte. Stattdessen muss das größere Kind seinen eigenen Status bewahren, wenn nötig sich wehren und seine Ziele durchsetzen.

Ein weiterer Grund, weshalb die Statuskämpfe ausbleiben, kann Abhängigkeit sein. Das jüngere Kind kann derart vom Wohlwollen des Älteren abhängig sein, dass es diese Kämpfe ebenfalls nicht antritt, da es die Konsequenzen nicht aushält. Zum gesunden Miteinander zwischen Geschwistern gehört demnach der Streit, welchen Eltern nicht zwingend unterbinden sollten.

Laut Adler führt das Minderwertigkeitsproblem des jüngeren Kindes, gegenüber des Erstgeborenen, zu einer Abgrenzung. Die kindliche Psyche will sich derart vom Geschwisterteil unterscheiden, dass ein gegensätzliches Verhalten entwickelt wird. Dadurch ergibt sich ein Alleinstellungsmerkmal des zweiten Kindes, welches für die Umwelt gemacht ist und welches die Eltern bemerken sollen. Dies ist dann der Grund dafür, warum Geschwister so unterschiedlich sind.

Diese Abgrenzung führt – laut Adlers Forschung – zu unterschiedlichen Rollen. Gilt das erstgeborene Kind als gehorsam, genügsam und vernünftig – entwickelt das zweite Kind oft eine rebellische und aufmüpfigere Art, um sich vom Erstgeboren abzugrenzen. Gilt das Erstgeborene als schwarzes Schaf der Familie wird das zweite Kind die Rolle des Vernünftigen einnehmen.

Das letzte Kind bzw. das Nesthäkchen

Das Nesthäkchen ist, laut Definition, das Kind, welches sich am elterlichen Nest festhakt und aus diesem nicht entkommt. Denn das letzte Kind versucht – meistens vergebens – irgendwo besser zu sein, als die Älteren. Oftmals bleibt es ein Leben lang in der Rolle des Kleinen, wird gut versorgt – bleibt aber unselbstständig.

Durch das Minderwertigkeitsgefühl ergeben sich dann oft keine Ehrgeizstrategien, sondern Versorgungsansprüche. Sind die beiden Älteren noch darauf bedacht, etwas zu erreichen – verlangt das Kleinste oftmals nur Hilfe, Unterstützung oder Anerkennung von außen.

Zusammenfassung:

  • Die Individualpsychologie geht davon aus, dass sämtliche Motive zur Entwicklung und Entfaltung auf ein Minderwertigkeitsgefühl zurückzuführen sind.
  • Dieses Gefühl der Unterlegenheit entsteht bereits in der Kindheit durch den Vergleich mit anderen Personen.
  • Gleichzeitig ist das Erleben der eigenen Unzulänglichkeit die Initialzündung für den Erwerb von Fähigkeit, die Herausbildung von Ehrgeiz und die Grundlage für Motivation.
  • Die Herkunftfamilie spielt beim Bewältigen der eigenen Minderwertigkeit eine besondere Rolle. Denn die Kinder lernen auf unterschiedliche Weise die eigene Fähigkeiten und das Nicht-Können einzuschätzen.
  • Die Geschwisterreihenfolge und die Familienkonstellation haben einen erheblichen Einfluss auf die Psyche, da Eltern ihre Kinder unterschiedlich wahrnehmen.
  • Die Kinder müssen sich deshalb abgrenzen und entwickeln unterschiedliche Geschwisterrollen.

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