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Wissenschaftliche Psychologie und Alltagspsychologie im Vergleich


Alltagspsychologie oder auch Laienpsychologie, Privatpsychologie bzw. Küchenpsychologie genannt, umfasst das – aufgrund von persönlichen Erfahrungen – gewonnene Wissen. Ganz gute Beispiele hierfür sind der gesunde Menschenverstand, Volksweisheiten oder Vorurteile.

Alltagspsychologie und die Abgrenzung zur wissenschaftlichen Psychologie

Hast du dich schon einmal gefragt, wofür Psychologen überhaupt gebraucht werden?
Vielleicht hast du schon einmal in einem Fachbuch Studienergebnisse gelesen, von denen du dachtest: „Dafür braucht man doch keine Studie. Solche Dinge lassen sich doch auch mit gesundem Menschenverstand herausfinden“ oder „Ist doch klar, dass solche Ergebnisse dabei herauskamen. Das hätte man sich doch denken können“.

Viele vermeintliche Fakten über Psychologie sind jedoch trügerisch und kritisch zu hinterfragen.
Denn so manche im Alltag aufgeschnappte Theorie, klingt vielleicht erstmal sinnvoll. Doch wissenschaftlich fundiert ist eben noch lange nicht alles. Warum du bei psychologischen Ratschlägen von Laien eher vorsichtig sein solltest, erfährst du im Folgenden.

Was ist Alltagspsychologie?

Alltagspsychologie wird manchmal auch Laien- oder Küchenpsychologie genannt.
Ein interessantes Phänomen der Psychologie ist, dass den vermeintlich psychologischen Aussagen von Laien oft ohne zu zögern Glauben geschenkt wird.

Hierzu ein Beispiel…
Dein Auto macht plötzlich seltsame Geräusche und du traust dich nicht mehr so recht damit auf die Straße. Was würdest du tun? Bringst du das Auto zu einer Werkstatt, in der ausgebildete Fachkräfte sich um den Wagen kümmern? Oder lässt du die Reparaturen von deinem Nachbarn vornehmen, der irgendwann mal gehört hat, wie ein Motor funktioniert? Der Nachbar in diesem Beispiel arbeitet übrigens in einer Bank und hat noch nie einen Blick unter eine Motorhaube geworfen. Würdest du ihn an deinen Wagen lassen und anschließend wieder unbekümmert damit durch die Gegend fahren? Vermutlich eher nicht.

Bei der Alltagspsychologie verhält es sich allerdings anders.
Viele vermeintlich psychologische Behauptungen klingen auf den ersten Blick plausibel und werden dann einfach als wahr hingenommen. Dabei findet meist keine Prüfung auf den Wahrheitsgehalt statt. Auch bleibt fast immer die Frage offen, auf welcher Datengrundlage diese Annahme basiert. Das Problem ist unsere Neigung Sachverhalte als korrekt wahrzunehmen, sofern sie sich gut in unser Weltbild einfügen. Frei nach dem Motto: Das klingt gut, dann muss es ja richtig sein.

In die Alltagspsychologie fließen daher sämtliche Vorstellungen über das Erleben und Verhalten anderer Menschen ein, die nicht wissenschaftlich belegt sind. Dazu gehören auch unsere Annahmen über die Ursachen und die Konsequenzen des Verhaltens und Erlebens. Ebenso alle möglichen Einflussfaktoren auf unser Handeln. Viele dieser Annahmen können durchaus zutreffen. Nur müssen sie dennoch nicht zwingend richtig sein. Die Richtigkeit wurde schließlich nie anhand von empirischen Studien belegt oder widerlegt.

Funktionen der Alltagspsychologie

Natürlich gibt es auch eine funktionelle Seite.

  • Alltagspsychologie lässt schnelle Annahmen zu gewissen Beobachtungen zu.
  • Sie dient somit der schnellen Orientierung in gewissen Situationen und gibt dadurch Sicherheit.
  • Dadurch können Folgen und Konsequenzen aus der Situation heraus erkannt werden, welche nicht immer eintreten müssen. (Vorurteile)
  • Es ergeben sich in neueren Situationen – Strukturen, aufgrund bereits gewonnener Erkenntnisse. (gesunder Menschenverstand)

Merkmale der Alltagspsychologie

Es ist nicht ganz einfach, alltagspsychologische Behauptungen von wissenschaftlich belegten Aussagen zu unterscheiden.
Ein paar Merkmale hat die Alltagspsychologie allerdings schon, die bei ihrer Entlarvung helfen.

Eines dieser Merkmale ist die häufig auftretende Widersprüchlichkeit der alltagspsychologischen Aussagen.
Wahrscheinlich kennst du den Spruch „Gleich und gleich gesellt sich gern“. Diese Annahme klingt zunächst logisch. Vermutlich kennst du genug Pärchen, bei denen beide Partner ähnliche Interessen haben. Allerdings gibt es auch den Spruch „Gegensätze ziehen sich an“. Und natürlich gibt es auch Paare, die auf den ersten Blick nicht wirklich zusammenpassen. Auch das Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ kann nicht so stehen gelassen werden. Immerhin heißt es ja auf der anderen Seite auch „Zum Lernen ist es nie zu spät“. Was stimmt jetzt also? Immer dort, wo Gegensätze beide für richtig empfunden werden, ist Küchenpsychologie im Spiel.

Folgende Merkmale gelten für die Alltagspsychologie:

  • verallgemeinerte Aussagen über zufällig getroffene Beobachtungen
  • Aussagen sind nicht überprüfbar und Methoden (meist Beobachtungen) sind nicht wiederholbar
  • subjektiv – jeder sieht es anders
  • Kenntnisse sind durch Erfahrungen des Beobachters verfälscht
  • Korrelation liegt oft vor, Kausalität aber selten
  • Alltagspsychologie ist in der Regel nicht widerlegbar

Okay, schauen wir uns die einzelnen Merkmale etwas genauer an.

Laienpsychologen und die Sterne sagen das Verhalten von Menschen ähnlich gut voraus

Die Alltagspsychologie bezieht sich meist auf Alltagserlebnisse.
Das heißt also, dass eher zufällige Ereignisse als Datengrundlage dienen. Es bedeutet auch, dass die Alltagspsychologie sehr verallgemeinernd und unsystematisch ist.

Eine einzige Beobachtung im alltäglichen Leben beinhaltet einfach zu viele Einflussfaktoren, die gar nicht in die Schlussfolgerung einbezogen werden können. Warum die wissenschaftliche Psychologie sicherere Schlüsse aus Experimenten und Studien ziehen kann, erfährst du im letzten Absatz.

Das Problem bei verallgemeinerten Aussagen ist, dass sie auf so ziemlich jede Situation angewendet werden können. Diese Volksweisheiten funktionieren daher ähnlich wie Horoskope. Da sich diese Annahmen so leicht auf alle möglichen Kontexte anwenden lassen, ist der Glaube an die Korrektheit der Alltagspsychologie weit verbreitet.

Da wir die Welt alle ein wenig unterschiedlich wahrnehmen, sind alltagspsychologische Beobachtungen auch sehr subjektiv geprägt.
Das liegt daran, dass jeder eine bestimmte Situation anders interpretiert. Diese Interpretationen werden unter anderem von unseren bisherigen Erfahrungen beeinflusst. Erleben also zwei Personen dieselbe Situation, kommt es zu zwei unterschiedlichen Wahrnehmungen. Schließlich hat jeder Mensch in seinem Leben andere Erfahrungen gemacht und wird von jeweils anderen Motivationen sowie Emotionen beeinflusst. Auch die individuellen Facetten der Persönlichkeit spielen eine Rolle. Schlussfolgerungen, die eine Einzelperson aus einer einzigen Situation zieht, sind daher immer kritisch zu hinterfragen.

Gefahren und Grenzen der Alltagspsychologie

Ein scheinbarer Vorteil der Alltagspsychologie ist ihre Einfachheit.
Menschen lieben einfache Erklärungen. Lange und komplexe Argumentationen sind anstrengend und auch unser Gehirn nimmt gern den Weg des geringsten Widerstandes.

Wir glauben gern an das, was wir ohnehin schon wissen und das uns in unserer Sicht auf die Welt und die Menschen bestätigt. Psychologische Vorgänge wie Gedanken und Emotionen lassen sich nicht direkt beobachten. Deshalb greifen wir nur zu gern zu unkomplizierten Erklärungen, um unsere Mitmenschen besser zu verstehen. Doch wie wir aus der Psychologie wissen, ist es nicht so einfach.

Die unterschiedlichen Einflussfaktoren auf das Erleben und Verhalten anderer machen es uns unmöglich, unser Gegenüber wirklich komplett zu verstehen. Und das verunsichert uns. Wir haben lieber das Gefühl, uns unsere Umwelt vollends erklären zu können. Das gibt uns Sicherheit. Eine verallgemeinerte Laientheorie kommt uns daher nur gelegen. Immerhin erklärt sie uns die Welt recht einfach und verständlich. Deshalb halten sich alltagspsychologische Annahmen auch sehr hartnäckig. Selbst dann, wenn sie wissenschaftlich längst widerlegt wurden.

Wir sehen nur das, worauf wir uns konzentrieren

Da unsere Aufmerksamkeit selektiv funktioniert, halten wir auch so gern an alltagspsychologischen Thesen fest.
Wir nehmen vor allem das wahr, worauf wir unseren Fokus gelegt haben und blenden abweichende Dinge gern aus.

Wenn du schon einmal vom „unsichtbaren Gorilla“ gehört hast, weißt du das bereits.
Bei diesem Experiment sollten die Versuchsteilnehmer zählen, wie oft sich die Basketballspieler in einem Video den Ball zuwerfen. Während des kurzen Films betrat ein Mann in einem Gorillakostüm das Spielfeld. Eigentlich sollte diese Tatsache einem doch direkt ins Auge springen. Das war allerdings nicht der Fall. Die Versuchsteilnehmer nahmen den Gorilla nicht wahr, da er nicht ihrem Konzentrationsfokus entsprach. Das zeigt sehr deutlich, dass wir nicht so viel von der Welt mitbekommen, wie wir gern denken.

Unsere Wahrnehmung filtert nur zu gern aus, was nicht unseren vorgefertigten Vorstellungen entspricht. Daher werden auch alltagspsychologische Annahmen aufrechterhalten, die sich zum Beispiel auf Vorurteile in Bezug auf bestimmte Personengruppen beziehen. Passen Informationen nicht zu diesem Menschenbild, werden sie ausgeblendet. Allerdings filtern wir diese gegenteiligen Informationen nicht nur aus, sondern interpretieren sie manchmal auch einfach um. Unsere vorherige Annahme wird so scheinbar bestätigt.

Was ist der Unterschied zwischen Alltagspsychologie und wissenschaftlicher Psychologie

Die wissenschaftliche Psychologie stützt sich auf empirische Forschungsmethoden.
Im Gegensatz zur Alltagspsychologie zieht die wissenschaftliche Psychologie eine komplett andere Datengrundlage heran. Um Annahmen zu prüfen, werden wissenschaftliche Forschung und Statistik genutzt. Die Untersuchungen folgen bestimmten Regeln, durch die Experimente immer wieder möglichst exakt wiederholt werden können. So wird ein subjektiver Einfluss auf die Ergebnisse vermieden. Die wissenschaftliche Psychologie hält also objektive Aussagen bereit.

Auch die Annahmen an sich unterscheiden sich von denen in der Alltagspsychologie. Um überhaupt auf ihrer Richtigkeit hin geprüft werden zu können, müssen aus Theorien Hypothesen abgeleitet werden. Diese Hypothesen sind so formuliert, dass sie bestätigt oder widerlegt werden können. Alltagspsychologische Theorien sind jedoch so unspezifisch und vage formuliert, dass sie weder einwandfrei bewiesen noch als falsch bewertet werden können. Ihr Informationsgehalt ist daher alles andere als wissenschaftlich.

Erhöht Schokoladeneis das Risiko zu ertrinken?

Die Alltagspsychologie hat auch in Bezug auf Zusammenhänge erhebliche Schwachpunkte.
So werden hier oft Kausalität und Korrelation vermischt. Du könntest im Sommer zum Beispiel die folgende Beobachtung machen: In den Medien ist die Rede von einer steigenden Zahl ertrunkener Personen. Gleichzeitig wird auch von einem wachsenden Kundenaufkommen in Eisdielen berichtet. Jetzt könntest du den Schluss ziehen, dass das vermehrte Essen von Eis das Risiko des Ertrinkens erhöht. Diese Annahme wäre ein kausaler Zusammenhang, allerdings auch gleichzeitig ziemlich unsinnig. Eine Kausalität besteht, wenn eine Ursache einer Folge unmittelbar vorausgeht.

Der Zusammenhang zwischen Eis und ertrunkenen Personen ist im genannten Beispiel eher eine Korrelation. Das bedeutet, es besteht zwar ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Faktoren. Allerdings hat keiner der Faktoren einen direkten Einfluss auf den anderen. Vielmehr werden beide durch einen dritten Faktor beeinflusst. In diesem Fall ist der dritte Faktor der Sommer. Durch die Hitze wird mehr Eis gegessen und da mehr Leute schwimmen gehen, ertrinken auch mehr Menschen als im restlichen Jahr. In psychologischen Experimenten können die Ursache-Wirkung-Zusammenhänge sehr gut untersucht werden. In der Alltagspsychologie ist das leider nicht der Fall.

Glaube nicht alles, sondern hinterfrage die Aussagen

Wenn dir das nächste Mal also eine scheinbar einfache psychologische Erklärung geboten wird, hinterfrage diese lieber erst einmal kritisch. Auf welcher Datengrundlage basiert diese Annahme? Von welcher Person stammt diese Aussage? Ist diese Person stark von ihren eigenen Vorstellungen überzeugt oder zu kritischem Denken fähig? Besteht eine Korrelation oder eine Kausalität?

Alltagspsychologie und wissenschaftliche Psychologie im Vergleich

  • In der wissenschaftlichen Psychologie sind die Aussagen allgemeingültig und treffen mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Personen zu, welcher in der Aussage angegeben werden.
    In der Alltagspsychologie werden einmalige und zufällig gewonnene Ereignisse verallgemeinert. (Vorurteile).
  • Die wissenschaftliche Psychologie ist in der Realität überprüfbar. Das bedeutet, dass diese gemachten Aussagen ihre Richtigkeit beweisen. Außerdem sind die Methoden, welche zur Aussage führten, stets wiederholbar und führen zum gleichen Ergebnis. (Überprüfung, Wiederholbarkeit)
    Die Alltags- oder Küchenpsychologie kann dies nicht. Die Methoden sind weder wiederholbar, noch sind die Aussagen überprüfbar
  • Wissenschaftliche Psychologie muss objektiv sein. Das bedeutet, dass sämtliche Forscher bei den gleichen Methoden, die gleichen Ergebnisse erzielen.
    Alltagspsychologie ist subjektiv, da diese von der Wahrnehmung des Beobachters abhängt und durch dessen Erfahrungen verfälscht wird.
  • Die Aussagen innerhalb der wissenschaftlichen Psychologie sind systematisch gewonnen. Das bedeutet, dass aus empirischen Datenmaterial eine Schlussfolgerung abgeleitet werden kann.
    In der Alltagspsychologie werden die Erkenntnisse lediglich durch Einzelbeobachtungen gewonnen. Diese sind meistens eher zufällig und lassen ein breites Spektrum an Aussagen zu.
  • Die wissenschaftlichen Aussagen lassen eine Kausalität (Ursache-Wirkung-Prinzip) erkennen. Die Alltagspsychologie stützt sich mitunter nur auf Korrelationen. (siehe Baden-Eis-Ertrinken-Beispiel von oben)
  • Wissenschaftliche Aussagen sind immer widerlegbar. In der Alltagspsychologie fehlt jedes Argument zur Belegbarkeit und somit kann diese auch nicht widerlegt werden.
Über den Autor:

Mein Name ist Mathias Mücke und ich bin Autor und Inhaber von ScioDoo.

Das Ziel von ScioDoo ist es, dass du hier Informationen findest, welche du für deinen Alltag, Schule, Studium oder eine betriebliche Weiterbildung brauchst.

Aber nicht nur das...

Gleichzeitig will ich das Wissen recht unterhaltsam servieren, so dass du vielleicht mal wiederkommst.

Ich weiß selbst, dass dieser Ansprung enorm ist.

Aber deshalb arbeite ich auch jeden Tag an mir und an diesem Projekt, so dass du auch jeden Tag neues kostenloses Wissen bekommst.

Nicht schlecht, oder?

Also bis später vielleicht.

LG Mathias Mücke


Tasse

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