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Wer war der deutsche Michel: Bedeutung und Herkunft


wer war der deutsche michel

Die Brikett-Marke Michel veröffentlichte im frühen 20. Jahrhundert Werbetafeln mit dem Michel und dessen typischer Zipfelmütze


Der deutsche Michel ist die Personifikation der Deutschen, welche seit der Renaissance belegt ist. Etwas dicklich, etwas tumb und ziemlich ernst; vor allem aber mit einem Attribut der Schläfrigkeit ausgestattet: so präsentiert sich der deutsche Michel. Die Figur ist Stellvertreter für alle Einwohner unseres Landes und soll Betrachter die prägendsten Eigenschaften der Deutschen vor Augen führen. Verglichen mit anderen Nationen kommen wir da wirklich schlecht weg. Doch der Michel hat eine Geschichte – und die zeigt, dass es schon mal besser stand um ihn…

Ein Sinnbild von vielen

Bildhaft gemachte Eigenschaften bezeichnen kluge Menschen als Allegorie; d.h. als Ansammlung typischer Merkmale. Diese Form der Darstellung ist vor allem für Künstler wichtig, da sie viele Informationen auf kleinem Raum bündelt. Zeigt ein Gemälde Musikinstrumente, weißt Du sofort, dass der Maler auf die Fähigkeit zur Unterhaltung anspielt. Sind es astronomische Geräte, soll die dargestellte Person intelligent wirken. Auch ohne viel Drumherum sind solche Symbole gut zu deuten – weil sie allgemein bekannt sind und für jede/-n Dasselbe aussagen.

Meister der Allegorie waren antike Völker wie Ägypter und Griechen. Sie ordneten ihren Göttern und Göttinnen ganz typische Attribute zu und machten sie damit unverwechselbar. Eine Katze für die fruchtbarkeitsfördernde Bastet, Blitze für den Wettermacher Zeus oder eine Flöte für den immer lüsternen Faun machen Betrachter sofort klar, wer gemeint ist.

Der deutsche Michel in bester Gesellschaft

Überträgt man die Symbolkraft der Allegorie auf eine Figur, wird sie zur Personifikation; also zur vermenschlichten Darstellung. Sie erlaubt es, Gruppenbilder zu schaffen und Handlungen zu zeigen. Im Fall des Michels heißt das, er könnte lachen, weinen oder weglaufen – und damit die Reaktion Deutschlands auf bestimmte Ereignisse verdeutlichen. Ebenso gut kann er mit den Symbolfiguren anderer Länder agieren, um einen bestehenden Konflikt anzuzeigen.

Michel ist nämlich nicht die einzige Personifikation eines Volkes. Ihm zur Seite stehen

  • Frankreichs Marianne,
  • Irlands Leprechaun,
  • Uncle Sam aus den USA

und viele andere. Sie alle tragen ganz bestimmte Kleidungsstücke und bedienen sich einer typischen Gestik oder Mimik, sodass Du sie auf Bildern leicht unterscheiden kannst. Michel erkennst Du an seiner Zipfelmütze und dem verschlafenen Blick. Oft steht er mit gesenktem Kopf oder in ähnlich devoter Haltung herum und meist ist er ein bisschen dick.

Hat der Michel ein reales Vorbild?

Wissenschaftler haben lange gerätselt, woher dieses Bild rührt. Zunächst glaubten sie, die Michel-Figur sei einem realen Menschen nachempfunden. Daher haben sie viele Persönlichkeiten und Ereignisse untersucht. Am längsten hielt sich die Vermutung, Michel habe sein Vorbild in Hans Michael Elias von Obentraut. Er war Befehlshaber berittener Soldaten und soll ein auffallend tapferer Mann gewesen sein. Doch beides passt nicht zur äußeren Erscheinung des Michel, der ja eher zurückhaltend wirkt.

Zudem lebte General Obentraut in einer Zeit, als die Bezeichnung „deutscher Michel“ schon längst bekannt war. Sein Geburtstag fiel in Jahr 1574 – doch schon 1541 erschien eine Art Lexikon, das den Begriff „deutscher Michel“ ausweist. Hier wird er mit „Dummkopf bzw. tölpelhafte Person“ erklärt. Gleiche oder zumindest sehr ähnliche Definitionen finden sich in anderen zeitgenössischen Werken.

Der Michel vom 15. bis 18. Jahrhundert

Damit ist Obentraut als lebendes Vorbild aus dem Rennen. Mittlerweile gehen Wissenschaftler davon aus, dass Michel eine reine Kunstfigur ist. Sie vermuten, dass die Beschreibung seiner Person bereits in der Renaissance Verbreitung fand. Damals war das Volk noch stärker als heute in Schichten geteilt. Die, die sich Bücher und Schulbesuche leisten konnten, wollten sich von den anderen abheben. Sie reisten viel und ließen ihre Kinder im Ausland unterrichten. Dort sprachen sie von den ärmeren Daheimgebliebenen oft abfällig – und ließen den Eindruck entstehen, das deutsche Volk bestünde nur aus wenig gebildeten Bauern.

Dieses Außenbild besitzt Michel bis heute. Innerhalb Deutschlands aber änderte sich die Wahrnehmung der Figur – wenn auch nur begrenzte Zeit: Im Dreißigjährigen Krieg wurde sie zum Symbol für den Kampf um eine einheitliche Landessprache. Sie sollte vom nördlichsten bis zum südlichsten Zipfel gelten und möglichst ohne Fremdwörter auskommen. Den Status als Sprachpolizei behielt die Michel-Figur bis Mitte des 18. Jahrhunderts bei.

Der Michel im 19. Jahrhundert

Danach kippte das Bild wieder in die andere Richtung. Im Gebiet der heutigen Bundesrepublik kam es immer wieder zu kleinen Aufständen, denen sich auch Bauern anschlossen. Die Kämpfe gipfelten in der Forderung, Adelsprivilegien abzuschaffen und einen deutschen Nationalstaat zu gründen. Zudem sollten eine Verfassung und Grundrechte formuliert werden.

Die, denen das nicht gefiel, kramten den alten Vergleich zum Bauerntölpel wieder hervor. In ihren Augen waren die Aufständischen dumme Menschen, die man nicht ernst zu nehmen brauchte. Leider sollten sie mit dieser abfälligen Meinung zunächst recht behalten – denn ihr Ziel erreichte die Deutsche Revolution von 1848/49 nicht bzw. nur teilweise. Dafür entstand ein neues Symbol für das Nationalbewusstsein: eine quer gestreifte Fahne in den Farben Schwarz, Rot und Gold. Sie gehört bis heute zu Deutschland wie die Figur des Michel; ist aber bei Weitem nicht das einzige Erkennungsmerkmal unseres Landes.

Deutschland abseits des Michels

In der Reisebranche sind es vor allem Bauwerke, die Deutschland symbolisieren. Touristen aus aller Welt versammeln sich vor

  • dem Brandenburger Tor,
  • dem Kölner Dom,
  • der Wartburg oder
  • Schloss Neuschwanstein,

um ein selbst geschossenes Foto der berühmten Gebäude mit nach Hause zu nehmen. Zudem sind Brat- und Currywurst, Sauerbraten und Sauerkraut sowie Schwarzwälder Kirschtorte und Lebkuchen fast überall bekannt.

Auch die Namen Goethe, Grimm, Bach und Luther sind vielen Ausländern geläufig – ebenso wie

  • Gartenzwerge,
  • Kuckucksuhren,
  • das Oktoberfest,
  • der Karneval und
  • die deutsche Art, Weihnachten zu feiern.

Der Michel dagegen lebt nur fort, weil er zur feststehenden Redewendung geworden ist. Sie wird meistens dann gebraucht, wenn irgendjemand in der Politik richtigen Mist gebaut hat oder mit unerwarteten Folgen seines Handelns kämpfen muss.

Kunstwerke, die den deutschen Michel thematisieren

Über all das hinaus gibt es jedoch auch Bauten, Gemälde oder Bühnenstücke, die sich dem deutschen Michel widmen.

Allen voran die zahlreichen Karikaturen der 1840er-Jahre, die das Scheitern der Revolution zum Thema haben. Sie stehen im großen Widerspruch zu dem Heldendenkmal, das Friedrich Reusch gegen Ende des Jahrhunderts schuf. Es zeigte Michel als kraftstrotzenden, tatendurstigen Mann jüngeren Alters – fand aber trotzdem (oder gerade deswegen) keinen Abnehmer. Schließlich landete es als Geschenk auf der Stadtmauer von Königsberg, wo es im Zuge einer Schlacht vollständig zerstört wurde.

Weitaus mehr Bestand hatte ein Theaterstück aus dem Jahr 1905. Die Komödie in niederdeutscher Mundart, erfreute sich beim Publikum großer Beliebtheit und wurde ein halbes Jahrhundert später zum Hörspiel umgearbeitet. Als solches kannst Du es in den Datenbanken verschiedener Rundfunksender herunterladen und Dir ein Bild vom deutschen Michel machen.

Ebenfalls erhalten geblieben ist der Michelbrunnen in Bad Liebenwerda. Seine Basics datieren aus dem Jahr 1909 und stammen von dem Architekten Karl Jost. Die mittendrin platzierte Michel-Figur wurde während des Zweiten Weltkriegs zu Waffen umgearbeitet. Seit 1956 steht an ihrer Stelle ein Hirtenmädchen, das verträumt auf‘s Wasser schaut. Ihr Standbild verweist auf die große Bedeutung, die der Brunnen für den Ort hat – denn bis heute gibt er besonders mineralstoffreiches Wasser, das Du in jedem Laden kaufen kannst.


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