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8 Methoden der Persönlichkeitsforschung: Das BIOPSIES Modell


Wer sich der Erforschung der Persönlichkeit widmen möchte, begibt sich auf ein sehr breites Feld. Denn es ist hierbei nicht nur wichtig, zu wissen, was die Persönlichkeit überhaupt ausmacht. Zusätzlich sollte man sich auch Gedanken darüber machen, wie die einzelnen Aspekte der Persönlichkeit erfasst werden sollen.

Dazu sei gesagt, dass die Persönlichkeit an sich ein hypothetisches Konstrukt ist. Das heißt, es lassen sich lediglich bestimmte Daten über das Verhalten und Erleben von Menschen erfassen. Auf Grundlage dieser Daten wird dann auf die diesen zugrunde liegenden Persönlichkeitsmerkmale geschlossen.

Wie?
Wenn du schon einmal einen Persönlichkeitstest gemacht hast, fand dieser mit hoher Wahrscheinlichkeit in Form eines Fragebogens statt. Diese Methode ist in der Persönlichkeitsforschung weit verbreitet und es gibt viele gut bewährte Fragebogenarten zur Erfassung der Persönlichkeitsmerkmale. Der Nachteil an dieser Form der Selbstauskunft ist allerdings, dass sie verschiedenen Verzerrungen unterliegt. Um diese zu abzumildern und die Persönlichkeit möglichst umfassend zu erforschen, kann man beispielsweise das BIOPSIES-Modell heranziehen.

Was ist das BIOPSIES-Modell?

Um die Persönlichkeit eines Menschen zu erfassen, reicht eine Messmethode nicht aus.
Der bereits angesprochene Fragebogen bietet einen recht direkten Zugang zur Persönlichkeit eines Individuums. Diese Messinstrumente beinhalten meist eine Reihe von Fragen, zu denen der oder die Befragte Stellung beziehen soll. So werden beispielsweise bestimmte persönlichkeitsbezogene Aussagen wie „In großen Gruppen fühle ich mich wohler als allein“ vorgegeben.

Mittels einer mehrstufigen Skala gibt die Person dann an, wie sehr die Aussage auf sie zutrifft, zum Beispiel von „trifft vollkommen zu“ über „trifft teilweise zu“ bis hin zu „trifft überhaupt nicht zu“. Aus den Antworten auf die einzelnen Fragen oder Aussagen (auch Items genannt) werden bei der Auswertung dann Werte errechnet, die Aufschluss über die Persönlichkeit geben sollen. Hat die Person einen stark ausgeprägten Wert bei der Persönlichkeitseigenschaft Extraversion? Oder eher einen niedrigen?

Der Vorteil an dieser Methode ist der bereits erwähnte direkte Zugang zur Person. Doch die Angaben über die eigene Person müssen nicht immer der Realität entsprechen. Einerseits kann jemand bewusst falsche Angaben machen. Grund dafür könnte die soziale Erwünschtheit sein, bei der man selbst in einem guten Licht dastehen und gesellschaftlich anerkannten Werten entsprechen möchte. So könnte eine sehr introvertierte Person beispielsweise denken, dass Extraversion eine wünschenswertere Eigenschaft sei. Daraufhin beantwortet sie dieses Persönlichkeitsgebiet betreffende Fragen gegenteilig zu dem, was ihrer eigentlichen Einstellung entspricht.

Doch auch unbewusste Verzerrungen sind der Fall. Beziehen sich Fragen zur Persönlichkeit auf die eigenen Handlungen in der Vergangenheit, so sind diese auch einer gewissen Fehlerwahrscheinlichkeit unterlegen. Einerseits können wir uns ganz einfach nicht an alle Details unserer Lebensgeschichte erinnern, weil unsere kognitive Kapazität nicht darauf ausgelegt ist. Andererseits haben wir auch ein bestimmtes Bild von unserer eigenen Persönlichkeit, welche die Erinnerungen an unser Handeln in manchen Situationen trübt.

Daher ist es wichtig, die Persönlichkeit mit verschiedenen Instrumenten und auf verschiedenen Ebenen zu erfassen. Ein Fragebogen schließt hauptsächlich die kognitive Ebene ein, vernachlässigt allerdings andere Ebenen, wie das Verhalten, Erleben und die Motivation eines Menschen.

Und hier kommt das BIOPSIES-Modell ins Spiel. Dieses dient sozusagen als Leitfaden und soll Forschern dabei helfen, möglichst viele Persönlichkeitsebenen und Arten der Datenerhebung mit in ihre Planung von Studien einzubeziehen. Bei dem Begriff BIOPSIES handelt es sich um ein Akronym. Was sich hinter den einzelnen Buchstaben verbirgt, schauen wir uns in den folgenden Absätzen an.

B – Behavior

Eine weitere Ebene der Persönlichkeitsforschung ist das Beobachten des Verhaltens.
Da Selbstauskünfte bewusst oder unbewusst von der betreffenden Person verzerrt werden können, erhofft man sich von objektiven Beobachtungen realistischere Ergebnisse. Zwar können auch Verhaltensweisen von der beobachteten Person beeinflusst werden, doch fällt dieser Einfluss in einigen Kontexten geringer aus.

Ein Beispiel dafür ist die Methode des Eye-Tracking. Hierbei trägt die Person eine spezielle Brille. Diese ist mit einer Kamera ausgestattet. Die Aufnahmen erfassen die Bewegung der Augen und somit auch die Blickrichtung. Auf diese Weise kann beispielsweise beobachtet werden, wie das Leseverhalten einer Person aussieht. Allerdings zeigt sich dabei auch, wie sie etwa auf die Konfrontation mit Bildern anderer Menschen reagiert und welche Regionen von Körper und Gesicht sie am häufigsten fokussiert. Doch auch Leistungstests fallen unter diese Kategorie. Denn wie eine Person bei der Bewältigung einer Aufgabe unter Zeitdruck reagiert, kann ebenfalls Aufschluss über Teile ihrer Persönlichkeit liefern.

Durch das Beobachten (Behavior) der Augen, mittels Eye-Tracking, lassen sich demnach Persönlichkeitsmerkmale ausmachen.

I – Indirect Measures

Um Verzerrungen auszuschließen, kann ein Umweg genommen werden.
Mit indirekten Messungen sind etwa implizite oder projektive Verfahren gemeint, wie beispielsweise die Implicit Association Task (IAT).

Bei diesem Verfahren wird der untersuchten Person ein an sich neutraler Stimulus gezeigt. Die Untersuchung findet am Computer statt. Die Person sieht auf dem Bildschirm bestimmte Wörter, die sie per Tastendruck kategorisieren soll. Beispielsweise in friedlich oder aggressiv konnotierte Wörter.

Je öfter bei eigentlich neutralen Reizen der Tastendruck für eine aggressive Kategorisierung ausfällt, desto eher wird das dahinterstehende Konstrukt eines aggressiven Persönlichkeitsmerkmals vermutet. Da für diese Methode derzeit allerdings noch keine zuverlässige Befundlage vorliegt, gilt das Verfahren noch als umstritten.

O – Observation

Verhaltensbeobachtungen können Hinweise auf die Persönlichkeit liefern.
Beobachtungen sollten in der wissenschaftlichen Forschung systematisch ablaufen. Dazu eignen sich Beobachtungsleitfäden, welche von mehreren geschulten Beobachtern gleichzeitig genutzt werden. Diese tragen ihre Ergebnisse anschließend zusammen und werten sie aus.

Eine Beobachtung kann im Feld (das heißt im natürlichen Umfeld der beobachteten Person) oder im Labor stattfinden. Beide Verfahren haben ihre Stärken und Schwächen. Während der Forscher im Labor die größtmögliche Kontrolle über die Situation hat, Störeinflüsse minimieren und die Reaktion auf einen bestimmten Stimulus zurückführen kann, wohnt der Laborbeobachtung auch eine gewisse Künstlichkeit inne.

Die künstlich geschaffene Situation im Labor lässt daher auch Zweifel an der Generalisierbarkeit der Ergebnisse zu. Man kann sich also fragen, ob sich die Person außerhalb des Labors wirklich genauso verhalten hätte oder ihr Verhalten nicht doch durch die Situation beeinflusst wurde.

Im Feld besteht hingegen eine natürlichere Situation und man kann vermuten, dass die Person das gezeigte Verhalten generell an den Tag legt. Doch bestehen hier verschiedenste Faktoren, die das Verhalten und damit das Ergebnis beeinflussen können. Anders ausgedrückt: Die geringe Kontrolle des Forschers über die Feldsituation erschwert die Aussage darüber, was das Verhalten überhaupt ausgelöst hat. In diesem Fall schmälern also die Auswirkungen verschiedener Störeinflüsse die Aussagekraft des Ergebnisses.

P – Physiological Data

Physiologische Daten kann der Mensch nicht wirklich beeinflussen.
Während man bei einem Fragebogen durchaus die Möglichkeit hat, seine Aussagen zu „verschönern“, liefern physiologische Daten ein klareres Bild über die eigentlichen Reaktionen. Denn wenn wir uns in einer bestimmten Situation unwohl fühlen, haben wir keinen bewussten Einfluss darauf, wie schnell unser Herz schlägt oder welche Hormone unser endokrines System in die Blutbahn abgibt. Daher können diese Indikatoren auch als Hinweis auf die Persönlichkeit dienen.

Ein Beispiel ist unsere individuelle Reaktion auf Stress. In einer stressauslösenden Situation werden Hormone (wie Cortisol) ausgeschüttet und können sowohl im Blut als auch im Speichel nachgewiesen werden. Diese Tatsache kann genutzt werden, um Rückschlüsse auf die individuelle Stresssensititvät zu ziehen.

So kann im Rahmen einer Untersuchung ein Bewerbungsgespräch inszeniert werden, bei welchem der Proband mit unangenehmen Aufgaben konfrontiert wird. Vorher und nachher kann eine Speichelprobe genommen und anhand der Cortisolkonzentration darin verglichen werden. Einerseits kann so der eigene Stresslevel untersucht werden, andererseits kann auch ein Vergleich der Konzentration an Cortisol mit anderen Versuchspersonen stattfinden.

S – Stranger´s Impression

Stranger’s Impression bedeutet Fremdeindruck. Neben Selbstauskünften können auch die Auskünfte fremder Personen zur Erforschung der Persönlichkeit dienen. Wir sind nämlich tatsächlich relativ gut darin, auch bei fremden Menschen eine Einschätzung über deren Persönlichkeit vorzunehmen.

Dabei orientieren wir uns vor allem an Körpersprache und Mimik. So kann uns das Bild einer Person mit vorgebeugter Haltung und hochgezogenen Schultern bereits zu der Einschätzung veranlassen, dass es sich hierbei um einen eher pessimistisch eingestellten Menschen handelt.

Allerdings können wir uns auch nicht immer auf diese Einschätzung verlassen. Denn die jeweilige Situation bestimmt ebenfalls, wie sich eine Person gebärdet. Vielleicht ist diese Person ansonsten ein sehr positiver Mensch, doch hat kurz zuvor eine sehr schlechte Nachricht erhalten. Hundertprozentig verlässlich ist diese Methode demnach ebenfalls nicht.

Dennoch birgt sie einige interessante Informationen, was wir alles an Menschen erkennen können, die uns völlig fremd sind. So zeigten Studien beispielsweise, dass Versuchspersonen die Persönlichkeit verschiedener Menschen sehr gut einschätzen, die einen Wetterbericht vorlasen. Die Informationen aus Mimik, Stimmlage und Sprechweise konnten die Versuchspersonen einschätzen, ob es sich bei dem Vorleser eher um einen aufgeschlossenen oder nervösen Typus handelte.

I – Informant´s Impression

Nicht nur Fremde, sondern auch Bekannte können unsere Persönlichkeit einschätzen. Und dementsprechend Daten für die Forschung liefern.

Im Gegensatz zu Fremden kennen Familienmitglieder oder Freunde uns logischerweise besser und können auch auf ihre Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse zurückgreifen, um unsere Persönlichkeit zu beschreiben. Sie verfügen demnach über Informationen, welche Fremde in ihrer Einschätzung nicht nutzen können.

Allerdings sind auch hier Verzerrungen möglich. Einerseits ist das Gedächtnis der uns nahestehenden Personen genauso wenig perfekt wie unseres. Und zusätzlich kommt noch der Einfluss der Beziehung hinzu, in der wir mit ihnen stehen. Sie werden negative Aspekte unserer Persönlichkeit zu einem gewissen Grad lieber für sich behalten, um uns nicht zu schaden.

Doch auch das Rollenverhältnis ist relevant. So würde deine Mutter vermutlich ein anderes Bild von dir schildern als dein/e beste/ Freund/in oder dein/e Partner/in.

E – Experience Sampling

Experience Sampling wird auch Tagebuchmethode genannt. Dabei soll die Persönlichkeit besonders genau erforscht werden, indem stündlich oder täglich protokolliert wird.

Wieso?
Eine begleitende Erhebung ist mit traditionellen oder modernen Methoden möglich. Und um einen umfangreicheren Eindruck über die Stabilität der Persönlichkeitsmerkmale zu erhalten, bieten sich begleitende Erhebungen an.

Das kannst du dir ähnlich vorstellen, wie ein Langzeit-EKG zur Beobachtung der Herztätigkeit. So können neben Beobachtungen oder anderen Testverfahren auch Tagebücher oder eine Stimmungserhebung per Smartphone zur Datensammlung genutzt werden. Schließlich können deine Verhaltensweisen oder Angaben über dich selbst während eines Tests im Labor anders ausfallen als sie es im Alltag tun. Über dieses Problem hatten wir ja bereits im Rahmen von Feld- und Laborbeobachtungen gesprochen.

Mittels einer Tagebuchstudie können bestimmte Persönlichkeitsfaktoren über einen gewissen Zeitraum hinweg erfasst und mit den Ergebnissen anderer Erhebungsverfahren in Einklang gebracht werden. So zeigt sich, ob es sich bei einem bestimmten Verhalten nur um eine Ausnahme handelte oder ob es ein wirklich zeitstabiles Persönlichkeitsmerkmal ist.

Ähnlich funktionieren auch Erinnerungen über das Smartphone, welche mehrmals täglich über einen bestimmten Zeitraum hinweg nach der aktuellen Stimmung fragen.

S – Self-Report

Selbstauskünfte sind immer noch das am weitesten verbreitete Mittel zur Datenerhebung und eine gängige Methode in der Persönlichkeitsforschung.

Da wir uns bereits umfassend mit dem Thema Fragebögen befasst haben, gehen wir an dieser Stelle noch einmal auf eine andere Form der Selbstauskunft ein: Das Gespräch. Während die Befragte Person beim Ausfüllen eines Fragebogens mit sich und seinen Gedanken allein ist, kann sie sich im Interview einer anderen Person mitteilen. Der Interviewer kann dementsprechend auch auf Fragen eingehen, was beim Fragebogen nicht der Fall ist. Auch kann der Interviewer noch einmal nachhaken, wenn dieser das Gefühl hat, der Befragte habe eine Frage nicht wirklich verstanden.

Zusammenfassung

  • Das BIOPSIES-Modell weist auf die Vielfalt möglicher Erhebungsmethoden für persönlichkeitsbezogene Daten hin.
  • Neben der Selbstauskunft können auch Beobachtungen, indirekte Tests oder die Befragung Fremder einbezogen werden. Auch physiologische Messungen oder begleitende Erhebungen bieten zusätzliche Informationsquellen in der Persönlichkeitsforschung.
  • Diese Liste ist allerdings noch nicht komplett. Und da alle Methoden ihre Vor- und Nachteile haben, ist eine Kombination möglichst vieler verschiedener Erhebungsverfahren ratsam.
  • Allerdings ist hierbei auch zu beachten, dass die Umsetzung irgendwann an ihre Grenzen stößt. Schließlich bedeuten mehr Verfahren auch einen finanziellen und personellen Mehraufwand für die Forscher und auch die Zumutbarkeit der Untersuchung für die betreffende Person muss im Blick behalten werden.

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