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Kann man Persönlichkeit am Körperbau messen | Persönlichkeitsforschung & Physiologie


Die Persönlichkeit eines Menschen lässt sich anhand verschiedener körperlicher Reaktionen messen. Denn die individuellen Reaktionen auf bestimmte Umweltreize geben Aufschluss über Verhaltensmuster und einen Rückschluss auf die Persönlichkeit des Einzelnen. Aber auch die Länge der Finger, der Körperbau oder Pupillengröße sagen etwas über unsere Persönlichkeit aus.

Doch bevor wir anfangen, lass uns noch eine Frage klären… Was macht die Persönlichkeit aus?
Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Unser Wesen setzt sich auch sehr vielen Facetten zusammen und wird von etlichen Faktoren beeinflusst. Diese können sowohl in uns selbst liegen als auch seitens unserer Umwelt auf uns einwirken: Genetik, Erziehung, Kultur, zeitliche Epoche, Umwelteinflüsse und so weiter.

Doch wenn die Definition der Persönlichkeit sich bereits schwierig gestaltet, wie soll man sie dann messen?
Die Psychologie nutzt ein breites Spektrum verschiedenster Messmethoden und -instrumente, um dem Konstrukt der Persönlichkeit auf die Schliche zu kommen. Dabei werden auch körperliche Reaktionen gemessen, wobei sowohl die Untersuchung des Gehirns selbst von Vorteil ist als auch verschiedene Indikatoren wie Hormone, Neurotransmitter oder Herz-Kreislauf-Reaktionen.

Der Zusammenhang zwischen Physiologie und Persönlichkeit

Unsere Persönlichkeit setzt sich aus dem Wechselspiel von Körper, Psyche und Umwelt zusammen.
Körper und Geist sind nicht voneinander zu trennen. Denn bestimmte Gedanken und Gefühle gehen mit spezifischen körperlichen Reaktionen einher.

Das beste Beispiel ist Stress: Empfinden wir eine Situation als stressig, dann schlägt unser Herz schneller, die Hände schwitzen und im Magen breitet sich plötzlich ein flaues Gefühl aus. Doch auch andersherum findet ein Einfluss statt. Deine Körperhaltung kann deine Stimmung beeinflussen und auch Bewegung kann die Laune aufhellen sowie für einen klaren Kopf sorgen.

Persönlichkeit als Resultat aus genetischen Faktoren und Umwelteinflüssen

Einen großen Anteil an unserer Persönlichkeit hat unsere Genetik.
Doch unsere Physiologie wird nicht allein von unseren Genen geprägt, sondern auch von Umwelteinflüssen. Dazu gehören Umweltfaktoren, denen wir in der Kindheit ausgesetzt waren und auch immer noch sind sowie unser kulturelles und soziales Umfeld.

Trinkt eine Frau beispielsweise Alkohol während der Schwangerschaft, wirkt sich das auf die embryonale Hirnentwicklung aus. Das schlägt sich wiederum später in der Persönlichkeit des Kindes nieder. Das gilt auch für andere Giftstoffe, welche die werdende Mutter aufnimmt.

Doch auch Stress in der Schwangerschaft kann den Charakter des Kindes beeinflussen. Durch die erhöhte Menge an Cortisol im mütterlichen Blut wird das Ungeborene empfänglicher für dieses Stresshormon. So kann es sein, dass dieses Kind später wesentlich anfälliger für Stress ist als Kinder von Müttern, die eine ruhigere Schwangerschaft erlebt haben.

Zusätzlich wachsen wir mit bestimmten Normen und Wertvorstellungen auf, welche unsere psychische Entwicklung beeinflussen. Diese sind abhängig von der Kultur, in der wir leben, sowie von der aktuellen zeitlichen Epoche. Unsere psychologischen Prozesse setzen sich demnach sowohl von genetischen Merkmalen, der sozialen, kulturellen und natürlichen Umwelt zusammen.

Diese psychologischen Prozesse stehen wiederum im gegenseitigen Wechsel mit körperlichen Prozessen beziehungsweise Indikatoren. Diese physiologischen Indikatoren macht sich die Persönlichkeitsforschung zu Nutze.

Kann man Persönlichkeit messen?

In der Persönlichkeitsforschung findet häufig die Selbstauskunft per Fragebogen statt.
Diese Fragebögen umfassen meist Aussagen oder Fragen, welche Persönlichkeitsmerkmale erfassen sollen. Die befragten Personen sind angehalten, wahrheitsgetreu anzugeben, inwiefern diese Aussagen auf sie zutreffen. Aus den Antworten lässt sich anschließend ein Ergebnis ermitteln, welches Auskünfte über die Persönlichkeit gibt.

So kann geschlussfolgert werden, dass eine Person zum Beispiel extravertiert oder eher introvertiert ist. Allerdings unterliegen Selbstauskünfte häufig Verzerrungen. Das liegt etwa daran, dass die Befragten die Aussagen falsch verstehen, ein verzerrtes Bild von ihrer eigenen Persönlichkeit haben oder sich auch einfach in einem möglichst positiven Licht darstellen wollen.

Letzteres führt dann zu dem, was sich soziale Erwünschtheit nennt. Dieser Effekt kommt dann zustande, wenn das Antwortverhalten sich stark an den allgemeinen sozialen Werten orientiert. Diese stimmen allerdings nicht zwingend mit der Persönlichkeit des Probanden überein. Denkt die befragte Person zum Beispiel, dass Geselligkeit in unserer Gesellschaft besser angesehen ist, als lieber allein zu Hause zu bleiben, dann wird sie die Antworten dementsprechend anpassen. Das Ergebnis sagt dann nicht wirklich etwas über die Persönlichkeit der befragten Person aus.

Die Schwächen der einen Methode kann man mit den Stärken der anderen ausgleichen. Daher ist man in der psychologischen Forschung auch bemüht, möglichst mehrere Methoden der Datenerhebung zu kombinieren.

Neben Selbstauskünften können etwa auch noch Beobachtungen stattfinden oder Fremdauskünfte. Auch physiologische Messverfahren sind ein recht zuverlässiges Mittel bei der Untersuchung der Persönlichkeit. Schließlich sind körperliche Reaktionen schwieriger zu manipulieren als die Antworten in einem Fragebogen.

Je mehr Messmethoden genutzt werden, desto umfangreicher und aufschlussreicher wird das Bild der Persönlichkeit. Da alle Messverfahren Vorzüge und auch Schwächen haben, können durch eine Kombination verschiedener Methoden die Nachteile der einzelnen ausbalanciert werden.

Allerdings muss dazu gesagt werden, dass nicht einfach unendlich viele Verfahren an einem Probanden durchgeführt werden können. Zum einen, weil das mit einem erheblichen Aufwand für die Forschenden (finanziell und personell) einhergehen würde und zum anderen einer Belastung für den Probanden mit sich bringt.

Persönlichkeit zeigt sich in körperlichen Reaktionen

Nicht nur bei Stress zeigt sich ein physiologisches Muster, welches sich durch schwitzende Hände oder Herzrasen messen lassen kann. Auch andere psychologische Prozesse gehen mit körperlichen Reaktionen einher. Wie stark wir körperlich auf einen bestimmten Stimulus reagieren, gibt Hinweise darüber, wie unsere Persönlichkeit aussieht.

Im Rahmen von Experimenten werden beispielsweise Geräusche, Schmerzreize oder emotional aufgeladene Bilder oder Videos gezeigt. Empfindet die Versuchsperson aufgrund dessen Sorge, Schmerz oder Schuld, so spiegeln sich diese Gefühle in der Aktivierung des sympathischen Nervensystems wider. Dieses steigert nicht nur Atemfrequenz und Herzschlag, sondern steuert auch die Aktivierung der Schweißdrüsen.

Die Intensität dieser Aktivität kann mittels der Hautleitfähigkeit beobachtet werden. Mit Hilfe von Sensoren, die an den Fingern oder der Handfläche des Probanden angebracht werden, wird die sogenannte elektrodermale Aktivität gemessen. Diese Aktivität zeigt sich durch ein kurzfristiges Absinken des elektrischen Leitungswiderstandes der Haut durch die Zunahme der Schweißproduktion.

Herz-Kreislauf-System und Pupillendurchmesser als Indikatoren der Persönlichkeit

Da Stress sich in verschiedensten körperlichen Reaktionen zeigt, können auch verschiedene gemessen und für die Persönlichkeitsforschung genutzt werden.

Da das sympathische Nervensystem auch auf das Herz und den Blutdruck wirkt, können Reaktionen des Herz-Kreislaufsystems ebenfalls als Indikator für psychologische Prozesse dienen. Zur Aktivierung können neben emotionalen Stimuli auch soziale Situationen genutzt werden. So gibt das Ausmaß der Stressreaktion beim Lösen kognitiver Aufgaben vor Publikum ebenfalls Aufschluss über den Charakter.

Mittels Eye-Tracking lassen die Bewegungen der Augen sowie die Veränderungen des Pupillendurchmessers auf die Aufmerksamkeit des Probanden schließen. Gesteuert wird der Pupillendurchmesser erneut vom sympathischen und parasympathischen Nervensystem. So können nicht nur die Blickmuster, sondern auch psychologische Reaktionen wie Ekel, Schreck und Interesse erforscht werden.

Körperbau, Neurotransmitter und Hormone als Messgrößen der Persönlichkeit

Botenstoffe sind ebenfalls an psychische Prozesse gekoppelt. Bei Stress wird das Stresshormon Cortisol von der Nebennierenrinde ausgeschüttet. Die Menge des Cortisols im Blut oder im Speichel zeigen an, wie stark unsere Stressreaktion ausfällt. Abhängig von der individuellen Stressanfälligkeit kann die Cortisolkonzentration höher oder niedriger ausfallen. Allerdings hängen auch andere Hormone mit unserer Persönlichkeit zusammen.

So spielt Testosteron eine große Rolle, wenn es um Wettbewerbsorientierung, aggressives Verhalten oder die Libido geht. Der pränatale Testosteronspiegel hängt übrigens mit der Fingerlänge zusammen. Genauer gesagt mit dem Verhältnis von Zeige- zu Ringfinger. Hier spricht man auch vom 2D:4D-Marker.

Ein geringer pränataler Testosteronspiegel sorgt für „weibliche“ Hände. Hier sind Zeige- und Ringfinger gleich lang beziehungsweise der Zeigefinger etwas länger. Bei „männlichen“ Händen hingegen ist der Ringfinger länger als der Zeigefinger.

Dieses Längenverhältnis konnte mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen in Zusammenhang gebracht werden. So zeigen Personen mit „weiblichen“ Händen höhere Werte bei den Eigenschaften Extraversion und Neurotizismus, während „männliche“ Hände mit einer stärkeren Offenheit für neue Erfahrungen einhergehen – allerdings auch mit aggressiven Tendenzen und Impulsivität.

Neben Hormonen geben auch Neurotransmitter Hinweise auf psychologische Prozesse. Die chemische Signalverarbeitung findet im zentralen und im peripheren Nervensystem statt und wird etwa bei Emotionen aktiv, jedoch auch bei Belohnung und Bestrafung. Hierzu zählen beispielsweise Serotonin, Norephedrin und Dopamin.

Persönlichkeit kann im Gehirn gemessen werden

Auch im Gehirn selbst finden sich Hinweise auf unsere Persönlichkeit. Die Reaktion des Gehirns auf bestimmte Stimuli zeigt sich beispielsweise im EEG oder auch mittels bildgebender Verfahren. Beim EEG (kurz für Elektroenzephalogramm) werden unwillkürliche elektrische Hirnaktivitäten mithilfe von an der Kopfhaut angebrachten Elektroden erfasst. So kann beispielsweise die Aufmerksamkeit und Wahrnehmungsprozesse untersucht werden.

Während die Hirnaktivität hier mittels Wellen dargestellt wird, zeigen sich in bildgebenden Verfahren die aktiven Bereiche des Gehirns. Hingegen macht beispielsweise das fMRT anhand der stärkeren Durchblutung sichtbar, welche Hirnregionen an der Verarbeitung bestimmter Reize beteiligt sind.

Neuronale Schaltkreise sind an Emotionen und der Persönlichkeit beteiligt

Verschiedene Schaltkreise im Gehirn konnten so mit bestimmten Empfindungen in Zusammenhang gebracht werden. Der Psychologe Jaak Panksepp konnte bestimmte neuronale Schaltkreise ausmachen, welche beispielsweise bei Furcht, Wut oder Freude aktiv sind. Diese insgesamt sieben emotionalen Schaltkreise befinden sich im Zwischenhirn, welches einen evolutionär relativ alten Teil des Gehirns darstellt.

Sie hängen mit basalen und überlebenswichtigen Funktionen des Nervensystems zusammen. Benannt hat Panksepp sie folgendermaßen: SEEK, PLAY, CARE, RAGE, SADNESS, LUST und FEAR. Auf die Individualität unserer Persönlichkeit haben diese Schaltkreise insofern einen Einfluss, als dass sie bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt sind.

Die Schaltkreise CARE und LUST beispielsweise hängen mit dem Hormon Oxytozin zusammen. Wie stark wir auf dieses „Bindungshormon“ reagieren, kann zu einem gewissen Grad die Ehequalität voraussagen. Eine schwere Aktivierbarkeit der SEEK Schaltkreises liegt bei depressiven Menschen vor. Je geringer dieser Schaltkreis auf Reize anspricht, desto weniger Antrieb hat die betroffene Person.

Zusammenfassung

  • In der Persönlichkeitsforschung werden neben Fragebögen oder Beobachtungsverfahren auch körperliche Reaktionen genutzt, um die Persönlichkeit eines Menschen zu erfassen.
  • Die Reaktivität auf Stress kann etwa mittels der Hormonkonzentration im Blut oder am Durchmesser der Pupillen ausgemacht werden. Auch Blutdruck und Herzfrequenz dienen hier als Indikatoren.
  • Allerdings ermöglicht die Technologie mittlerweile etwa mittels fMRT einen Einblick in das Gehirn selbst. So kann festgestellt werden, welche Hirnareale bei bestimmten Reizen aktiv werden und wo es hier individuelle Unterschiede gibt.
  • Generell gilt, dass das Bild der Persönlichkeit umfassender gezeichnet werden kann, wenn möglichst viele Messmethoden verwendet werden. Hier liegen allerdings auch Grenzen vor.
  • Körperbau, Körperreaktionen sind gekoppelt an Vorgänge im Gehirn. Somit lassen sich bei bestimmten Ausprägungen auch Rückschlüsse auf die Persönlichkeit eines Menschen ziehen.
  • In der wissenschaftlichen Psychologie und Verhaltensforschung nutzt man daher verschiedene Methoden, um die Persönlichkeit zu messen.

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