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Spielsucht als Persönlichkeitsstörung: Modelle, Einflussfaktoren und Glücksspiel im Internet


Unsere Persönlichkeit hat einen großen Einfluss darauf, wie wir fühlen, denken und handeln. Manche Persönlichkeitseigenschaften bestimmen darüber, ob wir gern Risiken eingehen oder lieber auf Nummer Sicher gehen. Bestimmte Eigenschaften können uns anfälliger dafür machen, ob wir eine Sucht entwickeln oder nicht. Dazu gehören nicht nur Nikotin- oder Alkoholabhängigkeit sowie eine Sucht nach anderen Drogen, sondern auch die Sucht nach Glücksspielen.

Hier scheinen Persönlichkeitseigenschaften wie eine hohe Impulsivität (Reizbarkeit) und Sensation Seeking (Verlangen nach aufregenden Sinnenreizen) nach einen bedeutenden Einfluss auszuüben. Was in der klinischen Psychologie unter Spielsucht verstanden wird, ob es sich um eine Persönlichkeitsstörung oder eher um eine Persönlichkeitseigenschaft handelt und welche Subtypen es in Bezug auf die Spielsucht gibt, erfährst du im Folgenden. Auch auf die Möglichkeiten zur Erfassung von Spielsucht und auf die Rolle des Internets wollen wir etwas näher eingehen.

Was ist Spielsucht?

Spielsucht ist mittlerweile als eigenständiges Störungsbild im DSM 5 gelistet.
Hinter DSM 5 verbirgt sich das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, wobei es sich um eine Art Leitfaden mit psychischen Störungsbildern handelt. Hierin stehen Kriterien, welche bei der Diagnose von Störungen genutzt werden. Die Kriterien für eine Spielsucht sind dann erfüllt, wenn:

  • …jemand seine Einsätze zunehmend steigert, um den gewünschten Nervenkitzel zu erzielen,
  • …jeder Versuch, das Glücksspiel aufzugeben, zu Unruhe oder Gereiztheit führt,
  • …solche Versuche wiederholt und erfolglos stattfanden,
  • …sich die Gedanken fast ausschließlich um das Glücksspiel drehen,
  • …vor allem dann gespielt wird, wenn belastende Gemütszustände behoben werden sollen (etwa bei Angst oder depressiver Stimmung),
  • …ein Drang zum erneuten Spielen besteht, um Spielverluste wieder auszugleichen,
  • …andere belogen werden, um das Spielverhalten zu vertuschen,
  • …das Spielverhalten zur Gefahr für den Job wird oder mit dem Verlust von Besitz einhergeht,
  • … die Betroffenen sich auf die finanzielle Unterstützung durch andere verlassen, um ihre Spielschulden zu überwinden.

Bisher hat sich die Psychologie vor allem mit der Diagnose und der Therapie von Spielsucht befasst. Über die Entstehungsursachen hingegen ist noch nicht so viel bekannt. Daher sind einige Forscher auch der Ansicht, dass Spielsucht nicht nur als eine Störung zu verstehen ist. Vielmehr könnte sie eine extreme Ausprägung einer bestimmten Persönlichkeitseigenschaft sein. Sowohl Impulsivität als auch Sensation Seeking stehen häufig mit Spielsucht im Zusammenhang.

Mit Sensation Seeking ist ein Persönlichkeitsmerkmal gemeint, welches mit einer ständigen Suche nach Abwechslung, Neuem und Spannendem einhergeht. Menschen, bei denen dieses Merkmal stark ausgeprägt ist, brauchen ein sehr hohes Erregungsmuster für ihr Wohlbefinden. Ohne Abenteuer und Nervenkitzel langweilen sie sich sehr schnell.

Bungeejumping oder Motorradrennen sind Möglichkeiten, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Was einerseits mit einem starken Neugierverhalten hinsichtlich Extremsportarten zusammenhängt, kann allerdings auch schnell zu Drogenkonsum, riskanten Fahrverhalten im Straßenverkehr und einem hohen Suchtpotenzial einhergehen. Sensation Seeking kann also sowohl für die eigene Person als auch für andere gefährlich werden.

Allerdings ist unklar, ob Impulsivität und Sensations Seeking Spielsucht auslösen. Denn es gibt auch Personen mit hohen Ausprägungen in beiden Bereichen, die jedoch kein Interesse an Glücksspielen haben. Daher stellt sich die Frage, ob es sich bei Spielsucht um eine unabhängige Persönlichkeitseigenschaft handelt, welche einfach häufig im Zusammenhang mit Impulsivität und Sensation Seeking auftritt.

Modelle zum Zusammenhang von Spielsucht und Persönlichkeitseigenschaften

Bisher gibt es noch recht wenig Forschung dazu, ob und welche Subtypen von Spielsucht es gibt.
Allerdings liegen mittlerweile zwei Modelle vor, welche jeweils drei Subtypen beziehungsweise Cluster aufzeigen.

1. Modell: Der verhaltensbestimmte, der emotional verwundbare und der antisozial-impulsive Typ

Das eine Modell stammt aus dem Jahr 2010 von Ledgerwood und Petry.
Darin zeichnet sich der erste Typ durch die wiederholte Konfrontation mit Reizen (also dem Glücksspiel) aus. Dieser wird auch als durch das Verhalten bestimmter Typ bezeichnet.

Der emotional verwundbare Typ besitzt nur unangepasste Copingstile (Bewältigungsstrategie). Das Glücksspiel dient ihm als Werkzeug zur Bewältigung unangenehmer Gefühle. Seine emotionale Verletzlichkeit weiß er nicht anders zu regulieren. Der antisoziale-impulsive Typ weist eine starke Impulsivität sowie ein intensives Bedürfnis nach der Kontrolle der eigenen Verhaltenswirksamkeit aus. Außerdem zeigt er zusätzlich psychopathische Auffälligkeiten.

2. Modell: Funktionsstörung, depressiv oder desorganisiert

Daneben gibt es noch das Modell von Jimenez-Murcia und Kollegen aus dem Jahr 2013.
Hier werden keine Typen, sondern Cluster unterteilt, welche verschiedene Merkmale in sich vereinen. Personen, die in den ersten Cluster „High General Functionality“ fallen, weisen häufig eine allgemeine Funktionsstörung auf, haben allerdings eine ansonsten gesunde Persönlichkeitsstruktur.

Depressive Typen zählen zum zweiten Cluster. Kennzeichen sind hier eine hohe emotionale Verwundbarkeit sowie Defizite in der Emotionsregulation und ein moderates Impulsivitäts-Level. Wird jemand dem dritten Cluster zugeordnet, so handelt es sich um einen eher desorganisierten Typ. Hier sind sowohl die Suche nach neuen Erfahrungen als auch die Impulsivität hoch ausgeprägt. Allerdings herrschen ebenfalls ein hohes Vermeidungsverhalten und eine starke Sensitivität gegenüber Bestrafungen vor.

Wie kann der Zusammenhang von Spielsucht und Persönlichkeit untersucht werden?

In der Persönlichkeitsforschung kommen sehr häufig Fragebögen zum Einsatz. Auf diese Weise kann der Betroffene direkt befragt werden.

Allerdings besteht das Problem bei dieser Erhebungsmethode darin, dass die Angaben immer einer gewissen Verzerrung unterliegen. Das kann einerseits an der sozialen Erwünschtheit liegen oder auch ganz einfach an einer unrealistischen Selbsteinschätzung.

Eine Alternative ist die Nutzung bildgebender Verfahren, bei denen die Prozesse im Gehirn sichtbar werden. Hierbei zeigt sich, welche Gehirnareale bei Spielsüchtigen aktiviert werden.

Es stellte sich heraus, dass bei den meisten Bereiche aktiv waren, die auf eine hohe Belohnungssensitivität und eine geringe Verlustsensitivität hinweisen. Das bedeutet, dass diese Personen sehr starke Emotionen bei Belohnungen empfinden, während sie Verluste leicht ausblenden. Ein Untersuchungsparadigma zur Erforschung des Entscheidungs-, Risiko- und Urteilsverhalten ist die Cambridge Gambling Task.

Hierbei erscheint eine bestimmte Anzahl von Kästchen auf einem Bildschirm. Einige davon sind rot und einige blau. Wie viele von jeder Farbe vorliegen, variiert bei jedem Durchgang. Ein Kästchen in der Reihe ist immer mit einem gelben Balken überdeckt und die Probanden müssen entscheiden, ob es sich bei dem dahinter verborgenen Kästchen um ein rotes oder ein blaues handelt.

Jeder Durchgang startet mit 100 Punkten und die Probanden entscheiden, wie viele davon sie auf ihre Antwort setzen. Je nach Korrektheit der Antwort werden die Punkte vom ursprünglichen Betrag abgezogen oder gutgeschrieben. Bei Spielsüchtigen zeigt sich bei jedem Punkteverlust nur eine geringe Veränderung der Gehirnareale. Beim Gewinnen ist dies dann allerdings anders, da hier das Belohnungsprinzip greift.

Demnach sind Glücksspielsüchtige oftmals an kurzfristigen Belohnungen interessiert und trauern möglichen Verlusten wenig nach. Das Spiel dient zum Überwinden psychischer Belastungen, da der Gewinn beim Spiel ein emotionales Hoch bereitsstellt.

Einfluss des Internets auf Glücksspiel und Spielsucht

Wer sich früher ins Casino schleichen musste, kann heute bequem über das Internet seiner Glücksspielsucht nachgehen. Zudem bietet das Netz wesentlich mehr Impulse und Möglichkeiten zum Spielen, welche offline früher nicht vorlagen.

Das kann vor allem bei Jugendlichen problematisch werden, da diese noch über eine unausgeprägte Impulskontrolle verfügen und gleichzeitig auf der Suche nach Neuem und Ablenkung sind. Unterschieden wird zwischen einem problematischen und unproblematischen Spielen: Spielt jemand einfach gern ein bestimmtes Spiel, ist das noch keine große Sache. Problematisch ist es allerdings, wenn unkontrolliert und schon fast zwanghaft jede Möglichkeit zum Spielen genutzt wird. Das ist bei Süchtigen meist der Fall.

Allerdings steckt auch hier die Forschung noch in den Kinderschuhen. Daher wäre es ratsam zu untersuchen, welche anderen Verhaltensweise mit Spielsucht bei Jugendlichen einhergehen. Nur so kann das Ausmaß angemessen eingeschätzt und Interventionsmaßnahmen entwickelt werden.

Bei Interventionen und Therapien muss allerdings auch wieder die Impulsivität berücksichtigt werden. Denn diese stellt einen Risikofaktor für den Therapieerfolg dar: Je höher die Impulsivität, desto wahrscheinlicher ist ein vorzeitiger Abbruch der Therapie. Erste Ansätze für Therapien, die auf die Persönlichkeit zugeschnitten sind und damit einen größeren Therapieerfolg versprechen, sind bereits entwickelt worden. Doch auch hier stehen noch weitere Forschungsergebnisse über die Wirksamkeit aus.

Fraglich ist auch, wie sich mit Geld verbundene Angebote in Spielen auswirken. So bieten diverse Spiele sogenannte Pay-to-Win-Optionen an. Hierbei können die Spieler bestimmte Vorteile erkaufen, durch welche sie anderen Mitspielern überlegen sind. Wie sich diese Entwicklung auf das Suchtpotenzial unter Kindern und Jugendlichen auswirkt, ist bisher noch wenig erforscht.

Zusammenfassung

  • Es ist umstritten, ob es sich bei der Sucht nach Glücksspielen um eine psychische Störung handelt oder um eine extreme Ausprägung einer Persönlichkeitseigenschaft.
  • Im DSM 5 gilt Spielsucht als Störung. Zu den Kennzeichen gehören beispielsweise die nur um das Glücksspiel kreisenden Gedanken, das Vertuschen des Spielverhaltens oder auch das Spielen, um negative Emotionen zu bewältigen.
  • In der Forschung standen bisher vor allem die Diagnose und die Entwicklung von Behandlungsmöglichkeiten im Vordergrund. Über die Ursachen ist noch nicht viel bekannt.
  • Spielsucht tritt verhältnismäßig oft mit Impulsivität und Sensation Seeking auf. Jedoch scheint sie nicht zwingend eine Folge von diesen Faktoren zu sein und könnte daher eine eigenständige Persönlichkeitseigenschaft darstellen.
  • Es existieren Modelle zu Subtypen von Persönlichkeit, welche für Spielsucht anfällig machen. Diese beinhalten ebenfalls zum Teil ebenfalls Impulsivität und Aspekte von Sensation Seeking. Doch auch emotionale Verwundbarkeit oder Probleme bei der Regulation von Gefühlen.
  • Untersucht werden können die Zusammenhänge von Persönlichkeit und Spielsucht mit Fragebögen, bildgebenden Verfahren oder kognitiven Untersuchungsparadigmen, wie der Cambridge Gambling Task.
  • Das Internet bietet leichten Zugang zu Glücksspielen und somit auch eine Gefahrenquelle für die Entwicklung einer Sucht. Gerade Jugendliche sind hier im Fokus, da sie noch zum Experimentieren neigen, eine noch unausgereifte Impulskontrolle haben und beim Austesten von Spielen in eine Sucht abrutschen könnten.
  • Der Zusammenhang von Sucht und Persönlichkeit ist gerade im Hinblick auf Behandlungsmethoden von Relevanz.
  • Besonders Personen mit einer hohen Impulsivität neigen dazu, Therapien frühzeitig abzubrechen. Sind Interventionen auf die Persönlichkeit der Patienten zugeschnitten, könnte dies den Therapieerfolg steigern.
  • Generell ist Forschung in diesem Bereich wichtig. Denn bei Spielsucht handelt es sich nicht nur um eine Belastung für die Betroffenen. Auch für deren Angehörigen und anderen sozialen Kontakte kann das Thema zu einer emotionalen und finanziellen Belastung werden.

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