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Was war das St.-Brice’s-Day-Massaker


Als St.-Brice’s-Day-Massaker ging die Ermordung aller in England lebenden Dänen auf Befehl des englischen Königs Æthelred II. am 13. November 1002 in die Geschichte ein. Die Briten hatten schon lange unter den Raubzügen der dänischen Wikinger zu leiden gehabt, als man Æthelred zutrug, die dänische Bevölkerung Britanniens habe sich verschworen und plane seine Ermordung. Um dem zuvorzukommen und Stärke zu demonstrieren, befahl er den Massenmord am Gedenktag des Heiligen Brictius.

Der St. Brice’s Day

Der 13. November ist in der römisch-katholischen Kirche der Gedenktag des Heiligen Brictius von Tours (370 – 444) oder im Englischen St. Brice. Brictius ist kein unumstrittener Heiliger. Zu Lebzeiten stritt er sich oft mit seinem Ziehvater Martinus, dem Bischof von Tours (316 – 397). Martinus, oder im deutschen Sprachraum landläufig St. Martin genannt, war der erste Mensch, der als Bekenner und nicht als Märtyrer heiliggesprochen wurde.

Martinus prophezeite selbst, der streitbare Brictius werde seine Nachfolge als Bischof von Tours antreten, was dann – von Volkes Gnaden – nach dem Tod Martinus‘ auch geschah. Tours liegt im heutigen Frankreich, das damals als Gallien eine Provinz des Römischen Reiches war.

Zum Zeitpunkt des St.Brice’s-Day-Massakers gehörte England noch der römisch-katholischen Kirche an. Die Lossagung von Rom erfolgte erst unter Henry VIII. Tudor (1491 – 1547; deutsch: Heinrich VIII.) am 11. Februar 1531. Allerdings ist die Heiligenverehrung in der anglikanischen Kirche weiter verbreitet als in anderen protestantischen Konfessionen, was vor allem daran liegt, dass Henrys Bruch mit dem Papsttum keine religiöse Motivation hatte, sondern sich in seinem Wunsch, seine erste Ehe annullieren zu lassen, gründete.

Die Konfliktparteien und ihre Anführer

Das St.-Brice’s-Day-Massaker ist die blutige Eskalation eines Konfliktes zwischen den in Großbritannien ansässigen Angelsachsen und den Dänen um das Jahr 1000 n. Chr.

Die Angelsachsen

Die Angelsachsen waren ein Sammelvolk, welches sich primär aus den germanischen Volksstämmen der Angeln aus dem heutigen Schleswig-Holstein und den Sachsen, aber auch Friesen, Jüten und Niederfranken zusammensetzte. Ab dem 5. Jahrhundert besiedelten sie die Britischen Inseln und verdrängten zunehmend die hier ansässigen Kelten und Römer, welche weite Teile des eigentlich keltischen Großbritanniens erobert hatten.

Ab Mitte des 6. Jahrhunderts waren die Angelsachsen das dominierende Volk in Britannien. 597 entsandte Papst Gregor I. (540 – 604; auch genannt: Gregor der Große) 40 Missionare nach Großbritannien, womit die Christianisierung der bis dahin heidnischen Angelsachsen begann. Im 10. Jahrhundert waren die Angelsachsen folglich christlich geprägt und hatten die Feier- und Gedenktage der römisch-katholischen Kirche übernommen.

König Æthelred II. von England

Æthelred aus dem Hause Wessex (968 – 1016), welcher auch den Beinamen „the Unready“, also „der Unfertige“ oder „der Unberatene“ trug, war von 978 bis 1013 und noch einmal von 1014 bis zu seinem Tod König von England. Er war der Sohn König Edgars (943 – 975), auch Edgar der Friedensstiftende, und dessen zweiter Frau Ælfthryth. Nach Edgars Tod war die Thronfolge unklar.

Der älteste Bruder Æthelreds, Eadmund, war bereits 971 verstorben. Seine Halbschwester Eagitha war Nonne. Æthelreds Halbbruder Eadweard war ein ebenfalls minderjähriger Mitbewerber um die Krone, der trotz des Widerstands einiger Adeliger zunächst den Thron als Eadweard II. bestieg. Nach nur drei Jahren auf dem Thron wurde er von Ælfthryth oder einer ihrer Bediensteten bei einem Besuch seines Halbbruders erstochen. So ging er als Eduard der Märtyrer in die Geschichte ein und Æthelred II., dem man schon allein wegen seines Alters keine Mitschuld an dem Mordanschlag auf Eadweard anlastete, bestieg den Thron.

Dänen und Wikinger

Hier besteht eine gewisse Schnittmenge, weshalb sich zwischen den Dänen als Volksstamm und den Wikingern als Sammelbegriff für seefahrende skandinavische Krieger nur schwer trennen lässt.

Die Dänen sind wie die Angeln und Sachsen ein germanischer Volksstamm und namensgebend für das heutige Königreich Dänemark, das im Wesentlichen dem von den Dänen schwerpunktmäßig besiedelten Gebiet entspricht. Doch waren Dänen auch andernorts verbreitet: so etwa im Danelag im Nordosten Englands. Die Christianisierung der Dänen begann mit dem 8. Jahrhundert, soll aber erst in den beiden folgenden Jahrhunderten unter massivem Zwang durchgeführt worden sein. Über den zum Zeitpunkt des St.-Brice’s-Day-Massakers amtierenden König Svend I. ist jedoch verbürgt, dass er Christ war.

Als Wikinger bezeichnet man jenen Teil der skandinavischen Bevölkerung jener Tage, die ufernahe Raubzüge betrieben oder diese gar zum Lebensinhalt erwählten. Da die Wikinger eine sehr heterogene Gruppe bilden, lassen sich keine eindeutigen Aussagen über ihre Glaubensvorstellungen treffen. Manches deutet darauf hin, dass sie gänzlich unreligiös waren, anderes, dass sie den nordisch-germanischen Göttern folgten, und einige Quellen suggerieren, dass sie sogar vor den christlichen Glaubensvorstellungen Kenntnis und Ehrfurcht hatten, wenn sie ihnen auch nicht anhängen mochten.

König Svend I. von Dänemark

Svend Tveskæg (960 – 1014; zu Deutsch: Sven Gabelbart) war der Sohn des dänischen Königs Harald I. Gormsson (910 – 986) und einer nicht namentlich dokumentierten Dienstmagd. Harald wurde auch Harald „Blåtand“ genannt, was „Blauzahn“ bedeutet – damit stand er Namenspate für den Funkstandard Bluetooth, dessen Logo die Runen seiner Initialen vereint: ᚼ (Hagalaz) und ᛒ (Berkano).

Harald starb im Zuge einer Revolte an seinen Verletzungen, obgleich seine Truppen den Sieg hatten davon tragen können. Da seine legitimen Söhne und Erben bereits tot waren, bestieg sein Bastard Svend 986 den Thron, obwohl er einigen Quellen zufolge an der Revolte beteiligt gewesen war, weil er nicht in der Erbfolge berücksichtigt worden sein soll.

Ausgangslage

Schon zu Beginn von Æthelreds II. Herrschaft kam es immer wieder zu Überfällen durch Wikinger, die hin und wieder – etwa 988 bei Wecedport durch Goda, Thane von Devonshire – auch zurückgeschlagen werden konnten. Federführend als Anführer der Wikinger waren Svend I. und Olav I. Tryggvason (968 – 1000), der König von Norwegen. Zu einem wirklich dauerhaften Problem wurden diese Überfälle aber erst ab 997 – primär begangen von den Dänen.

Die Dänen forderten von den Briten Tribut ein, der später als „Danegeld“ in die Geschichtsschreibung einging. Der Begriff „Danegelg“ ist aber in zeitgenössische Quellen nicht belegt.

Die Tributforderungen der Dänen wurden immer höher und Æthelred II. fiel es zunehmend schwerer, sie zu begleichen. Wirklich gewachsen war er den Wikingern aber auch nicht. Im Jahre 1002 trugen seine Berater Æthelred dann zu, die Dänen in Danelag und in anderen Teilen des Landes hätten sich gegen ihn verschworen und planten seine Ermordung.

Das Blutbad am St. Brice’s Day

Aus Furcht oder vielleicht auch, weil er schlicht nicht mehr willens war, das Agieren der Dänen hinzunehmen, aber gewiss auch, um Stärke zu beweisen, befahl Æthelred II. die Tötung aller Dänen in seinem Land. Am 13. November 1002, dem St. Brice’s Day ermordeten königliche Truppen einen Großteil der in England lebenden Dänen, nicht nur in Danelag, sondern auch in London, Bristol oder Oxford.

Unter den Opfern soll sich auch Gunhilde, Tochter von Harald Blauzahn und somit Halbschwester des dänischen Königs Svend I. befunden haben. Ihr Mann Pallig Tokesen war Jarl von Devonshire. Vermutlich zählte auch er zu den Opfern des Massakers. Über die tatsächliche Anzahl der Dänen, die dem Massenmord zum Opfer fielen, ist nichts bekannt. Es wäre demnach möglich, dass die Betitelung als „Massaker“ der Legendenbildung angehört.

Die Folgen

Svend I. sah in dem Massaker keineswegs die erhoffte Demonstration von Stärke, sondern nahm es als Vorwand, den Briten jetzt erst recht das Leben schwer zu machen. Mehr als einmal schickte Svend I. Invasionsflotten gen England aus. Æthelred II. erkaufte sich immer wieder aufs Neue einen Waffenstillstand, nur damit dieser bald darauf ein ums andere Mal von den Dänen gebrochen werden konnte.

1013 war es dann so weit: Svend II. und sein Sohn, der spätere König Knud den Store (995 – 1035; zu Deutsch: Knut der Große) drangen erfolgreich in England ein. Svend I. wurde in Danelag als Herrscher anerkannt. Knud unterwarf Uhtred, den Earl von Northumbria, und Ethelmar, den Earl of Devonshire. Auch London sah sich gezwungen, zu kapitulieren. Æthelred II., seine Frau Elgiva (987 – 1052; deutsch: Emma) und seine Söhne Ēadƿeard se Andettere (1004 – 1066; englisch: Edward the Confessor; deutsch: Eduard der Bekenner) und Alfred Ætheling (1012 – 1036) mussten ins Exil in die Normandie zu Æthelreds Schwager Richard II. (†1026; genannt: Richard der Gute) fliehen.

Svend I. wurde bis zu seinem Tod König von England. Sein Tod ereilte ihn allerdings am 3. Februar 1014, womit seine Herrschaft über England eine überaus kurze war. Æthelred II. kehrte mit einem angeworbenen Heer aus dem Exil zurück und stürzte Knud den Großen, dessen Herrschaft die Briten nicht bereit waren anzuerkennen. Unterstützung erhielt Æthelred II. vom späteren norwegischen König Olav II. Haraldsson (995 – 1030).

1015 ermordete Eadric Streona, Ealdorman of Mercia (†1017) in Oxford die adeligen Brüder Siferth und Morcar aus dem nördlichen Danelag. Æthelred beschlagnahmte den Besitz der beiden und ließ Siferths Witwe Ealdgyth in Malmesbury einsperren. Æthelreds ältester lebender Sohn Edmund Wessex (989 – 1016; genannt: Edmund Eisenseite bzw. Ironside) ehelichte Ealdgyth, womit er sich dem Willen seines Vaters widersetzte, und beanspruchte damit auch den ihr vererbten Besitz.

1015 fiel Knud der Große erneut in England ein und drang bis vor die Tore Londons vor. Æthelred II. starb während jener Belagerung am 23. April 1016. Edmund Eisenseite bestieg den Thron als Edmund II.. Nach der Schlacht von Assandun am 18. Oktober 1016 teilten Knud, der Æthelreds Witwe Elgiva heiratete, und Edmund das Land unter sich auf. Sie vereinbarten, dass wenn einer der beiden sterben würde, der andere die Herrschaft über dessen Teil des Landes übernehmen würde.

Edmund starb einen Monat später. Nach zwei weiteren dänischen Herrschern bestieg 1042 Ēadƿeard se Andettere als letzter angelsächsischer König Englands den Thron. 1066 eroberten die Normannen unter Williame II. (1027 – 1087), der daher als William the Conquerer (Wilhelm der Eroberer) in die Geschichte einging, Großbritannien.

Zusammenfassung

  • Im ausgehenden 10. Jahrhundert war Großbritannien vor allem von den Angelsachsen, einem germanischen Sammelvolk, besiedelt.
  • Herrscher Englands war König Æthelred II., auch Æthelred der Unfertige, aus dem Hause Wessex.
  • Ab 997 mussten sich die Briten zunehmend der Angriffe dänischer Wikinger erwehren. Der dänische König war Svend I. genannt Sven Gabelbart.
  • Die Dänen forderten mit dem „Danegeld“ eine Tributzahlung von den Briten ein. Es wurde für Æthelred II. zunehmend schwieriger, die immer höheren Forderungen der Dänen zu begleichen.
  • 1002 wurde Æthelred II. zugetragen, die in Danelag im Nordosten Englands siedelnden Dänen hätten sich verschworen, um ihn zu ermorden. Deshalb ließ Æthelred am 13. November, dem Gedenktag des Heiligen Brictius (englisch: St. Brice’s Day), alle Dänen in England, derer seine Truppen habhaft werden konnten, töten.
  • Der Massenmord ging als St.-Brice’s-Day-Massaker in die Geschichte ein.
  • Als Reaktion auf das Blutbad, bei dem auch seine Halbschwester Gunhilde umkam, griff Sven Gabelbart England wiederholt an.
  • Letztlich musste Æthelred II. ins Exil in die Normandie fliehen.
  • Nach dem Tod Svend II. kehrte er noch einmal kurzzeitig auf den Thron zurück. Diesen teilten sich später die Söhne Æthelreds und Svends: Edmund Eisenseite und Knut der Große.
  • Knut oder dänisch Knud überlebte Edmund und so herrschte zunächst seine Linie, dann wieder ein Sohn Æthelerds: Eduard der Bekenner (Ēadƿeard se Andettere). Dieser war der letzte angelsächsische König Englands, den 1066 eroberten die Normannen unter Wilhelm dem Eroberer (Williame II.) Großbritannien.

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