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Wer gründete das Oströmische Reich tatsächlich: Gründung als Prozess


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Konstantin der Große wird in der Literatur als Gründer Ostroms bezeichnet. Ihm zu Ehren wurde er in der Hagia Sophia ein Mosaik gefertigt, welches ihn mit dem Stadtmodell Konstantinopels darstellt (um 1000 n.Chr.).


Die Antwort auf die Frage nach der Gründung Ostroms bzw. des Oströmischen Reiches ist sehr komplex. Denn das Oströmische Reich wurde nicht einfach gegründet, sodass es auch keinen nominalen Gründer geben kann. Es gibt aber einige Meilensteine in der römischen Geschichte, die zur Existenz Ostroms, des späteren Byzantinischen Reiches, geführt haben. Und auf die Frage, wer das Oströmische Reich gegründet hat, gibt es, je nach Auffassung unterschiedliche Antworten.

Konstantin der Große als Gründer Ostroms

In den meisten Geschichtsbüchern findet sich aber dennoch ein Gründer. Konstantin I. der Große soll das oströmische Reich begründet haben. Tatsächlich gäbe es Ostrom wohl nicht ohne ihn. Konstantin war seit 306 römischer Kaiser und residierte in Rom und anderen Städten. Um sich vom Senat und dem Adel, aber auch der Opposition römischer Politiker unabhängiger zu machen, ließ er seit 324 in Byzanz eine neue Residenzstadt errichten – welche Konstantinopel (nach ihm) genannt wurde.

Im Jahre 330 erklärte er sie zur Hauptstadt des Römischen Reiches. Es war damals nichts Besonderes, dass Kaiser nicht Rom, sondern andere Städte als Residenz wählten. Roms Vorherrschaft im Römischen Reich brachte dies keinerlei Nachteile. Neben den politischen Zielen, wie sie oben beschrieben wurden, gab es auch noch andere Gründe.

Konstantin I. herrschte seit 327 als Alleinherrscher im Reich und wollte sich in der Geschichte verewigen. Unter seiner Herrschaft wurde das Christentum zur Staatsreligion und er führte zahlreiche Reformen durch, um seine Macht zu festigen, aber auch seinen Status zu verewigen. Seine Regierung stellte für das Rom des vierten Jahrhunderts eine glanzvolle Phase dar, sodass er den Beinamen „der Große“ erhielt.

Konstantinopel als Gegenstück zu Rom

Die Region um Byzanz, das spätere Konstantinopel und moderne Istanbul, lag strategisch gut, konnte schnell verteidigt werden und lag zudem am Schnittpunkt verschiedener Handelsstraßen. Konstantin ließ die Stadt ausbauen und mit prächtigen Palästen und öffentlichen Bauten versehen. Neben dem Kaiserhof kamen auch viele Beamte in die neue Hauptstadt, während der römische Adel und Senat weiterhin in Rom blieb.

Mit der Verlegung der Hauptstadt nach Konstantinopel änderte sich jedoch rechtlich nichts am staatlichen System des Römischen Reiches. Die Macht, die in den Händen des oder der Kaiser (falls mehrere Caesar und Augusti existierten) lag, war unangefochten. Da Konstantin alleine herrschte, brauchte das Römische Reich nur eine einzige Hauptstadt. Ob Konstantin diese Stadt als ständige Hauptstadt in Betracht zog, wissen wir nicht. Fest steht, dass die meisten Kaiser entweder in Rom blieben oder eine eigene Residenz außerhalb erbauen ließen.

In der Spätzeit des Römischen Reiches gab es mehrere Städte, die zu zeitweilig Hauptstadt waren (Trier, Split, Ravenna…). Mit der Ausrufung Konstantinopels war jedenfalls keine Reichsteilung verbunden. Und Nachfolger Konstantins kehrten auch nach Rom zurück. Aber Konstantin der Große hatte mit seiner Gründung Konstantinopels in Kleinasien eine prächtige Stadt gegründet, die in ihrer Pracht den bisherigen Residenzen ins Nichts nachstand. Lediglich an die Pracht Roms konnte die Stadt nicht heranreichen. Sie zog aber viele Politiker, Adelige, Kaufleute und Geschäftsleute an und machte sie zum kulturellen, wie auch politischen Zentrum im östlichen Mittelmeergebiet.

Die Reichsteilung war eine Herrschaftsteilung, somit war Ostrom kein legitimer Staat

Als Kaiser Theodosius 395 starb, hinterließ er zwei Söhne. Er selbst regierte von Mailand aus und hatte für seine Söhne Arcadius und Honorius exklusive Pläne: Sie sollten sich die Macht teilen und jeweils als Kaiser im Osten und Westen regieren. Honorius wurde 395 Kaiser des Westens mit der Hauptstadt Rom und Arcadius im Osten mit Konstantinopel. Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass dieses Ereignis, das als Reichsteilung von 395 bezeichnet wird, wirklich eine Reichsteilung war. Ganz im Gegenteil: Die beiden Kaiser regierten das geeinigte Römische Kaiserreich.

Es war keine Reichsteilung, sondern eine Herrschaftsteilung. Sie sollte helfen, die Verwaltung des riesigen Reiches zu vereinfachen. Dass sie als Reichsteilung bezeichnet wird, ist Resultat unserer modernen, gegenwärtigen Sicht auf die Vergangenheit. 395 wollte niemand das Reich teilen. Es waren geschichtliche Entwicklungen, die danach wirkten, die aus der Herrschaftsteilung knapp einhundert Jahre später eine echte Teilung entstehen ließen. Dennoch kann Arcadius als erster, echter Kaiser von Ostrom (als Hälfte des Römischen Reiches) angesehen werden, auch wenn sein Beitrag zum Entstehen des späteren Byzantinischen Reiches eher bescheiden war.

Der wirkliche Bruch: Der Sturz des Romulus Augustulus

Germanen, Romanen, Goten und andere Stämme überquerten ohne auf Widerstand zu stoßen die Reichsgrenzen und errichteten eigene, kleine Reiche. Die römische Politik hatte dies sogar schon einige Zeit gefördert.

Im Jahr 476 herrschte Kaiser Romulus Augustulus in Ravenna über Westrom, gerade einmal 16 und nur ein einziges Jahr Kaiser. Gegen den Ansturm der Westgoten auf seine Residenz konnte er nichts machen. Odoaker, der König der Westgoten, setzte den jungen Kaiser einfach ab. Ravenna wurde die Hauptstadt des Westgotenreiches auf italischem Boden.

Mit der Absetzung des Kaisers gab es keinen neuen Kaiser mehr in Rom. Sein Vorgänger, Julius Nepos, der seit 474 Kaiser gewesen war und 475 abgesetzt wurde, hatte sich nach Dalmatien zurückgezogen. 476 beanspruchte er die Macht erneut, konnte aber nicht mehr auf italischem Gebiet Fuß fassen. Er wurde 480 ermordet wurde. Nach Julius Nepos wurden keine weströmischen Kaiser mehr ernannt. Damit erlosch die Kaiserherrschaft in Westrom.

Das wahre Ende Westroms wurde zur Gründung des Oströmischen Reiches

Nach dem Ende der Kaiserherrschaft war das (west)-römische Reich jedoch noch keineswegs am Ende. In Rom gab es immer noch die alten republikanischen Institutionen, wie den Senat oder die Konsuln. Sie hatten Rom bereits regiert, als es noch gar keine Kaiserherrschaft gegeben hatte. Und sie verwalteten seit 476, unter Mitwirkung der Goten, die ehemaligen weströmischen Gebiete, auf denen sich nun zahlreiche eigenständige Königreiche gebildet hatten.

Rom selber wurde jedoch weiterhin vom Senat verwaltet. Einen Machtanspruch an das Imperium gab es jedoch nicht. Die wahre Macht war seit 476 vollständig in den Osten, nach Konstantinopel, gelangt. Hier herrschte seit 527 Justinian I. Er versuchte, Italien in zahlreichen Kriegen von den Goten zu befreien, entschloss sich aber, die Herrschaft über die von ihm kontrollierten Gebiete von Konstantinopel aus zu sichern.

Nach 534 gab es keine neuen Konsuln und nach 554 erlosch in Rom auch der Senat. Die Struktur des Weströmischen Reiches war vollständig erloschen. Übrig war nur noch die Osthälfte, die von da ab als Oströmisches Reich bzw. Byzantinisches Reich existierte.

Alle oben genannten Kaiser haben zur Entwicklung Ostroms beigetragen. Einen einzigen Gründer des Ostens gibt es jedoch nicht. Allenfalls Konstantin kann, da er quasi am Anfang steht, als Gründer in Betracht gezogen werden.


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