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Ganzheitspsychologie und Einfluss auf die Wahrnehmung


Die Ganzheitspsychologie bzw. auch Strukturpsychologie genannt ist laut Definition keine eigene Richtung bzw. Strömung innerhalb der wissenschaftlichen Psychologie. Stattdessen stellt sie vielmehr einen Denkansatz innerhalb der Psychologie dar, welcher das Erleben, Handeln und Verhalten der Menschen erklärbarer macht.

Ganzheitspsychologie komplettiert den Ansatz des Behaviorismus

Wenn wir mal ehrlich sind, haben es sich die Vertreter der behavioristischen Psychologie doch ziemlich einfach gemacht. Sie haben zwar bedeutende Erkenntnisse im Hinblick auf das Funktionieren von Lernprozessen durch ihre Experimente gewonnen.

Doch dabei ging es nur um den Zusammenhang von Reiz und Reaktion. Was in dem Individuum noch alles vor sich ging, war überhaupt nicht von Interesse.

Da stellt sich schon die Frage…
Ist die Psyche so einfach gestrickt?

Da vielen die behavioristischen Ansichten der menschlichen Psyche nicht gerecht zu werden schienen, entwickelten sich Gegenpole zu dieser Strömung. Zum Beispiel die humanistische Psychologie, die im Menschen mehr als nur die Summe seiner Erfahrungen sah.

Auch die Gestaltpsychologie oder die kognitive Psychologie lieferten neue Theorien in Bezug auf psychische Prozesse. Die Denkweise der Ganzheitspsychologie ähnelt den Ansätzen der Gestaltpsychologie, legt allerdings ihren Fokus auf die Rolle der Emotionen bei der Wahrnehmung.

Was versteht man unter Ganzheitspsychologie?

ganzheitspsychologie

Auf dem Bild existieren lediglich Striche. Wir organisieren die einzelnen Striche aber so, dass es als sinnvolle Gestalt wahrgenommen wird. Dazu muss das Bild in seiner Gesamtheit erfasst werden und einer internen Schablone zugeordnet werden.

Einzelne Elemente erklären nicht das Ganze.

Die Ganzheitspsychologie ist auch als Strukturpsychologie oder Leipziger Schule bekannt. Ähnlich wie die Gestaltpsychologie besteht auch in dieser psychologischen Denkrichtung die Annahme, dass das Ganze mehr als die bloße Summe seiner Teile ist.

Ins Leben gerufen wurde diese Denkweise von Felix Krueger. Der deutsche Philosoph und Psychologe war der bedeutendste Vertreter der Ganzheitspsychologie. Anders als die Vertreter des Behaviorismus oder der Tiefenpsychologie legte Krueger den Fokus stärker auf die Gefühle eines Individuums. Außerdem wollte er den Begriff der Seele wieder ein wenig aufwerten, indem er den Menschen als eine Einheit zu beschreiben versuchte. Diese menschliche Einheit wird nicht von inneren Trieben oder äußeren Reizen gelenkt.

Eine Annahme der Ganzheitspsychologie ist die komplette Wahrnehmung. Damit ist gemeint, dass die menschliche Wahrnehmung sich nicht einfach nur aus einzelnen Elementen zusammensetzt und damit ein stimmiges Bild ergibt. Viel mehr sind es Erfahrungen, Kontextfaktoren, Einstellungen und Gefühle, die die Wahrnehmung beeinflussen.

Ein paar Beispiele zur Ganzheitspsychologie

Ein Ton für sich macht wenig Sinn. Erst die Summe aller Töne ergibt Musik oder Sprache und erzeugt dadurch Emotionen. Diese Emotionen sind wiederum abhängig von unserer Wahrnehmung und bereits gemachten Erfahrungen.

Oder…

Ein Strich mit einem Bleistift ergibt ebenfalls wenig Sinn. Wenn die Bleistiftstriche zusammenhängend sind, ergeben sie dann Sinn, wenn wir das entstandene Bild bzw. Muster zuordnen können. Ein Mensch, welcher noch nie ein Auto sah – wird auf einem Bild auch kein Auto erkennen.

Oder…

Einzelne Buchstaben ergeben erst einen Sinn, wenn man die Zusammenreihung als bekanntes Wort erkennt.

Bedeutung von Emotionen in der Ganzheitspsychologie

Den Emotionen kommt eine besondere Rolle zu: Ein Reiz ist nicht entscheidend für die auf ihn folgende Reaktion, sondern das mit ihm einhergehende Gefühl. Je nach Gefühlslage ändert sich dementsprechend auch die Wahrnehmung eines bestimmten Sachverhalts.

Das Bild einer Ratte erzeugt bei vielen Menschen automatisch ein Gefühl von Ekel. Vielleicht erzeugt es sogar Gänsehaut, Lähmung oder Ähnliches. In seiner Gesamtheit wirkt sich das wahrgenommene Muster also auch auf Körper, Geist und Emotionen aus.

Die Ganzheit verfügt über Eigenschaften, die seine einzelnen Teile also nicht hätten. Daher wird bei der Ganzheit auch von etwas „Übersummativen“ gesprochen, weil sich eben aus der Verbindung aller Untereinheiten mehr als eine bloße Summe ergibt. Dieses „Mehr“ ist das Ergebnis des gegenseitigen Einflusses der Untereinheiten aufeinander.

Anders als bei der Gestaltpsychologie liegt der Fokus stärker auf den Gefühlen. Nach Krueger beeinflussen Gefühle die Wahrnehmung, was erst zu einer Entwicklung dieser führt. Eine bewusste Wahrnehmung ist demzufolge nicht plötzlich da, sobald ein Reiz eingeht. Die Wahrnehmung wird von den situationsabhängigen Gefühlen beeinflusst und fügt sich dadurch erst langsam zu einem ganzheitlichen Bild zusammen. Dieses Zusammenspiel von Kognition und Emotion wird heutzutage auch in der Werbepsychologie genutzt.

Menschenbild in der Ganzheitspsychologie

Das Menschenbild in der Ganzheitspsychologie ähnelt dem der humanistischen Psychologie. Der Theorie nach handelt der Mensch aus eigenem Antrieb, ist selbstbestimmt und nicht von außen gesteuert. Dieser Antrieb entsteht allein durch das dynamische Zusammenwirken der einzelnen psychischen Prozesse des Individuums.

Ausgangspunkt ist die innere psychische Struktur, die auf die Umwelt reagiert und diese Reize in sich integriert. Dabei findet ein stetiger Prozess der Selbstaktualisierung statt. Das wiederum führt zur Weiterentwicklung und Veränderung der psychischen Strukturen.

Dabei fügt sich die Ganzheit des Menschen aus verschiedensten Faktoren zusammen:

  • Kognitionen,
  • Emotionen,
  • Körper, Geist und so weiter.

Alles ist mit allem verbunden und alle Untereinheiten stehen in ständiger Wechselwirkung zueinander.

Unterschied zwischen Ganzheitspsychologie und humanistischer Psychologie

Wie auch die humanistische Psychologie stellt die Ganzheitspsychologie einen Gegenpol zu behavioristischen oder tiefenpsychologischen Annahmen dar. Bei der Ganzheitspsychologie handelt es sich zwar nicht um eine eigene Strömung, doch Parallelen zur humanistischen Psychologie sind vorhanden.

So haben beide Ansätze sehr ähnliche Ansichten zum Erleben und Verhalten des Menschen. In beiden Fällen ist der Mensch mehr als nur sein erlerntes Verhalten oder ein rein triebgesteuertes Wesen. Während der Behaviorismus das Verhalten allein durch Lernerfahrungen erklärt, nutzt die tiefenpsychologische Psychologie unbewusste Triebe als Basis.

Bei diesen beiden Strömungen geht es also um isolierte psychische Elemente oder Reize, die das Verhalten und Erleben steuern. Sowohl die humanistische Psychologie als auch die Ganzheitspsychologie gehen von einem komplexen Zusammenspiel verschiedenster Einheiten aus, die den Menschen zu einem „Ganzen“ machen. Körper, Seele und Geist bilden eine Einheit.

Die humanistische Psychologie schreibt dem Menschen Selbstbestimmtheit zu und selbiges tut auch die Ganzheitspsychologie. Letztere begründet dies auf Prozesse der Selbstaktualisierung und dem Zusammenspiel von verschiedenen psychischen Einheiten. Dies bedeutet, dass eine körperliche Erfahrung auch die Seele, den Geist und Emotionen berührt, sich dort speichert und diese Unterebenen aktualisiert.

Das Konzept der Ganzheitlichkeit lässt sich ebenfalls in der humanistischen Psychologie finden. Der Unterschied zwischen diesen beiden Ansätzen besteht vor allem darin, dass die Ganzheitspsychologie sich stärker auf das Zusammenwirken einzelner Einheiten konzentriert. Die humanistische Psychologie legt mehr Wert auf die persönliche Entfaltung der eigenen Potenziale, während die Ganzheitspsychologie eher die Dynamiken zwischen verschiedenen Phänomenen zu erklären versucht.

Grundprinzipien und Methoden der Ganzheitspsychologie

Die Ganzheitspsychologie untersucht die Ganzheit, verschiedene Gestalten und Systeme.
In dieser psychologischen Denkweise greifen drei Grundprinzipien:

  1. Emergenz,
  2. Selbstorganisation
  3. und Selbststabilisierung.

Unter Emergenz sind die Beziehungen einzelner Teile zu verstehen, welche erst ein Ganzes bilden. Die Eigenschaften eines Ganzen kommen erst dadurch zustande, dass dessen Untereinheiten miteinander interagieren. Dabei handelt es sich um einen dynamischen Prozess, bei dem die Untereinheiten im Zusammenspiel neue Eigenschaften bilden können.

Daher ist eine Ganzheit mehr als die Summe seiner Teile: Die Ganzheit birgt Eigenschaften in sich, die die einzelnen Teile für sich allein nicht hätten.

Ein weiteres Prinzip ist die Selbstorganisation. Das Zusammensetzen der einzelnen Teile wird als automatischer Prozess angesehen. Da sich die Zusammensetzung von selbst ergibt, ist sie auch nicht von außen aufzuhalten. Ganzheiten sind in der Lage, ihre Strukturen spontan zu erzeugen und selbstständig aufrechtzuerhalten. Daher ist ein Einfluss von außen weder nötig noch möglich.

Mit Selbststabilisierung ist das Streben der Ganzheiten nach Zusammenhalt gemeint. Sie entwickeln von allein eine Ordnung, bei der ein dynamischer Ausgleichprozess stattfindet. Die Ganzheit hält sich auf diese Weise durchgehend selbst in einem ausgeglichenen Zustand.

Nutzung von qualitativen Methoden in der Ganzheitspsychologie

In der Ganzheitspsychologie kommen nur Methoden zur Erfassung psychischer Prozesse zum Einsatz, die sich auf sogenannte Ganzheitseigenschaften beziehen.

Untersucht werden sollen die Funktionen der Untereinheiten eines Ganzen. Umgekehrt jedoch auch die Funktionen des Ganzen auf dessen Untereinheiten. Schließlich wird ein dynamisches Zusammenspiel beider Aspekte angenommen. Die Beziehung zwischen den einzelnen Untereinheiten zueinander ist ebenfalls von Interesse. Außerdem werden die Prozesse der Selbstorganisation untersucht.

Zur Untersuchung der genannten Phänomene eigenen sich quantitative Methoden eher wenig. Bei quantitativen Methoden handelt es sich um die numerische Erhebung von Daten und deren anschließende statistische Auswertung. Hier kommen qualitative Verfahren zum Einsatz. Zu den qualitativen Messmethoden gehören beispielsweise offene Interviews oder Inhaltsanalysen von Dokumenten. Siehe auch qualitatives Paradigma.

Wie nutzt man Ganzheitspsychologie in der Werbung?

Werbung soll den Kunden emotional ansprechen.
Die Produzenten von Werbung machen sich die Prinzipien der Ganzheitspsychologie zu Nutze. Wie auch die Wahrnehmung anderer Menschen, ist die Wahrnehmung der potenziellen Käufer von Produkten durch die individuellen Erfahrungen, Gefühle und Einstellungen geprägt.

Werbung wird daher dahingehend entwickelt, dass sie die Gefühle der Menschen anspricht. Wenn die Werbung positiv wahrgenommen wird, weil sie gute Gefühle in den Kunden auslöst, steigt die Kaufwahrscheinlichkeit.

Und so werden Autos mit geschwungenen Design als sportlich wahrgenommen. Werbung von Schokoriegeln, bei denen Weizenfelder gezeigt werden, als besonders gesund. Und wenn Cornflakes Werbung mit Sport verbunden wird, ergibt sich ebenfalls ein gesundes Gesamtbild.



Falls du mehr zur Psychologie als Wissenschaft erfahren willst, sieh auf unserer Übersichtsseite nach.

Über den Autor:

Mein Name ist Mathias Mücke und ich bin Autor und Inhaber von ScioDoo.

Das Ziel von ScioDoo ist es, dass du hier Informationen findest, welche du für deinen Alltag, Schule, Studium oder eine betriebliche Weiterbildung brauchst.

Aber nicht nur das...

Gleichzeitig will ich das Wissen recht unterhaltsam servieren, so dass du vielleicht mal wiederkommst.

Ich weiß selbst, dass dieser Ansprung enorm ist.

Aber deshalb arbeite ich auch jeden Tag an mir und an diesem Projekt, so dass du auch jeden Tag neues kostenloses Wissen bekommst.

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Also bis später vielleicht.

LG Mathias Mücke


Tasse

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