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Die 10 individuellen Einflüsse auf die Wahrnehmung


Unsere Wahrnehmung kann durch eine Reihe verschiedenster Faktoren beeinflusst werden. Dazu zählen unter anderem unsere Gefühle, Motive, Interessen und Werte. So setzen uns beispielsweise Emotionen wie Wut oder Angst eher Scheuklappen in Bezug auf die Wahrnehmung auf, während Freude unseren Blick weitet.

Bedürfnisse wollen erfüllt werden. Verspüren wir ein bestimmtes Bedürfnis – zum Beispiel Hunger – dann ist unsere Wahrnehmung vornehmlich auf Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet. Auch unsere Interessen beeinflussen uns dahingehend, was wir wahrnehmen und was nicht.

Wie all diese und weitere Faktoren zusammenspielen und sich auf die Wahrnehmung auswirken, schauen wir uns in den folgenden Abschnitten genauer an.

1. Gefühle beeinflussen die individuelle Wahrnehmung

Emotionen und Wahrnehmung entstehen beide im Gehirn und ebnen sich gegenseitig den Weg. Denn was wir fühlen, wirkt sich auf unsere Wahrnehmung aus. Im Umkehrschluss nimmt unsere Wahrnehmung allerdings auch wiederum Einfluss auf unser Gefühlsleben.

Als Basisemotionen nach Paul Ekman gelten Freude, Wut, Trauer, Überraschung, Ekel, Verachtung und Angst. Doch wie wirken sich Emotionen nun auf die Wahrnehmung aus? Dazu schauen wir uns einige von ihnen einmal genauer an.

Kommen wir zuerst zur Angst. Wie siehst du die Welt um dich herum, wenn du Angst verspürst? Vermutlich kommt sie dir alles in allem bedrohlicher vor als sonst. Daher bist du aufmerksamer gegenüber bestimmten Reizen, wobei deine generelle Wahrnehmung allerdings eher verengt ist.

Du bist dann auf die Angst und damit auf potenziell gefährliche Situationen, Objekte oder Menschen fokussiert und nimmst positive Reize kaum oder gar nicht mehr wahr. Im Extremfall kann es zu Formen von Paranoia kommen. Jemand denkt in diesem Fall, dass andere Personen etwas gegen ihn im Schilde führen. In diesem Zustand werden nur noch Indizien „entdeckt“, die für die eigene Vermutung sprechen.

Widersprechende Hinweise werden unbewusst ignoriert oder als falsch abgetan. Selbst wenn keine objektive Gefahrensituation besteht, empfinden Menschen eine reale Angst. Diese kann allerdings von Außenstehenden nicht immer nachvollzogen werden.

Ähnlich verhält es sich bei Wut, wo es häufig zu einem Schwarz-Weiß-Denken kommt. Dieses führt schnell dazu, die Schuld für die eigene Wut bei anderen zu suchen. Denn dem Schwarz-Weiß-Denken zufolge, ist jeder der kein Freund ist, automatisch der Feind.

Auch Wut verengt also (ebenso wie Angst) die Wahrnehmung. Fehler werden bei anderen Personen gesucht, im schlimmsten Fall werden diese auch noch niedergemacht. Beziehungsprobleme – egal ob in Partnerschaft, Familie, Freundschaften oder im Berufsleben – können die unmittelbare Folge sein. Es folgen Vorwürfe, Schuldzuweisungen und es wird nur noch nach dem sprichwörtlichen Haar in der Suppe gesucht.

Auch Trauer hat ihre Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen. So erscheint nach einem einschneidenden Erlebnis vielleicht auch unser gesamtes Leben plötzlich hoffnungslos und leer. Das kann aufgrund eines Jobverlusts der Fall sein, nach einer Trennung oder auch die Reaktion auf die Diagnose einer schweren Krankheit. Wenn wir Trauer empfinden, nehmen wir unsere eigene Verwundbarkeit und auch unsere Bedürfnisse stärker wahr.

Zum Abschluss werfen wir noch schnell einen Blick auf eine positivere Emotion: Freude. Wie ist es um unsere Aufmerksamkeit bestellt, wenn wir uns freuen? Anders als bei den eben genannten Emotionen folgt bei Freude keine Verengung des Wahrnehmungsfokus. Das Gegenteil ist der Fall. Sind wir freudig gestimmt, weitet sich unser Blick und wir nehmen die Welt weder bedrohlich noch hoffnungslos wahr. Stattdessen haben wir das Gefühl, dass uns viele Wege offenstehen, dass unsere Mitmenschen uns wohlgesonnen sind und die Welt ein sicherer Ort ist.

Doch auch bei der Freude gibt es einen Haken. Erleben Menschen solche positiven Emotionen eher selten, können sie von einer Welle der Euphorie mitgerissen werden. Das ist beispielsweise bei manisch-depressiv erkrankten Menschen der Fall. Während sie in einer depressiven Phase unter anderem an Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit und Interessenverlust leiden, findet in einer manischen Phase eine 180-Grad-Drehung statt. Die Stimmung ist extrem gehoben und teilweise gereizt. Ihre Gedanken rasen, es kommt zur Selbstüberschätzung und auch zu unkontrolliertem Verhalten.

2. Stimmungen beeinflussen die individuelle Wahrnehmung

Neben Emotionen haben auch Stimmungen einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung.
Zunächst sollten wir allerdings erst einmal den Unterschied zwischen den beiden Begriffen „Stimmung“ und „Emotion“ definieren. Bei Stimmungen sind sie Ursachen nicht zwingend bekannt. Bei Emotionen schon. Wir verspüren beispielsweise Trauer, weil eine uns nahestehende Person verstorben ist.

Es kann allerdings auch sein, dass wir morgens aufstehen und direkt schlechte Laune haben – ohne zu wissen, was der Grund dafür ist. Außerdem werden Stimmungen definitionsgemäß häufig als länger andauernde Gefühlszustände beschrieben, welche allerdings weniger intensiv sind als Emotionen.

Wir neigen dazu, vornehmlich Dinge wahrzunehmen, die unsere Überzeugungen stützen. Was wir gerade von der Welt um uns herum halten, hängt auch von unserer Stimmung ab. Ähnlich wie bei positiven und negativen Emotionen kann sich unser Wahrnehmungsfokus nicht nur bei schlechter Stimmung verengen beziehungsweise bei guter Stimmung weiten.

Auch beeinflusst unsere Stimmung die Aufnahme von Informationen, welche unser Gehirn letztendlich verarbeitet. Das führt auch dazu, wie wir beispielsweise an Probleme herangehen. Befinden wir uns in einer positiven Stimmung, finden wir schneller kreative Lösungen.

3. Bedürfnisse und Triebe beeinflussen die Wahrnehmung

Motive treiben uns an und beeinflussen, was wir sehen.
Motive können beispielsweise das Bedürfnis nach Schlaf oder Hunger sein. Herrscht ein bestimmtes Bedürfnis oder Motiv vor, so streben wir in der Regeln stark nach der Erfüllung eben dessen. Stelle dir dazu einmal vor, dass du durch die Fußgängerzone einer dir recht gut bekannten Stadt schlenderst. Irgendwann meldet sich dein Magen. Du bekommst Hunger und hältst Ausschau nach einer Möglichkeit, etwas zu Essen zu bekommen.

An dieser Stelle übt das Bedürfnis Hunger einen starken Einfluss auf deine Wahrnehmung aus. Vielleicht warst du eigentlich in die Stadt gegangen, um ein Geschenk für den Geburtstag einer Freundin zu besorgen. Doch in dem Moment, als dein Hunger sich meldet, wird diese Absicht erstmal hintergründig. Jetzt fallen dir plötzlich erst die unzähligen Bäckereien, Imbisse und Cafés auf. Kurz zuvor war deine Wahrnehmung vermutlich eher noch auf Geschenkläden, Parfümerien oder Buchhandlungen ausgerichtet.

4. Interessen und Wertvorstellungen als Faktoren, welche die Wahrnehmung beeinflussen

Was uns nicht interessiert, dem schenken wir in der Regel eher wenig Aufmerksamkeit.

Das heißt…
Was wir wahrnehmen und was nicht, wird auch von unseren Interessen gesteuert. Vielleicht ist dir das schon mal aufgefallen, wenn du mit jemandem spazieren warst, der sich brennend für Autos interessiert. Während diese Person plötzlich ins Schwärmen gerät, weil ein bestimmtes Modell des Autoherstellers XY an euch vorbeigefahren ist, hast du dieses Auto nicht einmal bemerkt. Du interessierst dich eben nicht für Autos.

Werte sind nicht stabil und können sich ändern. Was dir wichtig ist, bleibt also nicht konstant über dein gesamtes Leben gleich. Dennoch beeinflussen sie unsere Wahrnehmung. Sie bilden ebenfalls eine Art Brille, durch die wir die Welt betrachten. Doch nicht nur deine eigenen Wertvorstellungen können sich verändern, sondern sie unterscheiden sich auch von denen anderer Menschen.

Das kann nicht nur zu unterschiedlichen Wahrnehmungen eines bestimmten Objekts oder Themas kommen, sondern auch zu Konflikten führen. Letzteres ist dann der Fall, wenn eure Werte nicht kompatibel sind und eure Sichtweisen zu stark voneinander abweichen.

5. Einstellungen und Vorurteile wirken sich auf die Wahrnehmung aus

Vorurteile sind vor allem soziale Gebilde.
Wir alle tragen bestimmte Stereotype in unserem Denken, die sich auf bestimmte Personengruppen beziehen. Aufgrund dieser Stereotype kategorisieren wir andere Menschen. Eine Steigerung von Stereotypen sind Vorurteile. Der Unterschied zwischen beiden liegt darin, dass Stereotype relativ unbewusst und automatisch ablaufen, während es sich bei Vorurteilen um generelle Einstellungen handelt.

Doch beide haben einen Einfluss auf die Wahrnehmung. Wie schon angedeutet, tendieren wir zur Suche nach bestätigenden Informationen. Unsere Wahrnehmung richtet sich auch an Einstellungen aus und wir sammeln vornehmlich Informationen, die unsere Einstellung bestätigen.

Haben wir demnach ein bestimmtes Vorurteil über eine Gruppe, dann suchen wir gezielt nach Hinweisen, die dieses Vorurteil stützen und verstärken. Treffen wir in unserer Wahrnehmung allerdings auf Informationen, die diesen Vorurteilen widersprechen, tun wir diese schnell als Ausnahmen ab.

Mitglieder einer bestimmten Gruppe haben in unserer Vorstellung bestimmte Eigenschaften. Weisen diese Gruppenmitglieder in ihren Merkmalen oder Verhaltensweisen von unserem „Schubladendenken“ ab, dann reden wir uns ein, dass diese Person vielleicht eine Ausnahme darstellt. Alle anderen Gruppenmitglieder seien allerdings genau unserem Vorurteil entsprechend.

Ein Hinterfragen der eigenen Denkweisen wäre daher wünschenswert, ist allerdings leider eher selten.

6. Intelligenz und Begabung verändern die Wahrnehmung

Wie und ob Intelligenz und Wahrnehmung zusammenhängen, ist noch nicht ganz klar.
Zwar scheint es einen Zusammenhang zu geben, doch ist die Intelligenz scheinbar kein allzu großer Einflussfaktor auf die Wahrnehmung an sich. Mit ihr zusammenhängende Konstrukte wie Aufmerksamkeit und Konzentration können die Wahrnehmung, Gedächtnis- und Lernprozesse zwar beeinflussen. Doch die Höhe des IQs hat nicht zwingend einen Einfluss darauf, was wir wahrnehmen und was nicht.

Umgekehrt ist es jedoch eher der Fall. Was wir wahrnehmen beeinflusst unsere Gedächtnisprozesse. Diese Verschränkungen können wiederum zu bestimmten Intelligenzleistungen beitragen. So können bestimmte Tests, die sich auf die Wahrnehmung konzentrieren, für die Prognose der Intelligenz genutzt werden.

7. Fähigkeiten und Fertigkeiten und deren Einfluss auf die individuelle Wahrnehmung

Was wir können und was nicht, hat einen Einfluss auf unser Selbstbild.
Und dieses wiederum hat einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung. Nehmen wir einmal das Beispiel einer Prüfungssituation.

Wer von seinen Fähigkeiten überzeugt ist, glaubt daran gut genug vorbereitet zu sein und nimmt die Situation relativ entspannt wahr. Anders hingegen verhält es sich, wenn jemand ein negatives Bild über seine eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten hat. Diese Person nimmt die Situation als Bedrohung wahr, hat Angst zu versagen und blockiert sein eigenes Leistungspotenzial durch eben diese Angst.

Folgt im Anschluss eine schlechte Note, wird darin die Bestätigung der eigenen Unzulänglichkeiten gesehen und die nächste Prüfung läuft ebenso stressvoll ab.

Andere Einflüsse und Faktoren, welche auf die individuelle Wahrnehmung einwirken

8. Alter: Wie nehmen unsere Welt als Kinder anders wahr als im Erwachsenenalter. So sehen wir beispielsweise unsere Eltern im Kindesalter mit völlig anderen Augen. Sie erscheinen uns als unfehlbar, allwissend und schlichtweg perfekt. Im Laufe unserer Entwicklung ändert sich das.

Wir erkennen, dass unsere Eltern auch nur Menschen sind, die ihre Eigenarten und Fehler haben. Später im Leben kommen altersbedingte Einschränkungen hinzu, die unsere Wahrnehmung verändern. Dazu zählen beispielsweise Schwerhörigkeit oder ein vermindertes Sehvermögen.

9. Hormone: Die räumliche Wahrnehmung scheint mit den Sexualhormonen zusammenzuhängen. So schnitten Frauen in Studien zu Beginn ihres Zyklus am schlechtesten ab, wenn es um die räumliche Wahrnehmung ging. Zu diesem Zeitpunkt ist der Östrogenlevel recht hoch. Während der Menstruation fällt das Östrogen ab und der Testosteronspiegel steigt. In dieser Phase schnitten die Probandinnen am besten bei den Tests ab. Ob es jetzt allerdings ausschließlich m Testosteron lag, bleibt noch zu klären.

10. Drogen: Bestimmte Substanzen führen zu einer veränderten Sinneswahrnehmung. Halluzinationen können beispielsweise beim Konsum von LSD entstehen. Es werden Dinge gesehen, gehört oder gefühlt, die nicht vorhanden sind. Die Ursache für die verzerrte Wahrnehmung ist das Andocken der halluzinogenen Substanzen an Rezeptoren, die eigentlich die Reizübertragung für die Wahrnehmung steuern.

Zusammenfassung

  • Die Wahrnehmung kann durch positive Emotionen geweitet und durch negative verengt werden. Ähnlich verhält es sich bei schlechter und guter Stimmung.
  • Bedürfnisse steuern die Wahrnehmung dahingehend, dass sie schnellstmöglich erfüllt werden. Haben wir Hunger, nehmen wir plötzlich verstärkt Lebensmittelangebote wahr.
  • Interessen und Werte zeigen uns, was für uns wichtig ist. Diese Dinge erfahren dann verstärkt unsere Aufmerksamkeit.
  • Doch auch soziale Aspekte wie Vorurteile können die Wahrnehmung beeinflussen. So suchen wir verstärkt nach Hinweisen, die unsere Einstellung untermauern.
  • Intelligenz an sich scheint eher wenig Einfluss auf die Wahrnehmung zu haben, doch unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten lassen uns Situationen unterschiedlich wahrnehmen. Haben wir hinsichtlich unserer Fähigkeiten ein positives Selbstbild, so trauen wir uns mehr zu und so manche Situation wirkt weniger bedrohlich.
  • Andere individuelle Faktoren wie das Alter, Hormone oder auch der Konsum von Drogen können sich ebenfalls auf die Wahrnehmung auswirken.

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