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Linguistischer Determinismus: Definition, Bedeutung und Beispiele


Die Sprache und das Denken hängen in vielerlei Hinsicht zusammen. Was jemand zu uns sagt, kann beeinflussen, was wir über diese Person, das besprochene Thema oder uns selbst denken. Allerdings hat unser Denken zudem auch einen Einfluss auf unsere Sprache. Denn ohne das Denken, könnten wir keine vernünftigen Sätze bilden oder uns verständlich ausdrücken.

Unseren Standpunkt können wir anderen auch erst dann vermitteln, wenn wir über diesen nachgedacht haben. Zur Wirkrichtung gibt es bereits lange Diskussionen. So besteht die Annahme des linguistischen Determinismus darin, dass unserer Denken von der Sprache determiniert ist – also von unserer jeweiligen (Mutter-)Sprache bestimmt wird.

Was ist der linguistische Determinismus?

Die Hypothese des linguistischen Determinismus stammt vom Linguisten Benjamin Lee Whorf.
Dieser vertrat Mitte der 1950er Jahre die Ansicht, dass unsere Art zu denken von unserer jeweiligen Muttersprache geformt wird. Dafür gibt es schließlich auch verschiedenste Beispiele. So beeinflusst etwa die Richtung der Schrift unsere Vorstellung von Zeit.

Stelle dir ein Experiment vor, bei dem die Versuchspersonen Bilder nach der chronologischen Reihenfolge sortieren sollen. Wie würdest du die Fotos sortieren? Von links (Vergangenheit) nach rechts (Zukunft) oder andersherum? Oder würdest du dich für eine vollkommen andere Anordnung entscheiden?

Die Anordnung ist durch die Muttersprache bestimmt

In solchen Experimenten zeigte sich, dass Menschen sich darin hinsichtlich ihrer Sprache unterscheiden. Sprechen wir Französisch, Englisch oder Deutsch, dann schreiben wir von links nach rechts. Auf dieselbe Weise sortieren wir im Normalfall auch zeitliche Abfolgen. Allerdings ist es zum Beispiel in der arabischen Sprache umgekehrt. Hier wird von rechts nach links geschrieben. Und auf dieselbe Art und Weise wird in dem Fall auch die zeitliche Abfolge „gelesen“.

Noch einmal komplett anders würde dieses Experiment mit einem Aborigine ausfallen. Die australischen Ureinwohner haben nämlich keine Worte für „links“ und „rechts“, sondern orientieren sich ausschließlich an den Himmelsrichtungen. Bei ihnen würde die Anordnung der Bilder von Osten nach Westen verlaufen. Sie würden die Bilder also abhängig von ihrer eigenen Position im Raum anders hinlegen. Von links nach rechts, rechts nach links, von oben nach unten oder umgekehrt: Die Anordnung hängt bei ihnen von den Himmelsrichtungen ab.

Wird die Realität wird durch unsere Sprache geformt?

Whorf selbst führte das Beispiel der Hopi-Indianer an. Deren Sprache besitzt keine Vergangenheitsformen für Verben. Daher hätten sie Probleme, an vergangene Ereignisse zu denken. Die Hypothese des linguistischen Determinismus geht also gleichzeitig davon aus, dass eine Sprache das Denken eben auch einschränkt und uns gedankliche Grenzen setzt.

Das impliziert zudem die Annahme, dass wir bestimmte Gedanken anderssprachiger Menschen nicht oder nur schwer nachvollziehen können. Whorf nahm demnach an, dass mithilfe der Sprache nicht die tatsächliche Realität abgebildet wird. Viel mehr ist die Sprache für die Bildung einer bestimmten Realität zuständig.

Sprache beeinflusst nicht die Biologie

Allerdings waren Whorfs Annahmen zum linguistischen Determinismus viel zu drastisch. Schließlich sind Menschen durchaus in der Lage, an Dinge zu denken, für die sie keine Worte haben. Zusätzlich denken wir häufig in Bildern, wofür ebenfalls keine Sprache notwendig ist.

Auch in Bezug auf die Realitätsbildung hatte Whorf nicht in allen Bereichen recht. Zwar kann die Sprache zum Beispiel die Wahrnehmung von Zeit und Raum in gewisser Weise beeinflussen. Doch ist es nicht so, als würde die Sprache uns für bestimmte Dinge „blind“ machen. Zum Beispiel können wir sehr wohl verschiedene Farbtöne wahrnehmen, auch wenn wir in unserer Sprache (oder andere Sprachen) keine expliziten Begriffe dafür haben.

Nur weil uns Worte fehlen, haben wir dennoch die für die Farbwahrnehmung relevanten Rezeptoren auf der Netzhaut unserer Augen. Ebenso verhält es sich mit Empfindungen und Emotionen. Auch wenn eine Person in ihrer Sprache zum Beispiel keine Bezeichnung für das Gefühl Schadenfreude hat, kann sie sie dennoch empfinden.

Die Theorie des linguistischen Determinismus war nicht neu

Zudem war die Hypothese eigentlich schon vor den Ausführungen Whorfs vorhanden. So ging bereits Wilhelm von Humboldt im 19. Jahrhundert davon aus, dass die Sprache das eigene Weltbild prägt.

In gewisser Weise stimmt das auch. Ein Beispiel dafür ist der Gebrauch des generischen Maskulinums in der deutschen Sprache. Studien haben mittlerweile gezeigt, dass wir vor allem an Männer denken, wenn beispielsweise von Berufsgruppen sprechen. Wenn jemand krank ist, heißt es meist nur „Ich muss zum Arzt“. Dabei haben wir in der Regel direkt das Bild eines männlichen Arztes vor Augen. Und zwar auch dann, wenn diese Person eine Ärztin meint.

Außerdem schreiben wir selbst Objekten entsprechend ihres grammatischen Geschlechts bestimmte Eigenschaften zu. So erhalten Objekte mit einem weiblichen Artikel häufig Bezeichnungen wie klein, elegant oder fein. Wohingegen Gegenstände mit männlichem Artikel eher als stark oder sogar gefährlich betitelt werden.

Wie stark der Einfluss der femininen oder maskulinen Artikel ist, zeigt sich zum Beispiel an den Unterschieden im Deutschen und Spanischen. Hier variieren die Artikel zum Teil. So ist etwa der Mond im Spanischen weiblich, während die Sonne einen maskulinen Artikel hat. Also genau andersherum als in der deutschen Sprache.

Die Hypothese des linguistischen Determinismus gilt mittlerweile als überholt beziehungsweise widerlegt. Dennoch ist ein Zusammenhang zwischen Sprache und Denken vorhanden. Es ist nur nicht so drastisch, wie von Whorf angenommen.

Zusammenfassung

  • Die Hypothese des linguistischen Determinismus wurde vom amerikanischen Linguisten Benjamin Lee Whorf Mitte der 1950er Jahre entwickelt.
  • Sie besagt, dass der Mensch durch seine Sprache im Denken bestimmt und auch eingeschränkt wird.
  • Whorf machte seine Aussagen vor allem am Beispiel der Hopi-Indianer fest. Diese haben in ihrer Sprache keine Vergangenheitsform für Verben. Dadurch soll das Denken in der Vergangenheit problematisch sein.
  • Die Hypothese von Whorf ist zu extrem formuliert und gilt als widerlegt. Schließlich kann der Mensch auch an Dinge denken, für die er keine Worte in seiner Sprache hat.
  • Auch die Bildung der Realität mithilfe der Sprache trifft nur bedingt zu. Sprache kann biologische Wahrnehmungsprozesse nicht ändern. Nur weil wir kein Wort für eine bestimmte Farbe haben, können wir sie dennoch sehen.
  • Whorf hat mit seinen Überlegungen das Rad nicht neu erfunden. Bereits in 19. Jahrhundert war Humboldt ebenfalls der Annahme, dass die Sprache einen bedeutenden Einfluss auf das menschliche Denken und Weltbild hat.

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