Skip to main content

Denken in Bildern und bildhaftes Lernen: Gehirnprozesse, Ursachen und Hintergründe


Menschen denken sowohl in Bildern als auch in Worten. Welche Form des Denkens gerade den Vorrang hat, hängt von der Situation ab. Bei der Lösung von Problemen können beide Varianten hilfreich sein.

Bildhaftes Denken hat allerdings in manchen Bereichen noch ein paar nette Nebeneffekte. In diesem Artikel erfährst du, was beim bildlichen Denken im Gehirn passiert, wann diese Form des Denkens zum Einsatz kommt und wie du durch mentales Training deine Noten verbessern kannst. Klingt gut? Dann viel Spaß beim Lesen.

Bildhafte Selbstgespräche – Sprache und Denken hängen oft zusammen

Stell dir vor, du gehst eine Straße entlang. Dir kommt jemand entgegen, der in ein Gespräch vertieft ist. Allerdings siehst du sonst niemanden. Was denkst du von dieser Person? Hältst du sie für verrückt, weil sie Selbstgespräche führt? Doch tun wir das nicht in gewisser Weise alle? Wir reden ständig im Geiste mit uns selbst. Um es mit den Worten des Philosophen und Neurowissenschaftlers Sam Harris auszudrücken: „Wir reden alle durchgängig mit uns selbst – wir haben nur die gesunde Intuition, unseren Mund dabei geschlossen zu halten.“

Sprache und Denken sind unweigerlich miteinander verknüpft. Das steht außer Frage. Das Denken kann seinerseits die Sprache beeinflussen und die Wirkung der Sprache auf das Denken wurde ebenfalls mehrfach belegt. Doch ist das Denken dann auch nur möglich, wenn wir über eine Sprache verfügen?

Die Antwort lautet „nein“.

Denn Bewegungen stellen wir uns meistens bildlich vor

Eine Vielzahl unserer Gedanken finden nicht in Worten, sondern in Form von Bildern statt. Wenn es zum Beispiel um Bewegungsabläufe geht, dann kommt unser prozedurales Gedächtnis ins Spiel. Und dieses kommt weitgehend ohne Worte aus. Würden wir automatisierte Bewegungen zunächst einmal im Geiste ausformulieren, würde das eine Menge Zeit in Anspruch nehmen. Oder sprichst du dir beim Autofahren jeden Schritt im Kopf vor?

Mit welchem Fuß du auf welches Pedal drückst und wann du in den nächsten Gang schaltest, hast du zwar unter anderem unter Zuhilfenahme der Sprache gelernt. Doch die Ausführung der Bewegung bedarf keiner Sprache mehr. In der Regel haben wir ein mentales Bild über den Ablauf vor Augen.

Bildliche Vorstellungen können Leistungen verbessern

Bei manchen Menschen überwiegt das Denken in Bildern sogar. Künstler, Dichter oder Komponisten denken häufig auf diese Art und Weise. Doch selbst Mathematiker und Wissenschaftler gehen häufig bildhaften Gedankengängen nach.

So soll zum Beispiel auch Albert Einstein seine wissenschaftlichen Erkenntnisse erst in bildhafter Form gehabt haben und fand erst im Nachhinein die richtigen Worte dafür. Komponisten verbessern ihre Fähigkeiten, wenn sie sich das Üben am Klavier bildlich vorstellen. Bei Sportlern scheint dieses Vorgehen ebenfalls einen positiven Effekt auf die athletischen Leistungen zu haben.

Mehr Treffer durch mentales Training

Zur Veranschaulichung ein kleines Beispiel…
Die Forscher Savoy und Beitel begleiteten im Rahmen ihrer Untersuchung in der Mitte der 1990er die Spielerinnen des Basketballteams der Universität Tennessee bei 35 Spielen. Ausschlaggebend war die Quote der Freiwürfe pro Spiel.

Diese stieg innerhalb des genannten Zeitraums von 52 Prozent auf etwa 65 Prozent. Das normale Trainingsprogramm wurde gegen ein mentales Training ersetzt. Beim mentalen Training sollten die Frauen sich den Ablauf eines Freiwurfs zu unterschiedlichen Bedingungen vorstellen. Am Ende gewann die Mannschaft sogar einen bundesweiten Wettkampf und der Sieg war zum Teil auf die erfolgreichen Freiwürfe zurückzuführen.

Bewegung stimuliert das Gehirn

Dabei ist es egal, ob wir die Bewegung selbst ausführen, beobachten oder uns vorstellen. Im Gehirn passiert bei der bildhaften Vorstellung folgendes: Haben wir bestimmte Bewegungen bereits gelernt und verinnerlicht, dann reicht das bloße Ansehen zur Aktivierung neuronaler Netzwerke.

Diese sind auch dann aktiv, wenn wir diese Bewegungen selbst ausführen. Das stellten beispielsweise Clavo-Merino und sein Forscherteam im Jahre 2004 mittels Kernspintomografien fest. Sie ließen die Versuchspersonen während der Untersuchung Videos ansehen und beobachteten, wie die gesehenen Handlungen bestimmte Bereiche des Gehirns aktivierten.

Doch nicht nur das Ansehen von Bewegungen stimuliert das Gehirn auf diese Weise. Gleiches passiert auch, wenn wir uns eine körperliche Handlung vorstellen. Dabei erzeugen wir das Bild also selbst und sehen kein Video – die Stimulierung gelingt demnach auch aus dem Inneren heraus und nicht nur durch einen äußeren Reiz.

Aufgrund der bisherigen Kenntnisse über die Effekte bildhafter Vorstellungen auf das Gehirn gehört mittlerweile sogar bei Sportlern der olympischen Spiele das mentale Üben auf dem Programm.

Bildliches Lernen und gute Noten durch Vorstellungskraft?

Das mentale Üben kann sich allerdings nicht nur auf das sportliche Können auswirken. Untersuchungen mit studentischen Testpersonen zeigten, dass diese Form der Übung die akademischen Leistungen ebenfalls positiv beeinflussen kann. Doch bevor du jetzt denkst „Super! Ich stelle mir einfach vor, dass ich eine Eins schreibe und muss mir keinen Stress mehr beim Lernen zu machen“ – so einfach ist es dann doch leider nicht. Warum das so ist, zeigt dir folgendes Experiment.

Der Forscher Taylor und Kollegen haben 1998 Studierende des ersten Semesters eines Psychologiestudiengangs in drei Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe bekam unterschiedliche Anweisungen. So sollte sich die erste Gruppe vorstellen, wie sie ihre korrigierte Klausur zurückbekommen und sich über die Note Eins freuen. Das sollten sie zwei Wochen lang täglich fünf Minuten lang tun.

Die zweite Gruppe hingegen sollte sich vorstellen, wie sie ihre Lehrbücher durchgehen, Notizen machen, sich nicht ablenken lassen und Versuchungen widerstehen. Sie sollten sich also vorstellen, wie sie motiviert und konzentriert lernen. Die Mitglieder der Gruppe Nummer drei bekamen gar keine Anweisungen. Sie dienten damit als Kontrollgruppe.

Der Weg zum Ziel ist wichtig

Nach der Klausur wurden die Ergebnisse der drei Gruppen miteinander verglichen. Der Effekt der Ergebnissimulation (sie stellten sich nur die gute Note vor) in Gruppe eins fiel eher ernüchternd aus. Es zeigte sich zwar ein geringer Effekt, doch unterschieden die Studierenden dieser Gruppe sich gerade einmal um zwei Punkte von der Durchschnittsnote der Kontrollgruppe.

Hatten die Studierenden die Prozesssimulation durchlaufen (Gruppe zwei), fiel der Unterschied schon deutlicher aus. Sie waren um acht Punkte besser als der Durchschnitt. Doch was war bei dieser Gruppe anders? Die bildhafte Vorstellung vom aktiven Lernen veranlasste die Studierenden zu einer früheren Prüfungsvorbereitung. Sie fingen jedoch nicht nur früher mit dem Lernen an, sondern blieben auch ausdauernder dabei.

Die Studie lässt den folgenden Schluss zu: Um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, solltest du dir nicht nur das Endergebnis vor Augen halten. Stattdessen solltest du dir ebenfalls vorstellen, was zu Erreichung des Ziels nötig ist.

Zusammenfassung

  • Wir alle führen Selbstgespräche. Jedoch tun wir das meist im Geist und ohne dabei zu sprechen.
  • Sprache und Denken beeinflussen sich gegenseitig. Das Denken ist allerdings auch ohne Sprache möglich.
  • Bildhaftes Denken geschieht vor allem im Zusammenhang mit Bewegungsabläufen.
  • In Form von mentalem Training kann bildhaftes Denken künstlerische, wissenschaftliche, sportliche und akademische Leistungen positiv beeinflussen.
  • Sich allein das Ziel vorzustellen reicht zur Verbesserung nicht aus. Statt einer Ergebnissimulation sollte eine Prozesssimulation durchgeführt werden. Dabei werden Schritte auf dem Weg zum Ziel mental und bildhaft durchgespielt. Das unterstützt die Zielumsetzung.

Ebenfalls interessant


wissen
Mit unserem kostenlosen Newsletter bleibst du psychologisch auf dem Laufenden.
Schließ dich uns an und gib deine Email Adresse ein. Wir schicken dir dann wöchentlich die kostenlosen Lektionen zu.      

Buchempfehlungen:


Ähnliche Beiträge