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Warum heißt es Freudscher Versprecher: Ursprung, Herkunft und Bedeutung


Nicht selten kommt es vor, dass sprachliche Elemente vertauscht, ausgelassen oder hinzugefügt werden und einer Aussage neuen Sinn geben. Dieses Phänomen nennen wir heute „Freudscher Versprecher“.

Die Psychoanalytik sieht die Gründe für diese Versprecher im Unbewussten des Menschen und geht davon aus, dass der Versprecher die wahre Intention des Sprechenden zum Ausdruck bringt. Auf der anderen Seite steht die Sprachwissenschaft, die Versprecher als regelgeleitetes System begreift, das lediglich wegen Fehlern in der Sprachproduktion entsteht.



Der Freudsche Versprecher: Ein Hinweis des Unbewussten?

Die Idee des Freudschen Versprechers stammt aus der Psychoanalytik. Diese Disziplin, die von Sigmund Freud, dem Namensgeber des Freudschen Versprechers, begründet wurde, beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Unbewussten. Sie nimmt an, dass die Handlungen einer Person von unbewussten Trieben beeinflusst werden.

Nach dieser Theorie ist der Freudsche Versprecher also kein bloßer Zufall. Stattdessen ist er ein Produkt des Unbewussten: Versucht ein Mensch seine Gedanken, Gefühle, oder Wünsche zu unterdrücken, drängen diese umso stärker an die Oberfläche. Am Ende brechen sie sich in der Form eines Freudschen Versprechers Bahn.

Die Entstehung der Theorie

Der Grundstein für Freuds Theorie wurde Ende des 19. Jahrhunderts gelegt. Im Jahr 1895 führte der Wiener Philologe Meringer gemeinsam mit Carl Mayer eine psychologisch-linguistische Studie durch. Diese beschäftigte sich nicht nur mit Versprechern, sondern auch mit Verschreibern, dem Verlesen und Verhören.

Aus dieser Studie entstand eine Sammlung von Verspechern, die seitdem als Grundlage vieler Untersuchungen diente. Auch für Sigmund Freuds Theorie vom Freudschen Versprecher, die er erstmals 1900 in „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“ veröffentlichte, war Meringers Studie ein Beleg.

Versprecher oder Freudscher Versprecher?

Bei Versprechern handelt es sich um Fehlleistungen in der Sprachproduktion. Doch nicht jede sprachliche Fehlleistung ist ein Freudscher Versprecher. Im Allgemeinen gehören zu den Versprechern Auslassungen, Einfügungen, Ersetzungen und die sogenannten Kontaminationen. Letztere finden dann statt, wenn in einem Satz ein Element durch ein sehr ähnliches oder aber durch ein Element mit genau gegenteiliger Bedeutung ersetzt wird.

Gemeinsam ist allen Formen von Versprechern, dass sie nicht bewusst eingesetzt werden, sondern einfach so passieren. Demgegenüber stehen also Wortspiele, deren Versprecher-ähnliche Elemente geplant sind. Wenn sich ein Mensch verspricht, geschieht das unbewusst und wird in den meisten Fällen nicht einmal bemerkt. Selbst der Zuhörer nimmt oft nicht wahr, dass er gerade etwas gehört hat, das so nicht ganz richtig war.

Zum Freudschen Versprecher kann der Versprecher dann erklärt werden, wenn er eine weitere Charakteristik aufweist: Er scheint das auszudrücken, was der Sprecher eigentlich gedacht hat. Er bringt also gewissermaßen die „wahre Intention“ ans Licht. Freudsche Versprecher finden sich damit unter allen Versprecher-Typen.

Sprachliche Fehlleistungen aus dem Blick der Sprachwissenschaft

Auch Sprachwissenschaftler gehen davon aus, dass (Freudsche) Versprecher kein Zufall sind. Anders als die Psychoanalytiker sehen Linguisten den Grund für dieses Phänomen jedoch nicht im Unbewussten, sondern in einer Fehlaktivierung bei der Sprachproduktion. Diese Fehlaktivierungen sollen Regeln folgen, die nicht nur auf das Deutsche, sondern auf alle Sprachen der Welt zutreffen. Selbst die Gebärdensprache, bei der sich mittels Gestik, Mimik, und Körperhaltung verständigt wird, ist nicht frei von Versprechern.

Versprecher sind dabei gar nicht so selten. Wissenschaftler schätzen, dass sich ein Mensch etwa alle zehn Minuten verspricht. Legt man die durchschnittliche Sprechgeschwindigkeit eines Menschen zugrunde, tritt ein Versprecher einmal in tausend Wörtern auf.

Wie bereits gesagt, kann man Versprecher abhängig von ihrer Form in Kategorien einteilen. Auch der Umfang der Versprecher kann unterschieden werden: Oft werden Silben oder auch Laute vertauscht. Seltener kommt es vor, dass Wörter oder Redewendungen betroffen sind. Sprachwissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass diese Versprecher meist innerhalb von sieben Silben stattfinden.

Versprecher-Typen und ihre Erklärungen

Sehr ähnlich sind sich die beiden Typen der Antizipation und Postposition. Bei ersterer – die auch Vorwegnahme genannt wird – handelt es sich um Versprecher, bei denen ein Wort von einem folgenden beeinflusst wird.

Ein Beispiel hierfür ist die Aussage von Hans-Jürgen Papier vom Bundesverfassungsgericht, dass „[…] die Rundfunk-Anstalten als Beschwerdeverführ … als Beschwerdeführer im Verfahren … [erschienen sind]“. Hier war bereits das Wort „Verfahren“ geplant, dessen Vorsilbe „ver“ sich in das Wort „Beschwerdeführer“ eingeschlichen hat.

Genau umgekehrt verhält es sich bei der Postposition oder auch Nachklang: Hier sorgt ein vorhergehendes Wort dafür, dass es bei einem darauffolgenden zu einem Versprecher kommt. Bei dem Satz „Wenn man die Geschicklichkeit hat, keine Gewissensgebisse zu bekommen“, ist etwa die Vorsilbe „ge“ dafür verantwortliche, dass die „-bisse“ zu „-gebisse“ werden.

Bei der Vertauschung werden Bestandteile von zwei Wörtern vertauscht. So wollte etwa der Ministerpräsident Edmund Stoiber einmal von „lodernder Glut“ sprechen, versprach sich jedoch gleich mehrfach mit den Varianten „gludernde Lot“, „gludernde Flut“ und „lodernde Flut“.

Der Vertauschung ähnlich ist die Ersetzung. Während die Vertauschung durch die Nähe der beiden Elemente entsteht, findet die Ersetzung aufgrund der Ähnlichkeit von zwei Elementen statt. Das kann entweder an deren Form oder deren Bedeutung liegen. So sagte der ehemalige Fußballspieler Olaf Thon: „Ich habe ihn nur ganz leicht retuschiert.“ Hier war natürlich das ähnlich-klingende Wort „touchiert“ gemeint.

Ein Beispiel für eine Kontamination findet sich in der Aussage „Wir dürfen den Kopf jetzt nicht stecken lassen.“ von Timo Rost. Hierbei werden die Redewendungen „den Kopf hängen lassen“ und „den Kopf in den Sand stecken“ kombiniert. Auch diese Art von Versprecher entsteht durch eine inhaltliche Nähe der vermischten Elemente.

Psychoanalytik und Linguistik: Schließen sie sich aus?

Mit der Psychoanalytik und der Linguistik haben zwei Disziplinen unterschiedliche Erklärungen für den Freudschen Versprecher gefunden. Doch welche ist richtig oder schließen sich die Ansätze gar nicht aus?

Einige Experimente konnten bestätigen, dass bestimmte Situationen das Entstehen von Freudschen Versprechern begünstigen. Die Sprachwissenschaftlerin Leuninger hält dagegen, dass Freudsche Versprecher oft anders erklärt werden könnten. Begrüße ein gestresster Gastgeber etwa die eingetroffenen Gäste mit „Bitte ziehen Sie ab!“, müsse das nicht unbedingt ein Wunsch danach sein, die Gäste gleich wieder loszuwerden. Stattdessen könnte es sich hier um klassische Kontamination handeln, die durch die Verschmelzung der beiden Aussagen „Bitte legen Sie ab!“ und „Bitte ziehen Sie Ihre Mäntel aus!“ zustande kommt.

Die beiden Ansätze sind also eher Alternativen, die sich unter Umständen gegenseitig ergänzen könnten, als zwei sich ausschließende Varianten.


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