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Sündenbock: Was ist das, Warum heißt es so


warum heißt es sündenbock

Der Teufel dargestellt als Bock mit Hörnern

„Jemanden zum Sündenbock machen“ ist ein geflügeltes Wort, eine Redewendung, die bedeutet, dass man jemandem zu Unrecht die Schuld an etwas gibt. Der Ausdruck ist biblischen Ursprungs. Heute dient der Sündenbockmechanismus als Erklärungsmodell für menschliche Verhaltensweisen in Psychologie und Gesellschaftswissenschaften.

Bedeutung des Ausdrucks „Sündenbock“

Jemandem zum Sündenbock zu machen, heißt, dass man dem Betreffenden die Schuld an etwas gibt, wofür jener gar nicht die Verantwortung trägt. Auf diese Weise lenkt man entweder von der eigenen Schuld ab oder erfindet eine simple Lösung für ein komplexes Problem, weil es das Problem für einen selbst greifbarer und einfacher bewältigbar macht, wenn man einem Dritten die Schuld gibt. Ein sinnverwandter Ausdruck wäre etwa „jemandem den Schwarzen Peter zuschieben“.

Herkunft des Begriffs

Der Ausdruck „Sündenbock“ ist biblischen Ursprungs und keineswegs sinnbildlich, sondern ziemlich wortwörtlich zu verstehen. Es handelt sich nämlich um einen Ziegenbock, der Teil eines biblischen Rituals war.

Die Bibelstelle

Nach der Flucht aus Ägypten, dem Exodus führte Mose die Israeliten durch die Wüste ins Gelobte Land. Doch Gott testete sein Volk und strafte es für Missachtungen seiner Gebote, indem er die Wanderung in die Länge zog, also sie fehlleitete. In den auf das 2. Buch Mose, ebenfalls Exodus genannt, folgenden drei Büchern spielen allerhand Vorschriften, Gebote und Rituale für Gottes Volk eine große Rolle. Das 3. Buch Mose, Leviticus, beschreibt in Kapitel 16 eine Opferzeremonie, die Aaron, der Bruder des Mose, als oberster Priester der Israeliten durchführen soll:

„Aaron […] soll von der Gemeinde der Israeliten zwei Ziegenböcke entgegennehmen […] und vor den Herrn stellen an den Eingang der Stiftshütte und soll das Los werfen über die zwei Böcke: ein Los dem Herrn und das andere dem Azazel, und soll den Bock, auf welchen das Los für den Herrn fällt, opfern zum Sündopfer. Aber der Bock, auf welchen das Los für Azazel fällt, soll lebendig vor den Herrn gestellt werden, auf dass über ihm Sühne vollzogen und er zu Azazel in die Wüste geschickt werde.

Danach soll er den Bock, das Sündopfer des Volks, schlachten und sein Blut hineinbringen hinter den Vorhang […] und etwas davon auch sprengen gegen den Gnadenstuhl und vor den Gnadenstuhl und soll so das Heiligtum entsühnen wegen der Verunreinigungen der Israeliten und wegen ihrer Übertretungen, mit denen sie sich versündigt haben. So soll er tun der Stiftshütte, die bei ihnen ist inmitten ihrer Unreinheit. Kein Mensch soll in der Stiftshütte sein, wenn er hineingeht, Sühne zu schaffen im Heiligtum, bis er herauskommt.

So soll er Sühne schaffen für sich und sein Haus und die ganze Gemeinde Israel. Und er soll hinausgehen zum Altar, der vor dem Herrn steht, und ihn entsühnen und soll […] vom Blut des Bockes nehmen und es ringsum an die Hörner des Altars streichen und soll mit seinem Finger vom Blut darauf sprengen siebenmal und ihn reinigen und heiligen von den Verunreinigungen der Israeliten.

Und wenn er die Entsühnung des Heiligtums vollbracht hat, der Stiftshütte und des Altars, so soll er den lebendigen Bock herzubringen. Dann soll Aaron seine beiden Hände auf dessen Kopf legen und über ihm bekennen alle Missetat der Israeliten und alle ihre Übertretungen, mit denen sie sich versündigt haben, und soll sie dem Bock auf den Kopf legen und ihn durch einen Mann, der bereitsteht, in die Wüste bringen lassen, dass also der Bock alle ihre Missetat auf sich nehme und in die Wildnis trage; und man schicke ihn in die Wüste.“

Azazel als biblischer Sündenbock

Azazel

Asasel-Darstellung aus dem 19. Jahrhundert

In der Bibel findet Azazel oder Asasel, wie er in manchen Übersetzungen geschrieben wird, sonst keine Erwähnung. Die nicht zum offiziellen Bibelkanon gehörenden Schriften, die sogenannten Apokryphen, geben hingegen Aufschluss. Während die Bibel den Abfall einiger Engel, weil diese sich in menschliche Frauen verliebt hätten, nur am Rande im 1. Buch Mose Kapitel 6 erwähnt, geht das Buch Henoch hier weit mehr ins Detail.

Laut dieser Schrift verliebten sich einige der Grigori (Wächterengel), die über die Menschen zu wachen hatten, in die Frauen der Menschen. Ein Bund aus 200 dieser Engel stieg herab und schwor angeführt von Samjaza Gott ab. Sie zeugten mit den Menschenfrauen ein Geschlecht von Riesen, die Nephilim. Ferner teilten die Anführer der Grigori himmlisches Wissen mit den Menschen. Während Samjaza und die meisten der Seinen die Menschen in Wissenschaft und Kultur unterrichteten, lehrte Azazel sie das Schmieden von Waffen und das Kriegshandwerk als solches.

Als die sieben Erzengel angeführt von Michael vom Himmel herabkamen, um die Nephilim zu vernichten und die Abtrünnigen zu strafen, erhielt Azazel das härteste Urteil und wurde von Raphael in der Wüste Dudael angebunden und gesteinigt, wo Samael ihn bis zum Jüngsten Gericht strafen würde. Samael, der Satan war in der frühen jüdischen Vorstellung kein abtrünniger Engel, sondern vielmehr so etwas wie die Strafverfolgungsbehörde des Himmels. Das Wort „Satan“ bedeutet „Ankläger“.

Das Sündenbock-Ritual in der Praxis

Das Ritual, indem der Sühnebock, welcher verwirrenderweise auch als Sündopfer bezeichnet wird, und der Sündenbock eine Rolle spielen, wurde zu Jom Kippur (יוֹם כִּפּוּר „Tag der Sühne“) begangen, dem höchsten jüdischen Feiertag. Es wurde per Los ein Ziegenbock zum Sündenbock bestimmt.

Der Hohepriester gab die gesellschaftlichen Sünden der Gemeinschaft öffentlich vor dem versammelten Volk bekannt und legte beide Hände auf den Ziegenbock. Es stand auch jedem Einzelnen frei, nun seine ganz individuellen Sünden zu bekennen. Der Hohepriester schickte den Bock daraufhin in die Wüste, wo dem Glauben nach der Wüstendämon Azazel ihn verspeisen würde. In der Praxis hieß das allerdings, dass man den Bock über eine Klippe außerhalb der Stadt stieß, um auch wirklich sicherzugehen, dass er nicht nach Jerusalem zurückkehren würde.

Widersprüchlichkeit der modernen Verwendung vom Sündenbock

Der Ausdruck des Sündenbocks, wie er heute in vielen abendländischen Sprachen gebraucht wird, geht auf die Bibelübersetzung von Martin Luther zurück, die die erste Übersetzung der Heiligen Schrift in eine andere Sprache als Hebräisch, Altgriechisch oder Latein darstellte. Allerdings hat sich die Bedeutung stark gewandelt.

Im ursprünglichen Ritus ging es um das öffentliche Bekennen der Sünden. Diese sind im Judentum nicht übertragbar. Konzepte wie die Erbsünde oder die Hölle als Ort der Strafe existieren im Judentum nicht. Folglich sind die Sünden nicht wirklich auf den Bock für Azazel übertragbar. Vielmehr geht es um die Sühne durch öffentliches Schuldbekenntnis, was den Prozess der Reue und des Wandels einleiten soll.

Anders als das Christentum geht das Judentum davon aus, dass es dieses Leben ist, welches zählt und in dem Gott die Menschen gemäß ihrer Taten behandelt. Beichte, Erlösung, Teufel, Himmel, Hölle und Fegefeuer sind christliche Konzepte. Der Satan des Judentums erfüllt Gottes Auftrag. Die Hölle des Judentums, das Scheol, ist eine neutrale Unterwelt, ein Reich der Toten vergleichbar mit dem Hades der griechischen Mythologie, wohingegen die christliche Hölle dem Tartaros entspräche.

Der Sündenbock in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften

Sündenböcke gibt es sowohl im kleinen und persönlichen Maßstab als auch im großen und gesellschaftlichen.

Sündenbocktheorie in der Psychologie

Sich eigene Fehler einzugestehen, fällt vielen Menschen schwer. Auch sich den oftmals komplexen Ursachen, die ein Problem begründen, zu stellen, ist mühsam. Viel einfacher ist es da, sich einen Schuldigen zu suchen, dem man die Schuld an der eigenen Situation, an Problemen geben kann. Dadurch wird ein Hindernis auch sofort greifbarer. Es entsteht ein Feindbild, das man bekämpfen und hassen kann. Auf diese Weise arbeiten auch zahlreiche Werke der Fiktion. Gerade im Fantasy-Genre werden abstrakte Konzepte, die für Menschen in ihrem Leben ein Problem darstellen, zu Wesen, die die Helden der Geschichte dann gezielt bekämpfen können.

In der Serie „Buffy – Im Bann der Dämonen“ waren die übernatürlichen Wesen, denen sich die jugendlichen Protagonisten stellen mussten, oftmals Verkörperungen von Problematiken, die im Leben von Teenagern, die auch Zielgruppe der Serie waren, eine große Rolle spielen.

Ein anderes Beispiel wären die Dementoren bei „Harry Potter“, Wesen, die sich von Glücksgefühlen ernähren. Sie verkörpern Depressionen, die so auf eine zu bekämpfende physische Ebene heruntergebrochen werden.

Die Serie „Doctor Who“ bricht das abstrakte Konzept des Hasses herunter auf eine körperliche Ebene, indem sie dem Doctor die Daleks entgegenstellt, Wesen, die keine Emotion außer Hass kennen und alles, was anders ist als sie selbst, töten.

Diese Idee macht man sich in der Psychologie aber auch zunutze. So lassen Psychotherapeuten ihre Patienten etwa ihr Ängste oder Depressionen malen, um der psychischen Erkrankung eine Form zu geben. Der Sündenbock muss also nicht einmal zwangsläufig etwas Negatives sein. Das Konzept kann mitunter auch eine nützliche Bewältigungsstrategie darstellen.

Carl I. Hovland und Robert R. Sears sehen im Rahmen von Gruppendynamiken im Sündenbockmechanismus aber auch eine Gefahr, da eine Gruppe von Menschen, die sich einen Sündenbock gesucht hat, sich gegen diesen zu verschwören droht. Lynchjustiz kann die Folge sein und im größeren Kontext kann die Suche nach dem Sündenbock noch viel extremere Ausmaße annehmen:

Der Sündenbock in Soziologie und Politik

Der griechische Philosoph Sokrates war kein Freund der in seiner Heimat Athen erfundenen Demokratie. Nicht, dass er grundsätzlich etwas dagegen gehabt hätte, die Bevölkerung in den Entscheidungsprozess einzubeziehen. Vielmehr sah er eine Gefahr darin, dass das Volk nicht ausreichend politisch und soziologisch gebildet sein könnte, um die komplexen Mechanismen der Gesellschaft nachvollziehen zu können. Die Menschen wären also gar nicht in der Lage, die Ursachen von Problemen und die Folgen bestimmter politischer Entscheidungen zu ermessen. Das wiederum würde es Demagogen, die einfache Gründe als Ursachen für Probleme und simple Lösungen zu ihrer Behebung anbieten würden, erleichtern, das Volk für sich zu gewinnen, während ehrliche Politiker, die die Probleme und Schwierigkeiten klar benennen, wenig Zuspruch erhalten würden.

Dass Sokrates damit gar nicht einmal so unrecht hatte, beweist die Geschichte. Ein beliebter Sündenbock in Europa waren stets die Juden. Eklatantestes Beispiel: das Dritte Reich. Der Vollständigkeit halber muss man aber sagen, dass Hitler auch seine politischen Gegner für vieles verantwortlich machte, was ihm natürlich doppelt nütze: Er benannt einen Sündenbock und diffamierte gleichzeitig die Konkurrenz an der Wahlurne.

Grundsätzlich ist die Sündenbockphilosophie ein probates Mittel von Populisten auf Stimmenfang zu gehen. Hierbei trifft es stets Minderheiten und andere gesellschaftlich schwach gestellte Gruppen. Im Mittelalter und auch noch in der frühen Neuzeit schob man in christlich geprägten Teilen der Welt die Schuld am Unglück Einzelner, aber auch an schlechten Ernten und Seuchen Hexen zu und erklärte dann eine Frau der Dorfgemeinschaft zum Sündenbock.

In der Gegenwart machen Parteien gerne Flüchtlinge, die amtierende Regierung, auch Arbeitslose und Grundsicherungsempfänger für die finanziell schlechte Situation ihrer Wählerschaft verantwortlich, statt die komplexen Zusammenhänge unseres Wirtschaftssystems zu durchleuchten. Das ist für den Wähler auch gut und einfach verdaulich. Er muss sich nicht selbst mit den Gründen auseinandersetzen, weiß aber, wer an seiner aktuellen Notlage Schuld hat. Lewis A. Coser spricht auch hier, also im soziologischen Zusammenhang von der Sündenbocktheorie.

Der Religionsphilosoph René Girard sieht im Sündenbockmechanismus auch ein notwendiges Übel für die Gesellschaft. So schweiße ein gemeinsames Feindbild eine zerrissene Gemeinschaft wieder zusammen. Einen Gedanken, den auch die marxistisch geprägte Philosophie teilt: Erst im Angesicht eines Problemes, das man nur zusammen lösen kann, werden sich die Menschen demnach zusammenschließen.

Natürlich bedeutet all das nicht, dass die Benennung eines Schuldigen automatisch die Suche nach einem Sündenbock ist. Warum? Die betreffende Gruppe oder die betreffende Person kann ja wirklich der Schuldige sein. Wenn sich aktuell viele Staaten der Welt gegen Putin zusammenschließen, vereint zwar ein gemeinsamer Feind eine zerrissene Gemeinschaft, doch ist dieser Feind kein Sündenbock im engeren Sinne.

Putin ist durch sein Handeln schließlich tatsächlich für den Krieg in der Ukraine verantwortlich und so indirekt auch für die wirtschaftlichen Folgen der Sanktionen. Dennoch sei angemerkt, dass der Konflikt als solches noch weit komplizierter ist und der Sündenbockmechanismus ein stückweit greift, weil nun alle Verantwortung auf eine Person projiziert wird. Diese Person ist aber anders als der klassische Sündenbock keine wehrlose Minderheit.

Ein anderes Beispiel wäre die Finanzkrise. Man suchte und fand die Schuldigen bei reichen Spekulanten, nur haben die sich aber wirklich verzockt und die Probleme, die daraus folgten, damit hauptsächlich zu verantworten. Aber vielleicht waren auch hier nicht die Spekulanten schuld, sondern waren lediglich in ein System eingebettet, welches dieses Spiel ums große Geld förderte. Und vielleicht mussten sich diese Manager auch vor Aktionären rechtfertigen, ihnen immer höhere Renditen versprechen, wodurch sie zu Zockern erzogen wurden.

Das sollte auch zeigen, dass es aus der subjektiven Warte oft gar nicht so einfach ist, zu benennen, wann man jemanden nun zum Sündenbock macht und wann jemand wirklich die Schuld trägt.

Zusammenfassung

  • Als Sündenbock bezeichnet man eine Person oder Gruppe, der man selbst oder jemand anderes ungerechtfertigterweise die Schuld an einem Problem gibt.
  • Der Ausdruck kommt aus der Bibel. Es war früher üblich, an Jom Kippur einen via Losverfahren ausgewählten Ziegenbock durch öffentlichen Vortrag mit den Sünden der Dorfgemeinschaft zu belegen.
  • Dieser Sündenbock wurde dann in die Wüste geschickt, wo dem Glauben des frühen Judentums nach der Dämon Azazel den Ziegenbock verspeiste.
  • Bei diesem Ritual ging es um das öffentliche Bekenntnis zur Sünde, was den Sühneprozess einleiten sollte.
  • Damit steht der Ritus eigentlich im Widerspruch zur heutigen Verwendung des Ausdrucks vom Sündenbock. Heute steht der Ausdruck „jemandem zum Sündenbock machen“ schließlich für ein Leugnen der eigenen Schuld oder der wahren Verantwortlichen und nicht für das Bekenntnis zur eigenen Schuld.
  • Das Konzept des Sündenbocks findet man auch in der Psychologie. Wenn Menschen die eigene Schuld nicht sehen wollen oder mit der Komplexität eines Problems überfordert sind, suchen sie sich einen Sündenbock.
  • Gleichzeitig kann die Personifikation eines psychologischen Problems dazu dienen, psychische Probleme greifbarer und somit leicht bewältigbar zu machen. Auf diese Idee greift auch die erzählende Kunst gelegentlich zurück.
  • Im gesellschaftlichen Kontext ist der Sündenbockmechanismus jedoch gefährlich. Hier werden dann der Einfachheit halber Minderheiten und gesellschaftlich schwach gestellte Personen und Personengruppen fälschlicherweise zu den Schuldigen erklärt. Beispiele hierfür wären der Holocaust, Hexenverfolgung und Flüchtlingskrise.
  • Das heißt im Umkehrschluss jedoch nicht, dass automatisch jede Benennung eines klar definierten Schuldigen die Suche nach einem Sündenbock wäre, denn betreffende Person kann teilweise oder gänzlich tatsächlich die Schuld tragen.

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