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Wissenschaftlicher Fachartikel: Kriterien, Aufbau & Herangehensweise


Nachdem Wissenschaftler eine Studie abgeschlossen haben, möchten sie die Ergebnisse natürlich auch präsentieren. Das geschieht zwar zunächst in der Fachwelt, doch anschließend werden die Erkenntnisse auch der breiten Öffentlichkeit mitgeteilt.

Letzteres erfolgt im Sinne von populärwissenschaftlichen Artikeln, Pressemitteilungen oder Interviews. Zur Ergebnispräsentation unter Fachkollegen werden wissenschaftliche Poster erstellt, Vorträge auf Konferenzen gehalten oder auch Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht.

Diese Artikel stellen eine Primärquelle dar. Das heißt, sie beinhalten alle notwendigen Informationen zur jeweiligen Studie. Darunter fallen beispielsweise der theoretische Hintergrund, Forschungsfragen, Stichprobenumfang, Untersuchungsdesign, Datenauswertungsverfahren und mehr.

Im Zuge des Psychologiestudiums lesen die Studierenden eine ganze Menge dieser wissenschaftlichen Artikel. Doch das Verstehen des Inhalts ist manchmal etwas kniffelig. Daher beinhalten die folgenden Zeilen auch ein paar Hinweise, wie du so einen Artikel am besten liest und den größten Nutzen daraus ziehst.

Wie sind Aufbau und Merkmale eines wissenschaftlichen Fachartikels?

Formale und inhaltliche Merkmale eines Artikels helfen bei der Orientierung.
Solltest du schon einige Originalstudien aus dem Bereich der Psychologie gelesen haben, ist dir eines vermutlich schon längst aufgefallen: Die Artikel folgen einem bestimmten Schema. Sie setzen sich aus einem Abstract, den theoretischen Hintergrund und dem Untersuchungsvorgeben zusammen und schließen mit einem Diskussionsteil ab.

Das Abstract ist eine Zusammenfassung des Artikels und befindet sich gleich am Anfang des Dokuments beziehungsweise es kommt nach dem Titel. Der Titel gibt schon einmal einige Anhaltspunkte über die zentralen Konstrukte der Studie. Das Abstract beinhaltet alle relevanten Informationen über die Studie in einer Kurzversion. In der Regel ist es zwischen 150 und 250 Wörter lang.

Darunter findest du meist eine Liste mit Keywords. Das sind bestimmte Schlüsselworte, die den Inhalt der Studie gut widerspiegeln sollten. Sie spielen bei der Literaturrecherche eine Rolle, da über sie der Artikel gefunden werden kann. Sie sollten daher nicht nur separat stehen, sondern möglichst auch im Titel und im Abstract auftauchen.

Der Hauptteil (oder auch „Body“) des Artikels umfasst den Inhalt der eigentlichen Studie in einer detaillierten Darstellung.

Zunächst wird der Leser hier mit der Introduction konfrontiert. Dabei handelt es sich um eine Einleitung, welche die theoretischen Vorüberlegungen und die daraus abgeleiteten Forschungshypothesen beschreibt.
Danach folgt ein Methodenteil. In diesem Abschnitt wird das methodische Vorgehen bei der Hypothesenprüfung erläutert. Dabei werden das Forschungsdesign, die Wahl der Stichprobe, die zum Einsatz gekommenen Messinstrumente sowie das statistische Auswertungsverfahren genau beschrieben.

Im Ergebnisteil werden dann alle statistischen Werte berichtet. Dabei werden die deskriptiven Ergebnisse aufgelistet und ebenso die Werte, die bei inferenzstatistischen Tests herauskamen. Deskriptive Werte haben eine beschreibende Funktion. Sie zeigen beispielsweise an, wie häufig ein bestimmtes Merkmal innerhalb der Stichprobe auftritt. Ergebnisse der Inferenzstatistik werden zur Vorhersage genutzt. Es geht also um die Frage, ob sich die durch die Stichprobendaten gewonnenen Erkenntnisse auch auf die Population übertragen lassen.

Anschließend folgt der Diskussionsteil. Hier werden nicht nur die Befunde des Ergebnisteils noch einmal zusammengefasst und interpretiert, sondern es findet auch ein Rückbezug auf die theoretischen Vorannahmen der Studie statt. Gleichzeitig nimmt der Diskussionsteil auch einen vergleichenden Bezug auf die derzeit bestehende Forschungsliteratur.

Zusätzlich nutzen die Forscher diesen Abschnitt für eine kritische Betrachtung ihrer eigenen Studie: Welche neuen Erkenntnisse gibt es? Wo liegen die Grenzen oder Schwächen der Studie? Wie können die Ergebnisse für die Praxis und für weitere Forschungsarbeiten genutzt werden?

Das Ende des Diskussionsteils schließt den Artikel allerdings noch nicht ab. Es folgen nämlich noch Referenzen, Tabellen und Abbildungen. Die Referenzen stellen ein Literaturverzeichnis da, in dem alle Quellen genannt werden, auf die die Forscher im Artikel Bezug genommen haben.

Gütekriterien eines wissenschaftlichen Fachartikels

Es gibt Kriterien zur Einordnung und zur Bewertung eines Artikels.
Um einen wissenschaftlichen Artikel besser einordnen zu können, kannst du auf mehrere Faktoren achten. Einer davon ist der Publikationsort. Zunächst einmal sollte der Artikel in einer Fachzeitschrift veröffentlicht worden sein. Anhand des Themengebiets der Zeitschrift kannst du den betreffenden Artikel schon einmal in das entsprechende Forschungsfeld einordnen.

  • Ist es ein psychologischer oder ein anderer sozialwissenschaftlicher Artikel?
  • Auf welche Forschungsdisziplin bezieht sich die Studie des Artikels?
  • Untersucht die Studie eine entwicklungs-, sozial- oder biopsychologische Fragestellung?

Zudem gibt auch die Sprache Aufschluss über die Güte des Artikels. Pauschal gesprochen haben Artikel in englischer Sprache ein höheres Ansehen, da für sie meist auch strengere Publikationsregeln gelten. Die Zeitschrift – oder besser gesagt ihr Impact Factor – ist ein weiterer Hinweis auf den Einfluss der Studie.

Der Impact Factor spiegelt die Anzahl der Zitationen der in dieser Zeitschrift veröffentlichten Studien wider. Je höher der Impact Factor, desto höher angesehen ist die Zeitschrift und desto größer ist auch die Leserschaft aus der jeweiligen Fachwelt.

Ein weiterer Punkt ist das Publikationsjahr. Hier wird zwischen „alten“ und „klassischen“ Studien unterschieden. Je weiter das Publikationsjahr zurückliegt, desto wahrscheinlicher ist eine schwindende Aussagekraft der Studienergebnisse. Das liegt ganz einfach am Wandel der Zeit. In manchen älteren Studien kamen vielleicht Forschungsmethoden oder Theorien zum Einsatz, die heute nicht mehr aktuell oder auch widerlegt worden sind.

Andererseits gibt es auch Studien mit einem so gravierenden Erkenntniswert, dass sie unabhängig von ihrem Alter immer wieder herangezogen werden.

Ein Blick auf die Autorenliste kann sich ebenfalls lohnen. Je länger diese ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass es sich um eine groß angelegte Studie handelt. Sie kann sowohl international als auch interdisziplinär durchgeführt worden sein. Das bedeutet, es haben sich Forscher aus verschiedenen Forschungsgebieten (Disziplinen) daran beteiligt. Die Qualität des Beitrags kann auch vom akademischen Grad eines Autors abhängen. Besteht die Autorenliste aus Studierenden oder sind die Autoren forschungserfahrene Wissenschaftler?

Schließlich gibt die Anzahl der Zitationen auch einen Hinweis auf die Beitragsgüte. Je öfter eine Studie in anderen Artikeln zitiert wird, desto relevanter ist sie für die Forschergemeinschaft. Allerdings musst du hierbei auch bedenken, dass die Zitationszahl nicht das Nonplusultra ist. Mit zunehmendem Alter steigt logischerweise auch die Zitationsanzahl. Das Thema einer Studie ist ebenfalls zu berücksichtigen. Einige Themen werden ganz einfach häufiger zitiert als andere. Die Zitationszahl ist also nur ein grober Anhaltspunkt.

Inhaltliche Relevanz und methodische Strenge

Zu den Qualitätskriterien einer Studie gehören die inhaltliche Relevanz und die methodische Strenge. Der erste Punkt bezieht sich auf die Frage, wie bedeutsam die vorliegende Studie überhaupt für den aktuellen Forschungsstand ist. Dabei unterscheiden sich die Relevanzkriterien der Grundlagenforschung von denen der Anwendungsforschung.

Denn…
Sollen bestehende Erkenntnisse der Grundlagenforschung mit neuen Untersuchungen geprüft oder komplett neue Forschungsfragen untersucht werden? Oder sollen innovative Lösungsansätze für Problemstellungen der Anwendungsforschung gefunden beziehungsweise die Wirksamkeit bestehender Maßnahmen überprüft werden?

Die methodische Strenge beschreibt die Berücksichtigung von Gütekriterien beim methodischen Vorgehen. Treten methodische Fehler auf, sinkt die Strenge. Das können falsch angewendete statistische Auswertungsverfahren sein oder auch unvollständige Datensätze.

Doch auch eine Missachtung der Gütekriterien während der Datenerhebung oder das Fehlen von etablierten Auswertungsverfahren führt zu Einbußen bei der methodischen Strenge. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Hypothesen ohne einen theoretischen Hintergrund aufgestellt werden oder wenn statistische Signifikanztests bei der Datenauswertung fehlen.

So viel zu den Merkmalen und Kriterien eines Fachzeitschriftenartikels. Doch wie sollte dieser denn nun gelesen werden?

Welche Lesestrategie bietet sich an?

Ein strukturiertes Lesevorgehen verbessert das Verständnis eines wissenschaftlichen Artikels.
Ihn einfach von oben nach unten durchzulesen, ist meistens ein recht fruchtloses Unterfangen. Eine nützliche Lesestrategie ist die sogenannte SQ3R-Methode. Das „S“ steht für „Survey“, das „Q“ für „Question“ und die drei „R“ für „Read“, „Recite“ und „Review“.

Survey

Gewinne einen ersten Eindruck.
Bevor du mit dem Lesen beginnst, verschaffe dir erst einmal einen groben Überblick über den Artikel. Wirf einen Blick auf die Struktur und die Länge. Auch inhaltlich kannst du dir in diesem Schritt schon ein erstes Bild von der Studie machen.

Dazu sieh dir den Titel und die Zwischenüberschriften an. Durch ein Überfliegen des Abstracts und des Diskussionsteils gewinnst du weitere Hinweise auf die Inhalte der Studie sowie Informationen zu den Hypothesen, der Methode, den Ergebnissen und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen.

Wenn du möchtest, kannst du nun auch den restlichen Artikel kurz nach Keywords oder Hauptaussagen hin abscannen. Nun solltest du bereits Aussagen darüber machen können, ob es sich um eine qualitative oder eine quantitative Studie handelt und welche Theorien, Methoden und Konzepte zum Einsatz kamen.

Question

Stelle dem Text Fragen.
Um beim Lesen möglichst strukturiert vorgehen zu können, formuliere dir vorab ein paar Fragen. Diese geben dir Orientierung. Immerhin weisen sie dich darauf hin, wonach du Ausschau halten solltest. Mögliche Fragen wären etwa:

  • Was ist das Forschungsthema?
  • Auf welchem theoretischen Hintergrund basiert die Studie?
  • Welche Hypothesen wurden daraus abgeleitet?
  • Welches Untersuchungsdesign wurde gewählt?
  • Wie groß ist die Stichprobe?
  • Wie wurden die Daten erhoben und ausgewertet?
  • Zu welchen Schlüssen kommen die Forschenden?

Read

Lese aktiv.
Bevor du nun mit dem Lesen loslegst, hier noch ein Hinweis: Der Aufbau eines Artikels kann variieren. Bei einer quantitativen Studie stehen Theorie und Hypothesen am Anfang. Du findest die Informationen dazu also noch vor dem Teil mit der Datenerhebung. Wenn es sich um eine qualitative Studie handelt, musst du Theorie und Hypothesen etwas weiter hinten suchen. Diese folgen in dem Fall nämlich auf die Datenanalyse.

Um während des Lesens möglichst viel Informationen aus dem Text zu ziehen, solltest du aktiv mit diesem arbeiten. Wenn du nur passiv von oben nach unten herunterliest, driften deine Gedanken schnell ab. Versuche stattdessen Antworten auf deine zuvor formulierten Fragen zu finden. Falls Verständnisfragen aufkommen notiere diese. Auch ansonsten kannst du Markierungen und Notizen im Text vornehmen.

Recite und Review

Rekapituliere und bewerte das Gelesene.
Die letzten beiden Schritte, dienen dem Verfestigen des Gelernten und der Bewertung des Textes. Beantworte die Fragen aus dem zweiten Schritt in deinen eigenen Worten. Das Verständnis ist größer, wenn du das Gelesene umformulierst. Mit deinen Antworten erstellst du ein Exzerpt der Studie. Das ist so etwas wie ein Steckbrief, der die wichtigsten Informationen des Artikels enthält.

Um den Artikel zu bewerten, ziehst du die Qualitätskriterien der inhaltlichen Relevanz und der methodischen Strenge heran. Stelle dir hier die Fragen aus dem obigen Abschnitt „Gütekriterien eines wissenschaftlichen Fachartikels“ und fasse für dich selbst ein Fazit.

Warum ist kritisches Lesen wichtig?

Um den Erkenntnisgewinn einer Studie auszumachen, ist ein kritisches Lesen und reflektieren nötig.

Was bedeutet das?
Das heißt, dass du beim Lesen auf verschiedene Punkte achten solltest.

  • Passen die gewählten Methoden der Datenerhebung wirklich zu dem Forschungsvorhaben?
  • Ist die Stichprobe repräsentativ genug?
  • Wie relevant sind die neuen Erkenntnisse der vorliegenden Studie?

Diese und andere Fragen kannst du nutzen, um zielgerichtet zu lesen. Allerdings kommt es auch vor, dass gerade Studierende zu kritisch beim Lesen eines Fachartikels vorgehen. Im Laufe des Studiums wird ihnen der idealtypische Ablauf einer Studie aufgezeigt.

In der Praxis ist dieses optimale Vorgehen jedoch nicht immer umsetzbar. So können finanzielle oder zeitliche Begrenzungen dafür sorgen, dass die methodische Strenge nicht hundertprozentig ausgeführt werden kann.

Welche Hilfsmittel können zum Verständnis eines wissenschaftlichen Artikels beitragen?

Verlasse dich lieber auf Fachbücher als auf das Internet.
Keine Frage: Das Internet bietet eine schier endlose Fülle an Informationen. Allerdings sind diese Informationen unter Umständen auch nicht auf ihre Qualität hin geprüft und daher manchmal fehleranfällig und lückenhaft. Beim Lesen einer psychologischen Studie beziehungsweise eines wissenschaftlichen Zeitschriftenartikels solltest du lieber auf fachspezifische Lexika oder Glossare von Fachbüchern zurückgreifen.

Theorien, inhaltliche Konzepte und Definitionen aus der qualitativen und quantitativen Methodenlehre sind hier stichhaltiger erklärt als auf den meisten Internetseiten. Eine einfache Online-Recherche reicht also leider nicht aus. Die meisten Studien sind übrigens in englischer Sprache publiziert. Ein englisches Wörterbuch ist daher ebenfalls ein nützliches Hilfsmittel.



Über den Autor:

Mein Name ist Mathias Mücke und ich bin Autor und Inhaber von ScioDoo.

Das Ziel von ScioDoo ist es, dass du hier Informationen findest, welche du für deinen Alltag, Schule, Studium oder eine betriebliche Weiterbildung brauchst.

Aber nicht nur das...

Gleichzeitig will ich das Wissen recht unterhaltsam servieren, so dass du vielleicht mal wiederkommst.

Ich weiß selbst, dass dieser Ansprung enorm ist.

Aber deshalb arbeite ich auch jeden Tag an mir und an diesem Projekt, so dass du auch jeden Tag neues kostenloses Wissen bekommst.

Nicht schlecht, oder?

Also bis später vielleicht.

LG Mathias Mücke


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