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Sigmund Freud: Der Fall Ilona Weiss, alias Elisabeth v. R


Ilona Weiss, alias Fräulein Elisabeth v. R., ist die fünfte Krankheitsgeschichte Sigmund Freuds im Werk „Studien über Hysterie“. Die Patientin litt an Schmerzen im Bein und war im Zeitraum zwischen Herbst 1892 und Winter 1893 bei Sigmund Freud in Behandlung. In „Studien zur Hysterie“ beschreibt Freud auf den Seiten 116 bis 160 den Krankheitsverlauf von Fräulein Elisabeth v. R. und deren Ursachen.



Ilona Weiss Krankheitsgeschichte

Im Herbst 1892 wird Ilona Weiss, durch die Empfehlung eines Kollegen, an Sigmund Freud vermittelt. Die damals 24-jährige litt an Schmerzen im Bein, welche bis zur zeitweiligen Bewegungsunfähigkeit ausuferten. Der befreundete Kollege Freuds kannte Ilonas Vorgeschichte und glaubte, dass ihr Leiden einen psychischen Ursprung hatte.

Zur Vorgeschichte…
Ilona Weiss entstammte einer wohlhabenden ungarischen Familie. Ihr Vater war gestorben, nachdem sie ihn über Wochen hinweg pflegen musste. Sie hatte zwei Schwestern. Die Mittlere hatte ein Kind entbunden und war dabei gestorben. Den Witwer machte Ilona für den Tod der Schwester verantwortlich. Ihre Mutter musste sich einer schwierigen Operation an den Augen unterziehen, weshalb sich die 24-jährige auch um sie kümmerte.

Ilona war äußerst aufopfernd und hatte großen Anteil am Leid ihrer Familie genommen. Nun lebte sie mit ihrer Mutter zusammen, diente ihr als Stütze und war ansonsten sozial abgeschieden.

Freud bemerkte ihren Gang, welcher durch einen vorgebeugten Oberkörper auffallend war. Sie benötigte allerdings keine Stütze. Dennoch ermüdete die junge Frau recht schnell. Und zwar beim Gehen oder Stehen. Freud, als ausgebildeter Humanmediziner und Physiologe, untersuchte die 24-jährige. Dabei fiel ihm eine Stelle am rechten Oberschenkel auf, welche er als Schmerzherd vermutete.

Durch diverse Untersuchungen konnte Freud schließlich eine organische Ursache für den Schmerz ausschließen. Somit blieben die psychischen Ursachen übrig, welche er schon aus anderen Hysterie-Akten kannte. Auffallend war, dass sobald er Ilona kniff oder auf das Schmerzzentrum drückte, so etwas wie Lust sich in ihr regte.

Freud wollte den Ursachen des Schmerzes, dessen Bedeutung und Verbindung zur Psyche auf den Grund gehen.

Ilona Weiss schwierige Analyse bei Sigmund Freud

Bei den meisten seiner bisherigen Patienten galt es, die verdrängte Erinnerung hervorzulocken. Dazu sollte dem Patienten bewusstwerden, welche Erfahrung er oder sie verdrängt hat. Freud war sich bei Ilona Weiss allerdings sicher, dass der Grund ihres Schmerzes keine verdrängte Erfahrung war – sondern ein Geheimnis (vgl. Seite 119). Demnach gab es in ihrem Bewusstsein (bzw. Unbewusstsein) keinen Fremdkörper zu finden, sondern die Aufgabe bestand darin – sich von einem Geheimnis zu befreien.

Der Erkenntnisgewinn aus Ilonas Analyse ergab sich für Freud schrittweise. Er machte dabei selbst drei Perioden aus. Der Schmerz wurde in jeder Periode von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachtet, wodurch sich für den Psychoanalytiker auch eine andere Bedeutung einstellte.

Periode 1: Die offensichtlichen Motive von Ilona Weiss

Die Analyse von Ilona bzw. Elisabeth erfolgte hauptsächlich durch freies Reden. Unbewusste und tiefersitzende Erlebnisse grub Freud durch Hypnose frei. Immer dann, wenn er glaubte – dass er auf etwas gestoßen sei – hakte er nach, indem er in einem späteren Gespräch wieder auf die Begebenheit zurückkam. Falls Ilonas Erinnerungen zu tief saßen, versuchte Freud mit Hypnose an das vergrabene Erlebnis zu kommen.

Die Schmerzen traten – vorerst vermindert – zum ersten Mal auf, als Ilona ihren kranken Vater pflegen musste. Dieser erlitt einen Herzinfarkt und war danach 1,5 Jahre pflegebedürftig. Da sie eine besondere Beziehung zu ihrem lebensfrohen und gutherzigen Vater unterhielt – waren diese Pflegejahre besonders schwer für die junge Frau.

Als ihr Vater dann starb, brach der Mittelpunkt der Familie weg. Sämtliche sozialen Beziehungen erloschen und die Familie fiel in eine gesellschaftliche Vereinsamung. Fortan übertrug Ilona ihre ganze Liebe und Fürsorge auf die Mutter, welche allerdings allmählich ihr Augenlicht verlor.

Nach Ablauf des Trauerjahres heirate Ilonas ältere Schwester einen ansehnlichen Mann. Dieser war allerdings auch launisch, nicht zuvorkommend und veranlasste, dass Ilonas Schwester sich von der kränklichen Mutter abwandte. Dazu ließ der Schwager seine schlechte Laune an der Mutter aus, weshalb Ilona sich zur Verteidigung berufen fühlte. Ihre zwei Schwestern nahmen unterdessen die Demütigungen gegenüber der Mutter hin, wodurch sich ein familiärer Konflikt ergab.

Ilona war seit Kindheitstagen, so Freud, bereits eigenwillig und verstand nicht, weshalb sich Frauen einem Mann fügen sollten. Nun wurde dieses Frauenbild durch die eigene Schwester bestätigt, welche sich durch den Schwager unterdrücken ließ. Letztendlich zogen ihre ältere Schwester und der gehasste Schwager in eine andere Stadt, was allerdings die Sehnsucht der Mutter vergrößerte. Auch diesen Vorwurf machte Ilona ihrer Schwester.

Kurze Zeit später heiratete Ilonas zweite Schwester. Der jüngere Schwager war nicht so gescheit wie der Erstere. Doch dessen Wesen und Charakter war viel angenehmer. Die Familie kam zur Ruhe, die Schwester bekam ein Kind, um welches sich auch Ilona fürsorglich kümmerte.

Es folgte ein gemeinsamer Aufenthalt in einem Kurort. Dort plante die Familie einen Spaziergang und nachdem Ilonas Mutter und ihre Schwester sich kränklich fühlten, gingen Ilona, das Kind und ihr Schwager allein spazieren. Am Abend des Spazierganges kam ihr Beinleiden zurück. Dieses Mal aber heftiger. So wurde sie zum Krankheitsfall der Familie.

Als ihre Schwester zum zweiten Mal schwanger wurde, erhielt die Familie eine unglückliche Botschaft. Denn es sollte zu Komplikationen kommen. Mit heftigen Beinschmerzen nahmen Ilona und ihre Mutter die Bahn, um zur Schwester zu reisen. Bei ihrer Ankunft war Ilonas Schwester bereits tot.

Es stellte sich heraus, dass die Schwangerschaft bzw. Geburt ihr viel abverlangt hat und sie ebenfalls an einem Herzversagen starb. Ilona befürchtete nun, dass das Herzleiden eine familiäre Erblast sein würde und beschuldigte ihren Schwager zudem, dass er am Tod ihrer Schwester schuld wäre. Denn er hat ihre Schwester zwei kurz aufeinanderfolgenden Schwangerschaften ausgesetzt.

Periode 2: Die dahinterliegenden Motive von Ilona Weiss

Laut Freuds Hypothese sollte der Patient von seinen Symptomen befreit sein, sobald er die traumatisierende Erfahrung noch einmal durchlebt. Er hatte Ilona Weiss ihre Erinnerungen gezeigt, sie hatte den Schmerz gefühlt und normalerweise hätte dies zur Abfuhr der angestauten und verdrängten Energie führen müssen.

Aber Ilona behielt ihre Schmerzen. Und Freud wusste lange keinen Rat, denn die Schmerzen von Ilona Weiss wurden scheinbar nicht durch das Abreden behoben. (vgl. Katharsis-Hypothese) Und da sich die Patientin nicht hypnotisieren ließ, wurden Freud zwar ihre offenkundigen Erinnerungen zuteil, die tieferen verdrängten Mechanismen traten allerdings nicht zu Tage.

Da fiel ihm eine Methode ein, welcher er von Bernstein kannte. Dazu legte er seine Hand auf ihren Kopf und befahl, dass sie sich an alles erinnert soll. (vgl. S126)

Sie schwieg längere Zeit, gestand dann allerdings, dass sie an einen jungen Mann gedacht hat – welchen sie während der Krankheitspflege ihres Vaters kennengelernt hat. Dies war für Freud der Türöffner für das Geheimnis, welches er von Anfang an hinter dem Schmerz vermutete.

Es stellte sich heraus, dass Ilona für den jungen Mann schwärmte. Während der Pflege des Vaters verschwand sie auch einen Abend, um mit diesem Mann zusammen zu sein. Als sie nach Hause wollte, bat der Verehrer sie, noch ein wenig zu bleiben. Sie blieb und fand später ihren Vater in einem noch schlimmeren Zustand vor. Ilona plagten tiefe Schuldgefühle, welche sie dazu führten, den Verehrer nicht wieder zu sehen.

Freud schrieb dazu (vgl. S. 127):

„Durch den Contrast zwischen der Seligkeit, die sie sich damals gegönnt hatte, und dem Elend des Vaters, das sie zu Hause antraf, war ein Conflict, ein Fall von Unverträglichkeit gegeben. Das Ergebniss des Conflictes war, dass die erotische Vorstellung aus der Association verdrängt wurde, und der dieser anhaftende Affect wurde zur Erhöhung oder Wiederbelebung eines gleichzeitig (oder kurz vorher) vorhandenen körperlichen Schmerzes verwendet.“

Demnach ist der Schmerz im Bein aufgetreten, um die erotische Vorstellung von Liebe zu verdrängen. Gekoppelt mit Schuldgefühlen wurde die Verdrängung durch den Schmerz verstärkt, welchen sich Ilonas Psyche selbst auferlegte.

Später kam dann heraus, dass der kranke Vater sein Bein immer auf den rechten Oberschenkel Ilonas legte, so dass sie ihn binden konnte. Diese Stelle wurde später zum unerklärlichen Schmerzherd, welcher nun Bedeutung fand. Freud sprach von einer hysterogenen Zone, welche direkt an das Trauma gekoppelt ist.

Weiterhin bemerkte Freud, dass seine Patientin solange schmerzfrei war, bis sie auf eine bestimmte Erfahrung zu sprechen kamen. Dann intensivierten sich ihre Schmerzen und klommen ab, sobald die Erinnerung abgearbeitet wurde. Freud nutzte den Schmerzkompass, um alle wesentlichen Erinnerungen zu finden und auszugraben.

Freud bezeichnet den Prozess als Abreagieren. Zitat (vgl. S. 129)

„…ich trage jedesmal ein gewisses Quantum von Schmerzmotiven weg, und wenn ich alles abgeräumt haben würde, werde sie gesund sein.“

3. Periode: Das wirkliche Motiv der Ilona Weiss

Ihre Beinschmerzen und Krankheitsgeschichte hatten einen komischen Verlauf genommen, welchen Freud ebenfalls ergründen wollte. So traten die „kleinen Schmerzen“ zum ersten Mal auf, als Ilona dachte, ihren Vater im Stich gelassen zu haben. Freud spricht hier von pathologischen Ursachen, welche wahrscheinlich zufällig waren. Allerdings bewirkten diese, dass sich der Schmerz mit dem traumatischen Erlebnis (Schuldgefühl gegenüber Vater) verband.

Später – nach Verlust ihres Vaters – kam Ilonas Schmerzen zurück und traten vor allem beim Gehen auf. In einer der Sitzungen gab Ilona zu, dass sie eifersüchtig auf ihre Schwestern war. Diese hatten ihr Eheglück gefunden und sie selbst stand ohne Mann da, lebte zurückgezogen und musste der kränklichen Mutter helfen.

An den oben beschriebenen Spaziergang mit ihrem Schwager erinnerte sie sich, gab allerdings nur zögerlich Einzelheiten preis. Ihre ältere Schwester und der verhasste Schwager waren gerade weggezogen. Der Mann von Ilonas anderer Schwester unternahm mit ihr einen Spaziergang, welchen die junge Frau genoss. Sie unterhielten sich, lachten und tauschten auch Intimitäten aus. Am Abend stellten sich dann die ersten heftige Schmerzen im Bein ein, welche seitdem immer wieder hervorgerufen wurden- sobald Ilona längere Zeit ging.

Freud schloss daraus, dass die Schuldgefühle gegenüber dem Vater nun gegenüber der Schwester auftraten. Laut Ilona war dieser Abend der Beginn ihrer anhaltenden Schmerzen. Und Freud war der Meinung, dass dieser Schmerz damit zu tun hatte, dass Ilona heimlich in ihren Schwager verliebt gewesen ist.

Ein Indiz dafür bemerkte er, als der besagte Schwager seine Patientin aus Freuds Praxis abholen wollte. Ilona war an diesem Tag und bis zu diesem Zeitpunkt schmerzfrei, doch als sie des Schwagers Stimme vernahm, veränderte sich ihr Blick und Mimik. Freud konnte erkennen, dass der Schwager unmittelbar mit Ilonas Leiden zu tun haben muss.

Er forschte in den nächsten Sitzungen weiter und kam letztendlich zu dem Entschluss, dass Ilona in ihren Schwager verliebt war. Und sie bewunderte ihre tote Schwester dafür, dass sie ihrem Schwager – trotz des Risikos – ein zweites Kind schenken wollte. Sie beneidete die Beziehung der Beiden und wünschte sich ebenso einen Mann.

Als dann die Schwester starb und sie vor deren Totenbett stand, durchzuckte Ilona ein Gedanke: „Jetzt ist er wieder frei, und ich kann seine Frau werden.“

Freuds Deutung (vgl. S. 136 ff) dazu:

„Dieses Mädchen hatte ihrem Schwager eine zärtliche Neigung geschenkt, gegen deren Aufnahme in ihr Bewusstsein sich ihr ganzes moralisches Wesen sträubte. Es war ihr gelungen, sich die schmerzliche Gewissheit, dass sie den Mann ihrer Schwester liebe, zu ersparen, indem sie sich dafür körperliche Schmerzen schuf, und in Momenten, wo sich ihr diese Gewissheit aufdrängen wollte (auf dem Spaziergang mit ihm, während jener Morgenträumerei, im Bade, vor dem Bette der Schwester) waren durch gelungene Conversion in’s Somatische jene Schmerzen entstanden.“

Nachdem Freud seiner Patientin mitteilte, was er gedeutet habe – war dies niederschmetternd für die junge Frau. Sofort kamen die Schmerzen in voller Wucht zurück, so dass Ilona laut aufschrie. Sie versuchte diese Deutung zurückzuweisen und beschuldigte Freud – dass er ihr dies eingeredet hätte. Sie schloss die Sitzung mit den Worten, dass sie so etwas nicht tun würde und sich auch nie verzeihen könnte.

Ilona Weiss Nachwirken auf Sigmund Freud

Freud wollte seiner Patientin helfen und besuchte die Mutter. Diese bestätigte seine Annahme und räumte ein, dass Ilona ihrem Schwager immer gefallen wollte. Dennoch hielt die Mutter eine Beziehung zwischen den Beiden für undenkbar.

Freud beschwichtigte seine Patientin damit, dass Gefühle nicht vorhersehbar und kontrollierbar seien. Demnach müsse sich Ilona nicht schämen, falls sie erotische Fantasien für ihren Schwager hegt. Weiterhin spricht es für die junge Frau, dass sie moralische Zweifel hat.

Im Frühjahr 1894 besuchte Freud einen Hausball, welchen auch Ilona Weiss beiwohnte. Laut Freud soll er seine einstige Patientin im flotten Tanz dahinfliegen gesehen haben. Wahrscheinlich wurde Ilona symptomfrei, als sie sich endlich ihre Gefühle eingestand oder die Schuldgefühle ablegte. Später heiratete sie einen Fremden, welchen Freud nicht weiter erwähnt.


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