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Psychoanalyse: Vertreter und Schüler Freuds


Sigmund Freud gilt als Begründer der Psychoanalyse. Es handelt sich dabei um eine Theorie über die Prozesse und Beschaffenheit der menschlichen Psyche, sowie um eine Therapieform, um psychisch Kranken zu helfen.

Die Psychoanalyse wurde in den Jahren zwischen 1890 und 1910 entwickelt, auf Grundlage der Erkenntnisse von Josef Breuer. Seitdem hatte Freud einige Schüler, welche die Analyse weiterentwickelt haben. Diese Vertreter bzw. die einzelnen Psychoanalyse Schulen möchte ich dir in diesem Beitrag vorstellen.

Karl Abraham und die Berliner Schule der Psychoanalyse

Der deutsche Neurologe Karl Abraham lebte von 1877 bis 1925. Nach seinem Abschluss in Medizin praktizierte er in Zürich bei Eugen Bleuer, einem anerkannten Schweizer Psychologen. Zu dieser Zeit entstand ein Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und Abraham. Der Austausch wurde durch C.G. Jung, einem weiteren Schüler Freuds, angestoßen.

Abraham war Teil der Mittwochs-Gesellschaft, welche durch Siegmund Freud abgehalten wurde. Jeden Mittwochabend lud Freud namhafte Ärzte und Anhänger der Psychoanalyse in seine Praxis ein, um mit ihnen aktuelle Erfahrungen und Erkenntnisse auszutauschen. Karl Abraham gilt als Mann an der Basis bzw. als zweiter Mann neben Freud und trägt einen wesentlichen Anteil an der Ausformulierung und Aufstellung der theoretischen Psychoanalyse.

Auf Freuds Drängen hin, zog Abraham später nach Berlin und gründete dort 1908 die Berliner Psychoanalytische Gesellschaft. Diese hat die Aufgabe, die psychoanalytische Bewegung voranzutreiben, weiter zu entwickeln und Ärzte zu unterstützen, welche nach psychoanalytischem Weltbild praktizieren. Berlin galt als die Keimzelle der Psychoanalyse und wurde von dort aus, in die Welt verbreitet.

Von Abraham stammen die ersten Ansätze zur psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie (1924), der „Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido“ (1924). Zusammen mit Freud schuf er ein Verständnis von Trauer oder Melancholie unter psychoanalytischen Gesichtspunkten.

Weiterhin lieferte einen Beitrag über die Zusammenhänge zwischen Kindheitserfahrungen und späterer Charakterbildung. Außerdem schuf er ein Bild zur Eltern-Kind-Beziehung, welches teilweise heute noch in der psychoanalytischen Welt verwendet wird.

Ebenfalls nicht unwesentlich sind Abrahams Subphasen der psychosexuellen Entwicklung. Freuds infantile Sexualtheorie beschränkte sich auf insgesamt 5 Phasen. Abraham ergänzte diese Theorie durch weitere 6 Phasen, wodurch die Theorie an Spezifikation und Tiefe gewann:

  1. Frühere orale (Sauge-)Stufe: Autoerotismus; objektlos; vor-ambivalent
  2. Spätere orale (kannibalistische) Stufe: Narzissmus; Totaleinverleibung des Objekts
  3. Frühere anal-sadistische Stufe: Partialliebe mit Einverleibung
  4. Spätere anal-sadistische Stufe: Partialliebe
  5. Frühe genitale (phallische) Stufe: Objektliebe mit Genitalausschluss
  6. Endgültige genitale Stufe: Objektliebe; nach-ambivalent

Wilhelm Stekel und die psychoanalytische Kurztherapie

Der österreichische Arzt Wilhelm Stekel lebte von 1868 bis 1940. Mit Freud kam er in Kontakt, als er sich 1891 – wegen Potenzstörungen – von diesem behandeln ließ. In nur wenigen Sitzungen waren seine Störungen geheilt und Stekel war fasziniert über den schnellen Erfolg von Freuds Therapieform.

Fortan publizierte Stekel ständig Fachartikel, in welchen er die Freudschen Methoden hochhielt.

Angetrieben von Neugier und Wissensdurst brachte er Freud soweit, dass er die Mittwochs-Gesellschaft gründete. Diese hatte das Ziel, Erkenntnisse von anderen Neurologen zu gewinnen und so die Psychoanalyse weiter zu entwickeln und publik zu machen. Somit war Stekel ebenfalls ein Teil der Mittwochs-Gesellschaft der ersten Stunde.

1908 veröffentliche Stekel sein erstes Werk: „Angstzustände und Behandlung“. Es war eine Gemeinschaftsarbeit mit Freud, welcher das Vorwort zur ersten Auflage schrieb. Zwischen Stekel und Freud entstand eine einseitige Freundschaft. So lobte Stekel seinen Mentor Freud über alle Maßen und dieser kritisierte Stekel zunehmend schärfer.

Der Standpunkt zur Sexualität und des angeborenen Triebes entzweite die Beiden schließlich gänzlich. Denn im Zentrum von Freuds Theorien steht die Triebkraft als Quelle jeglicher psychischen Energie. Sämtliche psychischen Probleme, welche im Laufe der Entwicklung eines Menschen auftreten, sieht Freud in der Unterdrückung der Lustbefriedigung bzw. seiner massiven Hingabe. So entstanden zwischen Freud und Stekel heftige Debatten über Selbstbefriedigung und deren Folgen.

Stekel sah in der Hingabe zur Onanie keine Probleme und glaubte, dass ausschließlich die daraus resultierenden Schuldgefühle zu Ängsten, Zwängen oder anderen psychischen Problemen führen. Aus dieser Theorie heraus, entwickelte er die sogenannte „aktive Psychoanalyse“, eine Kurzform von Freuds Therapieform.

Anders als die Urform, welche durch Widerstand und Übertragung gekennzeichnet war, ging Stekel den kürzeren Weg, indem er die zentralen Konflikte erkannte und bearbeitete. Freie Assoziation und Suggestion sollten die Probleme schneller sichtbar machen und Beratungen versprachen schnellere Heilung als das tiefenpsychologisches Erinnerungsverfahren Freuds.

In seinem Werk „Nervöse Angstzustände und deren Behandlung“ (1908) legt Wilhelm Stekel den Grundstein der Psychosomatik.

Alfred Adler, die Psychoanalyse und die Minderwertigkeit

Alfred Adler war österreichischer Arzt und Psychotherapeut, welcher von 1870 bis 1937 lebte. Er war ebenfalls Teil der Mittwochs-Gesellschaft und der Wiener Schule der Psychoanalyse.

1911 kam es zum Bruch mit Freud, da auch Adler sich an dem triebgesteuerten Menschenbild Freuds störte. Er sah den Menschen als freies Wesen, welches mit gewissen Aufgaben konfrontiert wird. Diese Aufgaben äußern sich dann als Form der Angst, der Zwänge oder Neurosen. Nimmt der Mensch diese Aufgaben an, kann er auch seine psychischen Probleme beseitigen.

Im Mittelpunkt von Adlers Theorien steht der Minderwertigkeitskomplex eines Menschen. Und so stammen vom Österreicher Begriffe wie Organminderwertigkeit oder Minderwertigkeitsgefühl. 1912 gründete er seine Schule der Individualpsychologie, als Alternative zur Tiefenpsychologie Freuds.

Die Individualpsychologie sieht das Minderwertigkeitsgefühl als Folge des ausbleibenden Lobes in der Kindheit. Außerdem spielen die Position in der Geschwisterreihe und das vorherrschende Familienklima eine zentrale Rolle bei der Entwicklung des Menschen. Genauso wie Freud, sieht Adler auch die Ursachen des psychischen Leids in der Kindheit, jedoch nicht ausgehend von einem angeborenen Treibverhalten.

Carl Gustav Jung als Nachfolger Sigmund Freuds

Der Schweizer Psychiater C.G. Jung gilt als Gründer der analytischen Psychologie, einer eigenen Schule der Psychologie, welche jedoch auf der Psychoanalyse basiert.

Jung lebte von 1875 bis 1961. Im Jahr 1906 entstand ein Briefwechsel zwischen ihm und Freud, da Jung dem Österreicher einige Studien zuschickte, welche Freuds Psychoanalyse bereichern sollten. Als Folge dieser Zusendung entstand ein Briefwechsel zwischen den Beiden, welcher 7 Jahre anhielt. Und so wurde Jung ein vehementer Unterstützer Freuds, dessen Analyse damals noch nicht etabliert war.

Jung war Sohn eines Pastors und überzeugter Christ. Dadurch erhielt die Psychoanalyse einen enormen Aufschwung und gesellschaftliche Anerkennung, da ihre Kritiker sie nun nicht mehr als jüdische Gefahr anzweifeln konnten. Und Freud bekam mit Jung einen Gleichgesinnten, den er für seinen Stammhalter ausgab.

Jung war ebenfalls Teil der Mittwochsgesellschaft, welche später zur Wiener Psychoanalytischen Vereinigung wurde. Als dann die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet wurde, wollte Freud, dass sein Ziehschüler C.G. Jung den Präsidentschaftsvorsitz auf Lebenszeit bekommt. Doch Adler und Stekel protestierten dagegen und erreichten eine vorübergehende und zeitlich beschränkte Amtszeit von 4 Jahren. So wurde Jung der Präsident der Vereinigung von 1910 bis 1914.

Während seiner Amtszeit kam es zu Differenzen mit Freud. Denn dessen Libidotheorie, welche den Geschlechtstrieb in den Vordergrund stellt, führte auch bei Jung zu Problemen. Jung wollte die Theorie erweitern und um kulturelle Einflüsse ergänzen. Denn sein Bestreben als Präsident war es eine internationale Psychoanalyse voranzubringen. Dazu müssten universelle und allgemein geltende Grundlagen geschaffen werden, welche andere Kulturen und deren Sichtweisen mit einbezieht.

Das Strukturmodell Freuds, mit Es, Ich und Überich berücksichtigt gesellschaftliche Verhaltensnormen, welche das sogenannte Überich schaffen bzw. hervorrufen. Um die Psychoanalyse weltweit verbreiten zu können, müssen diese Normen auf kulturelle Faktoren angepasst werden.

Freud sah das anders, erkannte ihn nicht mehr als legitimen Nachfolger an und brach mit seinem Freund im Jahr 1912. Daraufhin kam es zu persönlichen Vorwürfen, worauf Freud ihm förmlich und schriftlich die Freundschaft kündigte. Als Folge dessen kündigte Jung im Jahr 1914 die Präsidentschaft und legte die fachliche Zusammenarbeit mit Freud ab.

In den Folgejahren gründete Jung seine eigene Schule der analytischen Psychologie, auch als Komplexpsychologie bezeichnet. Dessen Lehre besteht aus zwei Teilen: Die Struktur, sowie die Dynamik der Psyche. Demnach befindet sich das menschliche Seelenleben in einem ständigen Wandel mit dem Streben nach Gleichgewicht.

Genauso wie Freud sieht auch Jung die Libido bzw. den Trieb des Menschen als Quelle psychischer Energie. Jung geht davon aus, dass diese Energie sich in verschiedenen Bereichen niederschlägt – wodurch es in einigen Aspekten zu einer Unterversorgung kommen kann. So kann ein Mensch, welcher sich auf sexuelle Erfüllung konzentriert nicht gleichzeitig seine ganze Energie seiner Arbeit widmen. Die Lustbefriedigung (Sex oder geistige Entfaltung) muss demnach zwei- oder mehrfach geteilt werden.

Die Instanzen von Freuds, welchen der Österreicher nach Es, Ich und Über-Ich einteilte, erweiterte Jung ebenfalls. Nach dem Menschenbild der komplexen Psychologie gibt es Archetypen. Diese sind Symbole des Unbewussten und zeigen sich auch in Mythen und Märchen.

Die Persona ist die Instanz der Psyche, welche sich an der gesellschaftlichen Norm orientiert. Somit steht die Persona ständig zwischen gesellschaftlicher Akzeptanz und dem eigenen Wunschbild, welches ein Mensch hat. Der Konflikt, welcher dadurch entsteht, kann dann zu einer psychischen Fehlentwicklung führen.

Das Bildnis der Persona ist der Ansatz, welchen Freud mit seinen Instanzen Ich, ES und Überich ebenfalls verfolgte. Laut Freud sind es ebenfalls die Instanzen, welche untereinander Konflikte austragen – was sich dann im psychischen Zustand äußert.

Jung führte neben der Persona, aber noch den Schatten und die geschlechtlichen Aspekte in den Konflikt mit ein. Der Schatten als Archetyp der dunklen Seite verkörpert demnach alles, was der Mensch nicht nach außen zeigt. Dies können unterdrückte Gefühle des Hasses, des Geizes oder der Gier sein.

Der Konflikt mit dem Schatten führt dazu, dass man ihn leugnet und dadurch nährt. In gewissen Abständen bricht der Schatten aus und erschwert persönliche Beziehungen zu anderen Menschen.

Anima und Animus sind weitere Archetypen der Seele. Diese verkörpern jeweils eine geschlechtliche Seite der Seele. Die frauliche Seite im Mann bezeichnet Jung als Anima. Und der maskuline Anteil in der Frau wird Animus genannt. Beide Archetypen werden geschlechterspezifisch unterdrückt, was zu einer seelischen Blockade oder Krankheit führen kann.

Die analytische Psychologie erweitert demnach die Psychoanalyse um einen kulturellen (Schatten) und einen geschlechterspezifischen (Anima, Animus) Aspekt. Dadurch ist es Jung gelungen, die Grundlagen Freuds weiter zu entwickeln und sie auf ein kulturell universelles Niveau zu führen. Denn die Analyse des Schattens, als auch der Anima und des Animus schließen länderspezifische Sichtweisen und Konflikte mit ein.

Anna Freud und die Kinderpsychoanalyse

Anna Freud war das jüngste Kind Sigmund Freuds und wurde 1895 in Wien geboren. Von 1927 bis 1934 war Anna die Generalsekretärin der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Während des Zweiten Weltkrieges flohen Sigmund Freud, dessen Frau Martha und alle sechs Kinder nach London.

Nach dem Tod ihres Vaters (1939) begann Anna Freud in London ein Waisenhaus zu errichten. Zusammen mit Melanie Klein prägte sie dort die Kinderpsychoanalyse. Bereits 1936 erschien Annas Werk: „Das Ich und die Abwehrmechanismen“. In diesem Standardwerk der Psychoanalyse beschreibt sie 10 Abwehrmechanismen, welche die menschliche Psyche kreiert und welche zu psychischen Problemen führen können.

Die Budapester Schule der Psychoanalyse

Sándor Ferenczi wurde 1873 in Ungarn geboren und starb 1933 in Budapest. Nach seiner Promotion 1894 arbeitete er als Neurologe im Budapester Hospital Szent Erzsébet und setzte sich dort mit den Erkenntnissen Freuds auseinander. Schließlich besuchte er den Wiener Psychoanalytiker im Jahr 1908 und wurde dessen Schüler.

Freud sah die Triebtheorie und die Wunschphantasien des Kindes gegenüber seinen Eltern oder anderen Bezugspersonen als die Quelle für Fortschritt aber auch als mögliche Ursache für Störungen der psychologischen Reife. Der ungarische Neurologe Sándor Ferenczi sah dies ähnlich, jedoch beleuchtete er auch die Opferrolle des Kindes und welchen Druck Eltern auf die kindliche Seele ausübten.

Dadurch wurde Freuds interne Sicht auf die Psyche durch Sándor Ferenczi um weitere externe Eindrücke und deren Einflussnahmen ergänzt. In seinen späten Werken „Kinderanalysen mit Erwachsenen“ und „Sprachverwirrung zwischen dem Erwachsenen und dem Kind“ hatte er die Opferrolle des Kindes ausgearbeitet und formuliert.

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Über den Autor:

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LG Mathias Mücke


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