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Sigmund Freud & Wilhelm Fließ: Die Fließepoche der Psychoanalyse


sigmund freud wilhelm fließ

Sigmund Freud (links) und Wilhelm Fließ (rechts): Quelle: Sigmund Freud: Sein Leben in Bildern und Texten*


Sigmund Freud und Wilhelm Fließ unterhielten in den Jahren zwischen 1887 und 1904 eine Männerfreundschaft. In dieser Zeit bestand ein inniger Briefwechsel zwischen beiden und es fanden gelegentliche Treffen statt. Fließ war der letzte Freund, welchen Freud geduzt hatte und er trug maßgeblich zur Entstehung der Psychoanalyse bei. In der Geschichte der Analyse bezeichnet man diese Epoche auch gern als „Fließepoche“.

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1887: Beginn der Freundschaft zwischen Freud und Fließ

Wilhelm Fließ war ein Berliner Hals-Nasen-Ohrenarzt, welcher seine Patienten mit Kokain behandelte. 1885 veröffentlichte Sigmund Freud eine Studie mit dem Titel „Über Coca“. Dort beschrieb er die medizinischen Vorteile des Kokains bei der Behandlung von Suchterkrankungen, bei Schmerzen und bei hysterischen Symptomen.

Seit 1885 war Freud als Privatdozent an der Universität in Wien beschäftigt und hielt dort neurologische Vorlesungen. Auf Anraten Josef Breuers besuchte Wilhelm Fließ eine Vorlesung des jungen Freud. Kurz darauf, im November 1887, kam es zum ersten Briefaustausch zwischen Freud und Fließ.

Was verband Freud und Fließ?

Freud war durch seine Coca-Theorien, in welchen er behauptete, mit Kokain die Morphiumsucht heilen zu können, ins wissenschaftliche Abseits geraten. Sein Hysterie-Vortrag vor den Wiener Ärzten (1886), bei denen er die Geisteskrankheit neu beschrieb, fand noch weniger Anklang.

Fließ war ebenfalls ein Außenseiter, außerdem auch ein Jude und beide glaubten an die Heilkraft des Kokains. In eigenen Studien bepinselte der Deutsche HNO-Arzt die Nasen seiner Patienten mit dem Rauschmittel, wodurch nasaler Eiter besser abfließen konnte. Weiterhin waren beide in der Helmholtzschen Physiologie unterrichtet worden, welche den menschlichen Organismus und dessen Prozesse durch physikalische Gesetze erklärte.

Sigmund Freud glaubte in dem zwei Jahre jüngeren Fließ eine alte Version von sich zu entdecken. Er überließ ihm Manuskripte und Entwürfe, welche Fließ las, kritisierte oder gegebenenfalls lobte. Gleichzeitig unterstützte Freud den Deutschen bei der Ausformulierung und Reife von eigenen Theorien.

Freud und Fließ im Briefwechsel und auf Kongressen

Was ursprünglich eine Brieffreundschaft war, wurde durch gemeinsame Treffen intensiviert. Freud und Fließ nannten diese Treffen „ihre Kongresse“. Der erste Kongress fand 1890 in Salzburg statt.

Bei den Kongressen führten sie wissenschaftliche Diskussionen, entwarfen Theorien, kritisierten und hinterfragten das Gedankengerüst des Anderen. Dieser Austausch sorgte dafür, dass beide Forscher ihre eigenen Theorien besser verstehen, von einer anderen Seite aus betrachten und hinterfragen konnten.

Letztendlich lieferte Freud einen wichtigen Beitrag dafür, dass Fließ seine Nasale-Reflexneurose-Theorie aufstellen, begründen und untermauern konnte. Im Gegenzug bot Fließ ihm die Unterstützung bei der Aufstellung und Untermauerung der Psychoanalyse.

Der Briefwechsel zwischen Beiden wurde 1950 teilweise und 1985 gänzlich veröffentlicht. In diesen veröffentlichten Dokumenten zeichnet sich eine hohe Intimität ab. Beide schwärmen vom Anderen und loben diesen in höchsten Tönen. Die Briefe sind durchtränkt von der Bitte und Forderung nach Aufmerksamkeit durch den Anderen.

Die Ansprachen bestehen ebenfalls aus Idealisierungen. So spricht Freud seinen Kollegen mit „liebsten Freund“ oder „teuerster Wilhelm“ an. Als Fließ sich selbst einer Operation unterziehen möchte, schreibt Freud sein Bedauern, dass er nicht operieren kann – da er sich um das Wohl seines Liebsten sorgt und den Chirurgen nicht traut.

Der spätere Freud-Autor Ernest Jones beschrieb später, dass Freud wohlmöglich an einer Psychoneurose in dieser Zeit litt. So beschreibt Freud in den Briefen an Fließ, dass er Angst hat – zu früh zu sterben, nicht genug Zeit für die Vollendung seiner Arbeit hätte und dass ihm wohlmöglich nur noch ein paar Jahre Lebenszeit bleiben würden. Er vertraute Fließ seine Gedanken und Befürchtungen an und bat ihn darum, nichts seiner Frau Martha zu erzählen.

Freud erkrankt an Herzrhythmusstörungen und auch diesen Fall beschreibt er Fließ. Diese Briefe ähneln einer Krankenakte, wobei beide peinlichst genau Symptomatik, Diagnose, Herleitung und Behandlungsmethoden beschrieben.

Der Briefwechsel mit Wilhelm Fließ und die Offenlegung sämtlicher Intimitäten war für Freud gleichzeitig eine Art Selbstanalyse. Er und seine Theorie wurden auf die Probe gestellt, niedergeschrieben, durchleuchtet und objektiv betrachtet. Beide benötigten den Anderen, um daran zu wachsen, zu reifen und das feine Gedankengerüst ihrer zerbrechlichen Theorien zu untermauern.

Das Ende der Freundschaft zwischen Freud und Fließ

Nachdem Sigmund Freud im Jahr 1899 sein Werk „Traumdeutung“ veröffentlicht hat, siechte die Freundschaft dahin. Scheinbar war Fließ nur ein Initiator, Katalysator und Lückenbüßer Freuds – welchen er aufgrund seiner wissenschaftlichen Abseitsstellung benötigt hatte.

Mit der Veröffentlichung der Traumdeutung brauchte er den deutschen Arzt nicht mehr. Im Jahr 1900 trafen sich beide auf einen Kongress in Achensee bei Innsbruck. Wilhelm Fließ warf seinem Freund vor, dass Teile der Traumdeutung aus seinen Briefen stammen. Den Plagiat-Vorwurf wies Freud entschieden zurück, aber die Freundschaft zerbrach endgültig.

Später war Fließ davon überzeugt, dass Freud ihn umbringen wollte. Janet Malcolm schrieb dazu, dass Freud versucht haben soll, Fließ bei einer gemeinsamen Wanderung von einer Klippe zu stürzen. Aus der ursprünglichen Liebe wurde Hass und im Jahr 1904 war die Freundschaft endgültig beendet.

1913 schrieb Freud einen Brief an Karl Abraham, in welchem er sich über Wilhelm Fließ ausließ. Dort bezeichnete er Fließ als harten und schlechten Menschen. Fließ Ehefrau „Ida“ beschrieb Freud als geistreich-dumm, bösartig und als positive Hysterika, also Perversion und nicht Neurose.

Am Ende von Freuds Leben wurde er noch einmal mit der Fließepoche konfrontiert. Marie Bonaparte, Prinzessin von Griechenland und Dänemark und ebenfalls Psychoanalytikern, wollte die Fließ-Briefe kaufen. Freud hatte seine Briefe bereits vernichtet, da er nicht wollte – dass so intime Geheimnisse durch schlechte Biographen aufgearbeitet wurden. Denn Freud war immer bedacht darauf, dass seine zukünftige Biografie makellos erscheint und so ließ er nur Erinnerungsstücke zurück, welche ihn gut dastehen ließen. Und nun waren seine Briefe auf den Markt, welche diese Legendenbildung erschweren könnten.

Freud bat Marie Bonaparte darum, die Briefe unter Verschluss zu halten. Sie tat es bis nach seinem Tod. Erst 1950 wurde der größte Teil des Briefwechsels veröffentlich und gedruckt. 1985 kam es zum Skandal um die Freud-Archive, worauf auch der letzte Teil der Briefe unzensiert freigegeben wurde.


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