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Was ist Westentaschenpsychologie: Definition und Bedeutung


Westentaschenpsychologie ist ein abwertender Begriff. Gemeint ist eine minderwertige und somit unbedeutende Form der Psychologie. Es geht der wissenschaftlichen Psychologie darum, das menschliche Erleben und Verhalten zu beschreiben, zu verstehen und zu erklären. Dabei geht es nicht nur um innere, sondern auch um äußere Ursachen, die es mit naturwissenschaftlichen Methoden zu analysieren gilt. Westentaschenpsychologen halten sich für befähigt, anderen psychologische Ratschläge zu geben, obwohl sie keine entsprechende Ausbildung haben. Sie verursachen oftmals mehr Probleme, als dass sie sie lösen. Die Meinung von Westentaschenpsychologen ist von keiner relevanten Bedeutung.

Psychologie – eher Naturwissenschaft als Sozial- oder Geisteswissenschaft

Die Psychologie ist im wortwörtlichen Sinne die „Lehre von der Seele“. Während in der Anfangszeit unter Sigmund Freud und C. G. Jung die Psyche im Mittelpunkt des Interesses der Psychologen stand, ist es heute das Gehirn als Organ. Die Psychologie ist heute eine streng empirische Wissenschaft, die ihre Theorien und Annahmen mit überwiegend naturwissenschaftlichen Methoden überprüft. Wenn es um die Beantwortung einer konkreten Fragestellung geht, greift die Psychologie auf quantitative Verfahren zurück, geht aber auch experimentell vor oder wertet statistischen Testverfahren aus. Die Psychologie arbeitet interdisziplinär und greift auf Methoden der Naturwissenschaften wie Biologie, Mathematik und Statistik zurück.

Nur was methodisch nachweisbar ist, gilt als Fakt und damit als gesicherte Erkenntnis in der Forschung. Die Psychologie als Wissenschaft befindet sich irgendwo zwischen den Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften. Sie begreift sich heutzutage aber eher als Naturwissenschaft. Gesellschaftswissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Theorien werden naturwissenschaftlich überprüft. Die Psychologie von heute basiert auf wissenschaftlich rekonstruierbaren und somit nachweisbaren Fakten, mit denen sie gezielt vorgeht, um Menschen zu verstehen und ihnen zu helfen.

Das Bild der Psychologie in der Öffentlichkeit

In der Öffentlichkeit hat die Psychologie den Ruf einer Wissenschaft, die auf keiner besonderen Methodik beruht. Möglicherweise gründet diese Vorstellung auf dem Klischee eines auf der Couch liegenden Patienten, der redet, und eines danebensitzenden Psychologen, der zuhört und mitschreibt und daraus seine Schlüsse zieht. Das – so die vorherrschende Meinung – kann ja nicht so schwierig sein.

Die Psychologie entwickelt Theorien und leitet daraus Hypothesen und Modelle ab. Sie arbeitet dabei streng empirisch und geht methodisch und systematisch vor. Die Öffentlichkeit dagegen hält die Psychologie häufig für wenig wissenschaftlich fundiert, sondern eher intuitiv arbeitend. Aus diesem Grund halten sich viele Menschen von Natur aus für berufen, anderen psychologische Ratschläge zu geben.

Welche Bedeutung hat die Westentasche?

Eine Westentasche ist eine kleine Tasche, die an einer Weste angebracht ist. Heutzutage gehören Westen nicht mehr generell zu einer gewöhnlichen Herrenausstattung. Früher aber waren Westen völlig normale Kleidungsstücke für Männer der mittleren und oberen Klassen. In den Westentaschen steckten eine Taschenuhr, vielleicht eine Schnupftabakdose oder Münzen, die bei Bedarf schnell zur Hand war. Sie wurden einfach aus der Tasche gezogen und schon waren sie parat.

Weil eine Westentasche klein ist, kann sich nicht viel darin befinden. Ihre Größe ist überschaubar. Es kommt also kaum vor, dass sich etwas darin nicht wiederfinden lassen könnte. Die Redewendung „etwas wie die eigene Westentasche kennen“, kommt also nicht von ungefähr. Eine weitere Redewendung verweist auf den konkreten Inhalt dieser kleinen Tasche: Wer eine Rechnung „aus der Westentasche bezahlt“, der hat ausreichend Geld dabei. Die Münzen waren ursprünglich Taler oder Gulden, also Silber- oder Goldmünzen. Sie sind schnell gezückt, ohne nachzudenken herausgeholt und auf den Tisch gelegt.

Das Westentaschenformat

Ein Westentaschenformat ist ein sehr kleines Format. Es ist gerade so groß, dass es in eine Westentasche passt. Alles, was in eine Westentasche passt, ist klein. Das kann beispielsweise eine Westentaschenpistole sein.

Als Kompositum ist der Wortteil „Westentasche“ einfach ein Substantiv, das in einem neuen Wort eingeht, etwa bei dem Wort Westentaschenformat. „Westentasche“ kann aber auch ein sogenanntes Präfixoid sein und wie eine Art Präfix verwendet werden. In einem solchen Fall büßt es seine wörtliche Bedeutung als Lexem ein und dient nur noch der Steigerung, auch im negativen Sinne. Der Wortteil „Westentasche“ als Präfixoid hat immer eine pejorative Bedeutung, das heißt, er wird immer abwertend oder geringschätzig verwendet und somit emotional bewertet.

Anders als die Komposita wie beispielsweise Liliput- oder Zwerg-Format, die sachlich auf eine geringe Größe verweisen, sind Wörter mit dem Präfixoid „Westentasche“ immer abfällig gemeint. Es werden damit von Menschen gemachte Dinge bezeichnet, die gewollt, aber nicht gekonnt sind und Menschen, die meinen, etwas Bestimmtes darzustellen, aber nicht das dazu notwendige charakterliche Format oder die notwendige wissenschaftliche Bildung haben. Beispiele:

  • Westentaschenmafioso
  • Westentaschencasanova
  • Westentaschenpolitiker
  • Westentaschenplayboy
  • Westentaschenpsychologe
  • Westentaschenpsychologie
  • Westentaschenstaat

Ein Mafioso ist brutal, ein Casanova verführerisch, ein Politiker integer, ein Playboy reich und selbstbewusst. Die Westentaschenvarianten davon sind diejenigen, die sich für etwas halten, es aber nicht sind. Außenstehende erkennen dies sofort und die Fremdeinschätzung fällt entsprechend geringschätzig aus. Ebenso verhält es sich beispielsweise mit einem Präsidenten einer Bananenrepublik, der sich für einen Repräsentanten eines Landes auf Augenhöhe mit anderen Regierungschefs hält. Alle anderen erkennen aber, dass es sich um nichts weiter als um einen Präsidenten eines Westentaschenstaats handelt. Seine Selbsteinschätzung widerspricht massiv den Fremdeinschätzungen.

Westentaschenpsychologie ist von lächerlich wirkender Unbedeutendheit

Westentaschenpsychologen betreiben eine Westentaschenpsychologie, die weder wissenschaftlich fundiert ist noch in die Tiefe geht. Die Westentaschenpsychologie basiert auf alltäglichen Beobachtungen und einem Alltagswissen. Sie ist intuitiv und greift auf Erfahrungen, Gefühle, Wertungen und Meinungen zurück. Sie erfüllt keine wissenschaftlichen Standards.

Westentaschenpsychologie ist Psychologie im Kleinformat. Eventuelle Erkenntnisse bleiben an der Oberfläche und lassen jegliche Tiefe vermissen. Ähnlich wie das blinde Hineingreifen in eine Westentasche und das Herausholen des jeweiligen Inhalts, der hoffentlich eine Münze ist, wenn eine Münze gebraucht wird, verhält sich die Westentaschenpsychologie. Irgendetwas wird sich finden und mit Glück passt es sogar.

Umgangssprachlich, so der Duden, meint „Westentaschenformat“, also beispielsweise die Westentaschenpsychologie, etwas „von lächerlich wirkender Unbedeutendheit“.


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