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Subjektive Wahrnehmung und individuelle Realität


Jeder Mensch hat im Normalfall die gleichen Sinnesorgane. Zwei Augen, zwei Ohren, eine Nase und so weiter. Sie sind unsere Verbindung zur Außenwelt und nur über sie gelangen Informationen über die Umwelt in unser Gehirn. Unser Hirn selbst hat demnach nur einen indirekten Kontakt zur Welt über unsere Sinnesorgane.

Umweltreize wie Licht, Geräusche, Druck oder Kälte werden von den Sinnesrezeptoren aufgenommen und über Nervenbahnen an das Gehirn weitergeleitet. Dennoch nehmen wir nicht zwingend alle Dasselbe wahr.

Das kann zum einen physiologische Ursachen haben. Von Schwerhörigkeit oder Rot-Grün-Blindheit betroffene Menschen nehmen demnach allein schon aus körperlichen Gründen die Welt ein wenig anders wahr. Doch was ist mit den Personen, deren Ohren, Augen und anderen Sinnesorgane gleich gut funktionieren? Müssten diese nicht die Welt auf eine identische Art und Weise wahrnehmen?

Die Antwort ist „ja“ und gleichzeitig „nein“. Denn selbst unter den gleichen Voraussetzungen ist die Wahrnehmung nicht exakt dieselbe bei allen Menschen. Um tiefer ins Detail zu gehen, müssen wir im Folgenden jedoch zunächst einmal die objektive von der subjektiven Wahrnehmung unterscheiden. Denn zum anderen wird unsere Interpretation des Wahrgenommenen durch verschiedene subjektive Faktoren beeinflusst.

Gibt es eine objektive Wahrnehmung?

Die objektive Wahrnehmung ist bei Menschen mit denselben Voraussetzungen gegeben.
Wenn mehrere Menschen ein und denselben Reiz beobachten, nehmen sie auch Dasselbe wahr. Vorausgesetzt ist dabei, dass alle beteiligten Personen exakt die gleichen Voraussetzungen in Bezug auf ihre Sinneswahrnehmung aufweisen.

Nehmen wir als Beispiel eine Ampel. Leuchtet diese rot auf, sehen Menschen mit einem uneingeschränkten Sehvermögen ein rotes Licht. Das ist beispielsweise nicht der Fall bei der bereits erwähnten Rot-Grün-Schwäche. Betroffene leiden hierbei an einer (meist erblich bedingten) Farbfehlsichtigkeit, aufgrund welcher sie die Farben Rot und Grün schlechter unterscheiden können als Menschen ohne diese Sehschwäche.

Nehmen Menschen unter denselben Voraussetzung einen Reiz identisch wahr, so handelt es sich um eine objektive Wahrnehmung. Mit der Wahrnehmung geht allerdings auch die Interpretation des wahrgenommenen Reizes einher. Ab diesem Punkt kommt dann die Subjektivität ins Spiel.

Was versteht man unter subjektiver Wahrnehmung?

Bei der Bewertung von Reizen wird es persönlich.
Denn wie wir Reize verarbeiten und bewerten, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Welche dazu zählen, darauf gehen wir weiter unten noch einmal ausführlicher ein.

Abhängig von unserer individuellen Bewertung und Interpretation eines Reizes, fällt auch unsere Reaktion aus. Das erklärt, warum unterschiedliche Person in derselben Situation auf verschiedene Arten reagieren. So können manche Reize von der einen Person als sehr angenehm empfunden werden, von einer anderen jedoch ganz und gar nicht.

In deinem Alltagsleben finden sich hierzu vermutlich etliche Beispiele. Nehmen wir an, zwei Personen hören sehr laute Musik. Die eine Person findet es vielleicht toll und kommt direkt in Feierlaune, die andere Person interpretiert die Musik vielleicht eher als störenden Lärm und ist genervt.

Wichtig ist…
Die objektive Wahrnehmung ist die gleiche: Beide Personen hören dieselbe laute Musik. Doch die individuelle Interpretation beziehungsweise Wahrnehmung fällt vollkommen unterschiedlich aus.

Als weiteres Beispiel kann eine Familienfeier dienen. Während die einen diese Situation als angespannt und ermüdend empfinden, weil sie etwa zu den meisten der Anwesenden keinen guten Draht haben, sind andere voll und ganz ihn ihrem Element. Tobende Kinder, angeregte Gespräche, ein reich gedeckter Tisch – kurzum: Sie genießen den Trubel und das Zusammensein. Personen vom anderen Schlag hätten den Nachmittag vielleicht lieber allein mit einem Buch verbracht.

Oder denke einmal an heiße Sommertage: Manche Menschen genießen die Hitze und den Sonnenschein, während andere sich lieber ins (meistens nicht mehr so kühle) Haus verkriechen und auf einen baldigen Herbst hoffen. Wann jemand Hitze als angenehmen oder als unangenehmen Reiz interpretiert, hängt auch von der jeweiligen Person ab.

Welche Faktoren wirken auf die subjektive Wahrnehmung?

Das Spektrum an Einflüssen ist breit.
Während die objektive Wahrnehmung (mehr oder weniger ausschließlich) von den gleichen Voraussetzungen hinsichtlich der Funktionalität der Sinnesorgane abhängt, kommen bei der subjektiven Wahrnehmung etliche Aspekte zusammen. Unsere Emotionen, Einstellungen und Erfahrungen können sich auf die Interpretation von wahrgenommenen Reizen auswirken.

Allerdings spielen auch die aktuell vorherrschenden Motive und Bedürfnisse eine Rolle, ebenso wie das körperliche Empfinden, Stresslevel, Hormone oder das soziale Umfeld.

Bestimmte Emotionen sorgen dafür, dass unsere Wahrnehmung sich verengt. Wir nehmen also weniger Informationen auf und interpretieren sie beispielsweise unter dem Einfluss von Angst als bedrohlicher. Freude hingegen führt zu einer vollkommen anderen Wahrnehmung. Die Welt erscheint und positiver und voller Möglichkeiten.

Vor allem die soziale Wahrnehmung ist von Subjektivität geprägt. Hierzu gehören beispielsweise Einflüsse durch Vorurteile, jedoch auch die Art und Weise, wie wir mit anderen kommunizieren. Selbst andere Personen haben einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung. Emotionen und Einstellungen anderer färben sozusagen auf uns ab, wenn wir diesen Personen nahestehen. Auf diese Weise können auch zwischenmenschliche Beziehungen einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung haben.

Wahrnehmung im sozialen Kontext

Wie wir Situation im sozialen Zusammenhang bewerten, ist ein Forschungsaspekt der Sozialpsychologie.
So zeigte sich, dass Menschen in vermeintlichen Notsituationen in der Regel zunächst einmal die Reaktion der anderen Anwesenden beobachten, bevor sie selbst reagieren.

Die Angst, etwas falsch zu machen und von der Norm abzuweichen, führt sogar soweit, dass wir unseren eigenen Sinnen misstrauen. Das zeigte die klassische Studie von Solomon Asch, in welcher er Probanden in einem Experiment Linien ihrer Länge nach zuordnen ließ.

Innerhalb der Probandengruppe gab es allerdings immer nur einen „richtigen“ Versuchsteilnehmer – die anderen waren in den Versuch eingeweiht und hatten die Anweisung erhalten, absichtlich die falsche Antwort zu geben. So wurde im Experiment zum Beispiel eine Tafel mit einer Linie gezeigt. Daraufhin sollten die Probanden aus drei anderen Linien (A, B, C) diejenige auswählen, die dieselbe Länge wie die Referenzlinie hat.

War nun C die richtige Lösung, nannten erstaunlich viele der „richtigen“ Probanden ebenfalls A als Lösung, sofern die falschen Teilnehmer diese als korrekte Lösung identifizierten. Selbst dann, wenn Linie A offensichtlich ein gutes Stück kürzer war.

Ein etwas alltagsnäheres Beispiel zeigt, wie stark auch Erwartungen die Wahrnehmungen beeinflussen können. Stell dir vor, du hast von deinem Partner das Bild „Immer lässt er alles hinter sich liegen, so dass ich ständig hinter ihm herräumen muss“.

Was passiert dann?
Deine Wahrnehmung passt sich dieser Einstellung entsprechend an und du bemerkst jede Kleinigkeit, die deine Erwartung bestätigt. So entdeckst du mit präziser Genauigkeit jede Socke, die neben dem Wäschekorb gelandet ist. Doch auf der anderen Seite nimmst du nicht wahr, dass er bereits den Abfall rausgebracht und die Spülmaschine eingeräumt hat.

Zusammenfassung

  • Subjektive Wahrnehmung entsteht durch die individuelle Interpretation und Bewertung von wahrgenommenen Reizen.
  • Die Aufnahme dieser Reize geschieht zunächst objektiv. Das heißt, Menschen nehmen denselben Reiz auch zunächst auf dieselbe Art und Weise wahr.
  • Allerdings wird hierbei vorausgesetzt, dass diese Menschen über identische Voraussetzungen verfügen. Sie müssen einen Reiz gleich gut sehen, hören oder riechen können, um ihn objektiv auf identische Art und Weise wahrzunehmen.
  • Mit der Wahrnehmung von Reizen ist auch deren Bewertung verbunden. Diese ist wiederum subjektiv. Wie wir die Welt daher letztendlich wahrnehmen, ist aufgrund verschiedener Faktoren sehr individuell.
  • Innere und äußere Aspekte können die Wahrnehmung beeinflussen. Zu den inneren Faktoren gehören etwa vorherrschende Bedürfnisse, Interessen, Wertvorstellungen oder Emotionen. Äußere hingegen beziehen sich auf den sozialen Kontext. Denn gerade die Menschen in unserem Umfeld haben einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung.
  • Gleichzeitig sind es allerdings auch unsere eigenen Vorurteile und Erwartungen, die wir an unsere Mitmenschen stellen.
  • Unsere Wahrnehmung passt sich verschiedenen Einflüssen an und unterliegt daher auch Fehleinschätzungen.
  • Die subjektive Wahrnehmung ist schließlich nur eine Interpretation von wahrgenommenen Reizen anhand einer Vielzahl von Faktoren. Und Interpretationen sind sowohl subjektiv als auch fehleranfällig.
  • Aufgrund der individuellen Wahrnehmung, welche subjektiv interpretiert wird, ist auch die Realität eines jeden Einzelnen verschieden.

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