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Wahrnehmung und Empfindung: 4 Unterschiede bei Reizaufnahme und Verarbeitung


Mit der Entstehung der experimentellen Psychologie ging auch die Erforschung der grundlegenden Prozesse der Wahrnehmung und Empfindung einher. Als Begründer der modernen Psychologie gilt Wilhelm Wundt.

Im Jahr 1879 in Leipzig gründete Wundt das erste Labor für experimentelle Psychologie. Er untersuchte in seinen Experimenten unter anderem, wie lange seine Versuchsteilnehmer brauchen, um auf einen bestimmten Reiz zu reagieren. Seitdem ergaben sich verschiedene psychologische Strömungen, die sich mit dem menschlichen Geist befassten.

Doch um überhaupt erst einmal eine Reaktion hervorbringen zu können, müssen wir die Reize in unserer Umwelt aufnehmen und verarbeiten. Während es sich bei der Empfindung noch um die bloße Registrierung der Reize handelt, mischen in der Wahrnehmung bereits psychische Prozesse mit.

Empfindung und Wahrnehmung liegen zeitlich sehr nah beieinander, daher werden die Begriffe im alltäglichen Sprachgebrauch auch häufig synonym verwendet. Warum eine Trennung der beiden Prozesse dennoch von Bedeutung ist und wie der gesamte Wahrnehmungs- und Empfindungsprozess abläuft, schauen wir uns im Folgenden an.

Was bedeutet Wahrnehmung?

Unsere Wahrnehmung wird von vielen Aspekten beeinflusst.
Nachdem Wundt den Grundstein für die experimentelle Forschung auf dem Gebiet gelegt hatte, entwickelten sich weitere Richtungen und schließlich die heutigen Teildisziplinen der Psychologie. Der Teil, der sich vor allem mit Empfindungen und Wahrnehmungen befasst, ist die Kognitionspsychologie.

Neben der Wahrnehmung und Empfindung, beschäftigt sich die kognitive Psychologie zudem auch mit dem Gedächtnis, der Sprache oder dem Lösen von Problemen. Da die Wahrnehmung allerdings von unseren Sinnen abhängt, bestehen auch Schnittstellen mit der biologischen Psychologie und den Neurowissenschaften.

Doch auch die Sozialpsychologie spielt bei der Wahrnehmung eine Rolle, da unsere soziale Umwelt einen Einfluss darauf hat, wie wir Informationen interpretieren. Wir alle besitzen eine bestimmte, persönliche Sicht auf die Welt, welche sowohl durch unsere kulturelle und soziale Umwelt als auch durch unsere Erfahrungen beeinflusst werden. Wir nehmen demnach nicht die objektive Realität wahr, sondern sehen die Welt sozusagen durch unsere eigene Brille.

Bei unserer Wahrnehmung handelt es sich um eine bewusste sensorische Erfahrung, welche sich an einem bestimmten Objekt ausrichtet. Zudem wird unsere Wahrnehmung von unseren Überzeugungen und unserem Wissen beeinflusst. Doch um überhaupt etwas wahrnehmen zu können, sind wir auf unsere Sinnesorgane angewiesen. Und hier kommt die Empfindung ins Spiel.

Was bedeutet Empfindung?

Die Empfindung geschieht noch vor der Wahrnehmung.
Wie schon angedeutet, funktioniert unsere Wahrnehmung über unsere Sinnesorgane. Wir sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen bestimmte Reize. Diese Reize empfinden wir aufgrund von Rezeptoren, welche die Signale an unser Gehirn weiterleiten.

Ab wann wir einen Reiz empfinden, ist zwar bei uns Menschen recht ähnlich. Daher spricht man auch von Absolutschwellen. Zum Beispiel können die meisten Menschen das Ticken einer Uhr aus etwa sechs Metern Entfernung hören. Sofern keine Umgebungsgeräusche unsere Ohren ablenken. Dennoch gibt es individuelle Unterschiede. Diese können genetisch veranlagt sein oder auch im Zuge einer Erkrankung sowie bei Alterungsprozessen zustande kommen.

Leidet jemand an Schwerhörigkeit, so sind diese Schwellenwerte außerhalb seines Empfindungsspektrums. Personen haben meist eine geringfügig unterschiedliche Reizempfindlichkeit. Diese wird auch als Sensitivität bezeichnet. Allerdings können auch Müdigkeit oder Aufmerksamkeitsschwankungen dazu führen, dass wir Reize manchmal eher und manchmal später registrieren. Die Abweichungen liegen dabei jedoch meist in einem sehr kleinen Bereich.

Neben beispielsweise Krankheit oder Müdigkeit können jedoch auch noch andere Prozesse dazu führen, dass wir manche Reize nicht mehr bemerken. Um noch einmal auf das Beispiel mit der Uhr zurückzukommen: Dir ist sicher schon einmal aufgefallen, dass du nicht dauerhaft das Ticken einer Uhr hörst, wenn du dich eine Weile in einem Raum befindest. Auch scheint das Sonnenlicht weniger zu blenden, wenn du eine Zeit lang draußen warst. In diesem Fall handelt es sich um die sogenannte sensorische Adaption.

Diese Adaption senkt die Reaktionsbereitschaft der Sinnesorgane, wenn sie einem andauernden Reizinput ausgesetzt sind. Dieser Mechanismus ist nicht nur in dem Sinne nützlich, als das etwa das stetige Hören des Uhrentickens irgendwann sehr störend wäre. Es hilft uns auch dabei, schnell Veränderungen in unserer Umwelt zu bemerken und darauf zu reagieren.

Zusammenhang zwischen Empfindung und Wahrnehmung – Der Ablauf

Bei der Wahrnehmung geht es vor allem darum, einen empfundenen Reiz zu interpretieren.
Wahrnehmung erfolgt daher in mehreren Stufen. Zunächst ist da die Aufnahme eines Reizes – also die Empfindung. Das geschieht mittels sensorischer Prozesse. Zum Beispiel wird ein visueller Reiz von unserem Auge erfasst und an das Gehirn weitergeleitet.

An dieser Stelle ist von der Empfindung die Rede. Im Gehirn werden die aufgenommenen zu einem Ganzen zusammengefügt. Diese perzeptuelle Organisation wird wiederum von verschiedenen mentalen Prozessen beeinflusst. Dazu gehören unsere Erwartungen und Annahmen sowie unser Gedächtnis und unser Wissen. Doch auch die Sprache wirkt sich darauf aus, was wir wahrnehmen und was nicht. All diese mentalen Prozesse beeinflussen die Interpretation dessen, was wir empfinden und wahrnehmen.

Es findet sozusagen ein zweiseitiger Empfindungs- und Wahrnehmungsprozess statt: Die Informationen gehen ein und werden zunächst objektiv vom Gehirn verarbeitet. Beim Zusammensetzen der Informationen zu einem Gesamtbild findet allerdings nicht mehr nur ein informations- oder datengesteuerter Prozess statt. Denn hier kommen die mentalen Prozesse ins Spiel, welche eine Identifikation oder das Wiedererkennen überhaupt erst zulassen.

Dabei handelt es sich um einen konzeptgesteuerten Prozess, denn wir greifen beim Wahrnehmungsvorgang auf unsere Erinnerungen zurück. Wie haben bereits durch unsere Erfahrungen verschiedene mentale Konzepte vorliegen, welche wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben.

Erblicken wir demnach einen bestimmten Gegenstand, werden zunächst einmal nur die Informationen über Form, Farbe und andere Merkmale über das Auge an unser Gehirn geschickt. Das Bild von diesem Gegenstand entsteht nämlich nicht im Auge selbst, sondern erst im Gehirn. Das aus den Informationen zusammengefügte Bild wird dann identifiziert und unter Umständen wiedererkannt.

Bei der Interpretation des Gegenstandes fließen verschiedene Erfahrungswerte und Vorwissen ein:

  • Haben wir diesen Gegenstand schon einmal gesehen?
  • In welche Kategorie können wir ihn einordnen?
  • Haben wir ein Wort für dieses Objekt?
  • Was erwarten wir von diesem Gegenstand?

Sehen wir beispielsweise eine Orange, können wir diese mit Leichtigkeit zuordnen. Wir sehen ein rundes, orangefarbenes Objekt mit einer bestimmten Oberflächenbeschaffenheit. Wir empfinden diese Reize, nehmen sie im direkten Anschluss daran wahr und interpretieren das Gesehene als Orange. Wir wissen, dass es sich dabei um ein Nahrungsmittel handelt und können es der Kategorie „Obst“ zuordnen.

Obst oder Spielzeug?

Doch wie verhält es sich bei jemanden, der weder Obst noch Orangen kennt?
Kinder haben im frühen Alter noch keine Konzepte entwickelt, welchen sie das Gesehene zuordnen können. Ihre Empfindung über die sensorischen Prozesse funktioniert reibungslos. Auch setzt ihr Gehirn ein Bild vom Erblickten zusammen. Allerdings nehmen sie dann auch nur ein rundes, oranges Objekt wahr.

Sie haben noch nicht die Kategorie „Obst“ gebildet und greifen dementsprechend nicht auf bereits vorliegendes Wissen oder Erwartungen zurück. Vielleicht hat das Kind jedoch bereits das Konzept „Ball“ vorliegen. Auf dieses kann es bei der Wahrnehmung zurückgreifen, da es dem Gesehenen am nächsten kommt. Sofern das Kind bereits sprechen kann, wird es die Orange daher auch mit hoher Wahrscheinlichkeit als Ball bezeichnen.

Auch im Bereich der sozialen Wahrnehmung greifen wir auf Konzepte zurück. Wie wir andere beurteilen und einschätzen, hängt stark davon ab, welche Konzepte wir entwickelt haben und auf welche Erinnerungen wir zurückgreifen können. So gehen wir in der Regel nicht vollkommen offen durch die Welt, sondern haben gewisse Stereotype oder Vorurteile verinnerlicht.

Haben wir uns über bestimmte Menschengruppen ein Konzept angelegt, greifen wir auch beim Wahrnehmungsprozess darauf zurück. Da wir dazu neigen, unsere eigene Meinung zu bestätigen, kommt es oft zur selektiven Wahrnehmung. Wir sehen jemanden mit einem Merkmal, was in ein bestimmtes Konzept von uns passt. Das kann ein Konzept über Menschen mit Behinderung, Arbeitslose oder psychisch erkrankte Menschen sein. Treffen wir auf jemanden, stecken wir ihn sprichwörtlich in eine Schublade und nehmen bevorzugt wahr, was zu unseren Erwartungen passt.

Wie unterscheidet sich das Wahrnehmen vom Empfinden

Die Prozesse des Wahrnehmens und Empfindens laufen sehr schnell ab.
Daher werden die beiden Begriffe in der Alltagssprache häufig synonym genutzt. Doch wie du bereits gelernt hast, führt die sensorische Adaption dazu, dass du bestimmte Reize nicht durchgehend wahrnimmst. Das wird sehr deutlich, wenn du dir das Ticken der Uhr bewusst machst. Wenn du deine Aufmerksamkeit auf das Uhrenticken lenkst, hörst du es auch wieder. Du nimmst das Ticken jetzt erst durch deine Aufmerksamkeit wieder wahr, dein sensorisches System war dennoch ständig aktiv.

Demnach sind Empfindung und Wahrnehmung zwar eng miteinander verknüpfte, aber dennoch unterschiedliche Prozesse.

Die Aufmerksamkeit ist daher ebenfalls von großer Bedeutung für die Wahrnehmung. Bei der Wahrnehmung handelt es sich daher um einen aktiveren Prozess als bei der Empfindung. Dennoch können beide Prozesse nicht in der Praxis voneinander getrennt werden. Dafür finden diese Abläufe einfach zu schnell statt.

Eine theoretische Trennung ist allerdings sinnvoll, um die einzelnen Abläufe und Funktionsweisen besser zu beschreiben und verstehen zu können. Zudem weiß man auf diese Weise, dass der Wahrnehmungsprozess bereits von unserem individuellen Denken beeinflusst wird, während sich dieses auf unsere Empfindung noch nicht auswirkt.

Zusammenfassung

  • Um etwas wahrnehmen zu können, sind wir auf unsere Sinnesorgane angewiesen. Das sensorische System nimmt Reize auf, welche an das Gehirn weitergeleitet werden. Dabei handelt es sich um den Prozess der Empfindung.
  • Die Wahrnehmung setzt ein, wenn das Gehirn die eingegangenen Informationen zusammensetzt. An dieser Stelle fließen auch Erinnerungen, Konzepte, Wissen und Erwartungen ein. Diese haben Auswirkungen darauf, wie wir einen eingehenden Reiz interpretieren.
  • Der Wahrnehmungsprozess wird daher von zwei Seiten aus beeinflusst: Einerseits von den Empfindungen beziehungsweise den damit einhergehenden Reizen und andererseits von mentalen Prozessen. Letztere entscheiden darüber, ob wir etwas wiedererkennen oder identifizieren können.
  • Was wir letztendlich wahrnehmen, hängt daher von uns selbst ab. Unsere individuellen Erfahrungen und Erwartungen von der Welt entscheiden darüber, welche Reize wir wahrnehmen und verarbeiten.
  • Der Unterschied zwischen Wahrnehmung und Empfindung liegt somit darin, dass 1. Erinnerung, 2. Konzepte, 3. Wissen und 4. Erwartungen in den Wahrnehmungsprozess einfließen und die Empfindung neu interpretieren.

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