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Die 4 Arten von Aufmerksamkeit, deren Netzwerke, Störungen und Training


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Aufmerksamkeitsarten – auch als Aufmerksamkeitstypen bzw. Aufmerksamkeitsformen bezeichnet – sind verschiedene Ausprägungsformen der Aufmerksamkeit. Dabei wird die Aufmerksamkeit entweder bewusst oder unbewusst kontrolliert und gelenkt.

Aufmerksamkeit ist ein Zustand von gesteigerter Wachheit und Aktivität, wodurch Denken, Wahrnehmung und Handeln beeinflusst werden. Man unterscheidet zwischen einer aktiven und passiven Aufmerksamkeit. Letzterer Aufmerksamkeitstyp stellt sich ein, sobald die Situation so attraktiv ist, dass das Bewusstsein keine Kontrolle über die Aufmerksamkeitslenkung übernehmen muss. Deshalb spricht man auch von unwillkürlicher Aufmerksamkeit. Durch das Bewusstsein wird die Aufmerksamkeit gelenkt, in auserwählte kognitive Prozesse investiert, wodurch eine willkürliche bzw. aktive Aufmerksamkeit entsteht.

Zusammenhang zwischen Konzentration und Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit und Konzentration werden oft fälschlicherweise als synonyme Begriffe verwendet. Dabei ist die Konzentration nur ein Teil der Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit meint die Fähigkeit, aus dem vielfältigen Reizangebot unserer Umwelt einzelne Reize oder Reizaspekte auszuwählen und andere zu übergehen bzw. zu unterdrücken. Ohne die Aufmerksamkeit wäre uns kein geordnetes Handeln möglich, da das Gehirn einer sensorischen Reizüberflutung ausgesetzt wäre.

Die Konzentration (von lat. concentra = zusammen im Mittelpunkt) ist Teil der Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, Handlungen absichtsvoll zu steuern und ihre Ausführungen zu kontrollieren. Die Konzentration ist die gewollte Fokussierung der Aufmerksamkeit. Der Organismus bzw. das Individuum investiert demnach einen Teil seiner Aufmerksamkeit in die Konzentration.

Ein gegenüber der Konzentration abzugrenzender Teil der Aufmerksamkeit ist die Vigilanz, eine allgemeine Wachsamkeit oder ein Zustand erhöhter und dauerhafter Reaktionsbereitschaft. Während bei der Konzentration störende Reize ausgeblendet werden, ist das Hirn bei der Vigilanz besonders reizoffen.

Aufmerksamkeit als Basisleistungen des Gehirns

Die Aufmerksamkeit ist eine der wichtigsten Basisleistungen des menschlichen Gehirns. Sie ist eine exekutive, d.h. ausführende, Funktion und ein sehr komplexer Prozess. Aufmerksamkeit ist wichtig für unsere Wahrnehmung, das Erinnern, das Planen und Handeln, das Verstehen und Sprechen, die räumliche Orientierung und die gezielte Problemlösung.

Im Gegensatz zur Wahrnehmung und zum Gedächtnis stellt die Aufmerksamkeit keine eigene Teildisziplin in der Psychologie dar, sondern ist in vielen Teilbereichen und Modellen der Informationsverarbeitung enthalten. Bis heute gibt es daher in der Psychologie keine einheitliche Definition für die Aufmerksamkeit.

Erst nach 1950 entwickelte sich die moderne Aufmerksamkeitspsychologie. Den Grundstein dafür bildeten die Experimente der britischen Psychologen Collin Cherry und Donald Broadbent zum dichotischen Hören 1958. Dabei hörten Probanden über Kopfhörer parallel zwei verschiedene Texte. Sie konnten zwar je nach Aufforderung den einen oder den anderen Text nachsprechen, den Inhalt des zweiten Textes aber dabei nicht mehr beachten. So wurde eine angelsächsische Forschungstradition begründet, die Prozesse danach unterscheidet, ob sie unwillkürlich und weitgehend ohne Ressourcen ablaufen oder aber die bewusste Aufmerksamkeit verlangen.

Arten der Aufmerksamkeit

In der Psychologie werden vier verschiedene Arten der Aufmerksamkeit unterschieden. Alle Arten sind gleichermaßen wichtig und werden vom Menschen täglich ausgeführt.

Die Aufmerksamkeitsarten können zunächst einmal grob nach der Aufmerksamkeitsintensität und der Aufmerksamkeitsselektivität unterschieden werden. Bei der Aufmerksamkeitsintensität geht es darum, wie stark und wie lange wir uns auf eine Aufgabe konzentrieren können. Die Aufmerksamkeitsselektivität unterscheidet, ob man sich auf eine oder mehrere Aufgaben fokussiert.

Selektive oder fokussierte Aufmerksamkeit

Bei dieser Form der Aufmerksamkeit konzentrieren wir uns auf eine einzige Sache und blenden weitere Reize aus. Dies ist evolutionsgeschichtlich überlebenswichtig gewesen. Oft wird diese Form der Aufmerksamkeit mit einem Scheinwerfer verglichen: Im Scheinwerferlicht steht die Aufgabe, auf die sich das Gehirn konzentriert, alle anderen Reize befinden sich im Dunkeln und werden vom Hirn ausgeblendet.

Die selektive Aufmerksamkeit lässt sich in kontrollierte und automatisierte Prozesse unterscheiden. Kontrollierte Prozesse laufen langsam ab. Die Aufmerksamkeit wird dabei bewusst auf etwas gerichtet, zum Beispiel auf die Unterhaltung mit einem einzelnen Gesprächspartner in einer lauten Umgebung, bei der störende Geräusche ausgeblendet werden müssen. Dieser Prozess verbraucht viele Ressourcen. Automatisierte Prozesse hingegen erfordern hingegen kein bewusstes Fokussieren und verbrauchen daher auch keine Ressourcen des Gehirns. Ein Beispiel dafür wäre ein schriller Signalton, nach dem man sich unwillkürlich sofort umdreht.

Anhaltende Aufmerksamkeit

Bei der anhaltenden Aufmerksamkeit kann eine bestimmte kognitive Aufgabe über einen längeren Zeitraum ausgeführt werden. Diese Art der Aufmerksamkeit ist recht anstrengend und kann durch fehlende Motivation, Müdigkeit oder Langeweile leicht gestört werden. So lässt sich eine Projektbericht in einem Einzelbüro leichter verfassen als in einem lauten Großraumbüro.

Geteilte Aufmerksamkeit

Bei der geteilten Aufmerksamkeit ermöglicht uns das Gehirn, die Aufmerksamkeit auf verschiedene, gleichzeitig ablaufende Dinge zu richten. So können wir gleichzeitig den Bildern einer Sportaufzeichnung und dem darüber gelegten Kommentar des Sportreporters folgen.

Wechselnde Aufmerksamkeit

Bei der wechselnden Aufmerksamkeit wird eine große kognitive Flexibilität vorausgesetzt. Die Aufmerksamkeit wird von einer Aufgabe zu einer anderen gelenkt und wechselt zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her. Ein Beispiel dafür wäre das Zubereiten eines aufwendigen Gerichtes nach einem komplizierten Gericht, bei dem mehrere Töpfe auf dem Herd im Auge behalten werden müssen.

Für die Aufmerksamkeit relevanten Teile des Nervensystems

Die Aufmerksamkeit ist ein ungemein komplexer Vorgang im Gehirn, der das Zusammenspiel verschiedener Hirnregionen erfordert. So werden die unwichtigen Sinnesreize im retikulären Aktivierungssystem gefiltert und nur die relevanten Informationen an das Gehirn weitergeleitet. Der Partiallappen ist wichtig für die lokale Verarbeitung von Reizen. Der Frontallappen muss dann alle Informationen, die aus dem restlichen Nervensystem kommen, aufnehmen und verarbeiten. Er wählt aus, welche Reaktionen und motorischen Fähigkeiten zur Ausführung einer bestimmten Handlung oder eines bestimmten Planes benötigt werden.

Aufmerksamkeitsnetzwerke

Die US-amerikanischen Forscher Michael Posner und Steven Peterson stellten 1990 die Theorie der Aufmerksamkeitsnetzwerke auf. Laut ihnen funktioniert Aufmerksamkeit als ein System, das in anatomische Netzwerke unterteilt ist. Diese drei Systeme Alerting Network, Orienting Network und Executive Attention Network sind laut ihnen voneinander unabhängig, können sich aber gegenseitig beeinflussen. Die Theorie von Posner und Peterson ist ein Meilenstein der Aufmerksamkeitspsychologie und mittlerweile von vielen weiterführenden Untersuchungen gestützt worden. So ist heute bekannt, dass die Aufmerksamkeitsnetzwerke sich in der Kindheit und Jugend ausbilden. Es ist auch erforscht worden, welche biochemischen Prozesse daran beteiligt sind.

Alerting Network (Alarmierungsnetzwerk)

Das Alarmierungsnetzwerk beschreibt die Fähigkeit, aufmerksam zu sein und diese Aufmerksamkeit zu halten. Damit ist ein dauerhaft wacher, geistig offener und konzentrierter Zustand gemeint. In diesem können wir Informationen aufnehmen und Warnsignale frühzeitig wahrnehmen. Es ist erwiesen, dass es in den frühen Morgen- und späten Abendstunden bzw. nachts zu einer verzögerten Reaktionszeit kommt. Damit lassen sich auch die vermehrten Arbeits- und Verkehrsunfälle zu diesen Uhrzeiten begründen.

Beim Alarmierungsnetzwerk wird zwischen intrinsischen und phasischen Prozessen unterschieden. Bei intrinsischen Prozessen wird die unspezifische Grundaufmerksamkeit kognitiv kontrolliert. Bei den phasischen Prozessen kann die Aufmerksamkeit für eine kurze Zeit sehr stark gesteigert werden. Dadurch erhöht sich die generelle Antwortbereitschaft und wir können schnell auf Warnsignale reagieren.

Orienting Network (Orientierungsnetzwerk)

Das Orientierungsnetzwerk organisiert alle Informationen, die über die Sinneskanäle auf uns einströmen. Sie werden in Sekundenbruchteilen nach Relevanz und Wichtigkeit bewertet. Ohne dieses Netzwerk wäre das Gehirn mit den einströmenden Reizen überfordert. Das Orientierungsnetzwerk unterscheidet zwischen exogenen (bottom-up) und endogenen (top-down) Prozessen. Exogene Prozesse laufen reflektorisch ab. So wenden wir uns unwillkürlich einem Türenknallen zu. Endogene Prozesse meinen eine willkürliche und bewusste Aufmerksamkeitszuwendung. Außerdem werden offene und verdeckte Prozesse unterscheiden. Bei offenen Prozessen ist durch Augen- und Kopfbewegungen sichtbar, dass sich die Aufmerksamkeit auf etwas richtet. Verdeckte Prozesse finden statt, noch bevor diese Bewegungen vollzogen werden.

Executive Attention Network (Exekutive Kontrolle)

Die exekutive Kontrolle ermöglicht es uns, bei all den einströmenden Reizen, Prioritäten zu setzen und zwischen den Netzwerken zu vermitteln. Die exekutive Kontrolle blendet Ablenkungen aus und lenkt die Aufmerksamkeit bewusst. Dies ist ein sehr komplexer mentaler Vorgang, der durch verschiedene Verarbeitungsprozesse überwacht wird. Er ist sehr wichtig für das Kurzzeitgedächtnis sowie für die Fähigkeit, Pläne zu schmieden und zwischen Aufgaben hin und her zu wechseln, und ist eine wichtige Voraussetzung für unsere Flexibilität im Denken und Handeln.

Aufmerksamkeitsstörungen

Eine Aufmerksamkeitsstörung kann je nach Ursache und Ausprägung jede der vier Aufmerksamkeitsarten betreffen, meist jedoch nur einzelne Teilbereiche. Bei einer Aufmerksamkeitsstörung ist das Bewusstsein nicht in der Lage, sich flexibel auf situativ relevante Bewusstseinsinhalte zu fokussieren. Sie gilt offiziell als leichte kognitive Störung und stellt für die Betroffenen ein großes Problem im Alltag dar, da Aufmerksamkeit für fast alle lebenspraktischen und intellektuellen Tätigkeiten in einem gewissen Maße nötig ist. Die Betroffenen sind allgemein verlangsamt, lassen sich leichter ablenken und ermüden schneller. Begleitsymptome können Störungen der Konzentration, des Gedächtnisses, der Wahrnehmung und Sprache sein, ausgeprägter Bewegungsdrang, Bewusstseins- und Schlafstörungen.

Eine Aufmerksamkeitsstörung kann organische oder psychische Ursachen haben, zum Beispiel ADHS, Schizophrenie, Hirntumore, einen Vitamin-B12-Managel, einen Eisenmangel, eine Alkoholintoxikation oder die Folgen eines Schlaganfalles.

Um eine Aufmerksamkeitsstörung zu diagnostizieren, werden u.a. die kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit, die selektive und die geteilte Aufmerksamkeit untersucht. Dies kann mittels eines Zahlenverbindungstests, eines Aufmerksamkeitsbelastungstestes oder eines Zahlen-Symbol-Tests erfolgen.

Aprosexie ist der Name für eine hochgradige Aufmerksamkeitsstörung und völlige Unaufmerksamkeit, die meist mit Verwirrung einher geht.

Aufmerksamkeitstraining

Bei einer diagnostizierten Aufmerksamkeitsstörung ist eine engmaschige Therapie durch einen Neuropsychologen entscheidend für den Erfolg.

Auch zu Hause kann man bei einer Aufmerksamkeitsstörung an der Restitution (Wiederherstellung) dieser Hirnleistung arbeiten, indem man z.B. konzentriert für längere Zeit an einer Aufgabe arbeitet, Zielwörter in einer Zeitung unterstreicht oder parallel zu Radio und Fernsehen einem Gespräch folgt. Betroffene sollten auch verschiedene Strategien zur Kompensation entwickeln, sich z.B. Zettel oder Erinnerungen ins Handy schreiben, feste Routinen etablieren, sich mehr Zeit für Aufgaben zugestehen und störende Reize so weit wie möglich eliminieren.

Konzentration als eine Form der Investition von Aufmerksamkeit

Die Konzentration reguliert unsere Wahrnehmung. Sie hilft uns, Wichtiges zu filtern und Ablenkungen auszublenden. So wird das Kurzzeitgedächtnis vor einer Reizüberflutung geschützt und es wird dem Gehirn erleichtert, Informationen einzusortieren und zu verarbeiten.

Konzentration verbraucht viele Ressourcen und lässt mit der Zeit nach. Sie kann gemindert werden durch fehlendes Interesse, ablenkende Umgebungsreize, eine vorherrschende Reizüberflutung, Ermüdung, Sättigung sowie physische und psychische Beeinträchtigungen (z.B. hormonelle Schwankungen).

Konzentration wird in der Psychologie mit verschiedenen standardisierten Tests überprüft, z.B. dem Konzentrations-Belastungstest, Durchstreichtests sowie Selektions– und Sortieraufgaben. Dabei soll die Versuchsperson bestimmte Aufgaben über eine bestimmte Zeit hinweg durchführen. Ausgewertet wird nach der Menge der bewältigten Aufgaben und der Anzahl der dabei gemachten Fehler. Diese Tests stehen insbesondere aufgrund ihrer Künstlichkeit in der Kritik.


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