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Frühkindliche Erfahrungen und Entwicklung von Gehirn und Psyche


Jeder Mensch ist einzigartig. Wir unterscheiden uns in unserem Aussehen, unseren Interessen, Werten und Ansichten. Die Unterschiede im Denken und Verhalten sind sowohl genetisch als auch durch unsere Umwelt bedingt. Das heißt einerseits, dass der Mensch nicht als unbeschriebenes Blatt auf die Welt kommt. Unsere genetische Veranlagung legt nicht nur biologische Aspekte fest, sondern auch in Teilen unsere Persönlichkeit. Babys weisen bereits kurz nach der Geburt unterschiedliche Temperamente auf.

So schreien einige viel oder haben einen schwierigen Schlaf. Andere hingegen sind unkompliziert, lassen sich leicht füttern und schlafen eigentlich immer durch. Die Beziehung zwischen Bindungspersonen und Kindern hat einen starken Einfluss auf die Entwicklung. Doch auch im weiteren Verlauf des Lebens haben Beziehungen und Umwelteinflüsse Auswirkungen auf unser Erleben, Denken und Handeln. Das geht sogar so weit, dass bestimmte Einflüsse gewisse Gene einschalten oder ausschalten können. Wie sehr prägen unsere Erfahrungen uns also wirklich?

Frühe Erfahrungen beeinflussen die Entwicklung des Gehirns

Der Einfluss von Erfahrungen beginnt bereits vor der Geburt. Das Ungeborene schafft sich in dieser Zeit natürlich noch keine eigenen Erfahrungen. Es erlebt diese allerdings über den Umweg durch die Mutter. So kann die Ernährung der Mutter einen Einfluss auf das Kind haben. Jedoch auch andere Gewohnheiten: Über die Nabelschnur gelangen nicht nur Nährstoffe zum Kind, sondern auch Toxine. Beim Trinken von Alkohol oder Rauchen werden Giftstoffe an das Baby weitergeleitet.

Ein Beispiel ist die sogenannte Fetales Alkoholsyndrom – kurz FAS. Wenn die Schwangere Alkohol zu sich nimmt, kann es beim Ungeborenen zu einer Reihe von physiologischen und geistigen Schäden kommen. So kann es beispielsweise nicht nur zu Herzfehlern oder Gesichtsfehlbildungen kommen, sondern auch zu geistigen Behinderungen, da sich das zentrale Nervensystem des Kindes nicht richtig ausbilden kann.

Doch auch mütterlicher Stress wirkt sich auf das Kind aus. Die Stresshormone werden an das Ungeborene weitergegeben, woraufhin dessen Gehirn mehr Rezeptoren für diese Botenstoffe ausbildet. In der Folge reagiert das kindliche Gehirn auch nach der Geburt noch wesentlich schneller auf stressige Situationen als es bei Kindern aus einer entspannteren Schwangerschaft der Fall ist.

Nach der Geburt werden weitere Erfahrungen gesammelt

In der Kindheit ist die Gehirnentwicklung erstaunlich. Das Erfahren von Berührungen scheint die Entwicklung des Gehirns voranzutreiben. Werden Babys häufig berührt (zum Beispiel in Form von Massagen), zeigen sie eine schnellere neurologische Entwicklung. Sie nehmen auch besser an Gewicht zu als Neugeborene ohne viel Körperkontakt. Diese Erkenntnis wird auch in Kliniken angewendet, um Frühgeborene in ihrer Entwicklung mittels Massagetherapien aufzupäppeln.

Auch die Fülle von Umweltreizen scheint mit der neurologischen Entwicklung zusammenzuhängen. In Studien mit Ratten entdeckte die Forschergruppe um Rosenzweig in den 1980er Jahren, dass diejenigen Tiere eine stärker ausgebildete Großhirnrinde (Kortex) hatten, denen ein „Spielplatz“ zur Verfügung stand. Die Forscher verglichen die Gehirne von Ratten, die in reizarmen Einzelkäfigen aufwuchsen mit denen, die zusammen mit anderen Ratten in einen mit Spielzeug ausgestatteten Käfig konnten. Die Gehirne der „Spielplatzratten“ nahmen bis zu zehn Prozent an Masse zu und die Anzahl der Synapsen (Verbindungsstellen zwischen den Nervenzellen im Gehirn) nahm um etwa zwanzig Prozent zu.

Das Gehirn ist demnach wandlungsfähig. Erfahrungen können unsere Hirnstruktur „umbauen“. Gerade im Kindesalter findet ein starker Selektionsprozess statt. Dieser Umstand wird auch „pruning“ genannt. Die Nervenverbindungen im Gehirn werden mit den gemachten Erfahrungen stärker oder schwächer. Werden diese Verbindungen also häufig genutzt, bilden sie sich zu „Schnellstraßen“ aus, während ungenutzte Wege langsam immer unwegsamer werden und schließlich verloren gehen. Das Motto unseres Gehirns ist also „use it or lose it“. Daher fällt Kindern zum Beispiel das Erlernen von Sprachen auch noch leichter als Erwachsenen. Wie unser Gehirn sich letztendlich ausbildet, ist das Ergebnis eines ständigen Zusammenspiels von Genen und Umwelt.

Das zeigt sich zum Beispiel auch an Kindern, welche ein beeinträchtigtes Sehvermögen haben. Sie nehmen durch ihre eingeschränkte Wahrnehmung zu wenig visuelle Reize auf. Die Hirnareale, die für dessen Verarbeitung zuständig sind, bilden sich zurück. Alternativ erhalten sie auch andere Aufgaben – das Gehirn kann in dem Sinne sehr kreativ sein.

Erziehung – Sind unsere Eltern an allem Schuld?

Eltern haben keinen einfachen Job. Mit der Entscheidung zum eigenen Kind gehen viele Fragen und Unsicherheiten einher. Je nach Ratgeber und Zeit sehen sich (werdende) Eltern mit einer Fülle von unterschiedlichen Tipps und Ratschlägen konfrontiert, was denn nun das Beste für ihr Kind und welcher Erziehungsstil der richtige sei.

Geschwister sind häufig sehr unterschiedlich, obwohl sie im selben Haushalt aufwachsen. Der Erziehungsstil der Eltern hat zwar in Bezug auf die Bindung einen großen Einfluss auf das Selbstbild der Kinder. Doch die Eltern können ihre Kinder nicht einfach so nach ihren Vorstellungen formen. Wie anfangs bereits erwähnt, kommen Menschen nicht als unbeschriebenes Blatt auf die Welt. Geschwister haben zwar einen gewissen Anteil gleicher Gene, jedoch nicht exakt dieselben (anders sieht es bei eineiigen Zwillingen aus, welche genetisch nahezu identisch sind). Die Gene bestimmen ebenfalls, welche Persönlichkeitsmerkmale wir aufweisen. Diese sind eben nicht (nur) von der Erziehung abhängig.

Auch hier gilt: Gene und Umwelt wirken zusammen. Ein sehr zurückhaltendes, ruhiges Kind wird vermutlich nicht davon profitieren, wenn unternehmungslustige und gesellige Eltern es ständig zu Veranstaltungen mitschleifen. Ein sehr introvertiertes Kind wird sich eher unter Druck gesetzt und unverstanden fühlen als ein eher extravertiertes Kind, das gern an Wettbewerben teilnimmt oder von Kindergeburtstagen nicht genug kriegen kann.

Aufgabe der Eltern ist es an dieser Stelle, die Persönlichkeit und die Bedürfnisse des Kindes zu akzeptieren und es bestmöglich zu fördern. Es spielt also auch die Passung zwischen Eltern und Kindern eine Rolle bei der Entwicklung. Beim genannten Beispiel handelt es sich um etwas weniger Ernstes, was Kinder ihren Eltern später vielleicht leicht nachsehen können. Anders sieht es bei Fällen von körperlicher oder psychischer Misshandlung aus.

Im Erwachsenenalter können wir darauf zurückschauen und analysieren, was unsere Eltern alles falsch gemacht haben und zu welchen Problemen das bei uns geführt haben könnte. Allerdings machen wir es uns zu leicht, wenn wir dabei bleiben. Ja, das Verhalten unserer Eltern hatte einen Einfluss auf unsere Entwicklung. Nur eben nicht ausschließlich. Sofern wir allein bei unseren Eltern die Schuld für alles suchen, verharren wir passiv in unserer Vergangenheit, anstatt unser Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Nicht nur die Eltern sind wichtig, auch Gleichaltrige haben einen Einfluss auf uns

Unsere Eltern sind in der Regel unsere ersten Bindungspersonen. Somit tragen sie auch einen großen Teil an unserer Sozialisation bei. Allerdings gibt es auch noch weitere Menschen, die für unsere Entwicklung eine Rolle spielen. Neben den Eltern, Großeltern und anderen Verwandten werden Erzieher*innen und Lehrkräfte für Kinder zu weiteren Vorbildern oder Bezugspersonen. Noch eine weitere wichtige Orientierung bieten Gleichaltrige.

“Was machen die anderen?“

Kinder passen sich Gleichaltrigen häufig an. So wollen Kleinkinder manchmal bestimmte Gerichte nicht essen, wenn ihre Eltern ihnen diese vorsetzen. Sehen sie jedoch andere Kinder diese Speisen essen, tun sie es ihnen plötzlich gleich. Auch in der Sprache nähern sich Kinder und Jugendliche eher ihren Altersgenossen an als ihren Eltern.

Ihre Kultur übernehmen Jugendliche demnach eher von Gleichaltrigen. Das gilt auch für ungesunde Angewohnheiten wie das Rauchen. Wenn Mitschüler es cool finden zu rauchen, dann wird es meist nachgeahmt. Allerdings trifft das nicht ausnahmslos zu, denn es findet ein gewisser Selektionsprozess statt: Raucher suchen sich Freunde, die ebenfalls rauchen und Nichtraucher freunden sich eher mit anderen Nichtrauchern an. Das Gleiche gilt auch für andere Einstellungen und Interessen.

Eltern und Freunde ergänzen sich

Sowohl das Elternhaus als auch der Freundeskreis vermitteln bestimmte Werte und Erfahrungen. Von unseren Eltern lernen wir den Wert von Bildung, Verantwortung und Hilfsbereitschaft. Wir lernen auch, wie man Ordnung hält und wie man sich Autoritätspersonen gegenüber zu verhalten hat.

Von unseren Freunden lernen wir Dinge wie das Zusammenarbeiten. Diese erlernen und erfahren wir im Austausch mit Gleichaltrigen. Außerdem erhalten wir Einblicke in Themen, die in unserem Elternhaus keine Rolle spielten und können so abwägen, wo unsere eigenen Werte und Interessen liegen. Das macht unsere Freunde für uns interessanter und spannender als unsere Eltern.

Allerdings verlassen sich die meisten doch mehr auf ihre Eltern als auf Gleichaltrige, wenn es zum Beispiel um die Gestaltung der eigenen Zukunft geht. Gleichzeitig haben Eltern jedoch auch einen Einfluss darauf, welchen Freunden wir im Kindesalter begegnen. Eltern wählen den Wohnort sowie den Kindergarten aus und entscheiden, auf welche Schule das Kind anschließend geht.

Zusammenfassung

  • Unsere Persönlichkeit ist das Ergebnis aus einem Zusammenspiel von Anlage und Umwelt. Wir werden also nicht nur von unseren Genen geformt, sondern auch von unseren Erfahrungen.
  • Erfahrungen machen wir bereits im Mutterleib. Diese können sowohl positiv als auch negativ sein. Das Ungeborene kann psychische oder körperliche Schäden davontragen, wenn die Schwangere Alkohol trinkt. Auch viel Stress in der Schwangerschaft wirkt sich auf das Gehirn des Babys aus und es wird selbst anfälliger für Stress.
  • Nach der Geburt sammeln wir zunächst verschiedenste Erfahrungen in unserem Elternhaus. Mit der Zeit kommen immer mehr Sozialisationsinstanzen (Kindergarten, Schule und so weiter) hinzu. Wir sammeln stetig neue Erfahrungen, welche sich auf unsere psychische Entwicklung auswirkt.
  • Erfahrungen formen wortwörtlich unser Gehirn. Bestimmte Nervenverbindungen gehen verloren, wenn wir sie nicht nutzen. Andere bilden sich stärker aus, sofern über sie vermehrt Informationen weitergeleitet werden. Körperkontakt und eine abwechslungsreiche Umwelt helfen dabei, mehr Verbindungen zwischen den Nervenzellen zu schaffen. Durch die Zunahme dieser Synapsen werden die entsprechenden Hirnareale sogar größer.
  • Im Laufe unseres Lebens spielen verschiedene Menschen unterschiedliche Rollen beim Sammeln von Erfahrungen. Zunächst orientieren wir uns an unseren Eltern, später zunehmend an Gleichaltrigen. Auf diese Weise erhalten wir verschiedene Ansichten, die wir auf unsere eigene Persönlichkeit abstimmen können. Eltern machen nicht alles richtig, dennoch wenden sich die meisten in wichtigen Fragen eher an sie als an Gleichaltrige.

Tasse

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Über den Autor:

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