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Was ist ein Bittsteller: Bedeutung und Beispiele aus der Geschichte


Ein Bittsteller richtet ein Hilfsgesuch oder eine Beschwerde an eine höhere Instanz. Früher waren das in der Regel der Adel, die Kirche oder andere Führungspersönlichkeiten. Die moderne Form dieser Art von Bitte ist die Petition, die bei öffentlichen Verwaltungseinrichtungen und Volksvertretungen (Politik, Regierung) eingereicht werden kann.

Bittsteller: Wortherkunft und Bedeutung

Die Bedeutung des Wortes Bittsteller lässt sich sehr leicht von der Aktion „eine Bitte zu stellen“ herleiten.

Stellen bedeutet in diesem Fall „aussprechen“, „vortragen“ oder an „jemanden zu richten“.

Damit ist der Bittsteller:

  • jemand, der eine Bitte an jemanden richtet.

Das Substantiv „Bittstellung“ gibt es gemäß Duden im deutschen Sprachgebrauch offiziell nicht.

Die „Bitte“ und das Verb „bitten“ gehen auf mittelhochdeutsche Wort „beiten“ beziehungsweise das althochdeutsche „beitten“ zurück. Diese beiden Wörter bedeuteten so viel wie „zwingen“ oder „verlangen“. Damit haben sie auf den ersten Blick wenig mit der heute sehr höflich und freundlich gestimmten Art der Bitte zu tun.
„Zwingen“ konnte bei unseren Vorfahren aber auch „an sich zu binden“ („haben wollen“) in gemäßigter Form bedeuten (Hunde im Zwinger).

Bittsteller: Wortverwandtschaften und Synonyme

In der Umgangssprache benutzen wir das Wort „Bittender“ für die Person, die eine Bitte vorträgt, nur sehr selten. Wir würden eher „der/die um etwas bittet“ sagen.

Bittsteller hat im Sprachgebrauch wieder eine ganz andere Bedeutung, als nur um etwas zu bitten.

Die „Bittstellung“ hat eine lange Geschichte zurück und ist mit dem Thema der Not verbunden.

Ursprünglich war der Bittsteller auch ein

  • Supplikant,
  • der eine Supplikation vortrug.

Hergeleitet vom lateinischen Supplicium für eine „flehentliche Bitte“ wird der dramatische Hintergrund der Not schnell klar.

Weitere Synonyme für den Bittsteller und dessen Bitte sind:

  • Fragender
  • Hilfsbedürftiger
  • Antragssteller
  • Untertan
  • Anrufung
  • Hilfsgesuch
  • Bitte um Unterstützung.

Supplikationen, Bittschriften, Bittreden

Die Supplikation war ab dem späten Mittelalter (ca. 13. Jhd.) und bis ins 19. Jahrhundert hinein üblich.

In einer Zeit der krassen Klassenunterschiede bot sie niederrangigen Personen eine Möglichkeit, bei höher gestellten Personen oder Institutionen um etwas zu bitten.

Die Supplikation war zu Zeiten üblich, in denen die Rechte einfacher Menschen noch nicht durch Gesetzgebungen gesichert waren:

  • arme Bevölkerungsschichten ohne Ansehen
  • Leibeigene (Menschen, die jemandem „gehörten“)
  • Lehensnehmer (meist sehr schlecht entlohnte Pächter landwirtschaftlicher Flächen)
  • Flüchtlinge
  • Sträflinge
  • allgemein Personen mit wenig oder kaum eigenen Rechten und Mitteln (Prostituierte, Vogelfreie, Bettler usw.).

Meistens richteten sich die flehentlichen Bitten an Landesherrn, Adelige, die Kirche oder andere Obrigkeiten.

Die Bitten wurden oft in schriftlicher Form als Bittschreiben oder Bittbrief überbracht. Gelegentlich gab es auch Bittreden, bei denen Menschen nur durch den sprachlichen Ausdruck um etwas bitten konnten.

Letztere Form war vor allem dann, wenn es darum ging, eine sehr hoch gestellte Persönlichkeit zu bitten, weniger gebräuchlich. Nur wenige Verantwortliche der oberen Ränge hatten ein offenes Ohr für das Volk. Oft wollten sie die Menschen auch nicht wirklich aufmuntern, ihre Bitten vorzubringen.

Die Unterdrückung großer Schichten der Bevölkerung führte daher auch immer wieder zu Konflikten wie Bauernkriege, Revolten, der Französischen Revolution, Arbeiteraufständen usw.

Die Praxis der Supplikation und Bittschriften

Durch das Verlangen der Schriftform sicherten sich die Adeligen und andere Machthaber oft ab. Noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein konnten die meisten einfachen Menschen weder lesen noch schreiben.

Wer bitten wollte, brauchte also zuerst einen Schreiber und auch diese Menschen waren selten oder verlangen für ihre Dienste Geld, das einfache Leute dann wieder nicht hatten.

Ein Bittschreiben musste zudem stets mit großem Respekt und vielen Floskeln der Unterwürfigkeit formuliert werden.

Gelegentlich hatten Herrschende doch ein Ohr für ihr Volk und richteten Kontaktwege oder bestimmte Rituale zur Vorbringung von Bitten ein, die den Menschen die Kommunikation erleichtern sollten. Grundsätzlich nahm diese Offenheit mit der Veränderung der sozialen Strukturen nach dem Einsetzen der Renaissance, des Humanismus und der Industrialisierung zu.

Bittlinde in Potsdam

Ganz in der Nähe des Stadtschlosses stand in Potsdam stand ein Lindenbaum, der von den Regenten gut gesehen werden konnte.
Bittsteller konnten sich am Baum einfinden. Entweder übergaben sie ein Schreiben direkt an die Preußischen Könige oder es wurde von Boten entgegengenommen.

Später soll es Bittversammlungen an dem Baum gegeben haben, bei denen Bürger zu bestimmten Tagen Bitten abgeben konnten. Manchmal hefteten sie ihre Bittschreiben auch einfach an die Zweige des Baumes.

Der echte Bittbaum überlebte den Zweiten Weltkrieg leider nicht. Man pflanzte an der Stelle aber eine neue Linde und die trägt bis heute eine Hinweistafel, die über die historische Bedeutung des Baumes an dieser Stelle informiert.

Wer heute eine Bitte vorbringen möchte, findet auf der Tafel die Kontaktdaten des Petitionsausschusses des Brandenburgischen Landtags.

Historische Beispiele für Supplikationen

Die „Hexe“ Margarete Bucklin

Im Jahr 1594 wurde Margarete Bucklin von einem Mitbürger der Hexerei bezichtigt und vom Markgrafentum Brandenburg-Ansbach offiziell in einem Hexenprozess angeklagt.

Nach einem Monat Haft hatte man die Frau schwer gefoltert. Gestanden hat sie allerdings nicht. Danach war sie quasi rehabilitiert, doch ihre Lebensgrundlage war zerstört.

Die Frau aus Mittelfranken richtete eine von einem Unbekannten verfasste Bittschrift an den Markgrafen, in der sie ihre Sicht der Ereignisse schilderte. Am Ende bat sie um eine Wiederherstellung ihres Namens und eine öffentliche Erklärung ihrer Unschuld.

Nachdem der Denunziant (der Mann, der sie beschuldigt hatte) seine Sichtweise erneut dargelegt hatte, verlief die Supplikation im Sand. Was aus Margarete Bucklin wurde, ist nicht bekannt.

Christiane Vulpius an Goethe

Am 13. Juli 1788 übergab Christiane Vulpius im Park an der Ilm in Weimar eine Bittschrift an Johann Wolfgang von Goethe. Inhalt war eine Bitte an den wohlhabenden Goethe, ihrem Bruder Christian August ein Studium zu ermöglichen. Goethe verliebte sich in die Bittstellerin, lebte lange mit ihr in einer nicht standesgemäßen Verbindung und heiratete sie durch die Hilfe der zuständigen Adeligen schließlich im Jahr 1806.

Basler Bürger

Am 18. Oktober 1830 verfasste der Schweizer Anwalt Stephan Gutzwiller als geistiger Führer der neu gegründeten Landpartei zusammen mit 39 weiteren Bürgern eine Bittschrift für eine Erweiterung der Volksrechte der Landbevölkerung. Diese Bittschrift war der Auftakt zu einem Verfassungsstreit und zu einem Bürgerkrieg, aus dem schließlich der selbstständige Kanton Basel-Landschaft mit Stephan Gutzwiller als Präsident des Verfassungsrats hervorging.

Der Adel an eine Statthalterin

Dass auch Adelige in die Rolle von Bittstellern geraten können, zeigt das Beispiel der Bittschrift des niederländischen Adels an die spanische Statthalterin Margarete von Parma. Im Jahr 1566 baten die Adeligen des im 80-järigen Krieges besetzten Landes um die Beendigung der Inquisition und der Verfolgung der Protestanten (die katholischen Spanier bezichtigten Protestanten der Gotteslästerung) sowie die Wiederherstellung ihrer standesgemäßen Freiheiten. Die Inquisition wurde daraufhin ausgesetzt, die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten hielten aber an.

Petitionen: die moderne Form der Bittschrift

Obwohl wir heute Bürgerrechte, Menschenrechte und freie Wahlen haben, gibt es immer wieder Unzufriedenheiten unter den Leuten.
Dann können sie bei der zuständigen Organisation, der Landesregierung, der Bundesregierung oder auch bei Stadtverwaltungen eine Petition einreichen.

Petition kommt vom lateinischen „petitio“ für „Bittschrift“ oder „Gesuch“.
Heute handelt es sich dabei um Schreiben, Ersuchen oder Beschwerden, die an Behörden oder Volksvertretungen gerichtet werden.

Gründe für Petitionen sind:

  • Ersuchen einer Gesetzesänderung
  • Beschwerde gegen bestimmte Entscheidungen der Politiker
  • die Bitte um eine Änderung von Vorgehensweisen von Behörden
  • Bitte um Abhilfe für ein individuell erfahrenen Unrechts.

Der Einsender einer Petition ist der Petent.

Petitionen gehören zu den demokratischen Grundrechten eines jeden Bürgers. Sie müssen eine bestimmte Form haben. Oft sammeln Antragsteller Verbündete oder Unterschriften, um ihrem Antrag mehr Gewicht zu verleihen.

Zu diesem Zweck bilden sich manchmal Gruppen oder Vereine, die nur das Ziel haben, eine Petition einzureichen und zum Erfolg zu führen.

Supplikation, Hilfsgesuche und Beschwerden im TV

In Bayern gibt es seit 1971 das Fernsehformat „Jetzt red i!“ (Bayerisch für „Jetzt rede ich!“). Zu Beginn der Ausstrahlung trafen sich Bürger in einem Wirtshaus, um dringliche Themen vorzutragen, sich zu beschweren und Bitten an Politiker zu stellen.

Die Diskussionsrunde wurde später den zuständigen Politikern gezeigt und in einem Studio mit Moderator besprochen. Einen direkten Kontakt zwischen Volk und Politiker gab es zunächst nicht.

Ab 2014 kamen die Politiker direkt ins Wirtshaus, um Rede und Antwort zu stehen. Inzwischen wird die Sendung aus einem mobilen Studio übertragen.
Die Orte, Themen, Bittstellungen und Beschwerden wechseln ständig ab.

Im hessischen Rundfunk gibt es mit „Jetzt mal Klartext!“ ein ähnliches, aber weniger bekanntes Format.

Trotz aller Freiheiten und der Demokratie haben Bürger oft das Gefühl, die Politik arbeite nicht in ihrem Sinne. Petitionen werden in der Regel auch nur dann beachtet, wenn sie dringlich sind oder viele Beteiligte verzeichnen können.

Die Macher von „Jetzt red i“ nutzen seit mehr als 40 Jahren die Popularität des Fernsehens und die Macht der Zuschauer, um „kleinen Leuten“ die Möglichkeit zu geben, dringliche Themen an die „Großkopfete“ (Bayerisch für „Politiker“ und „Führungspersönlichkeiten“) zu richten.

Oft suchen sich einzelne unzufriedene oder geschädigte Menschen auch die Hilfe der Journalisten. Sie nutzen dann die Macht der Presse, um sich bei Verwaltungen, Behörden, Banken und Politikern Gehör zu verschaffen.

Ähnlich sind Verbrauchersendungen im TV, die Bürger vor Ungerechtigkeit und Betrug von Händlern, Versicherungen, Banken und anderen Machtinstitutionen schützen und ihnen helfen, ihre Rechte zu bewahren.

Bittsteller im privaten Umfeld und umgangssprachlich

In der Umgangssprache existiert die Aussage, „Ich fühle mich wie ein Bittsteller“. Damit bringt jemand zum Ausdruck, dass er sich gegenüber einem Mitmenschen herabgesetzt fühlt, wenn er oder sie um etwas bittet.

„Ich fühle mich meinem Mann gegenüber wie eine Bittstellerin“, kann die Frau sagen, deren Mann ihr einfach nicht zuhört oder gewisse Dinge nicht so gewährt, wie es in einer gleichberechtigten Beziehung angemessen wäre.

„Da kommt man sich vor wie ein Bittsteller“, könnte auch jemand sagen, der auf einer Bank einen Kredit beantragt hat und von oben herab behandelt wird.

In diesem Zusammenhang kann man das Bittstellen auch mit „betteln“ gleichsetzen.

Bittet dagegen ein ganz normaler Mensch einen anderen um etwas, würde man diesen heute in der Regel nicht mehr als Bittsteller in Sinne von Not bezeichnen. Die Wörter „Bitte“ und „bitten“, „Frage“ oder „Hilfsgesuch“ sind unter Privatmenschen üblicher.

Zusammenfassung

  • Ein Bittersteller richtet ein Gesuch, eine Anfrage oder eine Bitte an jemanden.
  • Empfänger dieser Bitten sind traditionell Oberhäupter, Verantwortliche, der Adel oder wohlhabende Menschen gewesen.
  • Supplikation ist der Fachbegriff für das Bittstellen.
  • Überliefert ist die Supplikation ab dem Spätmittelalter und dem Beginn der Neuzeit.
  • Vermutlich hat es Formen der Bittstellung aber schon in früheren Zeiten gegeben.
  • Anlässe sind Unglücke (Verlust der Ernte, Feuer, Wasserschäden), Ungerechtigkeiten (Streit unter Bürgern oder zwischen Verwaltung und Bürgern), Armut (Bitte um finanzielle Förderung) und Unzufriedenheiten.
  • Die Supplikation hat daher den Beigeschmack der Not. Der Bittsteller wird häufig als klein, unterlegen und schwach angesehen.
  • Durch flehende Bittbriefe mussten Menschen früher höher gestellte Adelige erweichen.
  • In der Umgangssprache hat der Bittsteller daher bis heute einen negativen (erniedrigten) Touch.
  • Seit wir eine demokratische (alle Macht geht vom Volk aus) Verwaltungsstruktur haben, gibt es die Petition.
  • Da Petitionen einer bestimmten Form und Grundlage bedürfen, gibt es für Einzelpersonen heute auch die Möglichkeit, sich durch Journalisten und Fernsehsendungen Gehör bei Obrigkeiten zu verschaffen.

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