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Kognitive, geistige und mentale Entwicklung bei Kindern


Kinder machen nicht nur körperliche Entwicklungsschritte. Auch die Zunahme ihrer kognitiven Fähigkeiten ist erstaunlich. Sie lernen etwa zu sprechen, zu lesen, Schlussfolgerungen zu ziehen und entwickeln eine eigene Vorstellung über sich selbst und die Welt um sie herum. Sie lernen auch, dass andere Menschen andere Gedanken und andere Gefühle haben als sie selbst. So wird ihnen irgendwann bewusst, dass sie eigenständige Individuen sind.

Das alles passiert natürlich nicht von heute auf morgen. Es ist ein Prozess, bei dem viele Faktoren eine Rolle spielen. Zum einen sind die Gene für verschiedene Reifungsprozesse verantwortlich. Zum anderen hat allerdings auch die Umwelt einen erheblichen Einfluss darauf, wie sich die Entwicklung eines Kindes gestaltet.

Die kognitive Entwicklung bei Kindern

Was sind Kognitionen?
Mit diesem Begriff ist die Gesamtheit aller geistigen Aktivitäten gemeint. Das bezieht etwa das Erinnern, das Denken und das Sprechen mit ein. Die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten ist ein spannender Prozess. Seiner Erforschung hat sich der aus der Schweiz stammende Entwicklungspsychologe Jean Piaget einen Großteil seines Lebens gewidmet. Von ihm stammt auch eine der bekanntesten Theorien über die Schritte in der kognitiven Entwicklung von Kindern.

Piaget entdeckte bei der Entwicklung von Intelligenztests, dass es Unterschiede im kindlichen Denken gibt. Diese Unterschiede schienen in Abhängigkeit mit dem jeweiligen Alter der Kinder zu stehen. So bemerkte er beispielsweise, dass Kinder im Alter von drei Jahren Zusammenhänge noch nicht verstehen können, welche Achtjährige mit Leichtigkeit durchschauen.

Aufgrund seiner Beobachtungen erstellte Piaget ein Modell mit verschiedenen Stufen. Die kognitive Entwicklung der Kinder teilte er in verschiedene Stadien ein, welche aufeinander aufbauen. Im Rahmen seiner theoretischen Arbeit prägte Piaget zusätzlich die Begriffe Assimilation und Akkommodation sowie Schemata.

Was sind Schemata, Assimilation und Akkommodation?

Piaget meinte mit dem Begriff Schema eine Art kognitive Struktur.
Diese Struktur nutzen Kinder seiner Vorstellung nach, um neue Informationen sinnvoll in bisheriges Wissen einzuordnen. Je mehr Erfahrungen ein Kind sammelt, desto ausgeprägter und komplexer wird ein Schema. Außerdem bilden sich mit zunehmendem Alter und sich anhäufenden Erfahrungen immer weitere Schemata aus.

Doch was ist mit Assimilation und Akkommodation gemeint? Beide Begriffe hängen mit den Schemata zusammen.
Assimilation meint einen Prozess der Interpretation. Mit Hilfe der Schemata können Kinder neue Erfahrungen verstehen und einordnen. Die Akkommodation hingegen ist ein Modifikationsprozess: Passt eine neue Erfahrung beziehungsweise eine neue Information nicht in ein vorhandenes Schema, kann dieses an die neue Erfahrung angepasst werden.

Das Verstehen der Welt kommt Piaget nach demnach durch ein dynamisches Wechselspiel von der Einordnung neuer Informationen in vorhandenes Wissen und der Anpassung des bestehenden Wissens an neue Erfahrungen zustande.

Die kognitive Entwicklung eines Kindes ist in diesem Sinne also kein Selbstläufer, sondern das Ergebnis der Interaktion mit der Umwelt. Die Entwicklung selbst teilte Piaget in die folgenden vier Phasen oder Stadien ein: sensumotorisch, präoperatorisch, konkret-operatorisch und formal-operatorisch.

Die sensumotorische Phase

Die Wahrnehmung über die Sinneskanäle steht im Mittelpunkt.
Die sensumotorische Phase dauert etwa von der Geburt bis zum zweiten Lebensjahr. In dieser Zeit nehmen Kinder ihre Umwelt vor allem mit Hilfe ihrer Sinne war. Sie sammeln eine Vielzahl von Informationen über das Hören, Sehen, den Geruchs- und Geschmackssinn. Auch der Tastsinn ist von großer Bedeutung. Kinder greifen nicht nur nach Objekten und nehmen sie in den Mund. Auch die Berührung durch andere Menschen, vor allem der Bezugsperson, sind für sie essentiell.

Piagets Theorie zufolge kommt es etwa im Alter von acht Monaten es zu einem Phänomen, das sich Objektpermanenz nennt. Damit ist gemeint, dass Dinge für das kindliche Verständnis nicht mehr einfach verschwinden. Im früheren Alter gilt das Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“. Doch etwa ab dem achten Lebensmonat beginnen Babys nach Dingen zu suchen, wenn beispielsweise eine Decke darübergelegt wird und es nicht mehr sichtbar ist.

Die Altersgrenze von acht Monaten hat heute keine wirkliche Geltung mehr. Die Forschung hat mittlerweile gezeigt, dass solche kognitiven Entwicklungsschritte individuell sind. Es handelt sich also eher um eine grobe Richtlinie und individuelle Schwankungen sind kein Grund zur Beunruhigung.

In der sensumotorischen Phase zeigen viele Kinder auch das Fremdeln. Dieses Verhalten zeigen Kinder bis etwa zwei Jahren.

Die präoperatorische Phase

In dieser Phase befinden sich Kinder nach Piaget zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr.
Kinder dieses Alters lernen, Objekte und Sachverhalte in Bild- oder Schriftformat auszudrücken beziehungsweise darzustellen. Das Ergebnis davon entspricht allerdings selten der Logik von Erwachsenen. Kinder können zwar einigermaßen logisch denken, jedoch in einer eher intuitiven statt einer rationalen Weise. Um sich mit der Welt näher auseinanderzusetzen setzen sie gerne „So-tun-als-ob“-Spiele um. Sie ahmen nach und lernen so zum Beispiel mehr über bestimmte Rollen.

Vom Egozentrismus zur Theory of Mind

In dieser Phase herrscht zunächst noch Egozentrismus vor.
Piaget meinte damit, dass Kinder in diesem Alter den Standpunkt einer anderen Person noch nicht einnehmen können. Ein Beispiel dafür ist die Überzeugung, dass man für andere unsichtbar wird, wenn man sich selbst die Augen zuhält. Wenn ein Kind danach gefragt wird, ob es einen Bruder hat, bejaht es die Frage (sofern es einen Bruder hat). Doch wird es gefragt, ob sein Bruder eine Schwester beziehungsweise einen Bruder hat, antworten Kinder häufig mit „nein“.

Im Vorschulalter kommt es zur Ausbildung der sogenannten Theory of Mind. Kinder zwischen vier und fünf Jahren werden sich langsam darüber bewusst, was andere Menschen denken oder fühlen könnten. Wenn Piaget zufolge einem Dreijährigen eine Szene mit zwei Puppen vorgespielt wird, reagiert es folgendermaßen: Die erste Puppe legt einen Ball in einen Schrank und verlässt den Raum. Daraufhin nimmt die zweite Puppe den Ball aus dem Schrank heraus und versteckt ihn an einem anderen Ort. Wird das Kind gefragt, wo die erste Puppe den Ball suchen wird, nennt es das neue Versteck. Es versteht noch nicht, dass die Puppe aufgrund ihrer Abwesenheit nichts von dem neuen Versteck wissen kann. Kinder dieses Alters nehmen an, dass alle anderen wissen, was sie selbst auch wissen.

Mengen bleiben trotz Formveränderung erhalten

Vorschulkinder begreifen ebenfalls, dass eine Menge sich nicht verändert, nur weil es eine andere Form annimmt.
Ihr Verständnis von Mengenerhaltung lässt sie wissen, dass ein Liter Wasser ein Liter bleibt. Unabhängig davon, ob er in ein hohes, schmales Gefäß oder eine flache Schale gegossen wird. Kinder in einem früheren Stadium nehmen an, dass sich im hohen Gefäß mehr Wasser befindet, weil der Wasserstand dort höher ist als in der flachen Schale. Selbst dann, wenn man das Wasser vor ihren Augen von einem Gefäß ins andere umfüllt.

Die konkret-operatorischen Phase

Diese Phase erstreckt sich vom siebten bis zum elften Lebensjahr.
Kinder sind nun in der Lage, logisch nachzudenken und Analogien richtig zu erfassen. Piaget schrieb ihnen auch hier erst die Fähigkeit zu, mathematische Handlungen durchzuführen. Allerdings zeigten Studien, dass Kinder dazu bereits wesentlich früher in der Lage sind.

In dieser Phase wird ihr Verständnis von Mengenerhaltung noch um mathematische Transformationen ergänzt. Sie können beispielsweise Addieren und Subtrahieren. Zum Thema Mengenverständnis lässt sich noch ergänzen, dass Kinder in dieser Phase auch Zahlenwitze verstehen. Sie begreifen zum Beispiel, dass es keinen Sinn ergibt, wenn jemand eine ganze Pizza in sechs Stücke schneidet, weil ihm acht Stücke zu viel sind.

Die formal-operatorischen Phase

Diese Phase dauert laut Piaget vom zwölften Lebensjahr bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter an.
Das Denken wird in dieser Phase zunehmend abstrakter. Neben einer ausgeprägteren Logik entwickelt sich auch das moralische Denken. Ab zwölf Jahren beginnen Kinder in „wenn-dann“-Mustern zu denken. Sie mussten in früheren Stadien Erfahrungen noch selbst durchleben, um daraus Schlüsse ziehen zu können. Jetzt reicht ihnen die Vorstellung aus, um Schlussfolgerungen anzustellen.

Das Entwicklungsgerüst von Vygotsky

Nicht nur Piaget machte sich Gedanken über die kognitive Entwicklung von Kindern.
Eine weitere Theorie dazu stammt vom russischen Entwicklungspsychologen Lev Vygotsky. Auch er ging von einer Art Gerüst aus, in welches Kinder ihre neuen Erlebnisse einbauen und so immer weiter nach oben steigen. Auf diese Weise erreichen sie eine höhere Stufe der kognitiven Entwicklung.

Wie Piaget sprach Vygotsky der Umwelt eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung zu. Im Gegensatz zu Piaget stellte er allerdings nicht die bloße Interaktion der Kinder mit ihrer Umwelt in den Mittelpunkt. Für Vygotsky spielte die soziale Umwelt eine Schlüsselrolle.

Außerdem legte er einen Fokus auf die Bedeutung der Sprache. Diese war seiner Ansicht nach ein zentrales Element für das Denken. Mit dem Erlernen der Sprache seien Kinder überhaupt erst in der Lage, das Gerüst hinaufzuklettern und höhere Denkleistungen zu zeigen.

Zusammenfassung

  • Eine der bekanntesten Theorien zur kognitiven Entwicklung im Kindesalter stammt von Jean Piaget.
  • Er prägte die Begriffe Schemata, Akkommodation und Assimilation. Mit Schemata sind kognitive Strukturen gemeint, in welche Kinder neue Informationen einweben.
  • Dabei handelt es sich um den Prozess der Assimilation. Bei der Akkommodation hingegen müssen die vorhandenen Schemata an die neue Information angepasst werden.
  • Das Durchlaufen der verschiedenen Phasen erfolgt demnach durch ein dynamisches Zusammenspiel von Aufnehmen und Anpassung im Zuge der Interaktion mit der Umwelt.
  • Piaget ging von einem Stufenmodell aus. In diesem gibt es vier verschiedene Phasen, die aufeinander aufbauen: sensumotorisch, präoperatorisch, konkret-operatorisch und formal-operatorisch.
  • In der sensumotorischen Phase (0 – 2 Jahre) sind die Sinneseindrücke von zentraler Bedeutung für die kognitive Entwicklung. Während dieser Phase bildet sich die Objektpermanenz heraus. Kleinkinder verstehen langsam, dass Objekte oder Personen nicht aufhören zu existieren, sobald sie aus ihrem Blickfeld verschwinden. In dieser Phase zeigen Kinder auch das Verhalten des Fremdelns.
  • Die präoperatorische Phase (2 – 6 Jahre) zeichnet sich durch den Übergang von Egozentrismus hin zur Theory of Mind aus. Kinder begreifen langsam, dass in anderen Personen etwas anderes vorgeht als in ihnen selbst. Außerdem können sie die Perspektive des anderen einnehmen. Zusätzlich wird ihnen das Prinzip der Mengenerhaltung langsam klar.
  • Aufbauend auf dem Verständnis der Mengenerhaltung lernen Kinder in der konkret-operatorischen Phase (7 – 11 Jahre) das Rechnen, verstehen Zahlenwitze und bauen ihre logische Denkfähigkeit aus.
  • Vom zwölften Lebensjahr bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter erstreckt sich die formal-operatorische Phase. Moralisches und schlussfolgerndes Denken bilden sich hier immer stärker aus.
  • Neben der Theorie von Piaget gibt es auch noch die von Lev Vygotsky. Sein Modell eines Entwicklungsgerüsts beinhaltet neben der Interaktion mit der sozialen Umwelt auch die Sprache als zentrales Element. Erst durch das Erlernen neuer Wörter können Kinder das Gerüst der kognitiven Entwicklung weiter erklimmen.

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